Das Murmeltier NUU erhält von seinem sterbenden Vater eine Flasche aus blauem Glas. Die Flasche ist leicht und sieht von aussen leer aus. Eines Tages trinkt er trotzdem daraus, und da passiert etwas Merkwürdiges. Die Augen fallen ihm zu, er kriegt Flügel und kann fliegen, wo auch immer er hin will. Er kann die ganze Welt anschauen, fremde Länder besichtigen, fremde Menschen, Düfte, Gerichte schmecken - und er wird nie müde dabei, fällt niemandem zur Last - und immer wenn er zurückkommt, ist gar keine Zeit vergangen.
Das Einzige, was NUU schade findet bei diesen Reisen: Er kann sich mit niemandem unterhalten. Er kann schreien, Faxen machen oder Purzelbäume schlagen - niemand bemerkt ihn, da er anscheinend unsichtbar ist für die andern. Nur wenn er irgendetwas Leckeres nascht und plötzlich in einer Auslage, einem Topf oder auf einem Teller etwas fehlt, schreien die Leute und kriegen Angst.
NUU möchte nun anderen Tieren von seinen Reisen erzählen. Er möchte wissen, ob bei andern dasselbe geschieht, wenn sie aus der leeren Flasche trinken. Doch niemand achtet auf ihn. Er versucht alle Tricks, damit ihm endlich jemand zuhört - vergeblich. Schliesslich zieht er sich traurig zurück in seine Höhle, nimmt einen tiefen Schluck aus seiner Flasche und beschliesst, seine letzte Reise anzutreten. Die ins andere Reich, wo seine Eltern und Grosseltern sind. - Die Flasche lässt er achtlos offen liegen.
So tropft etwas von der schwerelosen, unsichtbaren Flüssigkeit auf das kleine unscheinbare Gänseblümchen BAA, das am Rand des Höhleneingangs steht. BAA beginnt zu reisen, besucht exotische Blumen in allen Ländern der Welt und bringt all die Bilder in ihrem Herzen mit nach Hause. Sie ist glücklich und dankbar für dieses Geschenk - und zum ersten Mal in ihrem Leben ist sie zutiefst einverstanden damit, ein kleines Gänseblümchen zu sein. Da BAA auch niemanden hat, dem sie von ihren Erlebnissen berichten könnte, stellt sie sich einfach alle Blumen, die sie besucht hat, immer wieder ganz fest vor. Je mehr sie das macht, desto deutlicher werden die Bilder, die BAA in sich trägt. Und plötzlich ändert sich auch ihr Äusseres. Merkwürdige Blüten, farbige Blätter wachsen und vergehen wieder in raschem Wechsel. Kein Tag vergeht, an dem sie nicht eine neue Farbe oder Form hat. Sie betrachtet sich und lacht, weil sie selbst nicht mehr weiss, welches von all den tausend Kleidern eigentlich ihr 'eigenes' oder ihr 'richtiges' sei.
