9.9.10/cam. Es war nicht irgendein wildgewordenes grünes Tierschutzfunditussi in Birkenstöcken und selbstgekardetem Wollschal, sondern der erfahrene CC-Profi Andreas Ostholt, der den Vorfall beobachtete und meldete - mit ebenso wenig Erfolg wie letztes Jahr die langjährige Schweizer Dreisternreiterin Doris Weidmann, die in Cameri beobachtete, wie J.C.G. am Sonntagmorgen sein Pferd spritzte. Sie meldete den Vorfall der Jury - nichts geschah. Beim Vortraben vor dem Springen war G.'s Pferd immer noch lahm - offenbar hatte er sich verwählt oder die Dosis zu tief angesetzt - oder die Verletzung war doch so stark, dass alles Spritzen nichts nützte? Das Schweizer Jurymitglied J.B. schüttelte den Kopf, die italienische Jurypräsidentin K.L., die dem Springreiter G. das Dressurreiten näher gebracht hatte, nickte bei ihrem Schützling überdeutlich und wies den Speaker an 'passed' zu posaunen. Schliesslich war man in Italien und G. reitet trotz des spanisch klingenden Namens für die Tiffosi.
Weitere Geschichtchen gefällig? Wieder mal was von FEI- und Urlevana Tierarzt D.W., der vor nicht allzu langer Zeit in Humlikon als FEI-Tierarzt amtete und gleichzeitig die Tiere der Anwesenden behandelte? Oder eins vom FEI-Tierarzt an der Spring EM in Mannheim? Von einem Schweizer Tierarzt auf die offensichtlich geröteten Beine vieler Pferde hingewiesen, die kurz vor dem Einritt nochmals im Schritt über cavalettihohe Stangen treten und sie berühren müssen (im Galopp vermeiden sie jeglichen Stangenkontakt), und dabei fast den Handstand machen. Antwort: "Ist halt schwierig" und geht ins Cüpli-Zelt...
Oder etwas von Tierarzt L.d.B., der bei charakterlich etwas weniger standfesten Rösselern seit vielen Jahren hochbeliebt ist? Er sass im Gremium, das die neue "Progressive Liste" der FEI zur Wiedereinführung von Schwellenwerten bei verschiedenen Medikamenten vorantrieb - der Bock wurde zum Gärtner. Peinlich war dabei, dass ein gröberer Rechenfehler passierte. Keiner merkte, dass die angegeben Schwellenwerte für ein Schmerzmittel fast in den toxischen Bereich gingen. Sein jetztiger "Arbeitgeber" L.M. von Z. gibt sich dazu her, ein ganzes Magazin mit von hanebüchenem Unsinn strotzenden Doping-Artikeln zu füllen.
Jede Machtposition trägt die Versuchung des Missbrauchs in sich. Wenn in der Pferdeszene dabei nur die Menschen belogen, betrogen, ausgetrickst werden, ist das meines Erachtens sekundär. So ist das ganze Geschrei um parteiisches oder schlicht inkompetentes Dressurrichten für mich nicht der Hauptschauplatz des Engagements für mehr Horsemanship. Selten steht ein Dressurrichter so offen zu seiner Scheuklappen-Richterei wie der Doktor Mletzko in Altensteig. Auf die Frage, wieso der sonst ja brillant reitende Michael Jung nun auch mit dem frechen Nachwuchspferd an der Spitze sei, das sich einige kräftige Patzer im Programm leistete, antwortete er unverblümt: "Das ist ein einheimischer Profi. Der gehört vorne hin!" - Tja, von soviel Protektion durch ihre (hin-)richtenden Landsleute können Helvetier nur träumen...
