Das esoterische Welterklärungsmodell
Vortrag, gehalten von Christoph Meier am 20.5.2003 im Rahmen der Vorlesung 'Psychologie und Esoterik' (Prof. Dr. D. Sträuli)
Sehr geehrte Damen und Herren
Wenn ich behaupte, ich sei glücklich jetzt, dann braucht das für Menschen,
die in einem kausalen System denken, einen Grund, am liebsten einen materiellen,
halt eine Endorphin-Ausschüttung. Im esoterischen Modell ist Glück
ein zwar sehr angestrebter Zustand, aber er wird gerade durch das Weglassen
aller Ursachen, durch das Überwinden der Abhängigkeit von Umständen
erreicht. Aber ich gebe jetzt zu Beginn gerne noch Gründe an für mein
Glück. Hauptgrund ist unser Dozent, Herr Professor Sträuli, der mir
Erstsemestrigem die Chance gibt, hier nicht irgendein Modell vorstellen zu dürfen,
sondern 'meins', dasjenige, das mein Denken und Handeln im Alltag prägt.
Das ist für mich echte akademische Flexibilität und in keiner Weise
selbstverständlich - herzlichen Dank!
Der 2. Grund seid ihr, liebe Mitstudentinnen und -studenten, die ihr zuhört - na ja jedenfalls jetzt gerade noch, obwohl nicht der Chef am Mic ist. Von Euch erhoffe ich mir eine neugierig kritische, möglichst vorurteilsfreie Haltung: "Mal kucken, ob das einigermassen stimmig ist, ein 7-Gang-Menu, das man essen kann - oder doch nur Gedankensalat."
Seid kritisch und hinterfragt das Ganze - hinterfragt überhaupt immer wieder alles, was Ihr aufgetischt kriegt, auch das materialistisch-kausale Weltbild, in dem ihr wahrscheinlich aufgewachsen seid.
Man kann die Welt gut und gerne völlig anders sehen und erklären, als ich dies hier tue, ja man darf und soll das in gewissen Lebensphasen - aber das gehört schon zu den Grundsätzen des Modells.
Seid gnädig, wenn ich nicht
alles ausloten kann - die Zeit ist einfach zu kurz und es reicht gerade für
einen Überblick über die Theorie und ab und zu für einen frechen
Spruch zum Missverhältnis zwischen Theorie und esoterischer Praxis. Ich
hab ein Handout hier mit dem Summary und den erwähnten Axiomen und Ableitungen.
Und ich stehe gerne zur Verfügung für weitere Informationen, innerhalb
oder ausserhalb dieser Veranstaltung.
Was ist das absolute Minimum, das ich Ihnen vermitteln möchte?
SOWOHL ALS AUCH - AB DURCH DIE MITTE! - GOTTWERDUNG
GEGENSATZVEREINIGUNG - AGAPE-LIEBE
Wenn Sie diese fünf Schlagworte mit etwas Inhalt gefüllt nach Hause nehmen, haben Sie bereits einen Grundstock, mit dem Sie dann auch die praktische Esoterik kritisch beurteilen können.
1) SOWOHL ALS AUCH
Das esoterische Welterklärungsmodell - ich rede in der nächsten halben
Stunde nur noch vom 'Modell' - ist ein 'Sowohl-Als-Auch'-Modell und stellt sich
bereits damit in eine markante Gegenüberposition zu all den religiösen,
politischen, wissenschaftlichen Modellen, die einen Absolutheits- oder Ausschliesslichkeitanspruch
haben wie z.B. viele Sekten, wo man nur ans Ziel kommt als Mitglied und nur
wenn man genau das oder jenes tut oder nicht tut; aber auch zu einigen Vertretern
des engen naturwissenschaftlichen Weltbildes, für die alles Bio-Chemie
ist in einem geschlossenen kausalen System, neben dem es nichts gibt, nichts
geben darf. - Wie kann es trotzdem noch Profil haben, wenn da alles irgendwie
Platz hat, nichts scharf abgelehnt und ausgegrenzt wird? Wir kommen darauf zurück,
die Lösung sei angetönt: Alles zu seiner Zeit und an seinem Ort. Der
Zusammenhang zwischen einem bestimmten Denken, Handeln in einem bestimmten Zeitpunkt
- und dem Entwicklungsstand einer Entität - der ist dann schon nicht mehr
beliebig, sondern stringent.
Ich möchte Ihnen am Schluss auch ein paar Kriterien mitgeben, mit denen Sie beurteilen können, ob jemand wirklich auf einem esoterischen Weg ist und wie weit er auf diesem Weg schon spaziert ist.
2) Ab durch die Mitte
Abhauen wollen die Vertreter dieses Weltbildes! Tatsächlich, das Ziel liegt
ganz deutlich ausserhalb der physischen, materiellen Welt - damit ist auch schon
klar, dass das Modell natürlich eine andere Seite postulieren muss, eine
Metaphysis, will sie beim Abhauen nicht einfach ins Leere fallen.
Das ist aber nicht gleichzusetzen mit Weltflucht, sonst müssten ja sämtliche
Vertreter dieses Modells sich alle schleunigst umbringen, es ist auch nicht
Weltfeindlichkeit, denn wir brauchen die materielle Welt ganz dringend, um überhaupt
in Kontakt zu kommen mit dieser etwas luftleeren immateriellen anderen Seite
und um zu dem Punkt zu kommen, bei dem wir rauskommen. Das ist nämlich
der Mittelpunkt.
Die Mitte ist ein ganz zentraler Begriff in diesem Modell. Sie können den Begriff zuerst ganz gegenständlich nehmen, die Mitte einer Scheibe, die es zu treffen gilt, die Mitte der Welt, in der frühere Kulturen sich alle wähnten, wo sie ihre Totempfähle, Tempel oder Kirchen aufstellten, um von dort, von ihrer Mitte aus den Kontakt zur anderen Seite herzustellen. Ein gutes Bild ist auch der Schnittpunkt der Raum- und Zeitachse, das Jetzt, die Gegenwart. Oder ein Bild aus der christlichen Theologie: der Schnittpunkt der Kreuzesbalken als quinta essentia, die den Austritt aus der polaren Welt in die Ewigkeit symbolisiert.
