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Warum Sam und Lucca herumgeschubst werden
12.11.10/cam. Zugegeben, es ist nicht einfach, bedeutungslos zu sein und dies auch noch zu wissen. In einer exhibitionistischen Zeit, wo jeder sich ohne grossen Aufwand in den neuen Medien präsentieren kann, leidet der oder die Bedeutungslose besonders schwere Qualen. Die Versuchung, wenigstens negative Bedeutung zu erlangen, ist so alt wie die Menschheit, ja man könnte mit guten Gründen argumentieren, die Bedeutungsgeilheit, das suchtartig anmutende Streben nach wie auch immer gearteter Bekanntheit, das Bedürfnis, in aller Leute Mund zu sein, gehöre zu den Eigenschaften, die den Übergang von mit solchen Zwängen unbelasteten Primaten zu den Menschen markieren. Denn das augenfälligste Mittel, um Bedeutung à tout prix zu erlangen, ist Gewaltanwendung, die nur noch diesem Zweck dient und nicht etwa wie bei den Tieren der Ernährung oder der Fortpflanzung. Der Mensch zeichnet sich aber gerade dadurch aus, dass er gegen alle und alles, insbesondere auch gegen die eigene Art, Gewalt anwendet, die nur die Bedeutung des Gewaltanwenders unterstreichen soll. Und die Menschen sind fasziniert von der Gewalt, bewundern durch Gewalt errungene Macht bis zum Kniefall, wie er alljährlich im Forbes-Magazin zelebriert wird, das die 'Mächtigsten' bzw. die Gewalttätigsten dieser Welt in eine Rangreihenfolge stellt.
Sam...
Aber auch in der kleinen Welt unseres Sports lässt sich beobachten, wie die Frustration über die eigene Bedeutungslosigkeit hässliche Blüten treibt. So zum Beispiel die Besitzerin des Weltmeisterpferdes Sam, die alles daran setzt, zur bestgehassten Person der CC-Szene zu avancieren mit ihren dümmlichen Nacht- und Nebelaktionen und ihrer kaum übertünchten Geldgier, die eigentlich nur eines zeigt: dass sie keine Horsewoman ist, dass ihr das Wohl des Pferdes piepegal ist, dass es ihr nur um sich selbst, um den kläglichen Versuch, wenn nicht Ruhm durch Leistung, so wenigstens Bekanntheit durch Ekelhaftigkeit zu erlangen. Manchmal wünschte man sich, Pferde würden nicht alles so grosszügig und verzeihend hinnehmen, was Menschen mit ihnen anstellen. Ja ich habe mich schon erwischt, dass ich mit ein ganz kleines Trittchen oder Bisschen gegen so popelige Menschen richtiggehend gewünscht habe...
...und Lucca
Etwas komplexer und fast noch widerwärtiger scheint mir das Theater um das CC-Pferd Lucca zu sein, den die aktuelle Schweizermeisterin mit nach Cameri nehmen wollte, aber schlicht nicht aus der mit Ketten verschlossenen Boxe im Stall ihres Papas nehmen konnte. Dass die junge starke Frau dann hingeht und mit ihrem Spitzenpferd selbigen Orts die Dreisternprüfung gewinnt, spricht für sie und ihre Konzentrationsfähgikeit. Das Gerangel um die Besitzverhältnisse innerhalb der Familie hat inzwischen paranoide Züge angenommen. Mangels Beweisbarkeit der wahren Eigentumslage bleibt das Pferd in Papas Stall, der Bruder jagt die Schwester vom Hof, weil sie Hofverbot habe usw. Sich mit Gewalt auch gegen die eigenen Kinder bzw. Geschwister durchsetzen, ein Pferd von seiner erfolgreichen und mit ihm harmonierenden Reiterin trennen - auch das triste Beispiele von einer so grossen Abwesenheit von Horsemanship, dass es den Fall Karioka als Beleg dafür gar nicht mehr bräuchte.
Herostratischer Ruhm
Der Hirte Herostratos zündete im Jahr 356 vor Christus den Artemistempel in Ephesos an, in dem sich die grösste Bibiliothek der damaligen Zeit befand. Peter Maiwald resumiert die Geschichte folgendermassen:
Nichts war ich. Gelegentlich
ließ man mich die Ställe
säubern oder Körbe schleppen
auf dem Markt. Da verbrannte
ich, was sie so sehr liebten
ihr Wissen und ihr Unwissen
über mich, die ganze Bibliothek
von Ephesos. Seitdem bin ich.
Wer sich bedeutungslos fühlt und nicht fähig oder willens ist, sich über liebende Verbindungen zu irgendwelchen Wesen oder Dingen zu erweitern, dem bleibt in der Verzweiflung oft nichts anderes übrig, als sich mit Gewalttaten wenigstens die Zuwendung der andern in Form von Abscheu zu sichern. Das ist in beiden obigen Fällen bestimmt gelungen, aber es wird nicht lange hinhalten. Dann braucht es immer wieder neue Gewaltanwendung als Stimulus für den Bedeutungslosen.
Und der Lösungsansatz?
Die Lösung liegt auf der Hand, ihre Umsetzung ist allerdings sehr anspruchsvoll. Wenn wir den Bedeutungslosen mit Verachtung oder gar Nichtbeachtung strafen, den Gewalttätigen mit Ignoranz, so dreht sich die Spirale weiter und er oder sie greift zu immer drastischeren Mitteln, um sich die so dringend benötigte Beachtung zu verschaffen. Denken wir nur an die Selbstmordattentäter. Es gälte, sich ihnen zuzuwenden, ihnen den Trick mit der Erweiterung des Selbst durch liebende Zuwendung vorzuleben und zu erklären, aber das ist, zugegeben, eine riesige Herausforderung, an der wir immer wieder scheitern - und trotzdem nicht aufgeben sollten.