HIPPO HULDAS KREUZGALOPP

 

Spöttereien zur helvetischen Reit- und Fahrerei

 

von Christoph Meier

 

Achtung: für Fanatiker unerreichbar aufbewahren!

 

 

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Inhaltsverzeichnis

 

1.  Geklonte Begleiter

2.  Bremst die Bremsen

3.  Rassismus ist out

4.  Kinder, Kinder

5.  Huldas Marsch

6.  Hulda plant, Mimo malmt

7.  Die mit den Eseln schwanzt

8.  Klasse?

9.  Würdenträger des Staates

10. Das Fürsorge-Syndrom

11. Das Zeug zum Inselchef

12. Vom Cäsarengefühl

13. Halali

14. Die fremden Federn

15. Ehret das Alter

16. Werdet Hilfspolizisten

17. Hut auf vor dem Fahren

18. Strick um den Hals

19. Leben wie Gott in Frankreich

20. Auf der Erfolgswelle ins neue Jahr

 

 

1.Geklonte Begleiter?

 

Begleitung ist IN! Und was 'in' ist, braucht einen POS - was in diesem Zusammenhang nicht 'Post-operatives Syndrom' und auch nicht 'Prostata-operierter Seniler', sondern 'Point of sale' meint. Verkaufsdrehscheibe für - neuerdings auch im schweizerischen 'TURF' angebotene - BegleiterInnen ist die Begleit-Agentur, die den graumelierten, meist etwas mehr als ihre Jockeys wiegenden Herren im und um den Rennsport die attraktive Begleit-Stute nach gewünschtem Pedigree vermittelt - behufs Anhebung des Ansehens, oder zumindest des Angesehen-Werdens. Abstammung und Leistungsausweis als 2- und 3-Jährige dürfte hier wahrscheinlich weniger interessieren als ein makelloses Gebiss, von einem möglichst Julia-Roberts-ähnlichen Mund in permanentem Lächeln freigegeben, sauber-lackierte Hornteile wie Finger- und Zehennägel, 90-60-90-'Stockmasse' und kontaktfreudiges Gebaren.

 

Eine Schöne am Arm ist halt immer noch das besser sichtbare Status-Symbol als die ewige Rolex am Arm oder der 'Rolls' auf dem fernen Parkplatz - und scheint auf den ersten Blick nicht käuflich erworben. Der berühmte Slogan 'Mich kann man mieten' wird ja nicht allzu plump auf dem eleganten Begleiterinnen-Kostüm prangen.

 

Was will man da moralisieren; im Zeitalter des totalen Dienstleistungsangebots ist dieser Service - verglichen mit gewissen PTT-Nummern - doch von höchster Harmlosigkeit. Und mit etwas Glück und Gen-Technologie sogar ausbaubar: vielleicht lässt sich in nicht allzu ferner Zukunft die ideale Begleiterin klonen? Man stelle sich die angenehmen Nebenerscheinungen vor: z.B. für Eltern und Lehrer dieser neuen Spezies des 'Homo accompagnensis'. Mädchen, die immer lächeln, sich permanent hübsch und sauber halten, Begabung für 'small talk' und Umgangsformen zeigen, nie dumme oder gar kritische Fragen stellen und vor allem: weder Taten noch Aussagen der Autoritätspersonen je in Zweifel ziehen... Oh heile Welt! Welch herrliche Aussichten angesichts der bedrohlich überhand nehmenden Feministinnen mit ihren bemühenden Milchbüchlein-Quotenregelungen. Mit einer Power-Frau à la Christiane Brunner am Regierungs-Drücker müssten solche Begleit-Agenturen wahrscheinlich haargenau gleich viele männliche wie weibliche BegleiterInnen vermitteln.

 

Aber wieso eigentlich nicht? So "Mr Thatcher's" müssten sich auch irgendwie züchten lassen. Und wenn unsere teilweise doch recht verbissenen und verkniffenen Amazonen sich mit jung-knusprig-schön-harmlosen Denim-Männern im Stile von Club-Méditerrané-Animatoren schmücken würden, statt mit bärbeissigen Trainern, zahlungsmüden Sponsoren und frustrierten Ehemännern, so hätten es unsere Hippo-Fotografen auch ein bisschen leichter...

 

 

 

2. BREMST DIE BREMSEN !!!

 

Vergnügt lenkt Hulda ihren geliebten Braunen vom Stall weg in die klirrende Mittagshitze - ihr kann ja nichts passieren, soeben hat sie ihren Vierbeiner mit dem absolut neusten Anti-Insekten-Hit eingeschmiert. Auf der Flasche steht klar und deutlich: "Garantiert vier Wochen Schutz vor lästigen Insekten". Und sie ist ja schon überglücklich mit einem unbeschwerten Zwei-Stunden-Ritt durch Feld und Wald.

 

"He, Du willst wohl die alte Dame ins Gebüsch setzen?" braust Hulda ihren wildgewordenen Wallach an, der seine doch recht voluminöse Hinterhand bockenderweise in die Luft wirft, fast als würde ihn....doch weil nicht sein kann, was nicht sein darf - schon gar nicht nach zwei Minuten, verwirft Hulda sofort wieder den ketzerischen Gedanken, ein 'lästiges Insekt' könnte irgendwo in der Kausalkette hinter dem Bocken mit dabei sein. Noch während sie all ihre Kopfrechen-Fähigkeiten zusammenklaubt, um herauszufinden, der wievielte Teil von vier Wochen zwei Minuten wären, fühlt sie sich schon wieder unsanft aus dem Sattel Richtung Baumkronen gehoben, kann sich mit letzter Kraft und langjähriger Übung vom etwas unbequemen Widerrist-Sitz wieder in die herrliche alte Geländepfanne hieven, um mit ungläubigem Entsetzen das 'corpus delicti', eine ausgewachsene Rossbremse vom Typ 'Bös aber träg' in Saugposition auf der schönen, runden Kruppe ihres Gefährten zu entdecken - und zwar unanständigerweise mitten auf einem noch insektenmittel-nassen Fleck. Ohne lange ihrem Fenster-platz im Himmel nachzutrauern, wird Hulda zur überzeugten Mörderin aus Absicht: mit wütender Lust zermalmt sie das Biest und freut sich über ihre eigene Beweglichkeit. "Das war ja fast wie die Voltige-Übungen früher..." murmelt sie anerkennend zu sich selbst.

 

Doch ihre selbstgefällige Freude ist von kurzer Dauer. Wie die "Patrouille Suisse" nach einem guten Briefing stürzt sich eine Horde blutgieriger Bremsen des kleineren Typs (Marke 'strohdumm, aber selten allein') in gepflegtestem Staffelflug auf die breite Brust ihres geplagten Tieres, um sich - vielleicht doch nicht so dumm - gerade dort zwischen den Vorderbeinen niederzulassen, wo weder der grosse Irländer-Schädel noch Huldas blutverschmierte Hand hinkommen. Mit einem Hulda eigentlich nicht würdigen Kraftausdruck, den zu kolportieren uns der journalistische Ehrenkodex verbietet, zwackt die immer dynamischer werdende Reiterin einen reich belaubten Haselnuss-Zweig vom nächsten Strauch und beginnt, damit wild um sich zu schlagen. Jeder eidgenössische Fahnenschwinger wäre vor Neid erblasst, hätte er Huldas kunstvolle Arbeit gesehen: auf beiden Seiten (fast) gleichzeitig (fast) jede Körperstelle des entnervt bockenden Untersatzes zu bewedeln, das grenzt an eine akrobatische Top-Leistung!

 

 

Langsam macht sich bei Hulda hinten rechts auf der Höhe der Gesässtasche ein schleichender Schmerz bemerkbar - dort, wo ihr kleines Portemonnaie sitzt. Die 'Schon-Wieder-50Franken-Für-Ein-Insektenmittel' tun weh. "Pah, vier Wochen! Gut, andere sind bescheidener und garantieren mehrere Tage oder Stunden - aber mehr als zwei Minuten hat noch keines geholfen." Hulda weiss, dass 'Werbung' fast ein Synonym für 'Lüge' ist, aber ob man wirklich so dick auftragen darf? Soweit die Haselnuss-Akrobatik es zulässt, gibt sie sich dem Tagtraum hin, wie es wäre, wenn man all diese Hersteller mit ihren erstunkenen und erlogenen Garantien einklagen würde; wenn man sie - Hulda erschrickt ob ihrer eigenen Bösartigkeit - wenn man also diese Produzenten behufs der Beweisführung der Anklage in einen Raum mit hunderten von stechenden Insekten aller Art sperren würde und jeder hätte eine Flasche seines eigenen Produktes zu seinem Schutz dabei - und sie würde genüsslich durch eine Glasscheibe schauen, wie die krawattierten Herren um sich schlüch! Beschämt verwirft sie solch inhumane Phantasien und widmet sich konzentriert wieder dem Mord und Doppelmord: ja drei auf einen Streich hat sie schon erwischt - immerhin, sie ist schon beinahe das tapfere Schneiderlein, und der Ausritt war zumindest vom gymnastisch-athletischen her durchaus attraktiv...

 

Beim Abwaschen der Blutspuren im heimischen Stall erinnert sich Hulda an ihre Freundin Otilie, die behauptete, das allertollste aller Anti-Insektenmittel zu besitzen: eines, das nicht nur nichts nützenichts nütze wie alle andern, sondern die Insekten sogar aktiv anziehe, sie habe den Doppel-Blindtest an mehreren Pferden gemacht! Vielleicht - sinniert Hulda - hat sie mit ihrer untrüglichen Nase für das Beste (und Teuerste!) diesmal Oti's Branchen-Leader erwischt...

 

 

3. RASSISMUS IST OUT!

 

Sie kennen sie sicher auch, die CH-Fanatiker mit dem CH-Wappen allüberall: vom Anhänger über Schabracke und Kittel bis zur adrett bestickten Unterhose. Die glühenden CH-Verfechter, die nur CH-Pferde in CH-Prüfungen reiten, deren Horizont nicht über CH-Promotion hinausreicht, die stolz mitteilen, ihr 'CH' sei dreifach in-gezogen auf CH-Hengst 'Rütlischwur', eine Kopie des heiligen rosa Abstammungsscheins immer bei der Hand...

 

(Man stelle sich vor, wir würden - Gentech macht's möglich - senkrechte CH-Bürger züchten, dreifach in-gezogen auf unseren beliebtesten Volkstribunen oder den Nie-Auschwitzenden aus Heil-Hallau...)

 

Fanatiker sind immer triste Zeitgenossen und letztlich unsäglich langweilig, weil man immer zum voraus weiss, was sie sagen oder denken (sofern ihnen letzteres überhaupt vergönnt ist...). Die total-wurstige, schlapp-depressive Gleichgültigkeit allem und jedem gegenüber ist die nicht minder öde Kehrseite der gleichen Medaille. Der ausbalancierende Mittelweg liegt im liebevollen  Sich-Einbringen in sein Wirken, mit Engagement und Freude, aber ohne Absolutheitsanspruch - und ist gerade darum so furchtbar anspruchsvoll. Die Absturzgefahr ist auf dem Mittelweg gross; einseitig und extrem sein ist soo er. Beim dieser Tage vieldiskutierten Thema Rassismus sind fast nur noch die Extreme anzutreffen. Oder melden sich vielleicht nur die zu Wort?

 

"Kein Wort gegen Westfalen-Pferde, sonst ist der Abend im Eimer, Tante Schroeder ist völlig angefressen..." und so weiter. Nach der Sektenbildung mit Missionstätigkeit, z.B. Gründung eines rührig-aktiven Clubs der Freunde des Fjord-Pferdes, der bei den Haflinger-Fans Mitglieder abwirbt, kommt schon bald die Eskalation zum offenen Verbalkrieg ("Das kirgisische Schwerblut war schon immer stärker als die blöden Normänner...") und dann ist's noch ein kitzekleiner Schritt vom Schrift-Druck bis zum Ausdruck der eigenen Überzeugung mit Fäusten und Nachdruck.