Denken Sie aber auch ganz real an Konflikte, handfeste Auseinander-setzungen: in der Mitte stehen zwischen zwei Streithähnen, die zwei Extrempositionen vertreten. Sie können die Mitte auch metaphorisch verstehen: innerlich in der Mitte sein, in Balance, als Gegensatz zu 'von einem Extrem ins andere fallen'. Wer in der Mitte ist, für den haben die Extreme gleiche Gültigkeit, der Eingemittete ist auch der Gelassene. Da leuchtet der Bezug wieder auf zum Sowohl-als-Auch.
3) Gottwerdung
Das dritte Stichwort sagt, wohin denn die Reise gehen soll: Gottwerdung! Nicht
gerade bescheiden, dieses Ziel! Es gibt jede Menge anderer Metaphern dafür
wie Erleuchtung, Erwachen oder Erlangen des All-Bewusstsein, Eingehen in die
All-Einheit, Vereinigung mit dem Selbst oder spirituelles Glück.- Aber
die Bezeichnung ändert nichts daran, dass das ein ganz dickes, hoch gestecktes
und für viele auch überheblich wirkendes, von Hybris geprägtes
Ziel ist. Den Preis für das Ticket zu diesem Reiseziel will letztlich aber
fast keiner bezahlen:
- zuerst sollte man die einseitige Wertung aufgeben, auf die wir doch so stolz
sind. Da lernten wir während Jahren differenzieren, analysieren und bewerten
- und da sollen wir die mühsam erworbenen Fähigkeiten wieder hinschmeissen?
- dann wird uns unser Lieblingsspiel vermasselt: die Zuweisung von Schuld an andere - wovon sollen denn die armen Juristen noch leben und die Eheberater und Psychotherapeuten, wenn jeder plötzlich alle Verantwortung auf sich nimmt?
- zusätzlich sollten wir einverstanden sein mit uns und der Welt - mit allem! Wo bleibt das soziale Engagement, die Welt muss doch verbessert werden? - Auch von dieser schönen Vorstellung muss sich trennen, wer das Reiseziel erreichen will.
- und schliesslich das dickste: wir sollten unser feines, schillerndes, fettes, farbiges, mächtiges, kluges, tolles Ego aufgeben! Zuerst langsam abbauen und am Schluss schmeissen! Reicht es denn nicht, dass wir das Fahrzeug, den Körper, am Schluss abliefern müssen - im Wissen, dass er auf den Schrott kommt? Muss es denn auch noch der Fahrer sein, dieser profilierte Spitzenpilot?
Mit dieser Fahrpreis-Skizze hätten wir auch die Antwort auf den wichtigsten Einwand gegen das Modell, warum es denn so schlecht klappe, warum denn so viele abgehobene burghölzlireife Spinner sich in diesem Eso-Kuchen tummeln und man so wenig Erleuchtete oder wenigstens Glückstrahlende antreffe. - Eben darum:
- weil die meisten einfach ihr Klamotten-Ferrari-Villa-am-See-Millionärs-Ego gegen ein Avatar-Meister-Guru-Ach-wie-viel-weiter-bin-ich-doch-als-die-Normalos-Ego eintauschen und alles beim alten bleibt
- weil die Weltverbesserungs-Optik einfach etwas verlagert wird und das New Age sich eben materiell einstellen sollte mit Friede, Freude, Eierkuchen - lauter abgehobene, hochspirituelle Schnuckers, die schon mit 17 nur die Verbindung zum Jenseits suchen - die Welt ein Platz friedlichsten Miteinanders, genug zu essen für alle, Gerechtigkeit oder - noch schlimmer - die weisse Bruderschaft, der man zum Sieg verhelfen muss, damit dann eben alles nur noch weiss und lieb und hell und schön und schnuslig ist. Wer solchen Kitsch erzählt ist in guter Gesellschaft. Schon die Jünger Jesu meinten immer, ihr Boss werde König, Regent, Chef im materiellen Jerusalem. Er beweist aber auch, dass er nicht einmal das Yin und Yang-Zeichen verstanden hat, das bald auf jeder Schulmappe klebt. Dort hat's nämlich schwarz und weiss, schön in einer Sinus-Bewegung verbunden, und im weissen hats einen schwarzen Punkt und umgekehrt - nix von weisser Bruderschaft und nur noch alles weiss!
- Es funktioniert oft auch nicht,
weil munter weiter einseitig gewertet wird. Gerade aus Esoteriker-Mund hört
man oft die schärfsten Urteile "Also nein, das oder jenes würde
ich ja nie tun, tat ich auch nie, sollte auch keiner je". Wer so plappert,
ist noch nicht einmal erwachsen. Da versuchen Kinder, wie die Kinder zu werden.
- Und schliesslich klappt es selten, weil auch die Schuldprojektion meist nur
verlagert wird. Jetzt sind natürlich diejenigen die Bösen, die da
noch nicht mitmachen, die 'Schwarzen Brüder', die Satanisten, die noch
Freude an der Macht und am Geldverdienen haben, die auch unzimperliche Auseinandersetzungen
austragen - die alle sind schuld an Krieg und Elend und überhaupt am üblen
Zustand des Planeten. -
Ja, alle Verantwortung übernehmen für das, was wir wahrnehmen, ist eine saftige Auflage. Aber die Eso-Fritzen wollen ja auch hoch hinaus mit dem Ziel der Gottwerdung, da darf man wohl auch ein bisschen was verlangen.
4) Gegensatzvereinigung
Die Vereinigung der Gegensätze, die Synthese - das ist der Weg zu obgesagter
Mitte, durch die wir dann am Schluss abhauen möchten Richtung Erleuchtung.
Ein weiterer Beleg für den postulierten Modellcharakter des Sowohl-als-Auch.
Das Grundmuster treffen wir immer wieder an und es charakterisiert die Beziehung
zwischen Metaphysis und Physis: Einheit zerfällt in Vielheit, nimmt Formen
an, Farben, Eigenschaften und tritt in Widerspruch zu andern Formen.
- Die Einheit ist immateriell und eigenschaftslos,
- die Vielheit ist materiell und multipolar, zerfällt in Manifestationen,
die alle in irgendwelchen Gegenüberpositionen stehen. Je nach Aspekt sind
es andere Gegensatzpaare, aber alles Physische hat unter jedem Aspekt einen
auf Anhieb unvereinbar scheinenden, also kontradiktorischen Gegensatz - postuliert
das Modell.
