Die Wasserwolke WUU


Putsch! - und Pluschschsch! - "Nein, nicht schon wieder!" Prinzessin MAA lacht entrüstet und schüttelt ihren goldenen Krauskopf. Umständlich manövriert sie ihr Wolkengefährt weg von der Bergspitze des LUU-Horns, das sich für den willkommenen Wasserspritzer mit einem lustigen Gerumpel bedankt. "Wir wollten das Wasser erst in der Wüste HUU ausschütten! Der Südwind hat uns doch erzählt, dass sie am Verdursten ist. Jetzt müssen wir wieder tanken. Tut mir Leid, dass ich nicht besser aufpasste, aber eigentlich könntest du ja selbst ein bisschen schauen", grummelt MAA und krault WUU zärtlich zwischen den Wolkenohren.

"Ich geb's ja zu: Ich hab die LUU-Spitze schon gesehen. Aber so ein kleiner Putsch mit Pluschschsch macht Spass. Und ich hab' Berg LUU schon vor Ewigkeiten versprochen, mal mit einer kleinen Erfrischung vorbeizukommen", schmunzelt Wolke WUU.

"Dacht' ich's mir doch", lächelt Prinzessin MAA, "du weißt ja, dass steuern nicht gerade meine Stärke ist. Jetzt tauch' aber nochmals ab, bevor wir über den Alpen sind. Und saug dich schön voll, damit wir Wüste HUU auch etwas mitzubringen haben. Schön wäre, wenn du noch ein paar Freunde zum Mitfliegen überreden könntest."

Gesagt, getan. Wolke WUU geht auf Sinkflug und bald sind sie umringt von Wolken aller Farben, Formen und Grössen: Dicke, schwarze Gewitterwolken, die sich aufplustern und gewichtig vorbeischleppen; kleine, kugelige, weiss bis rosa gefärbte Schäfchen, die aufgeregt blöken miteinander, und schlirp-fädige, die wie langgezogene Kaugummis aussehen. Obwohl WUU die einzige blaue Wasserwolke weitherum ist - und bestimmt die einzig bewohnte! - wird er kaum beachtet. Viel zu sehr sind alle mit ihrer eigenen Wichtigkeit beschäftigt, als dass sie den kleinen blauen WUU mit der goldbraunen MAA drauf wahrnähmen.

Erst als Wolke WUU die Hände zu einem Trichter formt und laut ruft: "He, Freunde, hört mal zu! Kommt ihr mit zur Wüste HUU? Sie ist am Verdursten und wir möchten ihr Wasser bringen!", werden die zwei überhaupt bemerkt. Ein paar Schäfchen drehen ihre süssweissen Wolkenköpfchen und kichern: "Gibt's da hübsche Jungs?" - WUU schüttelt den Kopf: "Eher nicht, wenn's da Wolken gäbe, wäre HUU ja nicht am Verdursten." Und damit ist es auch schon wieder vorbei mit ihrem Interesse und sie fahren fort, sich höchst angeregt über den neuen Pink-Wolkenspray zu unterhalten.

Wolke WUU segelt weiter bis zur nächsten grossen Gewitterwolkenballung. "Hallo, grosse Freunde! Kommt ihr mit zur Wüste HUU. Ihr könntet sie vor dem Verdursten retten mit all dem Wasser, das ihr herumtragt." - Sie unterbrechen kurz ihr gewichtiges Grollen. "Who is HUU?", fragt naserümpfend eine besonders elegant-schwarze auf Neudeutsch. "HUU ist die grösste Wüste in Schwarzland, da wird's euch gefallen", witzelt WUU zurück.

"Sorry, ich hab' einen festen Vertrag hier über der Innerschweiz. Der läuft bis 3003. Vorher geht bei mir gar nichts", meint ein regenschweres Ungetüm und fügt zufrieden hinzu: "Sie zahlen gut."

Eine stromlinienförmig gebaute Blitzwolke meint: "Schwarzland? - Das ist Unsinn; liegt ja definitiv ausserhalb von unserem Netz-Netz", und steckt den Taschenrechner wieder ein.

Enttäuscht und etwas entmutigt dümpelt Wolke WUU weiter. "Vielleicht kommen ja die Schlirp-Fäden mit?", ermuntert ihn Prinzessin MAA. Doch auch die winken gestresst ab und haben nur ein langgezogenes Gähnen übrig für WUU's Vorschlag.