 

Nehmen wir doch - in dubio pro reo - einmal an, die Schweiz habe einen tollen Pferdezuchtverband, der weder fanatisch noch gleichgültig, sondern liebevoll die CH-Pferdezucht fördert, ja erst eigentlich auf die Beine stellt. Nun ist aber das einzige, was Aussenstehende vom schweizerischen Pferdezuchtverband wissen, die Tatsache, dass die seit Jahren immer Krach haben, und zwar nicht im Sinne demokratischer Meinungsvielfalt, sondern unkultivierten Zoff und Stunk. Die Apparatschiks und Funktionäre sitzen auf Schleudersesseln und regieren in ihren kurzen Amtszeiten wild an den Bedürfnissen ihrer Schäfchen vorbei - und jetzt steigt dann noch der verarmende Bund aus...

Herrlich, wenn statt Subventiönchen wieder die Kräfte des Marktes die zu züchtende Qualität bestimmen. Merkwürdigerweise gibt es in der Schweiz Züchter, die sogar Weltklassepferde herausbringen ohne zu Jammern und die hohle Hand zu machen...

 

 

Nun haben ausländische Pferdezuchtverbände wenigstens Tradition und eine nicht zu unterschätzende marktwirtschaftliche Bedeutung. Vor 50 Jahren konnte ein Pferdekenner einen Hannoveraner und einen Franzosen noch recht treffsicher unterscheiden, aber den 'CH'? Den gab und gibt es nicht; die andern gibt's auch immer weniger, aber es gab sie wenigstens mal.

 

Ist der ketzerische Gedanke erlaubt, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn man all das CH-Geschrei begraben würde, wenn man dazu stehen würde, dass wir weder Zucht-Tradition noch realistische Zuchtziele haben. Wenn wir zugeben würden, dass das Markenzeichen des in der Schweiz aufwachsenden Fohlens die schlechteren Auf-zuchtbedingungen sind: weniger Platz, schlechtere Böden, schlechteres Klima, weniger Fachkräfte - und trotzdem viel, viel teurer.

 

Aus dieser Einsicht könnten wir auch die Kontingentierung fallen lassen, diese verzweifelte, anachronistische Massnahme, die genau das Gegenteil der erwünschten Wirkung erzielt: statt Rang und Ansehen des CH-Pferdes zu fördern, wird es zur Zweitklass-Ware, vom Händler nur erworben, um mehr ausländische Pferde importieren zu können. Dies geht soweit, dass die CH's nicht nur teilweise unter ihrem Wert gehandelt werden - weil's ja nur CH's sind, nur 'Mittel-Zum-Zweck'-Tiere, sondern dass man sich in Händlerkreisen gar bass erstaunt gibt, wenn mal ein Guter drunter ist.

 

Im Zeitalter des internationalen Zusammenrückens und der künst-lichen Besamung über Kontinente hinweg mit frisch-fröhlichem Kreuzen aller Rassen, ist doch dieses protektionistische, kleinkarierte Schützen und Bewahren von etwas, das es gar nicht gibt, völlig lächerlich. Oder gibt es etwa den 'CH'? - Hulda hatte einmal die Ehre, einem unterzwischen kläglich abgestürzten, mit hinreissendem Ungeschick agierenden Verbandsoberen des schweizerischen Pferdezuchtverbandes über die Schulter zu schauen, als er ziemlich hilflos das Ziel schweizerischer Zuchtbemühungen zu formulieren suchte. Leere Worthülsen wie 'das vielseitig einsetzbare Sportpferd', in die fast sämtliche Zuchtziele vom Nord- bis zum Südpol hineinpassen. Lohnt sich denn das Theater, die ganzen ohnmächtigen Profilierungsversuche, wenn doch das einzig Profilierende, der einzige Unterschied zu allen anderen Pferden im Ort der Geburt liegt: "Der 'CH' ist ein Pferd, das in CH geboren wurde." Damit hat sich's. Machen wir doch aus der Not eine Tugend. Wie mit unseren guten Diensten zur Völkerverständigung in Genf. Wir könnten doch als Know-How-Drehscheibe, als Daten-Zentrum für internationale Zuchtbemühungen fungieren, unseren Ordnungssinn und unser administratives Potential einsetzen für die Annäherung der grossen Zuchtverbände und den Abbau ausländischer Rassismen. Dies wäre sinnvoll und glaubhaft, gerade weil wir kein Zuchtland sind. Wir könnten die vielfältige Zucht des eurasischen US-Australiers fördern, frei von Chauvinismus, Nationalismus und Rassismus - und wären damit sogar Wegbereiter für ähnliche Bestrebungen im Human-Bereich. Rassismus ist out! Nur die Ewig-Gestrigen klammern sich noch dran: Adolf lässt grüssen.

 

 

4. kinder, Kinder...

 

Gibt es etwas Schöneres als Eltern, die ihre Kinder in ihrem selbstgewählten Tun mit voller Kraft unterstützen - rhetorische Frage; wohl kaum, ausser es handle sich um kriminelles Tun, und darunter fällt der Reitsport ja nur bei ganz wenigen, fanatischen "Tier-Schützern".

 

Neiderfüllt sehe ich die chromblitzenden 'Cherokees' mit den topmodernsten 'Böckmanns' im Schlepp anrollen. Papi führt den bis zu den Ohren in familien-farbene Schutzhüllen verpackten Crack im Ankaufswert eines mittleren Einfamilienhauses behutsam aus dem Hänger, die wohlbesorgte Mutti eilt bereits mit dem goldbeschnallten Zaumzeug herbei - derweil Bubi im weissen Dress noch ein paar Runden mit dem 21-gängigen Mountain-Bike dreht bzw. Töchterchen zum x-ten Mal 'lip-gloss' aufträgt und den Sitz des perlen-besetzten Haarnetzes prüft.

 

Leicht mit dem Schicksal hadernd denke ich dann an meinen Vater - und an meinen Sohn! - die beide mit derselben japanisch-chinesischen, ausgesuchten Höflichkeit ein- bis zweimal jährlich einen Papiersack mit getrocknetem Brot in unseren Stall stellen. Ab und zu - wohl um mir eine besondere Freude zu machen - strecken sie den komischen, grossen Tieren unter Überwindung aller unangenehmen Gefühle und Wahrung grösstmöglicher Distanz mit flach verspannter Hand so ein Brotstück hin und sind froh, wenn sie nach dieser Mutprobe noch alle Finger an der Hand vorfinden. Dass sie dabei meinen bildschönen, sporterprobten, irischen Vollblüter mit dem massigen Friesen-Pensionär verwechseln - darüber kann ich in solchen Glücksmomenten grosszügig hinwegsehen.

 

Zugegeben, die Familien-Unterstützung kann auch ins Leid führen, beiderseitig, notabene. Vor allem dann, wenn elterlicherseits hinter dem ganzen Engagement die Einstellung steckt: 'Meine Kinder sollen es leichter haben als ich - und sie sollen es vor allem weiter bringen als ich'. Dies führt zu den bekannten Bildern, die - wären sie nicht zum Heulen - zum Lachen reizen. All die fettleibigen, schieläugigen, mutlosen oder aus tausend anderen Gründen selbst im Reitsport nie Erfolgreichen, die ihre Kids sozusagen als verlängerte Arme zur Erfüllung eigener unerfüllter Wünsche missbrauchen - Eignung bzw. Freude der zwangsweise Geförderten hin oder her: "Wenn wir Dir schon alles ermöglichen, hast Du gefälligst zu reiten und Erfolg zu haben - andere wären froh..."

 

Frust aber auch bei den Eltern, die bewusst Kinder fördern, die Freude und Talent mitbringen, denen aber einfach der letzte 'Biss' fehlt, dieses 'angefressene' Engagement weniger unterstützter Jugendlicher, die Beseeltheit vom Wunsch, nur schon auf einem Pferd sitzen zu dürfen, geschweige denn zu galoppieren oder über einen Baumstamm zu hüpfen. Diese glühende Pferde-Verrücktheit, die zu schier unglaublicher Anstrengung und erstaunlichstem Verzicht treibt: locker werden Ferien am Meer, Disco, Faulenzen und hundert andere Vergnügungen hingegeben, um dafür beim Bauern den alten Freiberger auszumisten, zu pflegen und spazierenzureiten. - Das ist kein - oder nicht nur - nostalgischer Kitsch! Das gibt's auch im Gameboy-Zeitalter noch (oder erst recht wieder?).

 

Funktionieren tut's in aller Regel dort mit der Familien-Unterstützung, wo sie eigentlich gar keine bewusste, direkte ist, wo die Kinder einfach von der Begeisterung - und vielleicht auch vom Erfolg - der Eltern angesteckt werden, wo sie sehen, dass diese glücklich und erfüllt sind in ihrer Tätigkeit, wo sie von sich aus dasselbe ausprobieren wollen, um auch mal so strahlen zu können wie Mami nach dem Grand-Prix oder Papi nach dem Cross...(oder umgekehrt, ihr lieben Feministinnen und Quoten-Regler!).

 

Ich kenne ein Musiker-Ehepaar, dessen fünf Kinder alle auch Berufsmusiker wurden, weder krampfhaft unterstützt noch gedrängt - einfach, weil es anscheinend so riesig Freude macht, Musiker zu sein.

 

 

5. HULDAS Marsch!

 

Keine Angst, es ist nicht der 'Marsch durch die Institutionen' gemeint - der würde Hulda's Lebenserwartung jahremässig wahrscheinlich um ein Vielfaches übersteigen - nur schon der Gedanke daran lässt mich erschauern: als 'Don Quichottina' im einsamen Kampf mit dem abgewetzten, verbalen Schwert gegen knarrende Tretmühlen, eingerostete 'Tinguély's', verstopfte Informationskanäle und verkrustete Apparatschiks - auch mit den grössten Fischer-Stiefeln würde Hulda hoffnungslos im Sumpf steckenbleiben - oder, noch schlimmer - durch den schleichenden Identitätsverlust auf dem langen Marsch durch alle Kommissiönli, Vorstände und Funktionärsposten könnte Hulda selbst zur pfründeverteidigenden, visionslosen Sesselkleberin verkommen...

Nein, es geht um einen andern Marsch, der mir geblasen wird von meinem Reitverein - für langjährige, treue Dienste, nehm' ich an. Ist doch schön, oder? In einer Zeit des Sinn- und Wertverlusts, wo Traditionen kaum mehr etwas gelten, wo Funktionalität und Effizienz über alles, emotionale, ja halt vielleicht auch pathetische Sitten und Gebräuche hingegen verloren gehen, wo nur noch ein paar wenige Heimweh-Kavalleristen die alten Dragonerlieder über die erste Strophe hinaus kennen, da ist es doch mutig, wenn der eine Verband dem andern eine Tradition abguckt und auch ein frohgemutes Schiessen einführt - es wird ja viel zuwenig geschossen heutzutage. Und was ein rechtes Ehrenmitglied ist, spendiert auch mal eine neue Fahne, und die will eingeweiht sein - und ist man ein Verband, was notabene etwas viel Feisseres ist als ein Verein, nämlich so etwas wie ein Oberverein, der die Untervereine umfasst und dann in einem noch dickeren Supra-Verein mit anderen Obervereinen dem Vorstand des Supra-Vereins sagt, was im Vorstand des Obervereins übriggeblieben ist von den Anliegen der Vereine, deren Vorstände ja vorher dem Vorstand des Obervereins mitteilten, was sie noch vorherer von den Anliegen ihrer Vereinsmitglieder als von Belang eingestuft hatten, so dass ganz klar ist, dass der Vorstand des Supra-Vereins ohne Zeitverzug und kunden- bzw. mitgliedergerecht auf die selbstverständlich völlig unverfälscht bei ihm ankommenden Anliegen der Vereinsmitglieder eingehen kann (ersparen wir uns die Ausweitung auf den über dem Supra-Verein stehenden Landesverband und das über dem Landesverband stehende Bundesamt und...) ist man also ein Verband, so reicht natürlich eine Fahne nicht, da muss ein Marsch her.