Wenn wir also da richtig durch und am andern Ende wieder raus wollen, müssen wir logischerweise diese Gegensätze zuerst einmal kennenlernen, durchleben, ausloten, uns mit ihnen auseinandersetzen, ihre Zusammengehörigkeit erfahren und sie schliesslich irgendwie wieder zusammenkriegen. Als erstes Hindernis ist da diese Unvereinbarkeit. Aber die besteht ja nur auf den ersten Blick, also schauen wir zweimal hin, beschäftigen uns damit, üben, probieren, erleben, erfahren.
Das naheliegendste, -sitzendste Gegensatzpaar sind Frau und Mann. Auf den ersten Blick unvereinbare Gegensätze. Also schauen wir zweimal hin. Jetzt fangen wir an zu basteln, da wir die ja zusammenbringen möchten. Da haben wir mehrere Möglichkeiten. Die naheliegendste, auf die glücklicherweise so ziemlich alle kommen, ist die auf der Körperebene - und siehe da, wenn man's geschickt macht, gibt das tatsächlich ein tolles Vereinigungs-Erlebnis. Das dauert aber in der Regel nicht lange, also probieren es die meisten immer wieder und nach völliger Ermattung zur Abwechslung auch mal auf der emotionalen und geistigen Ebene. Da sind die Ansprüche bereits höher an die Liebesfähigkeiten und auch da ist der Vereinigungszustand ein labiler, der immer wieder mühevoll neu gewonnen werden will -ein Teil von Ihnen wird wahrscheinlich dereinst sein Geld damit verdienen, den Leuten bei diesbezüglichen Schwierigkeiten behilflich zu sein.
Das Modell postuliert jetzt aber noch eine Ebene mehr: die spirituelle Ebene. Wir könnten auch 'ganzheitlich' sagen, aber dann haben wir zusammen mit 'esoterisch' gleich drei derart inflationär gebrauchte Termini, dass das Missverständnis die Regel ist. Am besten konnotieren Sie es neurophysiologisch: 'ganzheitlich' meint 'beide Gehirnhälften inkl. Corpus callosum benützen', also z.B. auch die in der rechten Gehirnhälfte beheimatete Intuition, und nicht nur die in der linken positionierte analytische Ratio. - Auch hier wieder nicht entweder-oder, sondern sowohl-als-auch.
Das Modell empfiehlt nun die Gegensatzvereinigung auch auf der spirituellen Ebene zu probieren, die die Enge und Fokussierung der unteren Ebenen nicht hat und damit den grossen Vorteil, dass alle und alles drin Platz hat. Aber unter Begriffen mit wenig Inhalt und grossem Umfang kann man sich meist wenig vorstellen. Nehmen wir unser Mann-Frau-Beispiel: die beiden setzen sich nun nicht mehr mit einem konkreten Gegenüber, sondern mit der immateriellen Idee des gegenpolaren Geschlechts auseinander. Wir könnten die Termini Anima und Animus beiziehen und sagen:
Der Mann setzt sich mit seiner Anima (dem weissen Punkt in seinem schwarzen Yang-Teil!), die Frau mit dem Animus (dem scharzen Punkt in ihrem weissen Yin-Teil) auseinander oder umgekehrt, wenn jemandem meine Farbzuweisung nicht passt! Sie versuchen, den vorher nur im Aussen erlebten Teil in sich zu integrieren, zu erkennen, zu fördern, zu leben - bis die beiden Ideen ausgesöhnt, die Gegensätze vereinigt sind und sie in die Mitte gelangt sind. Das wäre Arbeit auf der spirituellen Ebene.
Brauchts dazu die Formen noch, die
konkreten Frauen und Männer? Ja und Nein. Es braucht sie zwingend und dringend,
um überhaupt die dahinterliegende Idee zu erkennen. Aber irgendwann braucht's
das Konkrete nur noch als Bebilderung, als Erinnerung, als Analogie - und am
Schluss braucht's gar nichts mehr. Genau so läufts mit allen Gegensatzpaaren.
Das ist ein gerüttelt Mass an Arbeit und zum Arbeiten brauchts Werkzeuge.
5) AGAPE-LIEBE
Die alten Griechen waren so nett, das damals schon plattgewalzte Wort Liebe
brauchbar zu unterteilen in EROS für die körperliche Liebe, PHILIA,
das uns in der lateinischen Version AMICITIA vertrauter ist und für die
emotional-geistige Freundes-Liebe steht und die AGAPE, die uns am ehesten noch
-aber bereits etwas spöttisch gefärbt- als NUR platonische Liebe bekannt
ist. Stellen Sie sich besser die Mutterliebe vor oder wenn Sie damit etwas anfangen
können, die Gottes-Liebe. Für mich ist die beste AGAPE-Metapher die
Sonne, die einfach ihre wärmenden, hellen Strahlen auf alle und alles schickt,
nicht selektioniert, auch keine Gegenleistung verlangt, man muss sie sich nicht
verdienen; einfach weil wir da sind, kriegen wir sie, sie fragt auch nicht,
was wir damit anfangen, ob wir sie begeistert annehmen oder uns vor ihr flüchten
in den Schatten. Das ist doch ein Bild, das wir alle kennen und leicht decodieren
können. Das ist gemeint mit spiritueller, ganzheitlicher oder eben AGAPE-Liebe.
Und das wäre jetzt also das Werkzeug, um die Gegensätze zu vereinen,
in die Mitte zu kommen, damit wir dann am Schluss abhauen und glücklich,
göttlich, erleuchtet werden können oder aufwachen aus dem Traum, der
Illusion der irdischen Existenz. - Soweit ist doch eigentlich alles klar und
nachvollziehbar?
Wie gesagt, da muss keiner nicken im Sinne von Einverständnis, aber wenn Sie das Modell bereits etwas überblicken, freut's mich. Dann hätte ich nämlich mein Minimalziel erreicht.
Doch ich bin Ihnen noch eine einigermassen
saubere Skizze schuldig, wie denn das Modell hergeleitet und begründet
wird. Es basiert - wie jedes andere auch, auf Axiomen, die nicht mehr weiter
begründet werden, wie wir sie aus der Mathematik und anderen Disziplinen
kennen. Wenn wir genau hinschauen gibt es nichts, das sich ad infinitum begründen
liesse. Alle machen irgendwo Halt und sagen: Darauf basieren wir. Deshalb ist
es so wichtig, die Axiome der andern zu kennen und sie gegebenenfalls zu hinterfragen.
