MAX MOTZT

 

Gekläff des notorischen Motzers Max von Motzau zum Gang der schweizerischen Pferde-, Hunde- und Menschen-Welt.

Aus dem Jagd-Irischen übersetzt von Christoph Meier.

 

Vorwarnung

 

Lieber Vielleicht-Leser

 

Die Motzerein Maxens, notiert von dessen 'Menschen' Anselm von Motzau, einem zwischen Miststöcken lebenden Möchtegern-Landadligen, sind in keiner Weise PC-konform, d.h. in keiner Weise 'Political Correct'. Im Gegenteil. Max tritt mit Bedacht in jedes bereitstehende Fett-Näpfchen. Manchmal kann man sich sogar des Eindrucks nicht erwehren, er suche sie rauflustig, ja, stelle sie gar selber auf, um dann mit Wonne reinzutrampeln. Sensibleren Gemütern und vor allem GemüterINNEN, die quoten-scharf auf konsequente Verwendung weiblicher und männlicher Formen achten (wie Mörderinnen und Mörder, Räuberinnen und Räuber etc.), ist deshalb von der Lektüre dringend abzuraten. Jegliche Haftung, insbesondere für Hautallergien, Magengeschwüre und psychiatrische Behandlungskosten wird im Voraus und pauschal abgelehnt. Andererseits könnte ein solches Büchlein gerade jenen, die sich stetig bemühen, lieb, nett, tolerant, anständig und 'political' korrekt zu sein und die Aggression in jeder Form zutiefst verabscheuen, als Therapie dienen. Sollten Sie durch diese ambivalente Aussage in Entscheidungs-Not geraten, besprechen Sie sich doch zuerst mit Ihrem Partner oder anderen Therapeuten.

 

Des Weitern ist zu betonen, dass jegliche Ähnlichkeit der Figuren, Organisationen und Örtlichkeiten dieses Motz-Bändchens mit real existierenden rein zufällig und vom Autor nicht beabsichtigt ist. Ausser vielleicht ganz generell und metaphorisch: aus seiner irischen Optik bellt er uns Schweizer natürlich allesamt unsanft aus den Höhlen.

 

Der grössere Teil der vorliegenden Motzereien wurde in der Pferdezeitschrift 'Kavallo' in den zwei letzten Jahren des Auslauf-Jahrtausends als Kolumne abgedruckt, deshalb auch die lose Folge von inhaltlich nicht direkt verknüpften Einzelnummern – wie im Zirkus. Aber auch auf treue Max-Leser warten diverse Leckerbissen: erstens sind alle Texte rücksichtslos unzensuriert abgedruckt, und zweitens gelangen diverse 'Nummern'  hier erstmals an die Öffentlichkeit.

 

Nun bleibt mir nur zu hoffen, dass es Ihnen geht wie mir. Max hat mich schon von Herzen lachen lassen, bis zur Weissglut geärgert und mir schon in impertinenter Weise den Spiegel vorgehalten – und wenn die Betroffenheit oder Wut am grössten ist, kommt er wieder in seiner unnachahmlich munteren Art dahergewedelt und bestellt mich eindringlich zum nächsten Jagdabenteuer.

 

 

Jagdrevier Girsberg, im Dezember 1999          Christoph Meier


Inhaltsverzeichnis

 

Zuchtziele

Rettung naht: die Drama-Flutschis!

Von Affen, Sauen und Hornochsen

Von Beethoven bis Max

Das Lieblingsspiel

Leben ist lebensgefährlich

Kamel-Dung und Gelassenheit

Agility-Weltcup

Ein Volk von Sehern

Meister des Humors

Schaut, was ich habe

Brautschau

Mein Kampf II

Turbo-Max

W.E.G.-Bereiter

Schattenseiten des Rampenlichts

Eifersucht

Halali

Ein Hoch der Heiligen Vereins-Kuh


 

 

Halbgötter-Boten

Weihnachten: Max mag's mal malzig

Spiel und Deal

Entschieden für die Entscheidung

Ich warte nie

Show-Dancing

Mir fö nüüt Neus aa

Ein- und Ausbildung

Tierschutz Ahoi!

Do-Ping-Pong

Schweizers Offenheit

Lebens-Versicherung

Hundsgemein

Pfotentrüller für Rhodesien

Dein Freund und Helfer

Einer ist mehr als genug

Die Kunst, cool zu sein

 

 

 


Zuchtziele

 

Der weltweite Jack Russell Zuchtverband hat seine Zuchtziele für's nächste Jahrtausend formuliert. Es mag euch so wenig erstaunen wie mich, dass es sich dabei um nichts anderes handelt als um eine detaillierte Beschreibung des Exterieurs und der Eigenschaften - von mir. Ziel ist ein ausstrahlungsstarkes, athletisches Modell, mittelgross, mit sicherer Spürnase, angeborener Jagd-Technik, mutig im Eindringen und konsequent im Ausräumen gegnerischer Bauten. Dazu gehört heldenhafte Gesinnung, der Wille, Weib und Welpen vor Widerwärtigkeiten aller Art zu beschützen und die Fähigkeit, miese Exemplare der Gattung homo sapiens frühzeitig zu riechen und auszuschalten. Besonders freute mich, dass auch die bei mir stark ausgeprägte Gabe der Diskretion beim Lenken aller Sorten von Motorfahrzeugen explizit erwähnt wird. Es wurde als wichtig erkannt, den eh schon in vielem benachteiligten Menschen die Illusion zu lassen, sie hätten das Steuer in der Hand und damit die Chose im Griff – wo sie doch regelmässig völlig aufgeschmissen sind ohne uns. Speziell Selmine mit ihren komischen Nasengläsern gerät jeweils regelrecht in Aufregung in ihrem fahrenden Pferdestall und wischt alle Scheiben wild gestikulierend von innen und aussen, bis ich tröstlich-beruhigend den rechten Aussenspiegel für sie übernehme. Sie pflegt dann zwar immer noch Anselm anzuherrschen, der mich verzweifelt an sich presst, worauf sie mit verkniffenen Augen – was auch nicht viel hilft - nach rechts schielt, bis ich mich wieder in die gewohnte Front-Position begebe, wo ich den totalen Überblick habe. Und man kann darauf gehen, wenn ich einmal – aus unverständlichen Gründen - nicht dabei bin, fehlt nachher irgendeine Positionsleuchte oder sie verändert die Skyline dörflicher Zentren durch unzimperliche Umgestaltung vorspringender Scheunendächer. – Wie gesagt, solche und andere Serviceleistungen gehören eben auch zum kundenorientierten Profil des modernen Jack Russell-Terriers.

Was ich fragen wollte: Wie steht's eigentlich bei euch? Gibt's da auch so etwas wie ein Zuchtziel? Es muss ja nicht gleich so blond, weisshäutig und blauäugig sein wie beim unseeligen Rassenhygieniker Schickelgruber, aber die gröbsten Schnitzer könnte man schon rauszuzüchten versuchen, z.B. Tierquälerei, Macht- und Raffgier, Geiz und die ewige Niedermetzlerei innerhalb eurer Gattung. Ihr bildet euch weiss was ein auf eure Mikrochips und Mond-Raketlis – aber so 'Parterriges' kriegt ihr nicht in den Griff. Wahrscheinlich fehlen euch die Methoden. Bei uns kriegt einer schlicht keine Fortpflanzungs-Lizenz, wenn er zu weit vom Zuchtziel entfernt ist. Bei euch scheint das eher umgekehrt zu sein. Das schliesse ich zumindest messerscharf aus der Tatsache, dass die heute alles dominierenden McDonald-Fresser (nichts gegen Hamburger, für die hab' ich ein Flair!) vor nicht allzulanger Zeit aus der Kopulierung abgehauener Krimineller entstand. Der meistverdienende – und damit in eurem lachhaften Wertsystem automatisch höchstgeehrte und begehrteste Mann ist ein dummer TV-August, dicht gefolgt von seinem Autor – beide natürlich aus Cola-Land. Und die bedeutendste Geschichte, mit der diese Landdieb-Epigonen die Welt während Monaten in Atem hielten, drehte sich um die alles entscheidende Gretchenfrage, ob und wieweit der Mann auf dem höchsten Stuhl von selbigem aus welche Zigarre wie weit in welche Öffnung steckte, und womit, wie lange und wie freiwillig die also Bestückte oder Gesteckte dem Weltmacht-Topstuhl-Inhaber Gegenrecht lutschte. Probleme habt ihr...

 

Dass sich gleichzeitig im Ketchup-Land der unbegrenzten Möglichkeiten die bescheidene Anzahl von gerade 77 Todesurteilen ex post als ungerechtfertigt erwies und – Gegensätze ziehen sich an und aus – einer seit 35 Jahren am Freiheit-und-Abenteuer-Glimmstengel saugenden Dame 51 Millionen (Landeswährung) Schadenersatz zugesprochen wurden, da sie ja dannzumal, als sie mit der erstaunlicherweise erst heute zum Lungenkrebslein mutierten Gewohnheit begann, als Minderjährige nicht wissen konnte, dass das langfristige Inhalieren des Cowboy-Dufts ihrem Körper eine spezielle Form von Freiheit, nämlich die völlige Befreiung von demselben infolge Exitus, bescheren könnte – schliesslich stand es damals noch nicht auf der Packung. Und als es dann von Gesetzes wegen auf jeder Hülle und in jeder Werbung platziert wurde, war sie schon rettungslos in den Fängen der Sucht oder vielleicht des Lesens nicht kundig, die Ärmste. Da seht ihr, wohin ihr kommt ohne Zuchtziel. Mit den 51 Milliönchen wird sich die vom fortschrittlichsten aller Rechtssysteme geschützte charakterstarke Intelligenz-Bestie noch munter fortpflanzen können, bevor sie in die ewigen Jagdgründe abberufen wird.