 

Diese eigentlich ganz einfache Ma(r)schinerie kommt in Gang mit den Vereins-Generalversammlungen. Und jetzt kommt sie ja wieder, die Zeit, wo man sich trifft, seit Jahren immer am fünften Samstag im Novembruar im Säli des Restaurants 'Kröte', wenn der rührige Vereins-Presi laut, aber sprachlich unbeholfen in seinem Jahres-bericht den Jahresbericht des Vorjahres erwähnt, in welchem natür-lich der Jahresbericht des Vorvorjahres resümiert ist und in jenem wiederum der Bericht des... - wie bei den berühmten russischen Marijuschka-Puppen, in denen sich immer wieder eine kleinere, aber ansonsten haargenau gleiche Puppe verbirgt.

 

Oder die rituellen Floskeln wie: 'Ich stelle fest, dass die Einladungen rechtzeitig verschickt wurden...' - das einzige, was regelmässig nicht recht-zeitig kommt, ist das Ende des offiziellen Teils: wenn endlich alle Verdankungen, Ehrungen und transitorischen Aktiven verbucht und abgesegnet sind (ich weiss heute noch nicht, was diese komischen, mir besonders an Badestränden so verhassten Transistor-Radios mit unserer Vereinskasse zu tun haben, wahrscheinlich so wenig wie der Gladiatoren-Strauss mit meiner Heizung?), wenn zu guter Letzt der Presi erschöpft nach Fragen fragt zum Traktandum 'Varia'- und wehe irgend so ein eifriger Lackaffe setzt sich in Positur und zettelt noch eine Diskussion an zur Namensänderung von 'Kavallerie-' in 'Reitverein Hinteres Würgetal', schliesslich sei es jetzt über 20 Jahre her seit der Abschaffung dieser stolzen Waffe: wehe dem Nestbeschmutzer, dem Schänder, dem zugezogenen Nichtsnutz, und noch mehr wehe, wenn es sich dabei um ein Weibsbild handeln sollte, womöglich mit einem nicht absolut urschweizerischen Familiennamen - wenn auch nur noch ein einsamer Kämpe alle Diamantfeiern überlebt hat und als Ehren-, Frei- und Lebens-zeitmitglied beim Weissen sitzt, dann setzt's was ab, dem oder der vaterlandslosen Taugenichtsin wird der Marsch geblasen - womit wir wieder am Anfang wären. War also nichts mit dem musikalischen Marsch - noch nicht, dazu muss man wahrscheinlich schon fast tot sein. Vielleicht komponier' ich mir selbst einmal den Hulda-Marsch, mit einem Paukensolo für Hannibal...

Übrigens: schade ist nur, wenn vor lauter Weihen, Fahnen und Märschen das Pferd zu kurz kommt - und um das geht es doch eigentlich in den Reitvereinen, oder?

 

 

 

6. HULDA PLAnt DAS NEUE JAHR und Mimo malmt DAS ALTE GRAS

 

Da liegt sie nun. Neu, jungfräulich, rein, unbesudelt. Ihre Leere und Profillosigkeit lässt alles offen - und hoffen. Wobei sich dies nur auf den Inhalt bezieht, denn die Form ist gegeben. Die unerbittlich-unaufhaltsame Zeit prägt sie bis zu den kleinsten Struktur-Einheiten: die neue Agenda. Eingeteilt in Jahresübersicht, Monatsübersichten, Wochen, Tage, Stunden. Der quantitative Raster ist engmaschig und macht aus der Wundertüte, aus dem grossen 'Coup Surprise' eine immens lange, zerstückelte Wurst, deren kleine Tagesportionen, Scheibchen, 'Rädli' leichter bewältigbar, eher verdaulich erscheinen sollen. - Aber die Qualität der Wurst, der Inhalt? Auf den kommt's schliesslich an! Griffel gezückt und losgekritzelt. Ja, den Griffel haben wir ja im Griff, und Papier nimmt alles an. Da wird geplant und notiert, Jahresziele und -höhepunkte werden eingetragen mit Sternchen, Ausrufezeichen und lachenden Strichmännchen. Ich gehe davon aus, dass alle Pferde gesund und glücklich sein werden, Fortschritte machen, friedlich sind untereinander und dass sie harmonieren werden mit ihren Reitern. Vergessen oder verdrängt sind alle Rotläufe, Koliken und Hufabszesse, alle missglückten Vorführungen und bösen Kritiken - ein unverbesserlicher Optimist. Mein Kollege Ruprecht Jammer aus Männerwald sieht das kommende Jahr trister und trägt sorgenschwer seine Pflichten in die schwarz eingefasste Agenda. "Wahrscheinlich läuft auch im neuen Jahr wieder alles schief, unsere Veranstaltung wird wohl wieder im Regen ertrinken, die Sponsoren aus dem Sumpf aussteigen - die Reiter schon gar nicht ein-, und die, die kommen, werden schlechten Sport zeigen, stürzen, sich verletzen, die Medien werden uns einmal mehr beschimpfen, in der Luft zerfetzen, wo wir uns doch in Fronarbeit aufopfern..."

 

Wie auch immer wir dieser Pralinen-Schachtel entgegensehen, mit der Angst vor Gift oder mit der Vorfreude auf Süsses, in beiden Fällen machen wir uns ein Bild, wir malen uns das Kommende aus - und täuschen uns meist, zumindest in den Farben, was dann zur

Ent - Täuschung führt nach gehabter Schlacht. Könnten wir uns dies eigentlich nicht ersparen? Wie wär's denn, wenn wir - anstatt schon wieder einen Schweizer Spring-Europameister zu erwarten oder jetzt schon die nach Wahrscheinlichkeitsrechnung grosse Unwahrscheinlichkeit des Eintritts dieses Ereignisses zu beklagen - wenn wir einfach annehmen würden, was das Leben uns bereithält. Nicht in mutloser Wurstigkeit, aber im Vertrauen darauf, dass das, was uns widerfährt, seine Richtigkeit hat, ob wir's nun gleich begreifen oder nicht.

 

Und jetzt wird's halt doch noch ein bisschen weihnächtlich, auf die Gefahr hin, dass mich sowohl diverse junge Schnösel wie auch einige grantige Gruftis des Kitsches bezichtigen: aber mich beeindruckt eine junge Frau wie die Maria, die sich beugt, sich einverstanden erklärt mit der doch ziemlich belastenden Info von Mr. Gabriel, sie erwarte ein Kind, ein bedeutendes zwar, aber notabene nicht von ihrem Verlobten. Können Sie sich die Reaktion einer modernen, emanzipierten Junglady von heute vorstellen? - Ich schon: "Sorry, Mr. Gabriel, ist ja gut und schön, Ihr Anliegen, aber ich habe im Moment weder Zeit noch Lust für solche Eskapaden.

 

Ich bin in der Weiterbildung und will noch ins Ausland. Kinder sind bei mir frühestens ab 1998 eingeplant - und wenn schon, dann von und mit meinem Partner. Alles klar? - Dann schönen Abend, Mr. Gabriel, hier geht's lang." - Oder der legendäre Hiob, der zu allen Unglücksmeldungen - eben den Hiobs-Botschaften - sein stereotypes "Okay" gab, ohne Bitterkeit und Schuldzuweisungen. - Chapeau!

 

Beim Niederschreiben dieser Zeilen sehe ich durch's Fenster Mimo sein geliebtes Silo-Heu malmen; er hat schon gar nicht das Problem, opti- oder pessimistisch in die Zukunft zu schauen, er ist voll und ganz da, in der Gegenwart. Und plötzlich bin ich mir nicht mehr so ganz sicher, ob da wirklich eine direkte Proportionalität bestehe zwischen der Grösse des Hirns und der Lebensweisheit eines Wesens...Gegenwärtige Weihnachten allerseits.

 

 

 

7. DIE MIT Den eseln schwanzt

 

Sorgfältig breite ich den Gebetsteppich vor der Boxe meines Irländers aus, haargenau Richtung Braunland gerichtet (weil dort wohnt unser Guru!), stelle die Meditationsmusik ein bisschen lauter und entzünde das Räucherstäbchen in der brandsicheren Flasche. Wieviele Tropfen der eigens für uns gemixten Flussblüten-Essenz? - Ich blättere in meinen umfangreichen Kursunterlagen; ja, hier: 7 Tropfen kurz vor Sonnenaufgang (ich wage gar nicht daran zu denken, wie das Problem an einem nebligen Tag gelöst werden muss?) - so, und jetzt ganz zärtlich das 461te Schweifhaar massieren, und dann - sollte sich das Pferd wie von Geisterhand berührt lösen. Mein Ire denkt nicht im Traum daran: er schnaubt wütend, weil ich ihm mit den Flussblütentropfen den Hafergeschmack im Maul versaut habe und schnorchelt gegen die ihm nicht ganz geheure Räucherstäbchen-Flasche - schliesslich kann er sich genau erinnern, wie ich einmal eine im Stall rauchende Pflegerin nett, aber bestimmt die Koffer packen hiess. Auch sonst ist ihm überhaupt nicht nach Entspannung zumute, voller Tatendrang scharrt er dem Futter, der Weide und dem Ausritt entgegen. Was habe ich da wohl wieder falsch gemacht? Ob ich vielleicht doch noch einmal die energetische Imaginationsmethode versuchen sollte? Mit der linken Hand die gute, weisse Energie ins Pferd hineingeben und mit der Rechten das schwarze Böse herausziehen. - Auch nichts! Wahrscheinlich bin ich selbst noch zu wenig weit in meiner karmischen Entwicklung, zu unrein. Am besten lasse ich den Guru 'Der mit den Eseln schwanzt' (oder so ähnlich) persönlich einfliegen. Nur schon seine sonore Stimme und seine Ausstrahlung, sein makelloser Tänzerkörper und sein unverbildet-einfacher Geist - ach, seufz, zumindest ich selbst würde mich unter seinen Händen bestimmt lösen...

Oder vielleicht doch der knorrlige Dr. Tröschti aus dem Berner Oberland mit seiner Intuitiv-Akupunktur und den implantierten Goldkügeli? - Ja, Du mein Trost, wenn ich an die Rechnung denke... Wenn ich aber richtig 'IN' sein möchte, muss ich den französischen Rücken-Knacker haben, oder die Hand-Auf-, -Um und -Anlegerin aus Basel; schliesslich plane ich meine Saison nur noch mit ihrer 'Das-Pferd-Fragen-Und-Dann-Den Arm-Des-Reiters-Runterdrück'-Methode. Und wie wär's, wenn ich die Unterlagen der berühmten Wellington-Bones (nix zu tun mit Knochen im teigigen Umfeld) hervorkramte? Wenn ich ehrlich bin, war ich nämlich nur zu faul für die stundenlange Fingerkuppen-Massage. So viele Wege zum Heil! Verzweifelt stehe ich vor der 30-Quadratmeter-Boxe mit drei Fenstern, schaue hinaus auf die herrlichen Schneeweiden und erwäge zerknirscht, dass ich meinem Pferd ausser täglich mindestens zwei Stunden Reiten, Weidegang mit Kameraden, bestem Futter, gutem Stallklima und viel 'Knuddeln' eigentlich überhaupt nichts zu bieten habe. Und wenn ich bedenke, dass ich noch zu den Hinterwäldlern gehöre, deren Schützling über Sprünge, ja gar ins Wasser hüpfen muss, dass ich auch gerne fliegende Wechsel springe und über Rennbahnhindernisse fetze...Aber dafür kann ich nicht mitreden, wenn sie vom Erfolg mit 'Rolfing' an den hinteren Backenzähnen berichten. Ich sehe die vor Verachtung gekräuselten Lippen der Kolleginnen, deren ganze Saison ausgebucht ist mit Kursen und Seminarien auf dem Weg zum Heil. Ja, zu welchem Heil eigentlich?

 

 

8. KLASSE ?

 

So wie ein rechter Muslim einmal in seinem Leben nach Mekka pilgert, so sollte eine senkrechte Reiterin zum Rittmeister ihrer Wahl wandern und dorten zu Kreuze kriechen. Der schuftende Gatte (bitte nicht verwechseln mit einem begattenden Schuft!) macht's möglich: in dezente Pastellfarben gekleidet, das Weissgoldene diskret unter dem Krokodil-Pullover, lässt man sich vom deutschen Dressur- - oder, je nach Sparte, französischen Spring- bzw. englischen Military-Bereiter zum Kursort chauffieren; noch besser: der Knecht liefert die Pferde an im dunkelblauen Lastwagen mit Holz-Intérieur, die Lady selbst trifft etwas später im Jaguar oder im Sport-Coupé ein, letztere Entscheidung hängt unter anderem vom mitgeführten kynologischen Accessoire ab: der irische Wolfshund bzw. der Greyhound brauchen etwas mehr Platz als die Jack-Rasselbande, dafür machen erstere weniger Champagner-Gläser kaputt.