Eines Tages kommt ein Wurm herangekrochen namens LOO, streckt seinen Kopf aus dem Erdreich und schnuppert an der Flasche: Schwupps ist er schon am Fliegen! Nach ausgedehnten Reisen von Afrika bis nach Grönland kehrt er begeistert zurück und sucht jemanden, dem er von seinen Erlebnissen erzählen kann. Als LOO sieht, wie schnell sich die Blume neben der Flasche verändert, fragt er sie, ob sie auch gereist sei. - "Natürlich", erwidert BAA und die beiden werden nicht müde, von ihren wundersamen Reise-Erfahrungen zu berichten. LOO ist so beeindruckt von BAA's Verwandlungskünsten, dass er es auch probiert. Am Anfang kann er sich all die Tiere, die er angetroffen hat, nur undeutlich vorstellen, aber mit der Zeit gelingt es ihm immer besser, er sieht sie nicht nur ganz deutlich, er hört und riecht sie, ja er hat das Gefühl, sie seien richtig in ihm drin. Und er ist glücklich, dass er so reich mit Bildern und Gefühlen beschenkt wird. Am liebsten stellt er sich seine Reise zu den Vögeln vor. Im normalen Wurm-Leben sind das ja seine Feinde, vor denen er sich in Acht nehmen muss, aber auf der Reise flog er mit ihnen um die Wette. Er schwebt gerade hoch über einem Berg mit einem grossen Adler, da hört er plötzlich BAA kichern, dass die Erdkrumen um ihn herum wackeln. Prustend vor Vergnügen sagt sie "Schau dich mal an! Du hast ja Federn!" - LOO öffnet die Augen und traut ihnen nicht: Tatsächlich, er ist viel grösser geworden und hat lange, gesprenkelte Federn. "Meinst du, das klappt auch bei mir?" fragt er BAA unsicher. "Aber bestimmt, wieso nicht. Du hast so lange geübt. Und bei mir war es auch mein grösster Wunsch, so grosse, farbig-schillernde Blüten zu haben. Er ging an dem Tag in Erfüllung, als ich ihn eigentlich vergessen hatte. So flieg, LOO, flieg!"
Ein mulmiges Gefühl beschleicht LOO. Er ist ein Leben lang gekrochen, auf und unter der Erde fühlt er sich sicher. Und die Fliegerei, das ist doch irgendwie nur so wie im Traum gewesen. Schon besonders, da er ja alles im Innern bewahrt, was er auf seinen Flügen und Reisen erlebt. Aber ob er nun auch in der ganz normalen Welt fliegen kann? Er schaut sich an: Doch, da sind Flügel und er hat Beine und starke Krallen wie ein richtiger Adler. Vorsichtig öffnet er die Schwingen, hört noch ein bewunderndes 'WOW' von BAA und stösst kräftig ab. Von da an geht alles wie von selbst. Er schlägt ein paar Mal mit den Flügeln, dann vertraut er sich den Winden an, die ihn immer höher hinauftragen. Eine nie gekannte Freude durchströmt ihn, ein Jauchzen kommt aus seiner Brust, das ein gewaltiges Echo auslöst. Von allen Felswänden, aus allen Wäldern klingt sein Jauchzen zurück.
Von diesem Klingen und Tönen erwacht NUU, der die ganze Zeit über hinter dem Höhleneingang gelegen hat und auf seiner langen Reise immer wieder abgewiesen wurde von KOO, dem Türhüter des andern Reiches. "Es ist noch nicht Zeit", sagte er ihm jedes Mal, wenn er wieder anklopfte.
Da ist er also wieder in seiner Höhle und reibt sich die Augen. Hunger hat er nach dem langen Reise-Schlaf. Am Höhleneingang staunt er zuerst einmal über die grosse, prächtige Blume. Noch mehr staunt er, als sie ihn anspricht "Hallo NUU, ich bin BAA, das Gänseblümchen. Schau mal, was aus LOO, dem Wurm geworden ist!" Und sie nickt mit ihrem Blütenkelch, der gerade von dunkelblau zu samtrot wechselt, himmelwärts. "Hehee, was ist da los? Träum ich oder hast du gerade die Farbe gewechselt? Und überhaupt, was lügst du mich an, du bist alles Mögliche, aber sicher kein Gänseblümchen!" - BAA kichert und verwandelt sich in ein kleines braves Gänseblümchen, aber nur für einen Augenblick, dann lässt sie sich gelbe Rosenblüten wachsen. NUU bringt keinen Ton mehr heraus und tritt erst richtig ins Sonnenlicht. Weil BAA immer noch nach oben nickt mit ihrem Wandelblütenkopf, schaut er auch endlich zum Himmel. Er blinzelt - und endlich begreift er, was ihn geweckt hat. Das Jauchzen dieses Vogels, den er da hoch oben kreisen sieht. Er macht noch einen Schritt und stolpert. Beinahe wäre er hingefallen. Da sieht er seine blaue Flasche im Gras liegen und bemerkt, dass sie offen ist. "Jetzt verstehe ich! Du hast - aber nein, jetzt verstehe ich erst recht nichts mehr. - Traumfliegen konnte ich auch dank dieser Flasche und ich wollte meinen Freunden immer davon erzählen, aber doch nicht WIRKLICH mich verwandeln wie du! - Und das da oben soll also ein Wurm namens LOO sein?", meinte NUU ungläubig und schüttelte den Kopf. Als hätte er es gehört, stürzt der jauchzende Vogel herab und landet elegant zwischen BAA und NUU. Schon nach wenigen Augenblicken beginnt BAA zu kichern. NUU fallen beinahe die Augen aus dem Kopf. Da ist kein Vogel mehr vor ihm, sondern ein unscheinbarer Wurm, der ihm sein kleines Köpfchen entgegenreckt und fragt: "Glaubst du uns nun?" - "Ja, ja - ich muss ja wohl! Aber erzählt mir, wie ihr das macht, ich möchte mich doch auch verwandeln können!", stammelt NUU.