"Dann gehen wir allein!", meint Wolke WUU trotzig, saugt sich mit ein paar tiefen Atemzügen voll mit so viel Wasser, wie er tragen kann, ruft den Nordwind und bittet ihn um guten Schub Richtung Schwarzland. Prinzessin MAA tätschelt ihn zärtlich und flüstert ihm ins Ohr: "Du bist die beste Wolke der Welt, WUU."

Doch der Weg ist unendlich weit bis nach Schwarzland. Und der Nordwind hat noch viel anderes zu tun als eine kleine Wasserwolke vor sich her zu blasen. Endlos zieht das Meer unter ihnen vorbei. Sie kommen nur langsam voran, weil Wolke WUU so viel Wasser dabei hat. Prinzessin MAA nickt ein auf ihrem Wolkensattel, und auch WUU hat Mühe, die Augen offen zu behalten. Immer tiefer fliegt er mit der schweren Last. Die Sonne ist längst untergegangen, doch der Mond lässt sich Zeit. Nach stundenlanger Nachtfahrt mit den Sternen als einziger Orientierungshilfe sehen sie endlich wieder Land unter sich: SCHWARZLAND!

Putsch! - die Krone eines Riesenbaums hat Wolke WUU's Bauch aufgekratzt! Und Pluschschsch! - schon ist ein Teil des kostbaren Wassers weg. Und das über dem grünen Urwald, wo es gar kein Wasser braucht! WUU ärgert sich über sich selbst und kämpft mit den Tränen. "Nicht weinen, lieber WUU", tröstet Prinzessin MAA, "Wüste HUU braucht alles, was uns jetzt noch bleibt. Es wird alles gut. Ich bleib' jetzt auch wach und helf' dir aufpassen." WUU murmelt etwas in seinen Wolkenbart, gibt sich einen Ruck, rappelt sich hoch auf hundert Meter Flughöhe und segelt mit neuem Schwung südwärts.

Fast schlagartig wird es Tag und eine grosse, helle Sonne erobert den Himmel. Je näher sie Wüste HUU kommen, desto heisser wird es. Wolke WUU und Prinzessin MAA brauchen immer wieder einen Schluck Wasser, um nicht auszutrocknen. Endlich sehen sie am Horizont den feurig-gelben Gürtel, der das grosse Sandreich von Wüste HUU ankündigt. Die Luft flirrt, die Augen brennen, ein ohrenbetäubendes Sirren wie von tausend Grillen erschreckt sie. Die Sonne steigt schnell höher und wirft ihre Strahlenblitze erbarmungslos in die Landschaft aus Sand und Fels, in der sich nichts, aber auch gar nichts regt.