Fiesheit, Feigheit, Filz, Korruption, Machtgehabe von Menschen wird aber dort für mich inakzeptabel, wo das Pferd zum Leidtragenden wird. Fast jeder aufmerksame und einigermassen sensibilisierte Rösseler könnte haufenweise solche Geschichten erzählen. Unethisches Verhalten dem Pferd gegenüber ist - so die etwas pessimistische Vermutung - eher der Normalfall als die Ausnahme. All die kleinen oder grossen Dreckigkeiten auf den Abreitplätzen. Unvergesslich der mehrfache Schweizermeister J.B., der auf dem unmittelbar neben dem Turnierviereck liegenden Abreitviereck in Frauenfeld kurz vor dem Einreiten eine Diagonale im Mitteltrab reiten will und das Pferd mit Wurgen und Stechen zum Angaloppieren bringt, ihm eine so harte Parade reinhaut, dass das Pferd kerzengerade hochsteigt, eins auf den Arsch kriegt, abgewendet wird und die nächste Diagonale die Beinchen spickt ohne zu Mucken - Minuten später gewinnen die beiden die Dressur und etwas später den x-ten Titel. Darauf angesprochen antworten die Richter, die die Szene bestens beobachten konnten, sie dürften halt nur bewerten, was im Turnierviereck gezeigt werde. Natürlich gibt es inzwischen Abreitplatz-Verantwortliche - aber haben Sie schon jemals einen eingreifen sehen, wenn berühmte Reiter ihre Tiere traktieren? Es braucht eine gehörige Portion Zivilcourage, denn der Schluss, dass ein gewalttätiger Reiter wohl auch nicht zimperlich mit Kritikern umgeht, ist nicht allzu weit hergeholt. Mut, Zivilcourage und insbesondere Einsatz für die Tiere ist eine sehr seltene Eigenschaft. Was nützen all die Offiziellen, die Abreitplatzverantwortlichen, TD's, Jurpräsidenten, Disziplinleiter, Chef Technik und was alles auf den breitformatigen Visitenkärtchen steht, wenn keiner sich traut, auf Mängel hinzuweisen? Im Nachhinein weiss dann jeder, dass der Steilsprung oberhalb der Treppe in Kentucky eine Idiotie war - aber das dem hochdekorierten und entsprechend arroganten Crossbauer VORHER zu sagen, das traute sich offenbar keiner. Daselbe geschieht ständig in der Schweiz. Und wenn einer das Maul aufreisst, weil ein lieber Freund von einem Baum vom Pferd gefegt wird, nur weil die Crossbauer zu schnoddrig oder zu faul waren, die Linie zu ändern, wenn in winzigsten B1-Prüfungen die Hälfte oder mehr der Konkurrenten ausscheiden, wenn in einem Indoor-Training erfahrene Pferde durch ultrakurze Distanzen zum Halten und Ausbrechen gebracht werden und frustriert nach Hause fahren, wenn man nicht locker lässt, darauf hinzuweisen, dass Leute immer noch unbestraft weiter wursteln, die neurektomierte Pferde weiter im Springsport einsetzen und sogar noch teuer verkaufen - dann wird man als Motzer gescholten, wird zur persona non grata, weil man den Frieden - und vor allem die schönen Geldflüsse stört. Wenn weder die Pferdewoche noch der Kavallo sich zum Fall Ulevana äussern, so hat dies wohl mehr mit Feigheit als mit journalistischer Geradlinigkeit zu tun. Über den Fall Bodenmüller wird mit Genuss geschrieben, auch lange vor der Verurteilung - wahrscheinlich weil da weniger auf dem Spiel steht, als wenn man sich mit dem Stall Gehrimoos anlegt, der dem Maurice Lacroix-Boss Peter Brunner gehört, wo die Crème de la crème des Zürcher Finanzadels und Alt-Tennisstars in Pension sind, und mit dem immer noch amtierenden Verbandsgerichtspräsidenten Lucas Anderes. Dieser faule Frieden ist es aber - so meine Überzeugung - nicht wert, geschützt zu werden und ich werde zumindest auf den mir zugänglichen Kanälen nicht ablassen, den Finger auf die Wunden zu legen, wo es um das Wohl der Pferde geht.
Am kommenden Dienstag habe ich Gelegenheit, mich mit SVPS-Präsident Charles Trolliet (der gleichzeitig Präsident der Gesellschaft Schweizer Tierärzte ist), mit Verbandsgerichtspräsident Lucas Anderes und dem Verbandssekretär Alain Guillet über solche Fragen zu unterhalten. Dabei geht es mir nicht nur um Vergangenheitsbewältigung, sondern hauptsächlich um die Zukunft. Konkret: Wenn es kein Problem ist, dass Lucas Anderes das juristische Gewissen des Verbandes spielt und daneben als Anwalt Tiermissbraucher vertritt, dann könnte doch auch ein Tierarzt wie Daniel Weiss die Doppelfunktion einnehmen, die zurzeit Charles Trolliet innehat? Ist ein Verbandssekretär tragbar, der durch Nichtinformation des Präsidenten die Fristverpassung - bewusst oder unbewusst? - zu verantworten hat, die dazu führt, dass ein zivilrechtlich wegen Verstosses gegen das Tierschutzgesetz Bestrafter verbandsrechtlich nicht mehr belangt werden kann? Mit welchen Massnahmen wird in der Schweiz Art. 142 des FEI GR Nachachtung verschafft, wo es heisst, 'abuse of the horse' könne 'at any time' geahndet werden? Und letztlich ganz allgemein: Was für Massnahmen sind geplant, um ein Absinken des Pferdesports auf das Niveau des Radrennsports zu vermeiden - falls es nicht schon geschehen ist?
Ich bin bestimmt nicht der einzige, der Vergleiche zum Radrennsport anstellt. Tierarzt Reto Stump schreibt in einem Brief an Leo de Bakker und Leon Melchior: "Die FEI sollte nicht weiterhin die gleichen Fehler wie die Velorennfahrer-Verbände bezüglich Doping-/Manipulationsbekämpfung machen. Die Situation dort ist selbstredend. Ich befürchte allerdings, dass es im Pferdesport bereits zu spät ist und das schlechte Image des Pferdesports in der breiten Oeffentlichkeit bleibt. Der Machtwechsel an der FEI-Spitze hat u.a. auch eine Veränderung zur Einstellung gegenüber dem Pferd als Individuum nach sich gezogen (vgl. die sehr hohe Anzahl positiver Dopingtests in arabischen Ländern)."