 

Wer bei uns den Zuchtanforderungen nicht genügt, darf zwar munter weiterjagen, aber es wird darauf geschaut, dass er sich nicht noch ins Unermessliche multipliziert. Bei euch kann einer gar nicht soviele Weiblein vergewaltigen und niederstechen, dass ihr auf die Idee kämt, ihm die missliebigen Kügelchen abzubinden. Und wer sich durch Killereien an die Macht hievt, muss nicht etwa damit rechnen, entthront – ja nicht einmal geächtet zu werden. Im Gegenteil, die Welt hofiert, säuselt, ultima-tümmelt und verhändelet, quatscht auf allen Kanälen und in allen Blättern bis zum nächsten Gemetzel – ach, wer hätte denn das gedacht, scheint doch ein ganz böses Kerlchen zu sein, das gar nicht von alleine dahin-Serbeln will? Gottlob gibt's das Kino, natürlich auch aus Vorbild-Land, wenigstens dort gewinnen regelmässig die Guten, und die Liebenden lieben sich. Und dank den Klugen im Land kann man mit 120 noch so straffe Haut haben wie mit 30. Halleluja!

 

Nun ja, nicht dass mich eure zuchtlose Ziellosigkeit allzusehr besorgte – es gibt eh zu viele von euch, und damit zu wenig Platz für Tiere. Also knallt euch nur fröhlich weiter ab – ich befürchte nur, dass am Schluss nicht die Richtigen übrigbleiben...

 


Sauber-Tierland Schweiz

 

Früher haben die Japaner Schweizerprodukte imitiert, kopiert, verbessert und billiger auf den Markt zurück geschmissen. Jetzt sind sie einen Schritt weiter. Die schlauen Schlitzaugen haben sich tief in die Seele des durchschnittlichen Schweizer Saubermanns und Beamtenmuffels hineingedacht und dort auf blankpoliertem Untergrund dessen geheimste Wünsche entdeckt, in Technik umgesetzt und uns nun wieder beschert in Form des 'Lama-Totschi' - oder wie die kotlosen Bedürfnis-Eier immer heissen. Ein Aufatmen geht durch die miefigen Amtsstuben: endlich haben wir das ideale Tier, das sich so herrlich in die schweizerische Gesetzgebung einfügt, das auf ganz zart-unauffällige Weise den gordischen Knoten 'Schweizer Landwirtschaft' ein für allemal auflösen wird. Denn all die 'Rama-Flutschis' brunzen nicht, machen weder Fladen noch Bollen noch Bölleli, keine Blutflecken auf unseren schönen Strassen, durchbeissen weder Kabel an unseren geliebten Blechkarrossen, quaken nicht in lauen Sommernächten, bimmeln nicht nachtruhestörend mit Treicheln – sie piepsen höchstens ganz schnuckelig im Bedürfnisfall. Sie geben auch keine überflüssige Milch, aus der die al(b)p-traumatischen Butterberge und der uns löchernde Käse hersubventioniert wird, kein wahnsinniges Fleisch, keine Salmonellen, Lysterien und was der Hysterien in der Historie mehr waren. Sie verstinken weder unsere Dieselluft, noch versauen sie unsere Chemie-Abwässer und erfüllen trotzdem die ja offensichtlich nicht auszurottenden emotionalen Bedürfnisse all der Häschi-Päschi-Griten und Beschützerkomplex-Daddys: sie wollen gefüttert, spaziert, schlafen- und trockengelegt werden, alles virtuell und sauber natürlich, und sie haben – wenn überhaupt – rein aidsfreien Cybersex.

Ach – Japan sei Dank! – so leben wir also bald in der besten der möglichen Welten? Lasst uns die 'Drama-Futschis' subventionieren, nein, direkt abgeben an alle reaktionären Tierhalter (mit Annahmepflicht!), lasst uns sie bedürfnisorientiert perfektionieren, auf dss jedem genau das Geräusch aus dem Kunst-Ei entgegenquakt, -blökt, -grunzt, -wiehert, das seiner Seele frommt.

Was es bringt? – Ja, seht ihr's nicht, das gewaltige Sparpotential, in einer Zeit bundeshaushälterischer Schieflage? Hunderte von Agrarbeamten, die heute noch Formulare erfinden, um den Bio- und anderen Rest-Farmern das Bauern zu vergällen, werden noch überflüssiger, als sie es jetzt schon sind. Die astronomischen Direktzahlungen an unsere bald orange-gewandeten, sich wie ihre Kollegen hauptamtlich auf ihre Spaten stützenden Landschaftsgärtner könnten auf die vergleichsweise lächerlichen 'Hamas-Knutschi'-Gestehungskosten reduziert werden. Vielleicht könnten wir die Dinger – warum hat Hayek die eigentlich nicht erfunden? – gar in Lizenz herstellen in einem der vielen stillgelegten Rüstungs- oder Industriebetriebe? Tausende von Paragraphen können dereinst ersatzlos gestrichen werden. Kluge Bestimmungen wie die, dass Reitbetriebe mit diesen klappernden 1-PS-Maschinen natürlich zu ihresgleichen in die Industriezone gehören. Oder die Regel, dass die Beine dieser grauslichen Pferdebiester nur über einer Jauchegrube abgespritzt werden dürfen. All die weisen Gebote fallen, mangels Objekten, dahin und mit ihnen die ganze Kaste der sie bislang ausgetüftelt habenden Apparatschiks. Die Frage, wo diese um den Job Gekommenen unterkommen sollen, wenn sie nicht umkommen wollen, überlasse ich den Out-Placement-Unternehmen, die hierzulande zu den wenigen wachsenden Branchen zählen.

Und all dies Glück dank den 'Schlama-Sprutzis', unter denen es sicher auch virtuelle Superpferdchen gibt, die auf Knopfdruck springen wie Calvaro, piaffieren wie Ramar, rennen wie Feliciano und in Bäche stürzen wie Hunter – ohne auch nur ein Luftmolekül zu verpesten, mit einem kitzekleinen, sicher bald solargespiesenen Batterielein.

Gut, zuerst müssen wir alles, was da noch kreucht und fleucht auf möglichst elegante Art und Weise loswerden, eine Übergangs- bzw. Endlösung finden. Sicher lassen sich nicht aus allen missliebigen Haasen Erzbischöfe im Ausland machen, aber wir könnten doch die ganze wabernde Brut mit etwas Gift-Test-Hilfe aus der Chemie zartleise aussterben lassen. Eine saubere und rentable Schweiz sollte uns das wert sein, oder?


Von Affen, Sauen und Hornochsen

 

Die Doofen sind immer die andern, die von Höngg, die Österreicher, die Friesen, die Blondinen oder ‚on the road‘ die Aargauer (wobei, zugegeben, im letzteren Fall...). Aber da ist immer noch ein Restrisiko dabei, das harmloseste Witzchen geht daneben, wenn sich das Gegenüber just als Höngger entpuppt – und das Geschäft geht bachab. Um gefahrlos dem Lieblingsspiel der Projektion schlechter Eigenschaften nach aussen zu frönen, bedient sich der Mensch hemmungslos der Tiere – die setzen sich nicht zur Wehr bei sprachlicher Verunglimpfung, und ihre selbsternannte Lobby, die fanatischen Tierschützer, sind meist mit weniger subtilen Aktivitäten wie Hasenstall-Aufbrechen beschäftigt. Ihr kennt das Repertoire – und benutzt es wahrscheinlich frohgemut: von der dummen Kuh (bzw. je nach Kulturkreis dem dummen Affen oder Kamel) über die dreckige Sau bis zum feigen Hund. Die Zweibeiner sind sich – wie sonst selten – derart einig in der Zuordnung dieser zärtlichen Charaktermerkmale, dass es reicht, jemanden als Büffel, Hornochse, Hai oder Schlange zu bezeichnen, um ihn zu beleidigen. Man muss die dem Tier angeklebte Eigenschaft nicht einmal nennen, so klar ist es, dass der Büffel ein Rüpel, die Schlange falsch ist. Ich erspar mir -und euch- den ganzen Grzimek (nimmt mich wunder, ob die beim Kavallo den richtig schreiben können – die andern CH-Rössli-Blättli könnten’s garantiert nicht. Na, sonst nehmt den alten Brehm!)

 

Mir reicht der Hund, um zu zeigen, wo selbiger begraben ist. „Hündisch“ nennt ihr die Feigen, die A...kriecher, die Heuchler mit der braunen Zunge! Die Feigheit kam erst mit dem Menschen auf. Seit Adam und Eva lügt und betrügt er um irgendwelcher Vorteile willen, hofiert den Mächtigen, streckt die eine Hand entgegen, um mit der andern zu meucheln. Falsch ist nur der Mensch. Der Hund dagegen ist treu und teamfähig, ein guter Freund, bereit, alles zu riskieren für seinen Partner. Feige? Dass ich nicht lache. Ich bin zwar nur 30cm hoch – aber an unsern Stall ran kommt weder Dobermann noch Dogge. So hoch ist keine Kehle, dass ich sie nicht im Sprung erreichte!