Nun folgt die Ausrüstungs-Demo: ohne komplettes Doppel-Longier-Equipment à la Cadre-Noir-Bereiter und Buchautor Philipp Karl ist man nicht bei den Leuten. Je nach aktuellem Modetrend und Disziplin muss dann ein Spirig-Dressursattel mit dem goldenen Krönchen, ein Pessoa-Flachsattel oder ein Butet-Cross-Modell auf's teure Tier, selbstverständlich nicht ohne vorher das absolut neueste Gelkissen auf den heiklen Rücken gelegt zu haben (wo doch ein paar Reiter-Pfunde weniger mehr wären...). Wer jetzt nicht Ton-in-Ton mit dem Goldschnallen-Zaum vom 'Pferdeland' aufwarten kann, zieht bereits mitleidvolle Blicke auf sich. Die Schabracken mit Namenszug sind im Fall längst out und wer gar noch einen Sponsoren-Logo auf der Sattelunterlage präsentieren muss, zeigt ja augenkundig, dass er nicht adlig ist, zumindest nicht geld-adlig. Und hier liegt ja letztlich der Hund begraben. Die Jahrhunderte alte Frustration von uns Schweizern, dass wir nie Aristokraten waren - ausser ein paar vernachlässigbaren Berner Patriziern - nährt doch wesentlich unseren Reit-, Golf- und Segelboom. Das dringende Bedürfnis, wenigstens im Gehabe und Getue einen Hauch von 'Haute Volée', einen 'Touch of Class' zu spüren und vor allem: spürbar zu machen!.

Die Frage ist nur, ob Klasse käuflich ist. Das Outfit inklusive 'Pferdematerial' sicherlich - aber das Talent und - noch viel wichtiger - die jahrelange, intensive Arbeit an sich selbst, die dann (im Glücksfall!) zur Klasse führt, ist weder mit Gatte noch mit Schuft zu umgehen. Hier helfen auch die sogenannten Trainer vom Typ 'Club-Méd-Animator' wenig, die ihre Schüler ständig loben - meist ohne überhaupt hinzusehen. Der Eleve zahlt und zahlt - und bleibt stehen. Das einzige, was wechselt, sind die Pferde, und das Geld: von der Tasche des à-tout-prix erfolgheischenden Jüngers in den Beutel des Lehrers bzw. Verkäufers.

Da lob' ich mir so grantige Choleriker wie Altmeister Stahl oder den gefürchteten Reit-Papst Teich, denen es schnorzegal ist, ob sich der oder die Beleidigte wie ein Hase den Berg hinunterstürzt oder gar in die Thur schmeisst: sie sagen ungeschminkt, was sie sehen - und das ist meistens grauenvoll! Natürlich hätten diese Herren wenig Chancen im diplomatischen Dienst, sie zerstören mitunter Träume und bewirken Albträume, aber ab und zu auch Fortschritte: ganz kleine Schrittchen Richtung KLASSE.

 

 

9. WÜRDENTRÄGer des Staates...

 

Standen Sie auch schon ein paar Stunden am Zoll mit unruhig scharrenden Pferden? Versuchten Sie auch schon, einen Strassenverkehrsamts-Beamten für eine flexible Lösung eines banalen Problems zu gewinnen? Oder haben Sie gar schon vom Selbstmord des Beamten gehört, dem die Formulare zum Formulare bestellen ausgegangen waren. Und hätten Sie auch eine Riesenfreude, wenn Ihr Sohn Ihnen mitteilen würde, er wolle Zöllner werden?

 

Nicht? - Die liebenswertesten Menschen in Ihrem Bekanntenkreis sind Beamte? Sie sind selbst...? Dann ist das offensichtlich mein persönliches Problem, das auf der Psychiater-Couch sicher auf ein traumatisches Jugenderlebnis zurückgeführt würde: Mein Onkel musste ein Auto vorführen und ich durfte mit. Als wir uns am Schalter meldeten, stand vor uns ein verwirrter, dunkelhäutiger Mann in der Schlange, der weder deutsch verstand noch die Schalter-Beschriftungen lesen konnte. Er wurde von Schalter zu Schalter geschickt und als wir nach etwa einer Stunde wieder in die Halle kamen, sahen wir ihn aufgelöst am letzten Schalter stranden: anscheinend der richtige, aber da sich der Minutenzeiger der grossen Uhr bereits bedrohlich auf 16 Uhr zubewegte, wurde er vor seiner Nase geschlossen. - Ja und da war doch noch die Geschichte mit der rumänischen Equipe, die zur Junioren-EM Military nach Lausanne wollte. Nach 18 Stunden Fahrt erreichte der Tross den Zoll, alle Papiere waren in Ordnung, es fehlte nur die Einladung des Organisators. Verzweifelt versuchten die Rumänen, den mächtigen Herren vom Zoll zu erklären, dass für eine EM keine Einladungen nötig sind: man ist qualifiziert und damit teilnahme-berechtigt. Es war nichts zu machen - nach stundenlangem Hin und Her fuhren die Rumänen wieder nach Hause, 18 Stunden...

Und da war noch die Story mit dem Zeughäusler, der Helme à tout prix nur dienstags um 10 Uhr rausgeben wollte, wie er meinem Mann mit stoischer Miene eines schönen Dienstags um 11 Uhr erläuterte. 

 

Ich könnte stundenlang weiter erzählen, aber ich weiss, man sollte nicht verallgemeinern, nicht eine ganze Berufsgattung aufgrund einiger Einzelfälle ins schiefe Licht stellen. Mit dieser positiven Grundhaltung fuhr ich vor ein paar Wochen mit Pferden an den österreichischen Zoll in Bregenz, mit der Absicht, nach ein paar Kilometern bei Lindau nach Deutschland einzureisen - nicht ohne vorher telefonisch abgeklärt zu haben, ob ich mit Carnet ATA, FEI-Pässen und bezirks-veterinärisch gleichentags gestempelten Gesundheitsbescheinigungen passieren könne. Mit österreichischem Schmäh wurde mir erklärt, es gehe eben doch nicht, "dea Vettterineeer is baim Schilaufe...", worauf ich - selbstverständlich fröhlich pfeifend und die Aussicht auf den Bodensee geniessend - nach Konstanz ratterte, um dort zu hören, mein Bezirks-Tierarzt hätte auf der Gesundheitsbescheinigung nicht nur eigenhändig unterschreiben, sondern auch eigenhändig das Datum einsetzen müssen, sonst könnte dies ja ein blanko unterschriebenes und gestempeltes Formular sein, sodass ich nach fünfstündiger Irrfahrt wieder zuhause anlangte, ohne einen Fuss auf deutschen Boden gesetzt zu haben.

 

Und als ich vor kurzem gar ohne Carnet, sogenannt 'normal' über den Zoll wollte mit einem jungen Pferd, erlebte ich hautnah den Filz zwischen Zoll und Spediteuren: da werden Formulare verlangt, die mit banalsten Angaben zu versehen sind; die Papiere sind aber absichtlich so verschlüsselt, dass eben nur ein eingeweihter Spediteur sie ausfüllen - und sein Scherflein ans Trockene bringen kann. Herrlich ist aber auch die Verunsicherung der Zoll-Beamten: keine zwei wissen und verlangen dasselbe. Dies kann zweifellos als Chance genutzt werden. Profi-Grenzgänger führen eine Kartei wie Gourmets mit ihren besten Beizen; so ist es für Insider z.B. eine Binsen-Wahrheit: nie über Chiasso...

 

Klar, wir sind ja selbst schuld, dass wir nicht in der EU sind, und es ist auch verständlich, dass all die an anderen Grenzen nicht mehr gebrauchten Zollbeamten jetzt halt an der Schweizer Grenze aufgehäuft werden. Jedenfalls vergesse ich das Glücksgefühl nicht mehr so schnell, das mich durchflutete, als ich - ohne auch nur die Bremse anzutippen - mit einer Wagenladung Vierbeiner von Frankreich nach Deutschland nach Holland und zurück kurvte, an verwaisten Zoll-Kabäuschen vorbei... Ob das wohl ein Traum bleibt für uns Schweizer? Vorläufig ist es für mich ein Albtraum und ich liebe alle Beamten dieser Welt dafür, dass sie mich Geduld lehren - knirsch! Aber wehe meinem Sohn, wenn er Zöllner werden will....Oder vielleicht doch, dann hätte ich vielleicht eine reibungslose Zollstelle! In Italien geht's doch auch so, oder?


 

 

10. DAS FÜRSORGE-SYNDROM...

 

"Kuno, ich kriege Hautausschläge" - zische ich meinem Mustergatten zu und zeige mit blankem Entsetzen auf ein allem Anschein nach adämliches Wesen, das geduldig, aber doch eher ratlos-gelangweilt im Schneckentempo einen Kinderwagen mit schreiendem Inhalt vor sich herschiebt, hin und her auf dem Parkplatz des orange beschrifteten Einkaufs-Zentrums (warum treten eigentlich alle drei Grossen im Schweizer Lebensmittelgeschäft mit derselben vor allem auf Plastik so hässlichen Farbe auf?), bis endlich die offen-sichtlich dem soften Adam zugehörige Eva mit zwei weiteren krakeelenden Gören aus dem Laden stürzt und sich der ganze Pulk gottlob dorfaufwärts und damit für meine Ohren phonstärke-mindernd davontrollt.

"Es war Deine Idee, Mimo-Schreckbube einmal mit dörflichem Klamauk zu konfrontieren, da Dein mutiges Klasse-Ross ja schon beim Aufleuchten eines Glühwürmchens Reissaus nehmen will - und die Immissionen einer Gross-Familie scheinen mir da durchaus geeignet zu sein für seine Abhärtung!" neckt mein Göttergatte zurück.

"Ich meine doch gar nicht das! Was mir die Nackenhaare sträubt, ist vielmehr diese Art von Familien-Idylle, dieses biedere Kinderwagen-Herumgestosse, dieses 'TUTUTU'-Gesäusel, die ganze Diminutivitis mit 'Händli', 'Müli', 'Stinkli' - dabei ist es ja unüberhörbar, wie gross die Klappen auch kleinster Exemplare der Gattung homo sapiens schon sein können, ganz zu schweigen von den Pfoten, mit denen sie schon im frühesten Säuglingsalter alles mögliche kaputt machen und wer je Windeln gewechselt hat, weiss, dass auch jene Verkleinerungsform völlig unangebracht ist.

 

Und dann ständig das Gelabber von den ersten Zähnchen und Gehver-suchen... Über etwas anderes als ihre 'Foeten' kann man ja mit diesen 'Gluggern' gar nicht sprechen - und wenn dann die ober-soften Männer in einem Anfall von pseudomoderner Gleichschaltung auch noch in dieses Windel-Geschrei mit einstimmen, wenn diese 200%-Mamis und -Papis vor lauter Fürsorge-Syndrom geistig ver-kümmern, dann muss ich dringend die Flucht ergreifen, bevor ich ausfällig werde..." konterte ich blumig, derweil wir zu einem Jagd-Galöppchen auf einem herrlich federnden Wiesenweg ansetzten. Das einzige, was mir nicht ganz gefiel, war das spöttische Lächeln um die Mundwinkel des besten aller Ehemänner. Kaum wieder im Schritt, hub er an: "Ich kenne eine Dame, die in der kältesten Winternacht in Nachthemd und Pantoffeln dreimal zu ihren Schützlingen eilt, um zu sehen, ob sie auch warm genug haben, die mit zartester Stimme mit ihrem 'Mimo-Mäuschen' und 'Hönti-Bönti' Süssholz raspelt und beiden ein Gute-Nacht-Küsschen auf die Nüstern schmatzt, die bei der kleinsten Schramme oder auch nur zur Zähnchen-Pflege die hochdekoriertesten Doktoren einfliegen lässt, die stapelweise Bücher verschlingt, um herauszufinden, wieviel von welchem Spurenelement ihre Schutzbefohlenen wohl noch toller gedeihen liesse, die ihren 3,5-Tonnen-Kinderwagen mit letztem Schnickschnack ausstaffieren lässt, damit sie auch während der Fahrt jedes leiseste Schnauben in der Kabine hört, die mit einer Begeisterung von den ersten Piaffe-Tritten erzählen kann, auch Leuten, die sich nicht im geringsten dafür interessieren; Leuten, die Piaffen für Affen halten, die die Zahl Pi kennen..." - "Hör' auf! Das ist doch etwas völlig anderes, das sind - äh -Tiere, die nicht für sich selbst sorgen können, die - äh - ja für die tragen wir die Verantwortung und" - mit leicht beleidigtem Unterton - "das nächstemal werde ich mich mit Deinen langweiligen Geschäftskollegen hochkompetent über die SBG-Einheitsaktie auslassen..." In diesem Augenblick musste ich mein aristokratisches Edeltier feinfühlig anhalten, liess mich flugs aus dem Sattel gleiten und löste ein Ästchen, das sich in seinem Schweifchen verfangen hatte und ihn eindeutig zu stören schien. Ritter Kuno hatte derweil noch immer sein verschmitztes Schmunzeln im Gesicht.

