Harila und Harila

In fernem Lande leben vor langer Zeit eine Frau und ein Mann,
eins in ihren Gefühlen und ihren Gedanken.
Spürt der Mann das Glück, den Schmerz, die Liebe, die Freude,
so fühlt dasselbe und zeitgleich die Frau.
Und ist es der Frau ums Lachen, ums Weinen,
so spriesst dieselbe Empfindung im Manne,
sollt'er auch noch so fern von ihr sein.

Auch ihre Namen sind gleich.
Tief ruft der Mann 'Harila'.
Hoch klingt's zurück 'Harila'.
Sie sind beieinander zuhaus.

Sie hausen in einer Höhle, nähren von Früchten und Pflanzen sich.
Trinken das Wasser der Quelle, die in der Nähe entspringt.
Leben in Frieden und Eintracht mit den Tieren des Waldes.

Eines Tages erklimmt der Mann einen Felsen unweit der Höhle,
die schmackhaften Früchte des Baumes zu ernten.
Ein Stein kommt ins Rutschen, begräbt einen Hasen.
Flugs eilt der Mann nun herbei. Zu spät. Der Hase ist tot.
Bitterlich weinet der Mann.
So lernt der Mann, die Schuld zu erkennen.

Er bringt den Hasen zur Frau in die Höhle.
Sie tröstet den Mann, nimmt den Hasen dann aus und brät ihn am Feuer.
"Halt ein, Harila" ruft der Mann,
doch der Duft des gebratenen Fleisches wendet den Sinn.
Sie kosten und spüren Kraft in sich keimen.
Also lernen der Mann und die Frau, dass in jedem Tode Leben sich birgt.

Viele Monde später erscheint eine Horde fremder Männer in ihrem Revier.
Sie jagen die Tiere des Waldes mit Pfeil und mit Bogen,
begehren Einlass zum Feuer, die Tiere zu braten.
Zornig wird nun der Mann, erschlägt den ersten der Bande mit seinem Stock.
Die übrigen Fremden nehmen den Mann in Gewalt.
Legen in Fesseln den Mörder, missbrauchen vor seinen Augen die Frau.
Der Mann und die Frau erkennen den Hass.

In der Nacht gelingt's der geschundenen Frau,
an der schlafenden Meute vorbei zu schleichen, den Mann zu befrein.
Alsdann hilft sie dem Manne, einzuschliessen,
auszuräuchern die Horde der Fremden.
So erkennet der Mann den Mut und die Treue der Frau.

Eines Tages erblickt der Mann auf der Lichtung die Nymphe,
mit nichts als ihren langen Haaren verhüllt.
Verzaubert von dieser Gestalt begehret er schnell,
zu besitzen das Wesen, so wundersam schön.
Also lernt der Mann das Gierige kennen.

In der Nacht aber spricht er im Traume von lieblicher Wonne im Wald.
Die Frau reisst ihn hoch aus dem Schlaf, denn sie spürt,
wie fern und fremd er ihr wird, doch er lügt.
Treulosigkeit und Feigheit erkennet die Frau.

Von da an mischet die Frau dem Manne Heilkräutertrank,
zu befreien den Gierigen von seiner Lust.
Immer schwächer fühlt sich der Mann, doch er ahnet die Urheberin.
Er frägt die Frau, doch sie lügt.
Lug und Betrug erkennt so der Mann.

Die Frau aber suchet die Nymphe auf in der Lichtung,
sie zu vergiften.
Der Mann stellt ihr nach,
hindert die Frau an der Tat.
Eifersucht wird so ihm bekannt.

Misstrauen ist nun gesäet zwischen den beiden.
Mehr und mehr Arglist beherrscht die Frau und den Mann.
Noch erspüren sie ab und zu Freude und Glück.
Doch seltener werden die Zeiten,
dass einig an Seele und Geist sie erwachen.
Also lernen die Frau und der Mann die Abödung kennen.

Wie eine Blüte am Abend zieht die Frau sich zusammen,
wird verhärmter und still.
Es entweicht aus den Augen der Glanz und das Leuchten wird stumpf.
Trauer erfährt sie und Schmerz.

Der Mann wird dessen gewahr,
doch zu spät.
Wie ein Dolchstoss fährt's ihm ins Herz.
Bäche von Tränen strömen aus seinen Augen.
Das Leid erkennt so der Mann.

Nochmals bäumt er sich auf,
emsig und rastlos,
die Frau zu erfreuen.
Doch ihre Liebe erlosch,
erstickt ist die Freude,
vertrocknet der Strom ihres Herzens,
verschlossen die Blume des Waldes.
Was er auch tut,
es vermag sie nicht mehr zu öffnen.
Also lernt der Mann das Unwiderrufliche kennen.

Es kommt die Stunde des Abschieds.
Tränen der Trauer fliessen
bei der letzten Umarmung.
Dann ziehen beide von dannen,
die Frau auf ihrem Wege,
der Mann auf dem seinen.
Also erkennen die Frau und der Mann das Sterben im Leben.

Doch gewappnet sind sie nun für die Unwägbarkeiten des Seins.
Sie trotzen den Stürmen in Feldern und Fluren.
Sie leben mit Bären und Wölfen,
in Bäumen und Winkeln -
doch nicht mehr zuhaus.
Einsamkeit innen und aussen erleben der Mann und die Frau.

An trüben Tagen, in dunklen Nächten
träumt der Mann von Zuhaus.
Und er ruft 'Harila' in den finsteren Wald,
doch es hallet das Echo nur grauslich zurück.
Er sucht verzweifelt, nach ihr, nach Zuhaus,
und wird darob alt.
Tiefe Verzweiflung erfährt nun der Mann.

Die Frau aber findet ihr Glück,
sie schafft sich die eigene Welt,
ein neues Zuhaus.
Also lernt die Frau die Eigenverantwortung kennen.

Da sein Lebensbogen
zum Ende sich neigt,
wird dem Manne die Einsicht zuteil,
dass nicht im Aussen zu finden,
was innen nicht ist.

Und er - Harila -
entdeckt sie - Harila -
die verzweifelt Gesuchte,
am tiefsten Grund seines Herzens. Zuhaus.

Also wird dem Mann die Gnade zuteil.