 

Ihr Zweibeiner dagegen: was ich da dauernd an Gekrieche und Geknickse, an Hintenrum und Finkenstrich sehe – so „hündisch“ ist kein Hund. Es reicht, dass ein vermeintlicher VIP herumstolziert, irgend so ein aufgeblasener Typ, der meint, aufgrund seiner Titel, seiner Macht über andere, seines prallen Geldsäckels bedeutender zu sein als die andern, und schon wird hofiert, gedienert, gekrochen. Man könnte ja in den Dunst seiner Gunst gelangen...

 

Oder das Gerangel um die Zuwendung der Medien-Fritzen. Was sich so ein TV-Journi, ja nur schon ein kleiner AP-Fotograf,  für Schnoddrig- und Überheblichkeiten leisten kann (dem würd’ ich cool ans Hosenbein pinkeln!) – und männiglich duckt sich, smilet verquält, reicht dem Würstchen noch Würstchen...

Oder die Verkäufer – und das seid ihr ja fast alle – was für ein Anbiedern und Einschmeicheln, welch Balgen um die rechte Gesässtasche des Käufers.

 

Oder eure Politiker: Hand-shaking mit jedem Timbuktesen – wer weiss, wann sie zu Wählern werden – und dieses ölige Estermann-Lächeln unter wohlgelegtem Haupthaar, diese schleimtropfenden Worthülsen, weiches Nichts ohne Kanten...

 

Rösseler dagegen sind mutig, die wagen Höhenflüge – schön wär’s. Schaut doch euer Dachverbändchen an: der Mut reicht höchstens für krumme Seilschaften, aber nicht einmal für den Hauch einer Unterstützung des Avencher Jahrhundert-Projekts.

 

Da gibt’s ja Schlächter in der Schwyz, die immerhin schon vor Gericht standen wegen Tierquälerei, sich keinen Dreck gebessert haben und munter drauflosquälen, nicht mal aus unbeherrschter Wut, sondern aus reinstem Vergnügen, sichtbar für jeden, der es sehen will – aber niemand will es sehen. Im Gegenteil, man findet sogar Unterhosen-Fabrikanten, die ihnen Pferde zur Folter überlassen.

 

Und der Nationenpreis-Gigolo, der – mit VerLaub – stockbesoffen in jede Hotelhalle pinkelt – und keiner bringt das Bubi zurück ins Heim.

 

Oder der Wurg, der immer wieder Leute findet, die ihm ein Türchen öffnen, ihm den Rücktritt vom Rücktritt ermöglichen (bis sie selbst den Tritt in den Rücken kriegen), zurück an Mutti Helvetias geldtröpfelnden Busen – und schon grabscht er wieder nach Sonderrechten, Sonderbehandlung und – vor allem – Sonderzahlungen.

 

Es ist wie im Strafvollzug: natürlich kann man die ärgsten Gauner aus Resozialisierungsgründen immer wieder auf freien Fuss setzen und dann „aber, aber, mei, mei“ sagen, wenn sie wieder – ach, diese alte Gewohnheit – ein Kehlchen durchschnitten haben. Man kann Feigheit wunderbar mit ‚Mutter-Teresa-Haltung‘ bemänteln – oder tatsächlich an die Veränderungsfähigkeit Krimineller, an die Wandlung vom Saulus zum Paulus glauben. Wir Hunde wissen: ein Wolf bleibt ein Wolf bleibt ein Wolf – da helfen alle Schafspelze nichts. Aber Zweibeiner haben keine Nase, sie lassen sich blenden von Titeln, Rängen, Mammon. Wir schnuppern – und wissen ein für allemal, ob einer ein Hundefreund ist. Wenn nicht, wird er angepinkelt, gebissen oder links liegengelassen. Wir glauben nicht an die Pille, die aus Sadisten Sunnyboys macht. Glaubt denn wirklich jemand im Ernst, der alte Tümpel werde noch zum Schnuckiputzer? Da ist im besten Fall auf Altersmilde dank Arterienverkalkung zu hoffen. Oder die naive Illusion, die missgünstigen Parterre-Akrobaten würden plötzlich zu einem Team sich liebevoll-wohlwollend helfender Spätzlis zusammenwachsen? – Das ist so blauäugig wie der Versuch, uns Jack Russells zu braven ‚Sitz-Platz-Bleib-Schoss-Pudelis‘ zu machen oder – noch schlimmer - uns das Gekläff abzustellen...


Von Beethoven bis Max

 

Ich versteh’s wirklich nicht. Viele Menschen tun alles, damit sie berühmt werden – was auch immer das heissen mag. Ich glaube, das ist, wenn alle andern auf der Strasse, in den öffentlichen Toiletten, Restaurants und Läden zu tuscheln oder gar zu kreischen beginnen: „Schau, die Dings!“ oder „Ist das nicht der Bums?“. Und wenn sie’s dann endlich geschafft haben – meist unter Opferung von viel Zeit, Geld (eigenem und fremdem), Ehepartnern (eigenen und fremden) und dem letzten Quentchen Moral (so je vorhanden) – dann tun sie alles, damit man sie eben doch nicht erkennt im Pissoir (da hab ich noch Verständnis: wenn sich so ein Blödmann dreht und sagt: „Sind Sie nicht der Beni vom Fernsehen?“ pinkelt er einem womöglich auf die Pfoten; das habt ihr davon, dass ihr das so kompliziert macht).

 

180-Grad-Wendung auf der Hinterhand, neues Ziel: inkognito! Da werden in tiefster Nacht dunkelste Sonnenbrillen montiert, alle Sorten Kragen hochgeschlagen, Limousinenfenster geschwärzt, teure Bodyguards angeheuert, komplizierte Alarmanlagen installiert und Paparazzis verhauen. Reichlich komisch find‘ ich das.

 

Klar, bei uns gibt es auch Berühmtheiten wie Fernsehhund Lassie, Filmhund Beethoven oder natürlich mein Namensvetter, der Migroshund Max. Aber da ihr Menschen keinen guten Riecher habt, erkennt ihr auch den ‚Partner mit der kalten Schnauze‘ nicht. Im Gegenteil, die Kids schreien bei jedem schlappen Bernhardiner „Log Bappi, de Beethoven!“ – Herr Papa, der den Kinderstreifen natürlich nicht gesehen hat, freut sich über die hohe Bildung seiner Nachkommenschaft, schaut sich nach einer Büste oder einem Denkmal um und beginnt etwas von „Seid umschlungen, Millionen...“ zu quasseln, was die treue Gattin wieder als gestöhnte Raffgier missversteht; dann pfeift oder dröhnt er gar „Tatata-Taa, Tatata-Taa“, was jeder Banause unschwer auch schriftlich sofort als Anfang der Fünften erkennt, die Kinder meinen, der dusselige Papi wolle den Bernhardiner mit diesem Dadada-Gesinge heranlocken und schreien „Aber doch nicht so, Bappi!“ – dieser wiederum glaubt, er sei in der falschen Tonart und wundert sich noch mehr über die hohe Musikalität seiner Goofen...und so endlos weiter mit den Missverständnissen, nur weil ihr nichts riecht!

 

Von wegen Riechen: die Schmierlappen haben es wenigstens begriffen, dass ohne uns Hunde nichts geht. In der Drogenfahndung sind wir hochgeehrte Mitarbeiter. Auch die Rösser haben eine weltweite Renaissance als Bullen-Schlepper hinter sich, wie man in diesem Heft früher bis zur Überdosis aufgetischt kriegte. Wer’s noch nicht ganz geschnallt hat, ist der Steuervogt. Stellt Euch vor, der würde uns zum Schnüffeln einsetzen. All die ominösen beleglosen Schwarzhändel würden auffliegen, da kämen gewaschene und weniger saubere Milliönchen zum Vorschein, bei ganz Grossen wie dem PS müsste halt eine ganze Jack Russell-Bande eingesetzt werden: jeder auf eine Spur! Hei, das würde Spass machen, von Mühlen nach Jordanien, dann über Dubai bis nach Korea und zurück – durch Wolken von Wohlgerüchen bis zum stinkigen Ziel. Doch lassen wir das, sonst kracht noch der ganze Handschlag-Pferdehandel zusammen – und mit ihm manch feine ‚Unterstützung‘. Ich glaube auch nicht, dass die vertrockneten Steuer-Heinis uns managen könnten. Die hätten ja ständig Herzkrisen und allergische Ausschläge, wenn sie uns nicht wie Bundesordner ins Regal quetschen könnten. Wir müssten wie Radiergummis und Büroklammern still und wohlgeordnet griffbereit liegen. Mit verkniffenen Lippen würden sie sich Handschuhe überziehen, um uns auf die Spur zu setzen. Wir würden schmählich missbraucht, um diesen Apparatschiks ihre wahrscheinlich einzige Lust zu verschaffen: einen grossen Fisch an die Angel zu kriegen – und wenigstens ein paar dürre Zeitungszeilen lang aus dem Algenbrei der uniformen Beamtenmasse herauszutreten. „Dank den hartnäckigen Nachforschungen des Gemeindesteuerbeamten X...“ – das ist doch der Stoff, aus dem die Träume der Bedeutungslosen sind. Nein, da verzicht‘ ich sogar auf den Kamelduft in Dubai. Ich bin ja eh‘ berühmt genug; schliesslich hörte ich munkeln, ich triebe die Kavallo-Auflage in die Höhe - na ja, der PS und die Steuerbeamten werden ihn jetzt eher abbestellen...