 

 

11. DAS ZEUG ZUM INSELCHEF...

 

"Es ist mir ein Anliegen, Ihnen, Herr Knurr, ganz herzlich zu danken für Ihren Einsatz als Ausbildner. Und zwar nicht nur als Ausbildner der auszubildenden Sportausübenden, sondern mindestens so sehr und eben auch gerade besonders als Ausbildner der die auszubildenden Sportausübenden Ausbildenden, also eigentlich als Ausbildner der Ausbildner. Die andorranische Pfeffer-Stampferei wäre undenkbar ohne Ihr jahrzehntelanges Wirken. Sie haben Andorra erst zu dem Ruhm als Nation der versammelten Aufrichtung bzw. der aufgerichteten Versammlung verholfen, den es heute - äh - ja, eigentlich schon wieder fast nicht mehr hat. Nichtsdestotrotz oder gerade erst recht ist es Ihnen zu verdanken, dass die Überalterung unseres Kaders einen bleibenden Schaden - äh - ich meine, überwunden werden konnte trotz heftiger Gegenwehr. Wer weiss besser als Sie, dass das Abrichten von Schwerblütern eine ernste Sache ist, die nur selten ein Aufatmen oder gar ein Lächeln erlaubt. Und dass man - will man den durchschlagenden sportlichen Erfolg - ohne Rücksicht auf Verluste sich auf einen Schützling beschränken und diesen eben durchschlagen - oder durchboxen muss, bis er durchhält - oder eben durchfällt. Diese eiserne Konsequenz kam Ihnen in Ihrer beispiellosen Karriere immer wieder zugute..."

 

Natürlich ist das alles erfunden, Hirngespinst. In Wirklichkeit war alles so, wie es sich gehört in Andorra: der ehrende Funktionär, ein Mann mit dem Humor eines Seiden-Foulards, bringt mit wenigen Massnahmen eine typisch andorranische Szene zustande, in der fast alles peinlich, schwerfällig und unprofessionell ist: er zitiert den zu Ehrenden, einen Mann mit dem Charme eines serbischen Kanoniers, wie einen Schulerbuben nach vorn, wo der alte Kämpe kaum weiss, wohin mit seinen Pranken, wie stehen, wohin gucken - und lässt ihn dort vorerst einmal stehen, derweil er der erlauchten Gemeinde minutenlang Banalitäten erzählt. Als fulminan-tes Finale wird dem legendären Medaillen-Produzenten dann ein Diplom in die Hand gedrückt, das sowohl nichts wert ist als auch längst im Besitze einer Schar bedeutend weniger qualifizierter Ausbildner aller Sparten. Es muss ja nicht gleich der glamouröse Schein von Hollywood sein, aber so ein kleines bisschen Knowhow aus dem Showbusiness täte doch auch andorranischen Funktionären gut - meinte ich, worauf mich Ritter Kuno wieder einmal eines Besseren belehrte: wen es in Andorra nach hohen Ämtern gelüstet oder wer gar nach Inselchef-Ehren dürstet, muss etwas ungelenk und sprachlich plump auftreten, damit sich das Volk mit ihm identifizieren kann - sprach's stotternd und ging hinkend von dannen.

 

 

13. VOM CÄSAREN-GEFÜHL...

 

Es gibt ihn! Den geborenen Funktionär. Er trägt die Freude an der Macht in sich als 'feu sacré' - oft als sein einziges. Seine Macht ist in den meisten Fällen nicht durch Leistung erworben - wie z.B. die Beherrschung eines Metiers, einer Sportart, die jahrelanges Training voraussetzt - sondern durch 'Aussitzen' minimalster Lehrgänge, manchmal durch Beziehungen, meist aber durch schlichtes 'Sich-Zur-Verfügung-Stellen', und an dieser Stelle muss man den 'geborenen Funktionären' doch ein Kränzlein winden, denn meistens tun sie ihren Job zu Gottes Lohn, in Fronarbeit, ehrenamtlich, im besten Fall gegen ein paar Flaschen Hiesigen und eine bescheidene Spesenentschädigung. Ja, da muss man sich den 'Return', die Motivation für dieses Tun eben im Immateriellen holen, eben in der Ehre, oder halt doch bei diesem Machtgefühl, das man ohne diese Funktion, dieses Amt nicht spüren würde - und damit sind wir bei den Be-amten, bei denen dieses gar oft um mickrige Persönlichkeit gewickelte Machtmäntelchen zur Vollbeschäftigung wird, häufig sogar zu einer völligen Identifizierung führt. Es gibt tatsächlich Leute, die sich selbst nur als Summe ihrer Ämter verstehen. Nimmt böses Schicksal ihnen alle Ämter weg, bleibt gähnende Leere.

 

Funktionäre sind Beamte auf Zeit. Und jedes Amt gibt dann und wann dieses Cäsaren-Gefühl, dieses prickelnde Schauern den Rücken hinunter, wenn man den Daumen nach oben oder nach unten drehen kann (ein Gefühl, das auch bös kritisierenden Medienschaffenden nicht unbekannt sein dürfte, ja,ja,ja,ja!). 'Herr über Leben und Tod' bedeutete dies bei den Gladiatorenkämpfen im alten Rom. Ganz so 'heavy' ist es damit - zumindest in der heilen Schweiz - heute nicht mehr. 'Daumen runter' heisst im aktuellen Pferdesport viel-leicht: Bestrafung, Nicht-Selektion wegen Reglementsverstoss, schlechte Benotung aus persönlicher Animosität oder Disqualifi-kation an Dressur- (Gamaschen, Peitsche, Handschuhe...) oder Springprüfungen (zu lange Peitsche, Hutverlust, Start vor dem Glockenzeichen...). Letzteres ist besonders fintenreich, wenn zwischen den Speaker-Ansagen Musik läuft mit viel Bläsern und Glockenklängen, oder wenn auf mehreren Plätzen nebeneinander Dressur- und/oder Springprüfungen stattfinden und alle Jury-Präsidenten denselben Typ 'Concours-Glocke 27' verwenden.

 

Nichts gegen Regeln, die müssen ja bekanntlich sein, wo kämen wir denn da hin und überhaupt, man hat ja eine Verantwortung als Funktionär und blablabla - alles schön und gut, das einzige, was Klein-Hulda an der ganzen Sache stört, ist diese flackernde Lust in den Augen der Machtausübenden, wenn sie mit dem Daumen nach unten zeigen, wenn sie durchgreifen müssen, wie sie gerne sagen. Ja, wenn sie müssen, wieso denn diese geile Freude? Schalter- statt Schulterschluss, heisst die Devise. Wenn man NEIN sagt und sich dieses NEIN beim Adressaten auch auswirkt, dann spürt man sich, man gewinnt Profil, wird markant (der ewige NEIN-Sager ist ja auch eine der profiliertesten Figuren in der CH-Polit-Szene). Und da der Weg zu den Schalthebeln der Macht über Leistung so steil und steinig ist, bietet sich der breite Pfad über die Beamtung geradezu an (der Zürcher Beizen-Bewilliger lässt grüssen - aus der Toscana natürlich).

 

 

Doch - der Gerechtigkeit halber sei's gesagt - es gibt auch die andern. Gerade im Pferdesport gibt's die Funktionäre, die es gar nicht nötig hätten, die einfach ihr Fachwissen und ihre Kompetenz zur Verfügung stellen, sehr oft nach einer eigenen, erfolgreichen Sportkarriere. Man erkennt sie daran, dass sie sich nie aufdrängen, und dass sie im Zweifel immer für den 'Angeklagten', den Sportler, entscheiden.

 

So sagte mir dereinst auf dem Basler Schänzli nach einer handschuhlos gerittenen Dressur der edle Jurypräsident aus dem 'Basler Daig': "Loose Sie, Frau Hulda, in dubio pro reo, mir häns au z'spoot gmärggt und tien Sie nit disqualifiziere, aber gälle Sie, ds' nögscht mool khöme Sie mer nümme halbe blutt ane Dressurpriefig!"

 

 

13. HALALI

 

Man sitzt staunend im Jagdzimmer der Edel-Villa unter ver-Endeten X-Endern und ausgestopften Gemsbock-Vorderteilen, schaut betroffen in die ehemaligen Augen von Keilern und Elchen, spürt unter dem Wertesten die Wärme des Bären - nein, nicht dessen, den ich Euch aufbinden möchte, es ist fast alles wahr (plus eine kleine Prise Jägerlatein) - alles selbst geschossen, versteht sich; also ich meine, die Trophäen; und zwar vom Landlord himself.

 

Mitten in Brehms - oder moderner, aber etwas schwieriger auszu-sprechen: Grzimeks - Tierleben erspäht die oder der Ergriffene aber auch ein überdimensionales Porträt eines Homo sapiens sapiens, eines Verwegenen mit Drei-Bis-Fünf-Tage-Bart und einem à la mode arabienne um's römisch-griechisch anmutende Haupt geschlungenen Fetzen schwarzen Tuchs, der unverwandt in die Ferne blickt. Es ist dieser Freiheit-Und-Abenteuer-Ausdruck mit einem Hauch Wildwest-Melancholie, der mich sinnigerweise sowohl an die Film-Musik aus 'Spiel mir das Lied vom Tod', wie auch an ein be-rühmtes Tubak-Produkt aus der Welt der unbegrenzten Möglichkeiten gemahnt. Erst bei längerem Studium des Bildnisses dämmert dem Betrachter, dass es sich bei diesem Konterfei um den Jäger per-sönlich, den Helden und Hausherrn handeln muss.

 

Schon in der Bibel heisst es schliesslich 'Du sollst Deinen Scheffel nicht unters Licht stellen', oder so ähnlich. Schüchtern erfragt man sich den Weg zum stillen Örtchen, um kurz über das Geschaute zu reflektieren; und wird hinwiederum erschlagen. Man wähnt sich in einem Märchen aus tausendundeiner Nacht oder, etwas prosaischer, in einer Bildreportage aus 'Schöner Wohnen'.

 

Alles in Marmor gehalten (nein, natürlich der Klosett-Ring nicht, das wäre zu kühl, der ist aus heizbarem Poly-irgendetwas und selbstverständlich von einem Dings-O-Maten unterstützt, der mich unweigerlich ans Pflegeheim erinnert). Die Armaturen (so heissen doch die wasserspendenden Schnäbis in der Fachsprache?) glänzen golden und der Louis (+ römische Zahl, franz. ausgesprochen) - Spiegel ist so beleuchtet, dass man sich leicht 'bronzé' und damit gut aussehend darin bewundert (übrigens ein alter Trick aller guten Hotels: man will wiederkommen, weil man trotz durchzechter Nacht am Morgen so gut ausgesehen hat im Spieglein, Spieglein an der Wand...).