"Wüste HUU! Wir sind da! Wir bringen dir Wasser! Wo möchtest du es?", ruft Wolke WUU, doch nur ein schauerliches Echo hallt von den kahlen Felsen zurück. Kaum ist es verklungen, höhnt heisses Gelächter von der gelb zuckenden Sonne über ihnen: "Was willst du kleine Wolken-Wurst den Durst der Wüste stillen. Du NICHTS. Dies ist mein Reich." - Wolke WUU erschauert und spürt das Sengen der Strahlen auf seinem Wolkengewand, doch Prinzessin MAA, die schon lange durch ihr goldenes Fernrohr späht, zeigt aufgeregt in die Ferne: "WUU, schau, da bewegt sich etwas! Schnell dorthin!" Mit letzter Kraft schleppt sich Wolke WUU knapp über dem flimmernden Sand in die Richtung, die ihm MAA zeigt. - Tatsächlich, ein grüner Fleck. Jetzt wird auch WUU nochmals munter: "Meinst du, hier wohnt HEE, der Hüter von HUU?" - "Vielleicht. Schau, eine Hütte. Und Tiere! - Aber magere Klappergestelle sind das! Die stehen ja nur herum", gibt Prinzessin MAA zurück, die mit dem Fernrohr alles ein bisschen früher sieht. Beim Nähersegeln sieht auch Wolke WUU die Tiere, ein paar Büffel und Ziegen. Und jetzt erkennt man auch ein Menschenwesen, das ihnen zuwinkt. "Das muss HEE sein", freut sich WUU und verlangsamt die Fahrt. Genau über dem grünen Fleck hält er an und öffnet die Schleusen. Plu - u - u -sch … WUU und MAA stockt der Atem. Zuerst kommt gar nichts, dann ein paar mickrige Tropfen… Zuerst ist es ohnmächtige Wut, die WUU packt: All die Strapazen, die grosse Heldenfahrt auf eigene Faust umsonst? Sie wollten doch Wasser, Hilfe, Leben bringen. Sie wollten gar nicht alleine kommen, aber es kam ja niemand mit. Und dann das Missgeschick mit dem blöden Baum, die gemeine Sonne und ihr eigener Durst. Und jetzt, wo sie endlich mit Müh und Not am Ziel sind, haben sie nichts zu verschenken als ein bisschen guten Willen, ein bisschen Liebe, die keinen Durst löscht? - Verzweifelt blickt er zu Prinzessin MAA empor. Sie steht mit ausgebreiteten Armen auf ihrem Wolkensattel, blickt zum Himmel und bittet um Hilfe, dicke Tränen rinnen über ihre goldbraunen Wangen. Da schiessen auch Wolke WUU die Tränen der Verzweiflung in die Augen. Beide weinen aus tiefstem Herzen und ihre Tränen fallen auf den grünen Fleck, ja ganze Sturzbäche fliessen aus ihren Augen auf Wüstenhüter HEE und die Tiere nieder. HEE winkt begeistert, die Tiere recken ihre offenen Mäuler gen Himmel und beginnen, sich zu bewegen. WUU und MAA sehen die Wirkung ihrer Tränen, und aus dem Weinen wird Lachen. Jetzt sind es Lachtränen, die weiterfliessen, beide sind glücklich, dass sie doch noch ein ganz winziges Geschenk bringen konnten. Ein ganz anderes zwar, als sie geplant hatten: salzige Tränen statt süssem Wasser. Und doch: die Verzweiflung über das Misslingen ihrer Expedition weicht einer demütigen Freude. Auch Wolke WUU ist wieder einverstanden mit der Welt. Vorbei die ohnmächtige Wut auf die Sonne, auf den Baum, auf ihr Unvermögen. Auch Tränen stillen Durst!

Prinzessin MAA senkt dankbar ihren Kopf, faltet die Hände vor der Brust und dankt dem Himmel für die unerwartete Wendung - da beginnt Wolke WUU plötzlich zu wachsen, wird immer grösser und breiter. Ein ganze Karawane von Wolken schliesst sich ihm an. Von allen Seiten kommen sie, von den vier Winden herbeigeblasen, ein Heer von Wolkenbrüdern und Wolkenschwestern, haufenweise grosse, blaue Wasserwolken. Bald sind es so viele, dass sie die Sonne verdecken. Kühler Schatten fällt auf die Erde. Wolke WUU jauchzt vor Freude, eine unbändige Lebenslust durchströmt ihn, eine nie gekannte Kraft lässt ihn seine Schleusen ein zweites Mal öffnen. Und mit ihm platzen auch alle andern Wasserwolken auf:

Plusch! - und Pluschschsch! - und Pluschschschsch! - und Pluschschschschsch!

Diesmal scheinen Wolke WUU und seine Geschwister unendliche Wasser-Reserven in sich zu tragen. Es regnet und regnet. Der grüne Fleck wird immer grösser. WUU und seine Gefährten segeln über die ganze Wüste und benetzen den ausgetrockneten Boden viele Tage und Nächte lang. Wüste HUU erwacht zu reichem Leben. Überall spriessen Pflanzen, kriechen Käfer und singen Vögel. Und auch die grossen Elefanten, die Löwen und die Nashörner leben wieder hier.

Und weil der HUU-Fluss jetzt genug Wasser hat, sind auch die Nilpferde und Krokodile wieder da.
HEE, der Hüter der Wüste, ist glücklich und macht ein grosses Fest für die Wolke WUU, Prinzessin MAA, alle vier Winde und alle Wolken. Alle sind schon da, nur WUU fehlt noch. - Da kommt er! Und wisst ihr, wen er als Extragast mitbringt? Die Sonne! Die beiden haben ihren Streit begraben. Es hat für beide Platz in der Wüste. Ja es braucht beide, damit die Wüste HUU wirklich lebt. - Es war das tollste Fest, das die Wüste je gesehen hat!

In der Morgendämmerung sitzt Prinzessin MAA behaglich zwischen WUU's Wolkenohren und sie erzählen sich die alten Geschichten von den wichtigen Gewitterwolken, den eitlen Schäfchen und den überspannten Schlirp-Fäden. Am liebsten aber denkt WUU an den Berg LUU, den er irgendwann wieder putsch-pluschen will.