Das Lieblingsspiel

 

Bei uns Hunden ist das ganz verschieden. Für uns Jack Russells ist die eigentliche Arbeit – also Füchse jagen – gleichermassen Lieblingsspiel. Dazu gehören überdurchschnittliche Fähigkeiten im Buddeln von Löchern, im Einsteigen und Durchsuchen von Höhlen und Bauten, aber auch im Festhalten der Beute (wer es wagt, uns einen Knochen oder sonst was aus dem Maul zu zerren, kann mit dem letztgenannten Talent unliebsame Bekanntschaft machen). Dann gibt's natürlich auch dekadentere Hunde wie die Schäfer, all die 'Kommissar Rexe', 'Partner mit der kalten Schnauze' und wie sie alle heissen, die sich den Bullen verschrieben haben und am liebsten geschminkt vor der Kamera herumschnüffeln. Oder die ganz Doofen, die mit hechelnder Zunge ständig Stecken, Steine, Ballis und was weiss ich für Herrchen apportieren, na ja, ich weiss nicht.

 

Bei den Menschen ist das viel einfacher. Da haben alle das selbe Lieblingsspiel, das sie von früh bis spät spielen. Es heisst: 'Wer isch gschuld?' und braucht nicht einmal Mitspieler. Die meisten Menschen spielen es auch allein im stillen Kämmerlein – gegen die ganze Welt. Da ich von der Hunde-Universität Dublin den Auftrag erhielt, zuhanden der Hundheit eine umfassende Untersuchung über das merkwürdige Sozialverhalten der etwas unterentwickelten Tierart 'Homo sapiens sapiens' zu verfassen, kann ich hier bereits mit ersten, höchst erstaunlichen Erkenntnissen aufwarten. Untersuchungen haben gezeigt, dass es der 'Homo Helveticus' (eine Kreuzung zwischen einem alles besser wissenden Lehrer und dem klassischen Schmierlappen) in diesem 'Wer isch gschuld'-Spiel zu auch international bestaunter Meisterschaft gebracht hat. Obwohl der geneigte Leser dieses Gekläffs das Spiel also höchstwahrscheinlich nicht nur kennt, sondern selbst virtuos spielt, fasse ich die Spielregeln kurz zusammen.

1.      Schuld sind – zwingend – immer die andern.

2.      Idealerweise kann die Schuld einer Gruppe, Partei, Sekte, Nation oder gar Rasse zugeordnet werden.

3.      Schlägt die Suche nach Schuldigen - in seltenen Fällen – fehl, behilft sich der Suchende mit der Projektion der Schuld auf entferntere, abstraktere Gebilde wie Petrus (Wetter!), Ozon-Loch, Schicksal, Gott und Teufel (wobei gerade letzterer wenn immer möglich personifiziert wird).

4.      Es gehört zu den Paradoxien des Spiels, dass die meisten es nicht als solches erkennen – deshalb fehlt in der Regel auch die spielerische Leichtigkeit.

5.      Einige durchschauen und missbrauchen das Spiel – bzw. die Unbewusstheit der Spielermasse – zur Promovierung ihrer (meist politischen) Absichten. Ein Beispiel wäre das schuldzuweisende Zublochen auf eine politisch missliebige Partei oder Gruppe von Andersdenkenden.

6.      Eine weitere Merkwürdigkeit des Spiels liegt darin, dass es den ihm innewohnenden Unterhaltungswert nur den es durch- und ihm zuschauenden Nichtspielern bietet, wie z.B. uns Hunden.

 

Beispiel gefällig? Gestern lag ein knochenartiges Ding im Haus herum, mit dem sich meine Menschin ab und zu wild durch ihr langes Kopffell fährt, vor allem, wenn es nass ist. Mangels anderer Betätigungsmöglichkeiten schnappte ich mir das Gebilde, trainierte meine bleckend-weissen Zähne daran und deponierte es dann ordnungsgemäss im grossen Sandhaufen bei meinen übrigen Fitnessgeräten. Kaum geschehen fuchtelt meine Menschin durch die Gegend und sucht – kehlige Laute ausstossend – offensichtlich nach ihrem Kopfpelz-Knochen, beschuldigt Anselm, den ich noch nie mit etwas anderem als mit seinen Wurstli-Fingern durch sein kurzes Kopf-Stoppelfeld fahren sah, und dann auch noch Frieda, die selbst mehrere solcher Fellstriegel besitzt, um ihre roten Fäden zu ordnen. Von wegen ROT: drei rote Köpfe, der Abend war gelaufen. Heute früh kommt Anselm mit einer Grosspackung neuer Spezialpelzpflegeknochen – da wird ja für mich sicher auch wieder einer abfallen, ich bin ja nicht zu faul, ihn selbst auszupacken – auf dass das Spiel von neuem beginne...

Harmlos, was? Diente auch nur der Einstimmung. Kürzlich war ich mit Anselm auf Turnier. Na, ihr wisst ja schon, wenn da die Rösser endlos über diese farbigen Hölzer hüpfen und wenn eins zu Boden fällt, sind die Menschen sauer, schimpfen oder hauen die Rösser usw. Nein, halt, es war noch schlimmer, es hatte überhaupt keine so aufgehängten Balken. Er hatte da seine komische Kaminfeger-Verkleidung an (Fasnachtszeit?) und musste in der leeren Halle einfach so sinnlos im Kreis herumdrehen mit seinem Renner, der viel lieber mit uns am Fluss herumgetollt hätte, und so ein alter Eierkopf am Rand gab ärgerliche Grunzlaute von sich.


Aber darum geht's gar nicht, ich wollte vom Spiel erzählen, das anschliessend in der Festwirtschaft auf Hochtouren lief. Die Ross-Menschen schimpften wie die Rohrspatzen und verteilten die Schuld für alles und jedes grosszügig in alle Himmelsrichtungen. Ein besonders beliebter Auffangkübel für die Anwürfe – es ging vor allem darum, dass die Schweizer 'Im-Kreis-herum-Wurger' anscheinend nicht mehr so erfolgreich sind wie 'in der guten alten Zeit' – waren die sogenannten Funktionäre, also Leute, die mehr oder weniger tatenlos herumstehen, von vergangener Glorie zehrend und die wenigstens noch in Funk-Kontakt mit der geliebten Sportart bleiben wollen (darum FUNK-tionär). Ich kenne das mehr vom Fussball, ein Spiel, das uns Hunden ein bisschen näher liegt, weil wir es darin immerhin schon bis zur Zirkusreife brachten. Wenn eine Mannschaft verliert, wird der Trainer gewechselt, das ist doch völlig klar und verständlich, schliesslich schiesst er ja die Tore – oder eben nicht. Hilft das nicht, wird der Manager gefeuert und dann der Präsident ausgewechselt. Nur etwas wird sicher nicht getan: mehr trainiert. Und genau so folgerichtig wollen auch die Schweizer Panik-an-Ort-Erzeuger vorgehen. Die wenigen, teils unter fetten Leibern dahinsiechenden Energien werden für Gekeif und Gezänke verschwendet. "Setzt jene ab, denn sie sind schuld an der Misere - und dafür mich ein, und siehe, die olympischen Goldschätze werden männiglich wieder in den Schoss fallen." Also tönt es ,wenn die Schnecken den Hasen die Schleimspur vorwerfen.

 

So kurzsichtig ist kein Hund, wage ich zu behaupten, nicht mal Odie. Ja, von wegen Garfield: in unserer Nachbarschaft gibt's neuerdings so ein widerliches, fettes, arrogantes Katzenbiest, das die ganze Gegend verstänkert und nachts so jämmerlich herumjault, dass kein anständiger Hundebürger mehr ruhig schlafen kann. Überhaupt, diese Katzen sind auch schuld, dass wir zu wenig zu jagen haben hier – also von mir aus könnte man sie samt und sonders des Landes verweisen – oder noch besser: aus dem Grzimek streichen, jawoll.


Leben ist lebensgefährlich...

 

Heute regnet's, und da ein Edel-Jack Russell wie ich lieber bei schönem Wetter Nachbar's neues Aprikosenbäumchen ausgräbt, finde ich Zeit, meine Studien am 'Homo Helveticus' fortzusetzen (Sie wissen schon, mein Lehrauftrag von der Hunde-Uni Dublin, die aus unerfindlichen Gründen dieses bedeutungslose Völklein vor dem Aussterben noch durchleuchten will).

 

Ein hochauffälliges Merkmal dieser Spezies ist die Ängstlichkeit, die teilweise groteske Auswirkungen zeitigt. Allein schon die Tatsache, dass es Zukunft gibt, treibt ihnen den Angstschweiss auf die Stirn, und darum versuchen sie mit letzter Verzweiflung, das Unbekannte auszurotten, indem sie alles und jedes möglichst auf Jahrzehnte hinaus vorausplanen, abstecken, eingrenzen, buchhalterisch extrapolieren. Indem sie sich von jeder Reise fernhalten, bei der nur das Ziel, aber nicht jeder Schritt auf dem Weg vorgegeben ist, heisse das Reisebüro nun UNO, EU oder IENA. Nur wenn alles versichert, abgesichert und garantiert ist, am liebsten noch das eigene Todesdatum gemäss durchschnittlicher Lebenserwartung berechnet ist, kann der 'Homo Helveticus' wieder durchatmen. Visionen, Wandel, überhaupt jede Art von Unsicherheit sind Gift für dieses engherzige Wesen – und sei es nur beim Wetter: Schlimm ist für den Eidgenossen nicht, wenn es 'hudlet' und stürmt, schlimm ist, wenn die Vorhersage nicht eintrifft.