 

Alles ist so edel und auf Hochglanz poliert, dass man aus schierer Angst, irgendetwas zu besudeln, unverrichteter Dinge wieder abzottelt: man kann doch nicht in einem Museumsraum oder einer Film-Diva-Kulisse so ganz und gar gewöhnliche 'Geschäftchen' machen. Auf leisen Socken also zurück ins Jagdzimmer, wo die von der Tochter des Hauses inszenierte Party in vollem Gange ist. Nach ein paar fröhlichen Stunden dann der königliche Auftritt des Er-zeugers. Der hochgewachsene, immer tadellos gekleidete, etwas steifnackige Ahnherr mit dem minutiös gestutzten, melierten Kinnbart fliegt - wie ein Staatspräsidiumskandidat auf Wahlkampf-Tournee jovial nach links und rechts grüssend - durch seine Trophäen-Sammlung und man hat sofort das Gefühl, hunderte von Kameras würden den weihevollen Augenblick für die Mit- und Nachwelt festhalten. Flinken Blicks überzeugt er sich, ob alle Anwesenden ihre Schuhe nicht nur ausgezogen - (Moschee-Feeling) -, sondern auch korrekt in Reih und Glied, Schuhspitze nach vorn, am eigens dafür vorgesehenen Ort gelagert haben, hält eine Weile Hof, um sich dann in seine Gemächer zurückzuziehen und wieder seinen Geschäften zu widmen. Schliesslich hat man den ganzen Reichtum nicht einfach geerbt, sondern selbst erarbeitet mit Blut, Schweiss und Tränen.

Hierin liegt ein kleiner Unterschied zum Geburtsadel. Und der zweite, vielleicht damit verknüpfte, liegt in der immer wieder durchschimmernden Krämerseele, die im aristokratischen Vakuum Helvetiens vielen Neureichen anhaftet. Nur zu gern würde man sich mit dem mehr oder weniger verdienstvoll Verdienten einen Hauch von weltmännischer Grösse geben, aber oft bleibt der Versuch im Aussen stecken, im gloriosen Schein, und reicht nicht aus für die wahre Grösse des Herzens, für echte Grosszügigkeit und Toleranz ohne verdeckte Egozentrik (diese konsequente Ausrichtung allen Handelns auf den eigenen Profit scheint ja für das erfolgreiche Geschäften in der Marktwirtschaft so unverzichtbar zu sein). Dann kann es einem auf den grossspurigen Anlagen und in den weiträumigen Villen  mitunter fast die Kehle zuschnüren vor lauter Enge und Pingeligkeit.

 

Den echten Mann von Welt und Aristokraten des Herzens erkennt man demgegenüber am weiten Horizont, der die Sicht öffnet über den eigenen Miststock hinaus, der weder innere noch äussere Mauern bauen muss gegen das Anderssein und Andersdenken. Kaum habe ich dies hingekritzelt, ertappe ich mich beim Gedanken, dass man - will man zu letzteren gehören - konsequenterweise auch den Intoleranten in seiner Andersartigkeit tolerieren müsste; zumindest solange dieser die Intoleranz nur in seinen eigenen Gemäuern auslebt...

 

 

14. DIE FREMDEN FEDERN...

 

Tatort: ein kleines, unbedeutendes Kaff in einem mittelgrossen, unbedeutenden Kanton der kleinen, unbedeutenden Schweiz, einem der reichsten Länder der Welt. Noch. Ein paar idealistisch gesinnte Mannen brüten mit rauchenden Köpfen und Stumpen über einem gigantischen Projekt, einer hippologischen Grossveranstaltung. Im Kleinen hat man reiche Erfahrung, hat recht erfolgreich auch schon mehrtägige Veranstaltungen über die Bühne gebracht - aber schon lange steht der Sinn nach Höherem. Man möchte dem biederen Dörfchen etwas internationale Aura verleihen - und scheut keine Anstrengung: Verdienstvoll! Deutlich sei's gesagt: Respekt! An der Infrastruktur wird verbessert und vergrössert, da wird gebaut und gezimmert, dass die Späne fliegen - zum grossen Teil in aufopfernder Fronarbeit.

 

Nur, das Ganze kostet eben doch einen Haufen Geld. Wenn man Ausländer einlädt, sind sich die einen gewissen Standard gewohnt, den muss man bieten. Und die Preise, die Rahmenveranstaltungen, die Verpflegerei, die Administration - es kostet eben doch sauviel. Und der Verband gibt zwar was, aber es reicht nirgends hin. - Und jetzt - in grösster Drangsal - kommt die Versuchung: wie wär's, wenn wir über das Ganze einen klang-vollen Phantasienamen setzen würden, etwas, das uns Sponsoren und Zuschauer zu Hauf brächte. Es muss irgendwie international und bedeutend, ja, am besten hochoffiziell tönen. Zum Beispiel 'Meisterschaft' - das gibt immer was her, da wird ein Meister erkoren, da gibt's nicht nur Flots und Plaketten, da gibt es Medaillen und Hals-Krausen wie bei den ganz grossen Anlässen. Aber das reicht noch nicht. Da könnte ja jeder kommen und eine Meisterschaft im Apfelhauet oder Sackgumpen organisieren. Es muss auch ein beeindruckendes Einzugsgebiet in den Titel. Es entbehrt nicht der Komik, dass beim auch in unserem Lande grassierenden Rassismus sich die Zahl teilnehmender Ausländer an einer Sportveranstaltung umgekehrt auswirkt wie der Ausländeranteil von Dorfbewohnern, nämlich: je mehr, desto besser für das Renommee! Also, es muss so ein Vorspann her wie 'International offiziell', 'Welt-' oder wenigstens 'Europameisterschaften' - aber das hat seine Tücken: die meisten Bezeichnungen sind geschützt,

und deren missbräuchliche Verwendung könnte Folgen haben. Könnte man vielleicht die Western-Reiter kopieren? Die haben doch haufen-weise Disziplinen, das gibt auch haufenweise Europameister - aber die Veranstaltung bleibt ein- und dieselbe.

 

Die Lösung ist tricky - und eine Gratwanderung: man lässt einfach den nicht so bedeutend klingenden Teil der Information weg, so erweckt man zwar falsche Vorstellungen, hat aber nicht explizit gelogen. Man nennt seine Veranstaltung z.B. 'Weltmeisterschaft Motocross' - schliesslich ist der halbe Ostblock am Start (Entschuldigung, den gibt's ja gar nicht mehr, ich meine Rumänen, Ungaren, Polen, Bulgaren) - verschweigt aber, dass es sich nur um ein Treffen der besten Amateure aus den Töff-Clubs handelt, und nicht etwa um eine offizielle Weltmeisterschaft mit den Profi-Piloten aus aller Welt. Die Sponsoren fallen darauf herein, die Zuschauer - zumindest bis sie auf Platz sind - vielleicht auch, und sogar ein Teil der Nicht-Fachpresse wird brühwarm die vorgekauten Pressetexte abdrucken - weil sie nichts von der Sache verstehen und/oder gar nicht hingehen. Schlau, was? - Jein, und ein kitzeklein bisschen unfair. Der geneigte Leser versetze sich einmal in die Lage des Organisators der richtigen, der offiziellen Weltmeisterschaft, die ein paar Wochen später stattfindet und für die er auch um die Gunst und das Interesse von Sponsoren, Zuschauern und Medien werben möchte...

 

 

15. EHRET DAS ALTER...

 

Kennen Sie diese älteren Herren, die auch Jahrzehnte danach immer noch von einem einzigen bedeutenden sportlichen Ereignis zehren und sich überall einmischen. Sie glauben oft, die Kompetenz gepachtet zu haben, Widerspruch ist Todsünde, weil sie ja schliesslich (vor tausend Jahren einmal!)...Ich kenne so einen seit Kindsbeinen. Es gibt nichts daran zu rütteln: er hat einmal eine Medaille erritten - und zwar an Olympischen Spielen. Das ist toll, zweifelsohne. Auch wenn es 'nur' in der Mannschaft war und er selbst dank einem grandiosen Sturz eher unter 'ferner liefen' im Klassement figurierte. Aber dank den - besseren - Teamgefährten hat's eben doch zum begehrten olympischen Metall gereicht. Er hat zwar weder vorher noch nachher je irgendetwas Bedeutendes gewonnen, hat auch das bisschen Wissen und Können nicht gross weitergegeben, und doch glaubt er - wahrscheinlich als einziger - bis zum heutigen Tage an seine überwältigende Bedeutung.

 

Das würde ja alles noch angehen. Mit eingebildeten Leuten lässt sich's leben. Sie durchschauen in der Regel auch plumpestes Heucheln und Hofieren nicht; man muss ihnen nur bei jeder Gelegenheit klar machen, dass man nicht vergessen hat, dass sie vor einem halben Jahrhundert doch so toll...

 

Was mir dann aber wirklich den chapeau etwa 20 Meter in die Lüfte hebt, ist, wenn solche lebenden Legenden alles heruntermachen, was die Jungen heute tun. Diese notorische Besserwisser-Haltung; das ewige Vergleichen mit dem eigenen Werdegang, der natürlich der einzig richtige und wahre war. Zur Ausschreibung eines Gratis-Kurses für 14- bis 18-jährige Geländeneulinge - notabene mit einem ganzen Tag Dressur- und Springunterricht als Vorspann - meinte der Grufti: "Was müssen denn diese Schnuderis schon ins Gelände. Die sollen doch zuerst einmal springen lernen wie wir dannzumal. Macht nur weiter so, Ihr werdet es nie zu etwas bringen!" - So motiviert der senile Medaillenträger den reiterlichen Nachwuchs, junge, mutige Mädchen und Burschen, die voller Freude lernen wollen, wie man hangauf und -ab reitet, ins Wasser hüpft, kleine Tiefsprünge und Wälle meistert. Gottlob lassen sich die abenteuerlustigen Jugendlichen von einer solcherart verkalkten Jammergestalt die Begeisterung nicht nehmen.

 

Aber eines ist mir dank diesem Erlebnis wieder einmal in aller Deutlichkeit klar geworden: Alter ist keine Frage der Jahre, sondern eine Frage der geistigen Beweglichkeit, der Offenheit und Toleranz gegenüber Jungen, die vielleicht einmal neue, eigene Wege einschlagen, die genau so gut zum Ziel führen können. So gesehen, gibt es an Jahren Junge, die geistig bereits vergreist sind - aber zum Glück auch Uralte, die bis zum Schluss ihres Lebens offen und begeisterungsfähig sind.

 

Unvergessenes Vorbild bleibt für mich der grosse - bis heute auch sportlich der erfolgreichste - Schweizer Vielseitigkeitsreiter, der bis kurz vor seinem Tod in hohem Alter, zusammen mit einer Gruppe unersättlicher Altersgenossen unter der umsichtigen Leitung seines ebenfalls olympischen Sohnes über kleine Geländesprünge setzte und seiner Enkelin in Buchform sein grosses Wissen und seine Begeisterung für die Pferde zu vermitteln suchte. Oder der andere Military-Grandseigneur, der jahrzehntelang als hochgeschätzter Richter auf der ganzen Welt seinen reichen Erfahrungsschatz Früchte tragen liess - und der auch mit über siebzig noch mit einem Strahlen im Gesicht und echt sportlicher Gesinnung leichtere Prüfungen bestritt - notabene in vorbildlichem Stil.

Von solchen Gestalten müssen wir unseren Kindern am Kaminfeuer berichten und sie im Kopf - oder besser: im Herzen - behalten.

 

 

16. ALAINS ZEHE...

 

Erstaunt erfährt der Sporttreibende aus der Zeitung, aus Rapporten, Analysen und Studien - oder wenigstens dank Indiskretionen von Sekretärinnen - wie es in ihm aussieht, warum er was wo falsch oder halbrichtig gemacht, ob er überhaupt Talent, Zukunftschancen hat, fleissig oder faul ist - und vor allem 'mental' auf dem richtigen Pfad ist.

Je bedeutender der Wettkampf, desto grösser der Schwarm von Funktionären, Journalisten und selbsternannten Spezialisten, die munter drauflos interpretieren, hochjubeln oder beschimpfen - oft unbelastet von jeglichem Fachwissen.