Axiom 1
Das erste habe ich bereits eingangs skizziert: Die Multipolarität der
physischen Welt. Wenn ich in der Folge nur noch von Polarität rede,
meine ich immer diese Multipolarität und behaupte damit nicht, es gebe
zu einer Manifestation oder einem Begriff jeweils nur EIN Antonym. Polarität
meint primär Unterschiedenheit, fokussiert aber innerhalb der Unterschiedenheit
die Gegensätzlichkeit und innerhalb der Gegensätzlichkeit die sich
auf Anhieb auszuschliessen scheinenden Merkmale von Begriffen. Und wenn Sie
ein zeitlich-räumliches Bild wollen: Polarität meint das Hintereinander-Nebeneinander
des von uns Wahrgenommenen.
Dieses erste Axiom wird nicht einmal gross in Frage gestellt von den Anhängern anderer Welterklärungsmodelle. Aber ein Teil der Schlüsse aus diesem Axiom wird sehr wohl und vehement bestritten. Schöpfung, Urknall, Weltentstehung lässt Einheit in Vielheit zerfallen, Metaphysisches in Physisches, Inhalt in Formen. Dieser Prozess findet laufend statt bei jeder Schöpfung, jeder Kreation. Materielle Welt ist auf Vielheit, auf Gegensätzen, auf Spaltung, auf Widerspruch, auf Antagonismus, auf Auseinandersetzung aufgebaut. Zu jeder Manifestation, zu jeder Entität gibt es einen Gegenpol, der unter einem bestimmten Aspekt diametral dem Ausgangspol gegenübersteht. Es gibt nichts, das kein Gegenteil, Gegenstück hätte in der Physis. Das kann man bedauern oder nicht - auf jeden Fall ist es spannend.
Aus dem Axiom der Polarität
wird unter anderem Folgendes abgeleitet:
1.1. Bewusstsein und Sprache des Menschen sind polar
sind nicht 'einheitsfähig', können Einheit weder direkt denken noch
direkt beschreiben. Doch zum Begriff der Einheit kommen wir erst.
1.2. Polares Bewusstsein braucht,
erzwingt die Sonderung von Subjekt und Objekt, damit entsteht Ego, Aussenwelt
und Raum.
Ein dicker Hund! d.h. nämlich implizit, dass es all das ausserhalb des
polaren Bewusstseins gar nicht gibt!
1.3. Das Erkennen des polaren
Bewusstseins ist ein Prozess. Dieser Prozess erfordert nicht nur räumliches
Nebeneinander, sondern auch zeitliches Nacheinander, damit entsteht Zeit.
Polares Bewusstsein kann zu einem bestimmten Zeitpunkt immer nur einen Pol wahrnehmen.
Dabei ist eigentlich immer beides, alles gleichzeitig da (CD, Museum). Auch
Zeit gibt es also nur innerhalb des polaren Bewusstseins! Und in Anlehnung an
die Riemann'sche Geometrie geht das Modell davon aus, dass Geraden letztlich
immer Ausschnitte aus Kreisbogen sind und wendet dies auf die Zeitachse an.
Auch Einstein spricht von einer Krümmung der Zeitachse. Dann brauchen wir
also bloss genug lang in die Vergangenheit zu sausen, dann landen wir in der
Zukunft - und umgekehrt. Frech, was? - Hat natürlich einen Rattenschwanz
von Folgen, aber dazu reicht die Zeit nicht. Spielen Sie den Gedanken doch einmal
selbst weiter!
1.4. Die Gegenpole sind miteinander
verknüpft, bedingen sich gegenseitig, streben nach Wiedervereinigung, da
sie nur durch Schöpfung bzw. Sonderung zerfallene Einheit sind und eigentlich
zusammengehören.
Sie kennen vielleicht die platonische Vorstellung vom Kugelmenschen, der in
zwei Hälften zerfällt und mit der ständigen Sehnsucht nach Wiedervereinigung
lebt. Da gäbs aber auch einiges zum Sünde-Begriff zu sagen, der im
christlichen Abendland diesen moralinsauren Beigeschmack erhielt. Sünde
kommt von Absonderung - wovon? - Von der Einheit. Das ist eine nüchterne
Feststellung und hat nichts zu tun mit nett-lieb-brav sein.
1.5. Die Verknüpfung der
Gegenpole ergibt auf der Zeitachse den ständigen Wechsel, den Rhythmus,
die Sinuskurve.
Einfachstes Beispiel dafür ist der Atem. Etwas weniger akzeptiert ist das
Beispiel Leben-Totsein, das sich im Modell genau so rhythmisch sinus-artig abwechselt
wie alles andere auch.
1.6. Förderung des einen
Pols stärkt auch den Gegenpol. Die einseitige Bekämpfung eines Pols
stärkt diesen ebenfalls.
Beim Atem sind da wieder alle einverstanden, aber wenn's heikler wird
Da
kriegen Friedenskämpfer, Politiker und Weltverbesserer jedweder Couleur
mitunter Schreikrämpfe. Aber man könnte ja auch die Geschichte der
letzten paar tausend Jahre unter diesem Aspekt durchforsten, nicht?
1.7. Leben in der Polarität
bedingt Unterscheidung, Wertung, Entscheidung, Handlung.
Wir müssen als erstes Ein- und Ausatmen unterscheiden, bewerten, was jetzt
gerade drankommt, entscheiden und es dann tun - völlig klar. Die Brisanz
der Aussage liegt darin, dass das alles nur an die Polarität geknüpft
ist. Gesetzt den Fall, wir kämen irgendwie von ihr los, über sie hinaus,
dann wäre dort ja einiges weg, was uns hier ziemlich behindert.
1.8. Wenden wir das Gesetz der
Polarität auf die Polarität als Ganzes, also auf die Physis an, ergibt
sich logisch die Existenz eines Gegenpols zur Polarität, der gegenteilige
Eigenschaften aufweist, in dem es also weder Ego, Zeit, Raum, Unterscheidung,
Wertung, Entscheidung noch Handlung gibt. Da sich diese ausserhalb der Polarität
stehende Welt der polaren Sprache entzieht, kann nur in Bildern, Metaphern oder
mittels paradoxer Aussagen darüber kommuniziert werden. Die abendländische
Tradition nennt diese Polarität zur Polarität Metaphysis, Einheit
oder Gott.