Im Laufe dieses Jahrhunderts bildete sich in dem kleinräumigen Land – das immerhin die weltweit höchste Dichte von Gartenzäunen, Alarmanlagen und Securitas-Wächtern aufweist – ein speziell blutleerer Zweig heraus: die Statistiker. Sie sind in Helvetien das, was in urwüchsigeren Populationen die Propheten waren und haben wie diese die Aufgabe, die Angst vor der unbekannten Zukunft zu dämpfen.

 

Mit erstaunlicher Sicherheit sagen die heute computer-gestützten Human-Rechner alle möglichen unwichtigen Dinge voraus, z.B. das Bevölkerungswachstum: sie täuschten sich nur um ein paar vernachlässigbare Milliönchen; oder die Dauer der Rezession, die Entwicklung des Immobilienmarktes, der Zinsen, der Arbeitslosigkeit, der Kosten im Gesundheitswesen etc. Alles Gebiete, wo diese behornbrillten, lebensfremden Apparatschiks meilenweit daneben schossen. Aber das blinde Vertrauen der Helvetier in die Unfehlbarkeit dieser linearen Extrapolierer gründet tiefer als das der Katholiken in den Papst: lieber die Illusion der Sicherheit, als das Grauen der Unsicherheit.

 

Auf der positiven Seite ist zu vermerken, dass das von angstvoller Kontrollmanie geprägte politische System dieses Landes dazu verhalf, dass seit über hundert Jahren eigentlich nichts mehr geschieht. Nichts Schreckliches – aber auch nichts Begeisterndes. Geschichts- und gesichtslos laviert sich das furchtsame Völklein geschickt durch die Wirren und Fährnisse der Zeiten. Stabilität ist alles – wer zuerst bewegt, hat verloren. Eine schachmatte Nation, geführt von Vereinskassieren. Hinter Gittern, Drähten, Infrarot-Fühlern, Betonmauern, Wällen und Bergen sitzen sie, drücken die Nasen platt an der Glotze und freuen sich über das Ungemach der Mutigen auf der Welt. Mit schaudernder Schadenfreude beobachten sie die hohen Wellenbewegungen, das wogende Pulsieren des Vitalen, draussen, vor den bruchsicheren Doppelpanzerglas-Bullaugen – lebendig begraben in ihrem still vermodernden Museum.

 

Sie stürben in Bälde aus, kreuzten sie nicht ab und zu – mehr unbewusst als gewollt – etwas ausländisches Blut ein, da ein wenig 'Italianita', dort eine Prise französischer 'Elégance', ein Häppchen deutschen Fleisses, ein Quentchen österreichischen Schmähs, englischen Sportgeists und amerikanischer Naivität. Diese punktuellen Blut-Infusionen zerren den 'Homo Helveticus' immer wieder weg vom Abgrund völliger Apathie und bewahren ihn vor dem Total-Stillstand mit letalem Ausgang.

 

Am deutlichsten zeigt sich diese verheissungsvolle Morgenröte in gewissen Wirtschaftskreisen, wo viele Ganz- oder Halbausländer in Top-Positionen Weltoffenheit nicht predigen, sondern praktizieren, wo Wandel-Kompetenz nicht Worthülse, sondern Wirklichkeit ist. Aber auch in Reitergefilden gibt es Hoffnungsschimmer. Nach dem kleinkarierten, natürlich föderalistisch begründeten NEIN des erstarrten Verbandes zum Jahrhundertprojekt Avenches regte sich etwas im Heuhaufen. Es blieb nicht beim Stammtisch-Gepolter. Eine Stiftung privater Sportmäzene hat zum Beispiel Konzepte und Bares auf den Tisch gelegt, damit ein rechter Teich gebaut wird, wo die Military-Fräser baden gehen können.

 

Aber sogar innerhalb des verstockten Clubs tut sich etwas. Alle sechs Chefs der technischen Kommissionen – die Spitzensportverantwortlichen der verschiedenen Disziplinen im Dachverband – sitzen zusammen, lassen für einmal die Partikularinteressen hintanstehen, ergreifen die Initiative und lancieren mutige Kooperationsformen, die zu einer Beteiligung an dem grosszügigen Reiter-Mekka führen können – mit oder ohne den festgefahrenen, veraltet strukturierten Verbandsmoloch.

 

Auch für uns Jack Russells eine rosige Aussicht, dereinst in Avenches Dressurpferde zu erschrecken, Springer in die Höhe zu kläffen, Volitge-Girls zu unorthodoxen Abgängen zu bewegen, Fahrern die Hindernis-Kegel zu klauen, die Vet-Gates der Distänzler zu verraten und im neuen Teich nach Eventern zu tauchen.

 

Nun werden die AUNS-nahen Kreise gleich die blütenreinen Schweizerpässe der Belobigten ans Licht zerren, um meine Theorie zu widerlegen. Keine Sorge, wir gehen einfach eine oder mehrere Generationen zurück, bis wir die Einkreuzung ausländischen 'Vollbluts' nachweisen können – wie bei den hochgerühmten CH's : schwedischer als Gauguin de Lully geht's gar nicht und auch Military-Crack Mimorey ist französisch-irisch vom Feinsten. Nicht zu vergessen meine 35 in Helvetien gebürtigen Töchter und Söhne, die tagtäglich zum Leidwesen ihrer Schweizer Besitzer unter Beweis stellen, wie unberechenbar irisch-eigenwillig sie sind.


Kamel-Dung und Gelassenheit...

 

Kamele müsste es mehr geben. Wie stoisch und offensichtlich wenig beeindruckt diese Wüstenschiffe alle Fährnisse und Unwägbarkeiten, aber auch Applaus und Gejohle über sich ergehen lassen. Auch Neues und Fremdes wie der Flug nach Zürich, der Auftritt am CSI im Scheinwerferlicht, der Lärm der dunklen Menschenmassen rundherum – nichts bringt sie aus der Ruhe. Alles scheint ihnen gleich-gültig zu sein, gleiche Gültigkeit zu haben. Ohne Gier, aber auch ohne Widerwillen tun sie ihr Tagwerk, so ungewohnt es auch sein mag. Sie scheinen weder zu urteilen, noch zu bewerten. Sie nehmen Hitze, Kälte, Hunger, Durst, Arbeit und Ruhe gleichermassen gelassen hin. – Qualitäten, von denen andere Wesen nur träumen können.

 

Und die Menschen, denen wenig so fehlt wie Gelassenheit, gebrauchen 'Kamel' als Schimpfwort, als Metapher für 'Dummheit'. Da muss ein krasses Missverständnis vorliegen. Wer nicht ständig entscheidet, urteilt, analysiert, bewertet, messerscharf (und meistens falsch!) von der Vergangenheit auf die Zukunft schliesst, gilt den Menschen als dumm. Hoch im Kurs stehen dagegen die Macher und Manager, Technokraten und Therapiewütige, Beweger und Betrüger, Pharisäer und Fanatiker, Sanierer und Sieg-Heil-Schreier, Diktatoren und Dickschädel – auch wenn sie unserem Planeten ausser Chaos, Krieg und Verschmutzung bislang wenig beschert haben.

 

Gut, der Fortschritt – aber was ist das denn bei genauerem Hinsehen? Ist eine Reise im Jumbo wirklich ein grösseres Erlebnis als ein Kamelritt durch die Wüste? Und ist das 'Mehr-Schneller-Weiter-Anstrengunsloser' denn wirklich so erstrebenswert? Ist der von einem lärmigen Riesentraktor gezogene Vierscharenpflug für den vom Effizienz-Druck geplagten, Gehörschutz bewehrten Fahrer denn ein Mehr an Lebensqualität gegenüber dem ehrfürchtig und bewusst mit Ochs und Holzpflug Mutter Erde aufreissenden, Mantram singenden tibetischen Hochlandbauern?

 

Oder das im PC-Tele-Aids-Zeitalter zunehmend grassierende Ersatz-Erlebnis, das Virtuelle, Anstelle-Von, das Surrogat vom Silikon-Busen über das Tamagochi bis zum Cybersex? Sind das die Segnungen, die uns berechtigen, verächtlich auf das Kamel-Zeitalter hinunter zu blicken? – Ich als Jack Russell pfeife jedenfalls auf künstliche Knochen, Computer-Jagdspiele und virtuelle Paarung im Cyberspace. Ich pfeife auch auf Flugreisen (man lässt mich ja nicht einmal in mein Ursprungsland – die grüne Insel! – einreisen, wo ich doch so gerne einmal die Füchse von Punchestown gejagt hätte...). Ich rege mich schon wieder auf, anstatt – wie die Kamele – einfach zuzuschauen, was die Menschen alles Komisches tun, ihnen auf die Pfoten zu gucken und ihre Spiele zu durchschauen.

 

Eines der Witzigsten ist das Besitz-Spiel, Vollzeitbeschäftigung für die meisten Menschen, wenn sie nicht gerade an 'Wer isch gschuld' sind. Auch im Besitz-Spiel hat es mein Studienobjekt, der Homo Helveticus, zu weltweit anerkannter Perfektion gebracht. Tausende von Gesetzen, Prozessen und Alltags-Streitereien von der Wiege bis zur Bahre drehen sich um die Gretchenfrage 'Was gehört wem?'.

 

Dabei geht es beileibe nicht nur um nachvollziehbare Besitzansprüche wie Schlafplatz und Futternapf. Nein, die Helvetier streiten um das Eigentum am Titlis und am Matterhorn! Um karge Berge ohne Erz drin und Kühe drauf. Dafür ist es beim Streit um den Mond etwas ruhiger geworden, seit die gute alte Sowjetunion nicht mehr die Rolle des ausbalancierenden Gegenpols zum amerikanisch-kindlichen Allmachtsanspruch spielt.