Es ist nicht etwa nur das Boulevardblatt der Nation, das den noch lebenden Papst bereits totmeldet und genau weiss, wie es in der kleinen Zehe des Tschutti-Blondschopfs oder im 37. Wirbeli von Gold-Christineli aussieht, es sind auch halb- bis ganz offizielle Verbands-Schergen jedweder Sports-Couleur, die ihre Existenz zu rechtfertigen suchen mit ausufernden Kommentaren, arroganten Analysen und visionären Prognosen zur Entwicklung des Sportge-schehens.

 

Das wäre ja alles halb so schlimm, wenn die Leute zumindest einen Hauch einer Ahnung eines Schimmers von dem hätten, worüber sie reden und schreiben - oder wenn sich das ganze nur am Stammtisch und in der internen Stall-Postille abspielen würde. Wenn aber in breiter Öffentlichkeit nicht nur inkompetent über Talent, Können und Leistung eines Sportlers, sondern auch über seine 'mentale' Verfassung, seinen Charakter und sein Privatleben gelabbert wird und - noch schlimmer - aufgrund solch stümperhafter Salbadereien wichtige Entscheide gefällt werden, dann ist das - findet wenig-stens Hulda - ziemlich daneben und nach Möglichkeit zu ändern, die Frage ist nur wie. Das tragische ist nämlich, dass sich immer wie-der Leute zu Funktionärsposten und in den Journalismus drängeln, die selbst keinen Erfolg hatten in dem Bereich, über den sie schreiben bzw. in dem sie 'herumfunktionären' - und unter diesem Versagen leiden. Die Anzahl Frustrierter ist logischerweise in solchen Ersatz-Tätigkeiten ungleich höher als in anderen Branchen. Umso verständlicher, dass dann gerne auf denen herumgedroschen wird, die es 'geschafft' haben, in den Wunschbereichen der Frustrierten mehr oder minder erfolgreich zu sein. Der Drang nach eigener Wichtigkeit, nach ein bisschen Rampenlicht, Anerkennung und einem Quentchen Macht ist so alt wie die Menschheit. Huldas Tip an all die Unglücklichen: WERDET HILFSPOLIZISTEN ! Erstens braucht's die allüberall (na ja, darüber könnte man allerdings auch geteilter Ansicht sein...), zweitens kriegt man - ebenfalls ohne Fachkompetenz und Leistungsausweis - neben der schönen Machtbefugnis zum Bussenzettel-Verteilen auch noch eine Uniform obendrein und wird - dergestalt ausgerüstet - mit Garantie von der Öffentlichkeit wahrgenommen und kann sich der besonderen Zuwendung seitens der betroffenen Gebüssten sicher sein. - Allerdings: schreiben sollte man können, wenn auch nur Strassennamen und Autonummern, und mental sollte man natürlich absolut bombig drauf sein...

 

 

17. HUT AUF VOR DEM FAHREN

 

Eigentlich sollte es heissen: 'Hut AB vor den Fahrern', da ich grossen Respekt hege vor allen, die diese Kunst beherrschen. Aber da sich mir bei meinen spärlichen Kontakten mit dieser Pferdesport-Sparte vor allem das Ge-Fahren-Moment nachhaltig einprägte, möchte ich mit diesem Titel darauf aufmerksam machen, dass das Tragen eines Hutes, bzw. Vollhelmes plus Rückenschutz, Beinschienen und SUVA-Schuhe höchst empfehlenswert ist.

Im zarten Jugendalter erlebte ich den König aller Berufs-Fahrer, den legendären Brauerei-Kutscher Hermi Mosti, wie er achtspännig im Galopp über die Hardwiese fetzte. Einhändig natürlich, weil die andere klepfte mit der Geisel über die Ohren von Sämi, Sevi und wie sie alle hiessen hinweg! Gut, der Hermi hat auch Hände wie Schneeschaufeln: wenn er zum Grusse zudrückt, bleibt kein Auge trocken. Das havarierte Knochenmus - sprich: Deine ehemalige Hand - ist für Wochen ausser Gefecht. Ähnlich gefährlich ist der bekannte, im übrigen ausserordentlich liebenswerte Military-Reiter, Dressur-Richter, Schweizersholzer Grossbauer und überzeugte Nicht-Vegetarier Coni Schür. Der spitalreif-machende Händedruck ist am besten durch fröhliches Winken (Männer) oder Küssen (Frauen) zu umgehen. - Also unser Hermi beherrschte die Fahrerei aus dem FF: das Resultat täglicher Übung - und dies während Jahrzehnten. Aber all die Unberufenen, die ihn zu imitieren suchten - und immer noch suchen! All die Sonntags-, Bluescht- und sonstigen Gelegenheitsfahrer nach dem Motto: 'Wäre ja gelacht, wenn dieses unreitbare, nervöse Biest nicht wenigstens ziehen würde...'

Oder mein lieber Freund aus dem Sihltal, der seinem hüftgeplagten Papa zum 60sten ein Sulky schenkte - so als tröstliche Alternative zum Reiten. Die Ausfahrt mit dem eingespannten Spitzenspringpferd endete dann damit, dass der altbewährte Jurypräsident sich nach Kippen des leichten Wägelis noch ein paar Hundert Meter durch einen Acker schleifen liess, getreu der Devise 'Freiwillig lan i nüd los!', bis er dann unfreiwillig losliess, geschunden und blind wie ein Maulwurf erfolglos nach seiner verlorenen Brille tappend, der teure Schimmel mit dem scheppernden Anhang auf und davon. Die Such-Equipe - allen voran böses ahnend der Sulky-Schenker-Sohn - fand wie bei einer Schnitzeljagd ein Stück nach dem andern: hier eine Leine, dort eine Speiche, eingeklemmt zwischen zwei Bäumen die Sulky-Reste ('Hoffetli isch em Olaf nüt passiert!') - bis man zu guter Letzt auch auf das 'blutte' Grautier stiess, äsend und erstaunlicherweise noch ziemlich ganz...

 

Nicht besser lief's dem befreundeten, schollenverbundenen Hobby-Bauern aus Meilen. Er sah im Viertklass-Lesebuch seiner Kinder, wie weiland die braven Kaltblüter den Acker pflügten. Be(p)flügelt von diesem patriotischen Bilde spannte er sein holländisches Familienross vor den flugs erworbenen Antik-Pflug; als Gehilfen heuerte er einen älteren Knecht aus der Nachbarschaft an, der auch aussah, wie aus einem Anker-Bild entsprungen.

 

Mit der ganzen Kraft eines bestandenen Train-Korporals (und das ist nicht wenig!) wurde der Pflug nun in die Mutter Erde gedrückt, dazu ein aufmunterndes 'Hü'. Erstaunlich willig legte sich der Rappe in die ungewohnten Riemen, riss mit einem Ruck den Pflug aus der Scholle, dieser segelte durch die Lüfte und erschlug den getreuen Knecht - gottlob nur bei einem Haar. Ob des unbekannten Flugobjektes erschrocken, suchte der gute Choli das Weite und knatterte mit dem hüpfenden Pflug in den Stall. Wer jetzt glaubt, unser Nostalgiker hätte auf den Knien dem Herrgott für das glimpfliche Verlaufen des grauslichen Unterfangens gedankt und solch stümperhaftem Tun für immer und ewig abgeschworen, täuscht sich in der Beharrlichkeit eines Meilemer SVP-Mitglieds. 'Was uns nicht umbringt, macht uns stärker - morgen wird weitergepflügt.' Nur der gesunden Eigenmächtigkeit seiner Gattin, die die morgendliche Geschäftstätigkeit ihres Mannes nutzte, um das Hobby-Äckerlein im Handumdrehen per Traktor umpflügen zu lassen, verdanken wir das unversehrte Weiterleben von Mann, Knecht und Ross. Wollt Ihr jetzt wirklich noch wissen, wie das ging, als ein anderer Freund auf der Tenne einen pferdezug-tauglichen Schwaden-Rechen aus der Vorkriegszeit fand?

Übrigens: falls die Hippo Hulda nächstens ausfallen sollte, bewahrt ihr ein ehrendes Andenken. Mein Nachbar, ein Fahrsport-Freund, dessen Begeisterung (vorläufig noch) in keinem Verhältnis zu seinem fahrerischen Können steht, hat mich zur Jungfernfahrt mit seiner frisch erworbenen, temperamentvollen Stute eingeladen. Adieu!

 

 

 

18. STRICK Um den Hals

 

Schliessen Sie die Augen - halt, das geht nicht, sonst können Sie ja gar nicht weiterlesen, also lesen Sie zuerst und schliessen Sie an - schliessend die Augen. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen an einer Bar im - notabene autofreien - Zentrum einer Kleinstadt, schlürfen genüsslich Ihr Leibgetränk, da öffnet sich die Tür mit Schwung und hereinkommt - nebst einem kalten, mit Schneeflocken angereicherten Windstoss - ein Pferd, bzw. bei näherem Hinsehen ein Pony (aber nicht ein struppiges wie aus den Witzzeichnungen, eher so eine perfekte Miniaturausgabe eines imposanten Warmblut-Deckhengstes mit rollenden Augen und mächtigem Hals), gefolgt von einem Girl, das in etwa eine Kreuzung von Pippi Langstrumpf mit Julia Roberts sein könnte (falls Sie nicht wissen, wie letztere aussieht, sind Sie garantiert weiblichen Geschlechts: fragen Sie Ihren Mann, Sohn, Vater...). Fieber-Phantasien? Eine Szene aus einem Spaghetti-Western? - Denkste! Realität in Helvetien. Nicht genug mit dem Schrecken: es stellt sich heraus, dass das Ganze nicht einmal ein Irrtum ist. Weder steht die rothaarige Dompteuse unter 'Ecstasy' (oder einer sonstigen Blödel-Droge), noch hat sie die rustikale Beizentür mit dem Stall verwechselt. Sie kommt, wie sie laut und vernehmlich verkündet, auf Einladung des Wirts, der auch bereits grinsend auf das eigenartige Duo zutritt und - anstatt die Polizei - nach Karotten ruft. 'Ja, aber der Boden, und da kommt doch Dreck rein, und die verängstigten Gäste, die sich zwar an Tschernobyls, Ozonlöcher und Aids gewöhnt haben, aber doch nicht an unberechenbare Tiere im Restaurant; vielleicht sind - Hust, Hust, Pustel, Kratz - sogar Pferdestaub-Allergiker da; ja, wo kämen wir denn hin, wenn da jeder sein Biest in den Spunten schleppen würde, Zeter, Jammer, Schnaub...' - Nichts dergleichen! Sollten die vielgeschmähten Schweizer-Bünzlis doch nicht alle in einen Topf zu werfen sein? Fröhliches Gelächter, einer offeriert eine Runde Haferschleimsuppe, die Serviertochter hat der Bestie schon eine halbe Wagenladung Zucker verabreicht, bis die Pippi-Julia abwinkt - wegen Karies und teuren Ross-Zahnärzten (ist auch nicht einzusehen, wieso ausgerechnet die plötzlich günstig sein sollten), dann zeigt sie noch ein paar Kunststückli wie Hofknicks und Boden-Stampfen (!) und erst jetzt fällt mir auf, dass das Reittier zwar einen Sattel, aber keinen Zaum trägt. Einziges Steuerungsinstrument ist - die verwunderte Nachfrage bestätigt es - ein Strick um den Hals. Ich werde abwechselnd gelb vor Neid, rot vor Eifersucht - und grün vor Hoffnung, vor allem da mir Pippi-Julia bereitwillig erläutert, ihr eigenwilliges Pony-Tier sei 'mit Strick' viel leichter zu 'handeln' als mit irgendwelchen Gebissen. Je schärfer die Trense, desto eher brenne er durch, mit dem Strick hingegen denke er selbst mit und trage sie sicher durch jeden Stossverkehr. Wow! Und von wegen Hoffnung: könnte das vielleicht die Lösung für Mimo-Schreckbube sein, der mit mir ab und zu trotz (wegen?) Pelham wie eine unsteuerbare Turbo-Dampfwalze durch die Prärie knattert, vor allem, wenn er einen festen Sprung zu wittern glaubt? Mit viel Applaus, guten Wünschen und Geschrei zottelt das harmonische Paar wieder ab, eine rötliche Spur halbversabberter Karotten-Spucke zurücklassend.