Mir persönlich ist sowohl das Image des Radrennsports wie die Gefahr der Doperei für die Rennfahrer ziemlich egal. Es gehört für mich zur Freiheit des mündigen Menschen, sich selbst zu schädigen, sei es durch Nichteinhalten von Regeln, durch physische, psychische Leiden, die sich einer durch die Doperei zufügt oder durch den Imageschaden, den er erleidet, wenn das Ganze auffliegt. Aber bei uns ist ein Lebewesen involviert, das nicht darüber entscheiden kann, ob es diese Risiken eingehen will oder nicht. Hier beginnt Horsemanship: bei all den Versuchen, zu ergründen, was Pferden allgemein und unserem Pferd im Speziellen zumutbar ist, was sie selbst auch wollen würden, wenn wir sie fragen könnten.
Auch wenn das allen naturfernen Bürogummi-Philosophen und sonstigen Nicht-Rösselern fremd ist und sie es als Vermenschlichung, als Anthropomorphismus verunglimpfen, wenn wir behaupten, wir könnten durchaus mit Tieren in einen Dialog treten - ich bin überzeugt, dass auch der kälteste und rationalste Rösseler in vielen Fällen genau weiss, was ihm sein Pferd mitteilen will. Man muss sich halt schon die Mühe nehmen und die Kommunikationsmittel des Tieres und die wichtigsten Teile seines Vokabulars kennenlernen. Und weil das ein klein wenig anspruchsvoller ist, als eine Boulevardzeitung zu lesen, dauert das Erlernen nur schon der Pferdesprache in der Regel bis zum letzten Atemzug eines Rösselers - und ist auch dann nicht abgeschlossen. Aber es ist ungemein reizvoll, die gewaltig grosse Palette von nichtverbalen Ausdrucksmöglichkeiten des Pferdes zu studieren und interpretieren zu lernen: Augenausdruck, Haltungen, Bewegungen, Ohrenspiel, Laute, Düfte, die Farbe, Geruch und Konsistenz des Fells, aber auch der Ausscheidungen, dann alles Haptische, die ertastbaren Unterschiede der Spannungszustände der Muskulatur, der Haut - all das spricht Bände. Aber nur für den, der Pferdesprache zu lesen weiss. Und über all diese Dialog-Kanäle spricht das Pferd auch zu uns, wenn es um Doping geht. Ich versuche deshalb, zwischen chemischen und physikalischen Eingriffen, die 'nur' Regelverstösse sind, dem Wohlbefinden des Pferdes aber dienlich sein können, und solchen, die belegbar schädigend sind für das Pferd, zu unterscheiden. Wohl wissend, dass es dazwischen eine grosse Grauzone gibt, bei der der Eindruck der Schädigung subjektiv bleibt. Denn wenn wir gegen eine Regel verstossen, die dem Einzelfall nicht immer gerecht werden kann und die sogar das Wohlbefinden des Tieres nachhaltig verbessert, so schädigen wir uns höchstens selbst, wenn der Regelverstoss ruchbar wird und wir dafür belangt werden. Im andern Fall haben wir bewusst ein Pferd geschädigt, vielleicht sogar mutwillig seine Lebenszeit verkürzt.
Wenn wir uns bemühen in unserem Rösseler-Alltag, nach bestem Wissen und Gewissen insbesondere die potenziell unsere Pferde physisch oder psychisch schädigenden Verhaltensweisen zu minimieren oder im Idealfall ganz zu eliminieren, haben wir schon Beachtliches für das Wohl unserer vierbeinigen Partner getan. Und ich glaube durchaus auch an die spezial- und generalpräventive Wirkung der Sichtbarmachung von in unserer Sicht unethischem Verhalten anderer, wie es Heinz Giesswein, Reto Stump, Hanspeter Meier und viele weitere engagierte Rösseler immer wieder tun. Es geht dabei um ein höheres Ziel als dasjenige, andere lehrer- oder gar pharisäerhaft zu tadeln. Es geht darum, den Wandel in der Haltung dem Tier gegenüber mitzugestalten - bei mir mit dem fernen, vielleicht naiv klingenden Ziel, Darwins arrogante Evolutionspyramide flach zu legen. Dann wird die Vielfalt der Erdenbewohner zu einem faszinierenden Nebeneinander und Miteinander, bei dem die Unterschiede zwischen all den Lebewesen weder zu einem Besser-Schlechter-System führen, noch eingeebnet werden.

...für alle, die meinen, das Foto zeige grün-alternativen Freizeithobbytussi-Kitsch: die abgebildete Deborah Schaad hat mit ihrem 27-jährigen Pony Spring-, Dressur-, Vielseitigkeit-, Distanz-, Horseathlonprüfungen gewonnen - und nebenbei auch noch den Contest 'Du und dein Pferd' anlässlich der Equitana in Essen, wo sich fast 500 Konkurrenten in praktischem Horsemanship massen. Ohne Zaum und Sattel und von planschenden und kläffenden Hunden begleitet in die Töss zu steigen, ist nur einer von vielen Vertrauensbeweisen, die Slevi seiner Horsewoman täglich gibt.