 

Zum Glück wissen die meisten Tiere nicht um das Besitzanspruchs-Gerangel, das sich hinter ihrem Rücken abspielt. Calvaro mampft sein Heu und fliegt weiterhin zeppelin-artig über die farbigen Brocken, die man ihm in den Weg stellt, ob er nun dem grossen Stumpen-Willi, dem lieben Herrn Liebherr oder der 'gumfi-schleckenden' Super-Tennis-Maus gehört. Gehört er nicht sowieso längst allen, die ihn kennen und lieben - oder alle gehören ihm?

 

Das Amüsante am Besitz-Spiel ist nämlich, dass es nur Wirkungen entfaltet, wenn man an die Regeln glaubt und mitspielt – und dazu lassen sich (zum grossen Ärger der Helvetier) weder Würmer noch Vögel, Sonnenstrahlen, Jack Russells und Zigeuner überreden.

 

Auch die Rösser meines Anselmius scheren sich einen Deut um die Weidezäune, die eigentlich als für jedermann sichtbare Grenze des Besitztums gedacht sind. Der Chef der Fünferbande sieht das – als altgedientes Vielseitigkeits-Ross – geradezu als Einladung zum Sprung an (etwas wenig 'Fuss', wie er mir fachmännisch-kopfschüttelnd verriet), der jüngste Schlaumeier zieht sämtliche Splinten aus den Scharnieren, öffnet fein säuberlich das Weidetor – und steckt den Kopf genüsslich in Nachbars herrlichen Jung-Weizen. Mein Mensch muss dann jedesmal den grimmigen, Schrotflinten schwingenden Weizen-Besitzer zu beruhigen suchen – meist ohne Erfolg (ob das an dem roten, entsetzlich sauer riechenden Gesöff liegt, das er ihm flaschenweise überbringt?).

 

Tja, die Kamele haben es schon etwas leichter, in der weiten, nachbar- und zaunlosen Wüste gelassen zu bleiben. Wetten, nach ein paar Jahren im goldenen Rattenkäfig Helvetien, geplagt von schiesswütigen Nachbarn, bei jedem Abliegen auf öffentlichem Grund mit einer Parkbusse bedacht, beim Trinken aus öffentlichen Brunnen mit Mengenkontingentierung bedroht, Kamel-Dung-Entsorgungs-Formulare ausfüllend und der Doppelhöckerbesteuerung unterliegend – würde sogar den stoischen Kamelen die Gelassenheit abhanden kommen. Gottlob durften sie wieder nach Dubai. Ihre Fladen sind längst entfernt – und Helvetien riecht wieder, wie es immer roch: nach giftig-frischem Zaunimprägnierungsmittel.

 

 


Agility-Worldcup

 

Sie kennen es bestimmt, dieses nette Spielchen für fette Stubenhunde, Zeitvertreib für grüne Witwen, deren potente Männchen irgendwo auf der Welt zwischen Börsen, Büros und Bordellen ihre krummen Geschäftchen machen, und ihre dekadenten Schoss-Wohnungs-Bett-Hunzis mit Mäntelchen. – Genug der Häme, immerhin tun sie was Aktives zwischen gelangweiltem TV-Glotzen und lustlosem Schmatzi-Dogi-Häppchen verdrücken. Sie wissen schon: so über's werbebeschriftete Plänklein hüpfen, durch's saubere Zeltschläuchlein schlüpfen und – ach, wie putzig! – Wippchen rauf bis Kippchen, und wieder Wippchen runter, Mutti ist immer dabei, besorgt, ausser Atem, alles umrahmt von einem hysterischen Speaker, der mit gekünstelter Emphase versucht, eine CSI-Zürich-Knockout-Massen-Euphorie zu erzeugen (der alte Adolf hätt's gekonnt!) – und das ganze Geschrei meist mitten auf dem Concours-Platz, wo das Spielchen dem müden Ponyreiten, den öden Quadrillen und den ewigen Fahrkorsos den Rang abzulaufen droht.

 

Nein, nichts gegen das harmlose, schnuckelige Diät-Turnen für wohlstands-geplagte Frauchen mit ihren Ersatzbaby-Hunzchen – aber im Gegensatz zu einer richtigen irisch-englischen Fuchsjagd durch Feld und Wald, die ganze Meute quer durch den Pfarrhausgarten, über die Friedhofsmauer, durch Jungholz, Frucht und Saatwiese, über Wälle und Gräben, durch Bäche und Teiche - einfach dort durch, wo der Fuchs hinsaust – dagegen ist das brave Buchhalter-Spielchen natürlich Kindergarten. Gut, bei uns wird's natürlich irgendwann einmal ernst – für den Fuchs, oder, wenn wir irrtümlicherweise in eine Dachshöhle geraten, für uns. Und man wird schmutzig in diesen Höhlen, zerkratzt von Dornen und Ästen.

 

Die Jagd ist wild, natürlich, echt, 1:1 – aber natürlich weitab von 'political correctness'. Nichts von beschönigenden Euphemismen: wenn ein Hund im Fuchsloch steckenbleibt, ist er zu fett – und nicht 'körperumfangmässig herausgefordert'. Wer zu langsam reitet oder vor den Hecken stehenbleibt, ist ein Schlammsack und verliert den Anschluss – da hat's keine Touristen-Reitlehrer, die mit sanfter, cash-geölter Stimme säuseln: "Wollen wir das noch einmal probieren oder lieber einen Durchgang suchen, Herrr Hotzenköcherle?" – Und es braucht Platz - im geistig und topographisch engen Helvetien sowieso ein Fremdwort – und eine mitgehende, begeisterungsfähige Landbevölkerung, die wegen ein paar Hufabdrücken im Salatbeet nicht gleich das Bundesgericht bemüht.

 

Da passt natürlich das kleine, abgegrenzte, eingezäunte, blutleere Mini-Spielchen doch viel besser in die Schrebergärtchen-Landschaft. Und zur Belohnung gibt's einen Gummiknochen, Mutti drückt ihr gleich nach der Anstrengung wieder frottiertes und frisiertes Sugar-Hunzi inniglich an die Silikon-Brust, plaziert den Helden auf's ausgefahrene Teflon-Hüftgelenk und genehmigt einen gefriergetrockneten Kaffee mit UP-Milch und Assugrin – Prost!

 

Aber eigentlich wollte ich ja vom Weltcup erzählen. Ja, ihr werdet's kaum glauben, es soll einen Weltcup für Agility geben, gesponsort von einer urschweizerischen Bude, Misuzuki oder so was. Als wichtigstes und erstes wird ein Büro bestellt – und da man da Leute mit Erfahrung braucht, wird man wohl wieder meinen Namensvetter, den Max, zum Oberjehudi machen. Der weiss schliesslich, worauf es ankommt und wird dem Ganzen auch gleich den richtigen Nimbus geben.

 

Die konstituierende Sitzung soll in Kenia stattfinden, das zweite Mal trifft man sich auf der chinesischen Mauer. Ja, man will gleich von Anfang an den weltumspannenden Approach demonstrieren und die Agilitiy-Idee auch zu den grossohrigen Elefanten und den schlitzäugigen Drachen tragen. Schliesslich schmeisst Misuzuki gleich ein paar Milliönchen ein jährlich – die müssen ja irgendwie in Umlauf gesetzt werden. Gut die Turnier-Veranstalter müssen ein bisschen was zahlen, wenn sie so ein kassenfüllendes Event kriegen wollen. Man will ja nicht, dass die vielen tausend Volontäre, die weltweit traditionsgemäss für eine Bratwurst (bzw. je nach Kultur für einen Hamburger oder eine Schale Reis) krampfen, plötzlich Geld riechen und das opferbereite Vereinsklima vergiften...Ich glaube, das wird eine richtig gute Sache – vor allem, wenn das Ganze noch TV-mässig perfekt weltweit verbraten wird, damit Misuzuki auch einen Return hat für seine Investitionen. Mit den TV-Rechten sollte es keine Probleme geben: wenn der FEI-Max dabei ist, geht sowieso alles schnell...Ja, dank TV, Max und Misuzuki wird Agility dereinst so populär sein, dass sich Labour in England durchsetzt mit der Abschaffung der grässlich-aristokratischen Fuchsjagd. Agility kann sich eben auch der Kleinverdiener leisten, es braucht nur ein kitzekleines Viereckli, und die Hindernissli haben alle in einem Schöpfli oder einem Anhängerli Platz – und es ist doch so schön, wenn am Schluss alle dasselbe tun. Ich wird' mal mit Üben beginnen. Vielleicht stellt mir Anselm ein Wippchen auf?

((Illus))
Ein Volk von Sehern

 

"Jä das hät müese so cho" gehört zu den Lieblingssprüchen der Helvetier. Auch Anselm meckert jeweils sowas, wenn ich mal mit ebenmässig braunem Teint und herrlich frischem Wildschweinkotduft von einem kleinen Jagdabenteuer zurückkehre. Aber was soll's, die Menschen haben eben keine Ahnung von Ästhetik, und schon gar keine von Wohlgerüchen. Will man ihnen Glauben schenken, so muss es sich bei den Eidgenossen um ein Volk von Sehern und Propheten handeln. Ich habe dem immer wieder erstaunlichen Völklein auf den Zahn gefühlt und – wen wundert's – bei dieser Alles-Voraus-Wisserei allerlei Unstimmigkeiten entdeckt.