 

 

Das einzige, was mich ein klein wenig beisst irgendwo in einer Ecke des pseudo-aristokratischen Selbstbewusstseins: dass ich - die ich mich nach all den Kursen bei hochkarätigsten Ausbildern in einem Anflug von Überheblichkeit bereits zu den 'happy few' der echten 'horse-woman', der kultivierten Rösselerinnen zählte - eine solche Lektion von einer jungen Jeans-Militärmantel-Göre lernen muss, einer Gummistiefel-Pilotin, die wahrscheinlich keinen blassen Schimmer von Piaffe und Passage hat...

Warnung des Bundesamtes für gesunde Wesen: nicht dass jetzt jeder Rotzgoof meint, er könne sich mit seinem unerzogenen Pony-Tier zaumlos in den Stossverkehr stürzen - sonst 'Gute Nacht' - der junge Werther lässt leidend grüssen! Das extreme Vertrauensver-hältnis zwischen der Pippi-Julia und ihrem überdurchschnittlich selbständigen und klugen Pony ist über Jahre gewachsen und beruht auf der richtigen Mischung von Liebe, Geduld, Konsequenz, Unver-frorenheit und Humor. Ende der Warnung. Aber auf der Weide oder in einer Halle könnt Ihr's schon mal probieren mit dem Strick ('Gutis' erleichtern den Start) - aber dreht mir keinen draus, wenn's nicht auf Anhieb klappt!

 

Äh, übrigens, Sie dürfen die Augen wieder aufmachen und - die Geschichte ist weder völlig erfunden noch ausschliesslich für Kinder und Ponys gedacht...

 

 

 

19. LEBEN WIE GOTT IN FRANKREICH

 

"Endlich. Die Weiher - sie hat doch gesagt, gleich nach dem grossen Wald. Ecco!" Die Hofeinfahrt: so wie man sich das vorstellt, ein Kiesweg, von alten Bäumen gesäumt. Aber dann doch kein Schloss. Ein typisches Pony-Mädchen mit wildem Schopf - wie aus einem Thelwell-Büchlein entsprungen - weist im Dämmerlicht den Weg zu den Stallungen und eilt vor uns her. Wir wussten ja, dass das neue Winterferiendomizil für unsere Vierbeiner vor allem ein Pony-Zuchtbetrieb ist. Sagt man jetzt zu einer solchen 'Jeune-fille' formell 'Bonjour' oder unkompliziert 'Salut'? - "Grüezi mitenand" löst der Blondschopf das Problem gleich selbst - und entpuppt sich als die Chefin höchstpersönlich: bescheiden, dynamisch, und von Kopf bis Fuss eine 'Horsewoman' (diese immer seltener anzutreffende Mischung von Herz und Wissen, von pferdegerechter Zuwendung, jahrelanger Erfahrung und grossem Knowhow). Als erstes werden die Pferde nach der langen Fahrt getränkt, ein wenig geführt und an die neue Umgebung gewöhnt. Die Boxen sind gross, hell und sauber. Am nächsten Morgen werden die hinteren Eisen entfernt und dann geht's ab auf die rund 5 Hektar grosse 'Angewöhnungs-Weide' - ja, so nennt man hier die 'kleinen', übersichtlichen Wiesenstreifen, die perfekt ausgerüstet sind mit Unterstand, Tränke, Futterraufe und Futterkripfe - und zwar eben gerade nicht so, wie sich das klein Schweizer-Hulda vorgestellt hat: alle Elemente schön beieinander im Unterstand - im Gegenteil, im Unterstand ist gar nichts ausser angenehmem Sandboden, und alles andere in gebührendem Abstand, damit die Pferde sich nicht in die Quere kommen, wenn der eine ruhen, der andere fressen will.

 

Beim nächsten Besuch sind unsere Stars dann zusammen mit ein paar andern (von der benachbarten 'Angewöhnungsweide' her vertrauten) auf einem grösseren 'Blätz' von etwa 15 Hektaren. Völlig zufrieden wandern sie vom Futterplatz zu den Bäumen, dann zum Weiher, gegen Mittag legen sie sich irgendwo in die Sonne - laut unserer Pony-Madame sind sie nur höchst selten bei Regen im Unterstand - und etwa um vier Uhr nachmittags ist Spielzeit: da wird herumgetrabt, werden Runden galoppiert, manchmal sieht's aus wie 'Fangis' oder 'Räuber und Poli'. Wenn's einmal kalt wird in der Nacht, hört man sie herumwandern. Sie verlieren kaum Kondition, sind nach zwei Monaten noch gut bemuskelt und - trotz des vielen Zufutters - nichts von Hängebäuchen! Die Beine glasklar, die Hufe schön gepflegt - wenn einer ein Vordereisen verliert, ist es schneller wieder dran als bei uns zuhause, und auch die medizinische Versorgung der Vierbeiner ist beeindruckend: es geht ja nicht nur darum, eine Verletzung zu behandeln - zuerst muss man sie überhaupt entdecken! Dies bedingt eine fast pausenlose Überwachung. Bei über hundert Ponies und Pferden eine unmöglich scheinende Aufgabe. Aber sie schafft's! Und zwar in erster Linie mit ihren eigenen Augen, Händen und Beinen - und für weitere Strecken auf ihrem 300-Hektar-Betrieb mit einem uralten 'Chlapf', der eher wie eine fahrende Hundehütte aussieht als wie ein Auto.

 

Und wenn man dann auf dem Gerüchteweg noch hört, unsere Pony-Wuschelkopf-Madame sei eigentlich steinreich und müsste keinen Finger rühren, dann wird das mit der 'Horsewoman' vielleicht noch klarer. Da setzt eine beeindruckende Lady - nicht aus Not, sondern aus Überzeugung - ihre Zeit, ihr Geld und ihre Liebe für die Pferde ein. - Chapeau! Es klingelt Sturm: Nachbars Pferde sind wieder einmal auf der 'Löitsch' mitten in der Nacht! Madame Pony-Wuschel schnappt sich einen Kessel mit Äpfeln, schwingt sich in ihre Schlotterkutsche und braust los - eine halbe Stunde später sind die Lausbuben eingefangen. Solche freundnachbarlichen Aktionen seien an der Tagesordnung und klappten rundherum und gegenseitig, meint sie mit einem Blick in die offene Landschaft mit den weitverstreuten Höfen. Und nun beschleicht mich ein bösartiger Gedanke: könnte es sein, dass zwischen dem geographischen und dem geistigen Horizont gewisse Parallelen bestehen? Dass die Enge einer Gegend sich in der Engstirnigkeit ihrer Bewohner niederschlägt, dass umgekehrt die Weite des Blicks auf eine endlose Landschaft oder das Meer auch die Herzen weitet? Ganz so einfach darf es nicht sein: Appenzeller, Glarner, Oberwalliser, wehret Euch! Wobei, es müssen gar nicht immer Bergschründe sein, die den Blick verstellen, Ihr lieben Stadtbewohner, es kann auch das nächste Hochhaus sein. Auf jeden Fall geniesse ich es als ein kleines Stück Lebensqualität, dass ich im (Weide-)Land meiner Wahl einen Brief einwerfen, ja sogar eine Baguette kaufen kann, ohne gleich eine Parkbusse zu gewärtigen...

 

 

 

20. AUF DER ERFOLGSWELLE INS NEUE JAHR...

 

Das sylvesterlich-neujährliche Gläserklingen ist kaum verklungen, schon stellt sich der Erfolg wieder ein. Es ist ein Wahnsinn, wenn man darauf abonniert zu sein scheint. Kennen Sie diese Zeiten, in denen alles derart schief läuft, dass es zum Lachen wäre, wäre es nicht zum Heulen? Einzig der Panorama-Blick ins Leben von Freunden und Bekannten ringsum vermag ein ganz klein wenig zu trösten: man ist wenigstens nicht ganz mutterseelenallein im Elend. Da ist ja immerhin noch der Boguslav mit seiner Kniescheibe. Wie? Den kennen Sie noch nicht? Nun gut. Stellen Sie sich einen strahlenden Tierli-Doktor vor, nebenamtlich hochdekorierter Military- und Springreiter, der sich wie ein Kind auf die einzigen richtigen Ferien in seinem Stress-Jahr freut: nämlich eine Woche Concours auf dem wattigen Boden im Nobel-Kurort Hl. Max. Er hat dort schon gesiegt und haufenweise tolle Plazierungen errungen - und vor allem viele rauschende Feste gefeiert. Kaum eingetroffen, macht er das Gefährlichste, was man mit Sportpferden überhaupt tun kann: einen Ausritt! Zu zweit, mit einem kleinen Schnee-Galöppli. Ein sich dazugesellender Compagnon hat Mühe, sein frisches Tier hinter den zwei Vorreitern unter Kontrolle zu behalten, Boguslav lässt ihn passieren - und schon passierts. Ein Schlag in Richtung des zu überholenden Pferdes trifft Boguslavs Kniescheibe als wär's eine Zielscheibe: Schwarz sechs! - Mattscheibe! - Und jetzt liegt er an der Spital-Fensterscheibe, stiert in die legendäre Sonne von Hl. Max hinaus und lässt sich von den Erfolgen seiner fremdgerittenen Vierbeiner berichten. So in ein paar Monaten kann er vielleicht wieder Kanarienvögel behandeln. Von wegen 'HEIL-Max'! Da kann man nur sagen: "Scheibe!" (mithilfe der altgermanischen Mitlaut-Verschiebung von 'Doppel-S' zu 'B'!).

 

Genau wie bei der Geschichte von Elfrieda mit ihrem jungen 'Formel-1-Irländer': mit im Schweisse ihres Angesichts Erspartem erworben, vorsichtig aufgebaut, kam, sah, siegte er bereits in kleinen Prüfungen - und jetzt soll der ganze Traum auch schon wieder aus sein. Hochgradige Rücken-Arthrose. Einen besonders bitteren Nachgeschmack hinterlässt die Tatsache, dass ein aus der Schulmedizin abgesprungener, teurer 'Rückenknacker' das Turbo-Tier seit über einem Jahr behandelte, leider falsch - und mit der Arroganz des Besserwissers leider immer wieder verhindernd, dass der Rücken ganz unspektakulär und schulmedizinisch geröntgt wurde. Der einzige, der davon profitierte, war der strauchelnde Wunder-Heiler - hinten links bei der Gesässtasche.

 

Ich wüsste noch einige bunte Beispiele von triefendem Glück in diesen nebligen Januartagen. Vor diesem Hintergrund ist doch die zum siebten Mal abgeschlagene Ecke meines rechten Schaufelzahns, der geplatzte Trainingsaufenthalt im Ausland, die horrende Nachsteuerrechnung, auf dem Fusse gefolgt von einer entsprechenden Nach-AHV-Rechnung, die Piroplasmose-Zecken, die auf allen Bäumen Frankreichs darauf lauern, sich auf meine Pferde stürzen zu können, der Bescheid meines Verlegers, die Hippo Hulda-Kolumnen könnten von meinen vorsintflutlichen, abnormen Weich-Disketten natürlich nicht mehr auf ein zeitgemässes Gerät übertragen werden (mein 'Compi' ist sechsjährig! Wie war das doch mit 'Sintflut' und 'Familie Feuerstein'? Ach, die schnellebige Zeit...) und auch die Waage, die - trotz vorsichtigsten Besteigungsversuchen am frühen Morgen mit minutiös getrockneten Haaren, ohne nichts, nach erfolgreichem Besuch des Raumes mit der schmalen Türe - tatsächlich sage und schreibe 5 (in Worten: fünf) Kilo mehr anzeigt als an letzt-herbstlichen Wettkampftagen; all das sind Kinkerlitzchen, Harmlosigkeiten, Non-Valeurs im Vergleich zu den Schicksals-Schlägen der echt Leidgeprüften.

 

Schick-Sal soll ja vom lateinischen 'salus' = das Heil, kommen; soll also das sein, was uns 'zum Heil' geschickt wird (Heil-Max lässt sonnig grüssen...). Da bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als das Zugesandte mit mehr oder weniger verkrampftem Lächeln in Empfang zu nehmen und zu bearbeiten, auch wenn wir es manchmal liebend gern retournieren würden mit dem Kleber: 'Empfänger ohne Adressangabe verreist'.