Achtung, das ist die fetteste Ableitung, die Sie vielleicht als Axiom erwartet
hätten, nämlich, dass es hinter der Physis eine Meta-Physis gebe,
die man auch Einheit oder Gott nennen kann. Das Modell macht es - finde ich
- sehr elegant und mit der Sprache der Logiker, allerdings zugegeben unter Zuhilfenahme
der wichtigen Analogie 'Mikrokosmos entspricht Makrokosmos'. Das innerhalb der
Physis entdeckte polare Muster wird einfach analog auf den Makrokosmos und auf
die Physis als Ganzes übertragen - aber für mich ist das ganz ehrlich
gesagt der coolste Gottesbeweis, weil er so weitab ist von Inquisition und missionarisch
glühenden Augen, weil es keines Glaubensaktes bedarf, sondern schlicht
eines Denkaktes, den man sicher mit irgendwelchen Argumenten falsifizieren kann
wie jeden andern auch. Aber mir macht er Spass!
Bezug Polarität ' Relativität
1.9. Da alles Physische als zerfallene Einheit in Relation steht, ist allesPhysische relativ..
1.10. In der physischen Welt gibt
es nichts Absolutes. Mithin ist nichts absolut richtig/falsch, nichts absolut
gut/böse
Das ist wieder ein Punkt, wo's gern rote Köpfe gibt! Da wird jetzt das
eingangs postulierte 'Sowohl-als-auch' ganz konkret. Aber hier scheiden sich
die Geister, da es für die meisten Menschen Dinge, Ansichten, Handlungen
gibt, die sie zwingend und nur dem einen oder dem andern Pol zuordnen. Nur -
lustigerweise - findet sich für alles jemand mit gegenteiliger Wertung
bzw. eine Situation, wo der betreffende Pol genau umgekehrt bewertet wird, wo
sogar wir selbst die Wertung 180 Grad ändern, man denke nur ans Töten.
1.11. Wenn die Polarität relativ ist, dann muss die Polarität zur Polarität, die Einheit, demzufolge ABSOLUT sein.
1.12. Das polare Bewusstsein kann
mit der polaren Sprache keine direkten Aussagen über das Absolute machen.
Aber es kann sie erleben. Und dank dieses ganzheitlichen Erlebens können
über indirekte Beschreibungen in Bildern, Lyrik, Gleichnissen, Mythen,
Märchen und mittels paradoxer Aussagen Brücken gebaut werden zum Erahnen
des Absoluten, der Einheit.
1.13. Als Gegenpol zum polaren, relativen Bewusstsein der physischen Entitäten gibt es ein absolutes Einheits-Bewusstsein.
1.14. Das, was eine Entität
als 'ihr Bewusstsein' bezeichnet, ist immer nur ein Ausschnitt aus dem Einheits-Bewusstsein.
Andere Termini sind: 'allumfassendes Bewusstsein' oder 'Selbst'.
1.15. Dieser Bewusstseinsausschnitt
entspricht dem, was eine Entität wahrnimmt und für wahr hält.
Er ändert sich im Laufe des Lebens. Mit jedem Erfassen eines Inhalts wird
der Ausschnitt grösser, ändert sich die 'Wahrheit' des Subjekts.
Was vorher aussen, fremd, nicht wahr-genommen war, wird innen, vertraut, wahr.
1.16. Es gibt nur relative, subjektive
JETZT-Wahrheit innerhalb der physischen Welt. Absolute Wahrheit gibt es nur
in der Einheit.
Kann nicht mehr wirklich erschrecken hier, aber so ganz 'blutt' natürlich
doch abstossend für viele Wissenschafter, Politiker, aber auch Philosophen,
die verständlicherweise gerne irgend etwas als absolut wahr festnageln
möchten.
1.17. Die klassische Unterscheidung
'Meinen' vs 'Wissen' fällt damit dahin. Es gibt nur 'Meinen'.
Da stossen wir natürlich nicht nur auf freudvolle Akzeptanz bei gewissen
Vertretern des Wissenschafts-Betriebs, die diesen Unterschied 'Meinen-Wissen'
mit einem oft verächtlichen Seitenblick auf die Theologen oder sogar generell
auf die Geisteswissenschafter so betonen.
1.18. Wahrnehmung ändert sich durch individuelle Lernprozesse. Lernen heisst das Bewusstsein ausdehnen durch Öffnung. Hereinlassen neuer Bewusstseinsinhalte geschieht durch achtsame Zuwendung bzw. Agape-Liebe.
1.19. Es gibt Einfallsachsen des
Absoluten, des Metaphysischen ins Physische: die Gegenwart, das Jetzt. Wenn
es uns gelingt, ganz im Jetzt zu sein, sind wir ausserhalb der Polarität.
Jetzt-Momente erleben wir in der Regel als Glück.
Der ist wichtig für das Verständnis des Modells und auch für
viele Versuche in der esoterischen Praxis, die wie gesagt meist in die Binsen
gehen. Aber das ganze Geschrei um Hier und Jetzt hat damit zu tun. Denn wenn
wir wirklich im Jetzt landen - und das wäre auch gleich das Unterscheidungskriterium,
das wir ex post anwenden können - dann sind Zeit, Raum und Ego weg!
1.20. Spirituelles Wachstum führt
also von den individuellen, subjektiven JETZT-Wahrheiten innerhalb der physischen
Welt zu allgemeingültigen, metaphysischen Wahrheiten.
Z.B. zum Erlebnis der Allverbundenheit in Momenten des Im-Jetzt-seins'. Aber
das klingt mit nackten Worten fürchterlich wauschelig. Das muss man erleben,
dann hat das Wissen eine ganz andere Qualität. - Das gilt natürlich
ganz grundsätzlich und relativiert die ganze Argumentiererei und Ableiterei
aus Axiomen. Wie eingangs gesagt ist das Modell ein eminent praxis-orientiertes,
eine Anleitung zu einem gangbaren, erlebbaren Weg, auf dem die Erlebnisse, die
Erfahrungen letztlich zu der Wissens- bzw. Erkenntnisqualität führt,
die wir ja ehrlicherwiese als einzige wirklich akzeptieren.
1.21. Gegenpole können aus
ihrer Gegensätzlickeit befreit werden, indem sie ausgesöhnt, vereinigt,
von der unerlösten, verhafteten Qualität in die erlöste, entwickelte
Qualität verwandelt werden.