BAA und LOO schauen sich lange an. "Ich weiss nicht", beginnt BAA, "du musst es dir ganz deutlich und in allen Einzelheiten vorstellen, es dir ganz fest wünschen, aber doch nicht unbedingt wollen - ach, es ist schwierig, man kann es eigentlich nicht mit Worten sagen, man muss es erleben." - "Bei mir ging es erst, als ich von ganzem Herzen einverstanden war damit, ein Wurm zu sein", sinniert LOO und BAA lächelt über die kluge Miene, die LOO dazu macht. "Und das war ich nach den berauschenden Reise-Erlebnissen. Noch glücklicher aber war ich, als ich dank BAA lernte, mir die Reisebilder so fest vorzustellen, dass ich sie ganz deutlich sah und spürte in mir drin", sagt LOO. "Dann dachte ich voller Begeisterung an das Gefühl des Fliegens, das ich ja auf meinen Reisen erlebte - und da vergass ich völlig, was ich eigentlich bin. Ich war nur noch erfüllt von der Vorstellung des Fliegens - und war glücklich dabei. Ich brauchte nichts mehr zu meinem Glück." - "Ja, bei mir war das ganz ähnlich! Ich war so glücklich mit den farbigen Blüten, die ich mir vorstellte, dass ich sie gar nicht mehr unbedingt haben wollte - und da wuchsen sie!", ereiferte sich BAA. - Und LOO sprudelt: "Ich war dankbar und glücklich beim Fliegen mit geschlossenen Augen - und plötzlich konnte ich es auch mit offenen Augen. BAA hat mich ermuntert, wirklich abzustossen und loszufliegen."
NUU wird nachdenklich: "Jetzt, wo ich euch habe, wo ich endlich mit jemandem über die Reisen sprechen kann, bin auch ich glücklich. Jetzt verstehe ich erst, warum KOO mich nicht einlassen wollte. Davon habe ich ja immer geträumt, dass mir endlich jemand glaubt, dass man fliegen kann, wenn man von der Wunderflasche getrunken hat. Und ihr zeigt mir, dass man noch viel mehr kann, wenn man sich traut. Früher wollte ich auch immer ein richtiger Adler sein, aber jetzt, wo ich nicht mehr allein bin mit meinen Reisen, bin ich zufrieden, ein Murmeltier zu sein. Eigentlich ist es mir sogar gleichgültig, was ich bin. Ich sehe ja bei euch, dass man auch als Blume und als Wurm überglücklich sein kann. Ich danke euch."
Noch während er so mit einem stillen Lächeln im Gesicht vor sich hin spricht, wachsen ihm Federn und ein beeindruckender Schnabel. Auch LOO verwandelt sich wieder in einen Vogel und sie heben beide ab in die Lüfte. BAA aber lächelt, wiegt ihre wundervoll wechselfarbigen Blüten im Wind und lauscht dem Glücksjauchzen der zwei Adler, die himmelwärts fliegen.