 

Merkwürdigerweise kommen diese Sprüche immer erst 'ex post', also im Nachhinein, und bleiben damit blinde Behauptungen. Wo bleibt da die Kunst, nach dem Ereignis zu krakeelen, man hätte es vorausgesehen? Dieses reichlich lächerliche, leicht durchschaubare Geprahle wird nicht etwa nur in der Festwirtschaft und am Stammtisch zelebriert, sondern auch in den Medien, ja sogar in (pseudo-)
wissenschaftlichen Büchern.

 

Börsenheinis, Polit- und Öko-Fritzen, aber auch publicity-geile Astrologinnen analysieren im Nachhinein der Welten Lauf und beweisen stringent, dass sie alles ganz klar vorausgesehen hätten.

Komisch, dass sich niemand wundert, weshalb die teuren Einsichten nicht vor dem Ereignis publik gemacht wurden? Vielleicht hätte ja das Schlimmste abgewendet werden können?

 

Im Reiterstübli und an der Cüpli-Bar klingen die fachkompetenten Hinterher-Voraussagen besonders engagiert, wenn ewas schief lief. Man sah es kommen, dass es den Ramärli verklöpft, bei all dem privaten Druck. Genauso zielsicher hat man aber auch seinen Schweizermeister-Titel vorausgesehen, weil – wer denn sonst?

 

Dass Calvaro in der Driefachen patzerte, wusste man seit Wochen "der ist doch platt und ausgeleiert, bei all dem, was der schon musste...". Gewinnt er den nächsten CSI, sah man's auch voraus "mit seiner Erfahrung – und überhaupt, ist ja keine Kunst, mit dem Überflieger...". Vom Börsen-Crash über den Fall der Mauer bis zum Ableben der Lady 'D' – alles wussten unsere Helden zuvor, behielten es aber diskret für sich bis 'après coup'.

 

Wir Hunde sind neugierig, schnuppern, buddeln und jagen, immer auf der Suche nach Abenteuern. Wir lassen uns überraschen von den Ereignissen, freuen uns auf Unerwartetes – ein Vergnügen, das unseren Möchtegern-Vorauswissern völlig entgeht. Liegt's etwa daran, dass wir selbstsicher genug sind, um auch mit Nicht-Berechenbarem, mit Unsicherheiten leben zu können, ja dies gerade als das Salz des Lebens, als echte Herausforderung betrachten? Dass wir gar nicht alles vorauswissen möchten – im Gegenteil! Wie fad, öd, aber auch schrecklich wäre so ein Leben, wo den Akteuren tatsächlich alles und jedes wie ein Fliessband-Programm zum voraus bekannt wäre. Wo läge da noch Spannung, Abenteuer, Hoffnung und Lebensfreude?

 

Aber die Helvetier sind ein speziell unsicheres Häuflein. Die haben Mühe, mit den Unwägbarkeiten des Schicksals umzugehen. Alles muss möglichst geplant, geordnet, nach allen Seiten abgesichert verlaufen. Lieber sicher und langweilig, als überraschend und abenteuerlich. Und noch viel mehr Mühe bekunden sie mit dem Eingeständnis, dass sich das Leben ständig dieser Planung und Absicherung entzieht. So kommt es zum Selbstbetrug, zum Sich-Einlullen in die Gewissheit, dass man ja alles immer schon wusste.

 

Wer jetzt allerdings glaubt, der Helvetier bleibe von Schicksalsschlägen verschont, täuscht sich gewaltig. Er kann nur schlechter damit umgehen als andere Wesen, weil er verzweifelt die Illusion aufrechtzuerhalten versucht, dass ihn nichts überrasche. Dass er dabei eines der schönsten Geschenke des Lebens verlustig geht, des Staunens, Sich-Wunderns, scheint ihn wenig zu kümmern. So bleibt ein nach aussen überheblich-besserwisserisches, nach innen ängstlich-unsicheres Wesen, weder begeisterungsfähig noch demütig, mehr tot als lebendig. Dass mit dieser Mentalität auch nichts gewagt wird, weder in der Politik, noch in der Wirtschaft, noch im Sport, verwundert nicht. Die ganze Energie dieser Alpensöhne geht in die Abschottung vom Lebensfluss, in das verzweifelte Festklammern am Bestehenden, bisher Ergatterten.

 

Herrliches Beispiel für diese Haltung geben die schweizerischen Vereine und Verbände. Alles Neue, Zukunftsweisende, Mutige ist verdächtig. "Mer si guet gfahre die letschte hundert Jahr ohni das" ist das wahrscheinlich häufigste Argument im 'Rössli', 'Sternen' oder in der 'Krone', um ein innovatives Projekt abzuschmettern. Das Geld – in Helvetien an sich reichlich vorhanden – bleibt meist in der behäbigen, wenig effizienten Administration stecken.

 

Wird – auf priviate Initiative – doch einmal etwas gewagt, äugen die Stockfische, die bewegungslosen Mikado-Spieler, die ewig winterschlafenden Kröten, die feist auf dem Errafften hockenden Gnome, die stiernackigen Glöckner und ausgemergelten Geizhälse, die engstirnigen Schrebergärtner und kleinkarierten Fremdenhasser. Sie blinzeln und warten begierig auf Anzeichen des Misslingens aller mutigen Vorhaben. Und wehe, ein Unternehmen kommt zu Fall, dann öffnen sich die Butt-Mäuler, dann haben sie's immer schon gewusst, dann wird genüsslich kommentiert.

 

Vielleicht das einzige wahre Amusement dieser Hinterwäldler. Jeder Chips fressende TV-Glotzer hätte dann besser Fussball gespielt, kluger 'gemanaged' und stärker geritten als all die bespuckten Gladiatoren. Und gelingt etwas, wird die Leistung herbgemindert und mit düsteren Prophezeiungen das baldige Ende des Erfolgs heraufbeschworen. Es kann und darf nicht sein, dass sich Einzelne aus der grauen Masse herausheben – und wenn, dann sollen sie teuer dafür bezahlen. Nivellierung à tout prix ist der geheime Wunsch dahinter. Es soll keinem besser gehen, mehr gelingen als der boulevardesken Mehrheit. Individualistische Farbtupfer sind den Grauen ein Grauen.

 

Doch keine Bange. Das Schicksal lässt sich immer wieder etwas einfallen, um die Verstockten aus ihrer satten Lethargie herauszuschütteln, sie zurück in den mit Untiefen durchsetzten Strom des Lebens zu werfen. Krankheiten, Unfälle, Katastrophen, Rezessionen und politische Wirrnisse sind beliebte Hilfsmittel, um die illusionäre Sicherheit wieder in abenteuerliche Unsicherheit zu verwandeln.

 

Sorry, ich rieche einen Elch (was, mitten in Helvetien?) – ich muss auf die Jagd!


Meister des Humors

 

Es gibt nichts Gesünderes als ein bisschen Entrüstung. Das regt den Kreislauf an, aktiviert irgendwelche Hormone, Drüsen und führt zu den begehrten Adrenalin-Schüben. Zu diesem Glück der Entrüstung habe ich mit meinem vorletzten Gemotze einer sicherlich sonst netten Dame verholfen, die mich in geharnischten Worten wissen liess, dass mein "konfuses Geschreibsel" über den Agility-Worldcup erläuterungsbedürftig sei. Da ich sowieso drauf und dran war, die Mühe des Homo sapiens sapiens mit dem Humor auf die Rolle zu schieben, passt mir das aufgebrachte Leserbrieflein wunderbar in mein 'Motz-Programm'.

 

Wer schon einmal versucht hat, einer ostentativ und in kürzesten Abständen auf die Uhr glarenden, genervten Person einen Witz zu erklären, ahnt, wie schwierig das Unterfangen ist. Vergleichbar dem hoffnungslosen Versuch, einem unmusikalischen Zöllner Mozart näher zu bringen. Man braucht ja nicht gleich das absolute Musikgehör zu haben, um etwas von der Tiefe und Faszination echter Musik mitzukriegen - aber einer minimen Bereitschaft, zuzuhören, sich auf Klangwelten einzulassen, bedarf es schon. Sogar einem Gehörlosen kann man über die Vibration von Schlaginstrumenten einen beschränkten Eindruck von Musik vermitteln, ja vielleicht auch über rationale Erkenntnishilfen: wenn ein Chor, ein Orchester, eine Band so und so zusammengesetzt ist, die Musiker in dieser oder jener Art gekleidet sind und sich so oder so bewegen, wenn das Ganze in diesem oder jenem Raum stattfindet, so lassen sich Schlüsse ziehen auf die Art der gespielten Musik.

 

Natürlich ersetzt dies nie das sinnliche und emotionale Erlebnis von Musik. Die Beispiele zeigen nur, dass auch bei schlechtesten Voraussetzungen der totalen Verständnislosigkeit etwas entgegengesetzt werden kann.

 

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Humor. Sicher bringen die Menschen unterschiedlich viel Talent und Neigung für Humor mit – so wie sie unterschiedlich musikalisch sind. Aber ein recht grosser Teil dessen, was Humor ausmacht, ist lern- und verstehbar. Die wichtigste Voraussetzung für echten Humor ist die Selbstironie. Über sich selbst, sein So-Sein, seine Taten, Untaten und Tatenlosigkeit lachen zu können – das ist der eigentliche Schlüssel zum Humor, bedingt aber eine gehörige Portion individueller Reife und Grösse:

 

Umgekehrt ist damit Selbstironie immer auch ein gutes Beurteilungskriterium für Grösse: Wenn einer der weltbesten Reiter wie Mark Todd in Interviews und Büchern haufenweise Geschichten erzählt, in denen er eben gerade nicht der grosse Held ist, wo er in peinlichen Situationen vom Pferd fällt und alles lacht über ihn, dann zeugt dies von Grösse, von Über-der-Sache-Stehen. Wer fähig ist, sich selbst wie von aussen schmunzelnd zu beobachten, hat die entscheidende Distanz gefunden.