Ein ganz zentraler Punkt, den ich nur kurz am Beispiel der Liebe illustrieren
möchte. Auf der primitivsten Stufe halten wir Liebe und Hass für unvereinbare
Gegensätze. Durchschauen wir Hass als eine Form der Angst und setzen Angst
als Antonym zu Liebe ein, finden wir bereits die ersten Gemeinsamkeiten der
Gegensätze, denn haftende, klebrige, eifersüchtige Liebe ist voller
Angst und Angst basiert meist auf der Liebe zu irgendetwas, das wir bewahren,
schützen, erhalten wollen. Sausen wir ans obere Ende der Qualitäts-Skala
haben wir AGAPE-Liebe, die völlig frei ist von Haften und enger Angst und
auf der anderen Seite die ehemalige Angst als reines 'Taking Care', reines Verantwortungsbewusstsein,
reine Achtsamkeit - und schon sind die Gegensätze vereinigt, meinen dasselbe,
sind eins.
1.22. Diese Gegensatzvereinigung
mit dem Mittel der Agape-Liebe führt zum Ein-Verständnis, zum Verständnis
des Einen, des Einenden und damit über die Polarität hinaus.
Für das Einverständnis brauchen wir das zweite Axiom, dazu also später.
Der Austrittspunkt aus der Polarität ist die Mitte, die Balance zwischen
den Polen, die gleiche Gültigkeit ' Gleich-Gültigkeit' Gelassenheit
bzw. das Weglassen der einseitigen Wertung. Es gibt Parallelen in der Natuwissenschaft
für das Streben nach der Mitte, der Ruhe, dem Energieminimum.
1.23. Ziel des Lebens in der Polarität
ist Befreiung von ihr, Erlangung des Allbewusstseins, der absoluten Freiheit
in der Vereinigung mit der Einheit. Das alles sind Metaphern für Gottwerdung.
Das mag jetzt für viele bereits recht abgehoben klingen. Wesentlich für
das Modellverständnis ist die Auslagerung des Lebensziels ausserhalb der
physischen Welt. Es ist also kein direktes Weltverbesserungsmodell und damit
auch nicht wirklich ein 'soziales' Modell.
Axiom 2
Das zweite Axiom lautet: Welt macht Sinn, Leben macht Sinn, der sich über
die Deutung der physischen Welt erschliesst.
In anderen Zeiten, anderen Kulturen, z.B. im Mittelalter wäre man ausgelacht
worden, wenn man das überhaupt erwähnt hätte. Es war so selbstverständlich.
In der heutigen orientierungslosen Zeit, wo viele sich einfach so ins Dasein
hineingeworfen fühlen und die Welt als unwirtlichen Ort anschauen, muss
man lauthals sagen, wenn man das anders sieht. Das Modell statuiert Folgendes:
Physis ist in Vielheit zerstückelte, Stoff, Materie, Form gewordene Einheit. Diese Vielheit will wieder vereint werden. Dieser immanente Drang der Vielheit nach Wiedervereinigung hat auch etwas ungemein Tröstliches. Alle kommen irgendwann ans Ziel, früher oder später. Und da wir in diesem Modell unzählige Spielrunden zur Verfügung haben, ist auch keine Eile angesagt. Und wenn die Welt eine sinnvolle strada del sole ist, dann gibt's auch Hilfe auf dem Weg. Das sind primär die Formen, alle Manifestationen, Wesen, Dinge; ja, alles was wir wahrnehmen in der physischen Welt hat das Zeug zum Wegweiser, zum Leuchtturm, zur Tafel oder Tankstelle - wir müssen nur die Zeichen lesen, decodieren, deuten können. Und es gibt zusätzlich einen anständigen Pannendienst - aber auch den muss man anfordern. Sie fliegen nicht die ganze Zeit strassauf-strassab und warten, bis uns der Most ausgeht.
Der Sinn des individuellen Menschenlebens lässt sich am besten am archetypischen Lebensweg aufzeigen, der als Grundmuster dient:

Sinnvolle und notwendige erste Kreishälfte nach der Geburt ist die volle Entfaltung der Polarität, also das Abnabeln, Erwachsenwerden, Unabhängigwerden und Ausloten der Möglichkeiten des Egos, die Profilierung als Ego, das mannigfache Verwickeln, Sich-Einwickeln in Rollen und Identifikationen, das Durchleben der Vielheit, Erweitern des Bewusstseins durch Lernen -irgendwann das Erkennen der Grenzen der physischen Welt und des Egos, das Scheitern, oft gipfelnd in einer veritablen Midlife-Crisis, dann, nachdem Umkehrpunkt, der 'Katastrophe', das Erwachen der Sehnsucht nach der Einheit. Diese Sehnsucht löst den zweiten Teil aus, die ausbalancierende Gegenbewegung der Rückweg, das sukzessive Ent-Wickeln aus den Ego-Identifikationen, die Verwischung und schliesslich die Aufgabe der Grenzen zwischen Ego und Aussen bis zur Vereinigung mit allem, was ist im einverständlichen Sterben und dem Tod, der nichts anderes ist als das Durchschreiten derselben Türe, durch die wir bei der Geburt aus der Einheit in die Polarität hineintraten.
Aus diesem zweiten Axiom leitet das
Modell ab:
2.1. Jede Form repräsentiert einen Inhalt, ist eine Einfallsachse des
Metaphysischen, eine Manifestation der Einheit. Hinter jeder materiellen
Form steht eine immaterielle Idee. Platon lässt grüssen.
2.2. Über die Form spricht
die Einheit uns an. Sinn der Form, der Physis ist es, uns an die Inhalte heranzuführen.
Alles Physische ist Gleichnis, Symbol, Metapher für das Metaphysische.
Da haben wir Schützenhilfe von Goethe!
2.3. Wenn wir Form deuten, kommen wir an die Bedeutung, an den Inhalt, an die Aussage, an den Sinn von Welt heran. So finden wir heraus, 'wie wir gemeint sind', wie Welt gemeint ist, was das Schicksal von uns will, was wir uns für Aufgaben gestellt haben bei dieser Runde.
2.4. Ungedeutete Physis ist bedeutungslos.
Schlüsse, die nur innerhalb der Physis gezogen werden, mögen für
den praktischen Alltag nützlich sein, sind aber für die Sinnfindung
wenig relevant. Darum liegen sich die Schulmediziner und die Esoteriker manchmal
in den Haaren. Vielleicht kennen Sie all die Ansätze der Deutung von Krankheits-Symptomen
statt ihrer rein physischen Bekämpfung. Der Münchner Arzt Rüdiger
Dahlke ist da federführend mit vielen Publikationen.
2.5. Wenn wir auf die Ansprache
durch die Einheit antworten wollen, müssen wir die Form deuten und Verantwortung
übernehmen für alles, was uns als Form begegnet.
Das ist natürlich hart für alle, die sich so gerne als Opfer sehen.
Der Opferstatus wird schlicht gestrichen, wenn wir für alles verantwortlich
sind, was uns begegnet. Aber es eröffnet auch ungeahnte Möglichkeiten,
wenn wir nicht mehr warten müssen, bis die böse Welt sich endlich
anschickt, sich zu bessern!
2.6. Welt, Form, Aussen ist Spiegel,
Projektion unseres Innen.
Je nach Art und Grösse unseres Bewusstseinsausschnittes stehen wir mit
anderen Teilen der Physis in Resonanz. Jeder lebt in seiner Welt, in seiner
Projektion, die es irgendwann zurückzunehmen gilt. Den Rest des Aussen,
mit dem wir nicht in Resonanz stehen, das Abgelehnte, Verdrängte, den Schatten,
gilt es anzuschauen, zu durchlichten und irgendwann zu integrieren, zum eigenen
Bewusstsein hinzuzufügen. Für diesen Prozess eignen sich Rituale im
Sinne von bewusstem, absichtslosem gegenwärtigen Tun. - Ja, bei dieser
Ableitung scheiden sich die Geister auch. In der Psychologie gibt es zwar durchaus
Strömungen, die es ähnlich sehen, aber ich will mich da vor lauter
Komptenteren nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen. - Aber noch etwas zum
'sozialen' Aspekt des Modells, zur Weltverbesserung. Wenn das Subjekt sich entwickelt
auf seinem archetypischen Lebensweg, seinen Bewusstseinsausschnitt vergrössert,
immer mehr dazunimmt, hereinlässt, seine Grenzen immer wieder aufgibt,
neu definiert und wieder verwischt, wenn er immer mehr Aussen zu Innen macht
und sich einem immer grösseren Bereich mit AGAPE-Liebe zuwendet, immer
mehr Gegensätze vereinigt, dann ändert sich SEINE Welt parallel dazu
mit. Er nimmt eine immer 'bessere', entwickeltere Welt wahr - die ja modellgemäss
gar nicht absolut existiert. Vereinfacht gesagt: sein Traum wird immer schöner.
Sein Bewusstsein immer grösser, seine Egogrenzen immer verwischter.
2.7. Es gibt keinen Zufall im
Sinne eines nicht decodierbaren Ereignisses.
Wenn Leben insgesamt Sinn macht, macht es auch im Einzelnen Sinn. Zu-Fall ist
das, was uns sinngemäss zufällt.
2.8. Wir sind Teile der Einheit,
tragen aber die ganze Information der Einheit in uns als Latenz.
Wir kennen dieses Pars-pro-toto-Modell von der Zelle oder vom Blutstropfen,
der die Information für den ganzen Organismus enthält. Ein analoger
Gedanke ist die Vorstellung des 'Göttlichen in uns'. Dieses Bild macht
auch den Allmachtsanspruch des Egos verständlich und den Wunsch, Gott zu
werden. Nur das Kleingedruckte liest das Ego nicht gern, dass es seine Grenzen
natürlich aufgeben muss, wenn es zum Ganzen werden will.
2.9. Physis entsteht durch Anzapfen
der a se existierenden Metaphysis.
Das Bewusstsein dockt sich an bei der immer und unabhängig von unserem
'Gebrauch' zeitlos existierenden Metaphysis, also der Welt der Inhalte, der
Ideen, der - delikat: 'Einheiten' (es gibt natürlich nur eine Einheit,
die wir uns aber mit unserem polaren Bewusstsein nicht vorstellen können.
Eine Hilfsvorstellung ist die Folgende: die Vielheit der Ideen und Inhalte entspricht
der unerlösten Qualität des immateriellen Bereichs, eben des meta-physis
Liegenden, die absolute Einheit entspricht der erlösten Qualität)
-
Die überzeugten Materialisten sehen es natürlich genau umgekehrt.
Da gibt es gar nichts ausserhalb des Physischen, das 'a se', a priori aus sich
heraus existiert. Nach ihnen bewirkt die Physis, nämlich irgendwelche Hirnströme,
die Vorstellungen, Ideen, ja das ganze Bewusstsein ist bei ihnen ein physisches
Produkt und sowas wie eine Seele gibt es nicht. Hier haben wir einen ganz markanten
Gegensatz, der sich jetzt gleich noch akzentuiert bei der Verknüfpung zwischen
Metaphysis und Physis:
2.10. Die Verknüpfung zwischen
Metaphysis und Physis ist eine dialoge, die im Kern der Schnittmenge von kausaler
und analoger Verknüpfung entspricht.
Also zuerst anzapfen und dann einen Dialog führen, der Auswirkungen hat.
So ändert sich unsere Vorstellung von einer Idee beim Umsetzen und unsere
Umsetzung erfährt Wirkungen durch die Idee - und in dem Dialog-Prozess
sind Analogien zwischen den Ebenen zentral.
2.11. Für die Sinnsuche,
die Decodierung braucht der Mensch eine Rückbindung (lat. RE-LIGIO) an
die Welt der Inhalte, an die jenseits der Physis liegende Welt.
Religion meint also innerhalb des Modells nichts anderes als das Suchen, Erkennen
und Begreifen des Metaphysischen, Inhaltlichen hinter dem Physischen, Formalen.
Dann ist also bereits das Begreifen der Idee der Addition eine religiöse
Fingerübung.
2.12. Ego-Bildung ist zwingend
nötig und richtig, VER-wicklung in Identifikationen ist Vorbedingung für
die ENT-wicklung zum Selbst.
Das hab ich zwar bereits gesagt, aber es ist eines der häufigsten Missverständnisse
gerade auch innerhalb der Eso-Szene, wo dann plötzlich das böse Ego
ganz generell verketzert wird und so richtig 'pfui' ist - wenn das noch aus
dem Munde von Leuten kommt, die gar nie erwachsen wurden, ist es besonders lustig.
Das Ego gehört also ganz unerlässlich an den Anfang und bildet die
erste Hälfte der grossen Sinuskurve eines Erdenlebens.
2.13. Das Einverständnis mit der Polarität führt uns über sie hinaus. Einverständnis bedingt Erlösung der Pole aus ihrer Gegenüberposition.
2.14. Spirituelle Philosophie zielt nicht auf Weltflucht, sondern auf Durchleben der Physis und über sie hinauswachsen, sie überwinden.
2.15. Der archetypische Weg des
Menschen ist ein Kreismuster (siehe Grafik oben vor 2.1.)
2.16. Das abstrakte Muster ist
gegeben, die konkrete Ausgestaltung können wir selbst bestimmen. Abkürzungen
und Auslassungen funktionieren nicht nachhaltig. Damit ist die menschliche Willensfreiheit
umrissen.
Das ist v.a. für die uralte Streitdiskussion wichtig, ob denn nun alles
vorbestimmt sei oder ob wir völlig frei seien in allem Tun und Lassen,
wer oder was uns wie fest determiniere, die Gene, die Umwelt, das Schicksal,
die Sterne
Die antwort des Modells ist - wen wunderts - wieder einmal
'sowohl als auch'. An dem Grundmuster kommt keiner ganz vorbei, wir alle müssen
uns mit den archetypischen Grundthemen auseinandersetzen, die die Astrologie
so einfach und bildhaft darstellt - das ist die determinierte Komponente - aber
wie wir uns auf dem Kreisweg gebärden, wann, wie und vor allem mit wie
viel Widerstand wir die anstehenden Themen bearbeiten - wie wir uns mit dem
Archetypus des Saturn auseinandersetzen, freiwillig, prospektiv oder unfreiwillig,
eher schmerzhaft, das ist uns überlassen - das ist die indeterminierte
Komponente.
Mit Abkürzungen meine ich z.B. Drogen oder gewisse magische Techniken.
Beides mag in gewissen Fällen als Anregung, als Anstoss taugen, um überhaupt
einen Vorgeschmack von anderen Zuständen zu kriegen. Wenn einer das erste
Mal in seinem Leben ein Verbundensein mit andern, auch mit Wildfremden spürt,
wenn er an einer Party ein Ecstasy geschletzt hat, dann kann ihn das durchaus
auf den Geschmack bringen. Aber die Gefahr, dass er dann immer wieder diesen
short-cut nimmt, ist natürlich gross. Genau so ist es mit Magie, die nicht
dem Entwicklungsstand entspricht. Auch die landen meist unsanft wieder auf dem
ganz normalen Boden der 'allgemeinen Schule'.
2.17. Ziel ist die völlige
Freiheit. Diese ist erst in der Einheit möglich.
Um zur Einheit zu gelangen, müssen wir uns aber zuerst von ihr wegbewegen,
der Heimweg in die Einheit, in die Freiheit muss induziert sein durch den Weggang
(Gleichnis vom verlorenen Sohn).
2.18. Einfallsachse der metaphysischen
Freiheit ist die Gegenwart, das Im-Jetzt-Sein, Hilfsmittel ist die Gegensatzvereinigung,
Mittel die Agape.
Alles Gedanken, die ich am Anfang bei der Vorstellung der Minimalration bereits
brachte.
2.19. IM JETZT SEIN entspricht
völligem Gewahrsein, ganzheitlicher Erkenntnis, Einverstandensein mit sich
und der Welt und damit spirituellem GLÜCK.
Es gibt wirklich nur mangelhafte Bilder dafür - aber alle haben ja schon
Ansätze erlebt, die man extrapolieren kann. Der völlig überirdische
Orgasmus auf der Körperebene, die totale Verliebtheit auf der emotionalen
Ebene und das Hochgefühl bei der Entdeckung einer tiefen geistigen Verbundenheit
mit einem andern Wesen. Jetzt pappen Sie das zusammen in ein einziges zeitloses
Alleinheits-Glücksempfinden - aber eben, das gibt einen Brei und das ist
es nicht! Wir kommen hier definitiv an die Grenzen der theoretischen Beschreibbarkeit,
wo der eine sagt, na ja, so ganz von ferne vorstellbar und der andere sagt,
das will ich genauer wissen und der übt dann, praktiziert, trainiert das
halt wie Klavierspielen oder Reiten. Dem einen gelingt es, direkt ins Jetzt
zu tauchen, z.B. in der Meditation, der andere nähert sich ganz unspektakulär
über das achtsame Gewahrsein, zuerst fokussiert auf Wesen oder Dinge, dann
immer losgelöster bis er den paradox klingenden Zustand erreicht, wo er
völlig konzentriert ist, aber nicht mehr auf etwas Bestimmtes fokussiert.
Einem gefühlsstarken Menschen fällt es vielleicht leichter, die Verbundenheit
mit allem in der Natur so stark zu erleben, dass es zu einer ganzheitlichen
Erkenntnis-Erfahrung wird. Der Disziplinierte versucht es ganz pragmatisch mit
dem Einverstandensein mit sich und der Welt, legt alle Widerstände bewusst
ab, die ihn davon fernhalten - und ist dann plötzlich auch am selben Ziel.
Die Wege sind vielfältig und letztlich ist es piepegal, wer wann welchen
beschreitet. Da ist kein Müssen und kein Sollen - es kommen ja sowieso
alle irgendwann mal an.
Und damit wäre der Bogen auch zum Anfang wieder gemacht, zur Minimalration mit dem 'Sowohl-als-Auch' und der Praxisorientierung. Ich hoffe, es ist gelungen, Ihnen zu zeigen, dass das Modell zwar durchaus eine gewisse gedankliche Stringenz hat, dass aber das Gehen des Wegs, das Erleben und nicht das Argumentieren letztlich im Vordergrund stehen.
Als letztes vielleicht ein paar praktische Beurteilungskriterien für den Fall, dass Sie es je mit Leuten zu tun haben, die behaupten, sie seien auf einem spirituellen Weg - und Sie nicht so ganz sicher sind, ob Sie denen das auch wirklich abnehmen sollen:
1. Das Over-all-Kriterium: Wirkt
die Person glücklich?
2. Wertet sie einseitig, wenn ja, wie heftig, wie absolut?
3. Übernimmt sie die Verantwortung für alles, was ihr widerfährt
oder gibt sie noch einen Teil der Schuld für irgendetwas an andere weiter?
4. Will sie die Welt verbessern? Wenn ja: Was passt ihr nicht?
5. Wie fett, wie markant, wie profiliert ist das Ego, das sich euch da präsentiert?
Und falls Sie sich je selbst auf einem solchen Weg wähnen, haben Sie hier die Kriterien für die Selbstbeurteilung zur Hand. Aber - damit meine ich die Anwesenden, die knapp über 20 sind - bitte keine Eile damit!
Ich danke Ihnen.