 

Viele können nur über andere lachen – meistens schadenfreudig – nehmen sich selbst aber todernst. Hier scheiden sich Spreu und Weizen, hier verläuft die Grenze zwischen dreckigem Grölen und echtem Humor. Übertreibungen, Zerrbilder, Persiflagen dienen letztlich der Selbsterkenntnis. Warum hat der fette Garfield weltweit so enormen Erfolg? – Weil sich die Leser irgendwo in dem Zerrspiegel erkennen, weil sie – bewusst oder unbewusst – spüren, dass in jedem von uns auch eine Prise von dem Garfieldschen, fett-faul-zynischen Egoismus schlummert. Oder auch nicht. Wahrscheinlich erkennen die meisten in Garfield nur den verhassten Nachbarn, den Chef – oder schlimmer: den Partner. Es ist eben ungemein viel leichter, auf andere zu zeigen, die Wesen der näheren oder ferneren Umgebung zu verhöhnen, als sich der harten Tatsache zu stellen, dass alles, restlos alles, was uns 'draussen' aufregt, auch in uns steckt. Vielleicht schlummernd, unbewusst, verdrängt, aber mit Bestimmtheit vorhanden. Na ja, reichlich humorlos, diese hundephilosophische Abhandlung über Humor. Aber ohne diese Grundlagen kommen wir nie an den Kern des Humors ran. Das echte Schmunzeln basiert auf der vergnüglichen Beobachtung der eigenen Mangelhaftigkeit – und auf der kopfschüttelnden Bewunderung für das Schicksal, das unser Leben immer wieder mit genau den Akteuren, dem Bühnenbild möbliert, das zu unserem momentanen Entwicklungsstand passt und uns in die Rolle desjenigen Stücks hineingeraten lässt, die für unseren Lernprozess gerade akut richtig und wichtig ist.

Wenn wir Jack Russell nicht über unsere Schwererziehbarkeit, unseren überbordenden Jagdtrieb und den megalomanischen Grössenwahn, der uns jede Dogge angreifen lässt, lachen können, dürfen wir uns auch nicht über unseren in Helvetien so deutlich sichtbaren Schatten, nämlich bieder-angepasstes Normverhalten, lustig machen. Bei jedem Buchhalter-Witz wissen wir insgeheim, dass uns ein kitzekleinwenig mehr Disziplin, Seriosität und Sitzleder wohl anstünden.

 

Wir können das Pferd auch noch am Schwanz aufzäumen und die grössten Feinde des Humors unter die Lupe nehmen. Den ersten Platz nimmt unbestritten der Fanatismus ein. Der Fanatiker hat sowenig Distanz zu den von ihm fanatisch verfolgten Zielen wie zu sich selbst. Sein Blick verengt sich: alle, die nicht so denken und handeln wie er, sind nicht nur im Unrecht, sondern eigentlich zu eliminieren. Hier liegt der grosse Unterschied zum Engagierten, der zwar mit Herz, Hand und Kopf bei der Sache ist, aber eine Distanz bewahrt, die Kritik am eigenen Tun nicht ausschliesst. Wundert sich noch irgendwer über die Humorlosigkeit der meisten Politiker? Wer den Fanatiker trifft, muss mit allem rechnen – ausser mit Humor. Falls es euch noch nicht aufgefallen ist, sind bei mir gewisse Ansätze von Jagd-Fanatismus festzustellen, und der Leserbrief, der die irische Fuchsjagd in Bausch und Bogen verdammen würde, wäre wahrscheinlich der Prüfstein für meine Toleranz. Und so ging's wohl auch der Agility-Dame, die in ihrer Betroffenheit nicht mehr merkte, dass der Agility-Worldcup nur eine Metapher, eine Allegorie war: man meint den Sack und schlägt den Esel. Die Spitze richtete sich gegen den 'richtigen' Weltcup und seine Exponenten. Der Seitenhieb gegen das süsse Agility-Spielchen war nur ein Nebenschauplatz. Aber eben: wenn man sich persönlich angegriffen fühlt, gefriert das Lachen leicht ein. Dabei gibt es niemanden, der uns öfter Grund zum Lachen gibt, als wir selbst! Wir sind ja die einzigen, die immer dabei sind, wenn wir von Ungeschicklich- zu Peinlichkeit stolpern. Wir sind auch die einzigen, die bei jedem Zaunpfahlswink des Schicksals wirklich wissen (könnten!), was gemeint ist. Wer sich angewöhnt, sich selbst als Comic-Figur, als Slapstick-Star der eigenen Lebenskomödie, als Chaplin des Alltags, als 'Dick und Doof' in Personalunion zu sehen, der kommt aus dem Schmunzeln gar nicht mehr heraus. Wer dann noch die Grösse hat, andere mitlachen zu lassen, der kann sich schon bald das Prädikat 'wertvoll' ans Revers heften.

 

Übrigens, meine Gemahlin hat wieder einmal einen Viererwurf ins Körbchen gelegt. Glücklicherweise sehen alle mir ähnlich. Ein dämlicher Besucher hat diese ausgesucht hübschen Russell-Babys als 'Meerschweinchen' bezeichnet. Können Sie sich vorstellen, wie ich dem die Waden zerfetzte – ich habe jetzt noch Menschenfleisch zwischen den Zähnen. Nein, also irgendwo hört's einfach auf, oder???


Schaut, was ich habe...

 

Kennen Sie den H.R.H.? Nicht? Macht auch nichts. Sie können genausogut den M.S.M. oder den P.F.Z. nehmen. Sie sind sich alle sehr ähnlich. Es ist nicht einmal zwingend, dass sie zwei Vornamen vorzeigen, aber es passt zum Persönlichkeitsprofil. Allen gemeinsam ist aber das HABEN zum ZEIGEN. Und damit unterscheiden sie sich vom berühmten 'Otto Normalverbraucher', der das, was er hat, auch braucht, verbraucht oder zumindest benützt. Der R.B.S. –Typus dagegen hat seine Habe nicht zum benützen, weil niemand gleichzeitig zehn Yachten oder zwanzig Ferraris fahren, in dreissig Häusern wohnen oder auf vierzig Pferden reiten kann. Weil niemand sechzig Gemälde in seine Stube hängen oder sich siebzig Geliebten widmen kann. Da sich diese Menschen – in aller Regel Männer – mit inneren Werten nicht genügend ausgestattet fühlen oder beim Versuch, diese zu demonstrieren, zu wenig Anerkennung ernten, sammeln sie äussere Werte, Materielles. Handelt es sich dabei um Frauen und/oder Pferde, so steht verständlicherweise der äussere Aspekt im Vordergrund. Es geht dann nicht um Beziehungen, Harmonie oder gar Tiefe, sondern um äussere Schönheit (Vorzeigbarkeit), Geldwert, Abstammung, Leistung etc. Und wissen Sie was? Es funktioniert. Zumindest solange genügend Mitspieler vorhanden sind, die dem H.G.W. die langersehnte Aufmerksamkeit und Bewunderung schenken.

 

Typischerweise besteht ein krasses monetäres Gefälle zwischen einem P.S.P. und seinen Bewunderern. Und so ist allen gedient: gibt es schönere Verträge, als die, bei denen beide Parteien glauben, auf der besseren Seite zu stehen? Der Anerkennungs-Hungrige lässt sich Dank und Applaus etwas kosten. Doch was schert ihn das Geld, davon hat er ja genug. Und der Anerkennung-Spendende und Geld-Bedürftige? Was kostet ein bisschen Bauchgepinsel, ein gut gemachter, bewundernder Blick oder ein rührseliges Dankesgestammel, wenn sich dafür der Napf, der Stall, der Beutel wieder füllt? Alle sind zufrieden – und der Schweizer Pferdesport, ja überhaupt der Sport, wäre ärmer ohne diese Typen.

 

Stellen Sie sich vor, den Jim Knaller hätt' es nie gegeben mit seinem Jahrhundert-Crack 'Pfund-Boy', der mit wechselnden Top-Piloten so manchen Dollar zusammensprang! Und auch der eingangs erwähnte H.R.H. kann sich durchaus noch zu einem Lieferanten des Segens für den Sport durchmausern. So what? – Aus der Sicht eines einfachen Jack Russells, der schon aus reiner Freude am Buddeln alles und jedes ausgraben zu müssen glaubt, möchte ich ja nur den Finger auf das Unechte, Falsche, Gekünstelte bei diesem häufig gespielten Theaterstück legen. Nichts gegen einen veritablen Sponsor, der in den Sport investiert und einen ganz klaren, möglichst bezifferbaren 'Return' sucht. Nichts gegen einen echten, edlen Mäzen, dessen Unterstützung ihren Grund in der Freude an der Sache oder an einem einzelnen Sportler hat. Meist halten sich solche Gönner persönlich bescheiden zurück. Und auch nichts gegen den Co-Owner, der sich – meist mit beschränkten Mitteln – in eine Pferd-Reiter-Beziehung einbringt, weil er teilhaben will an Freud und Leid, weil er engagiert mitfiebern und mithelfen will beim Werdegang eines Paares.

 

Nein, an den Pranger stellen will ich diese naiv-eingebildeten Angeber, die ständig und grossgekotzt mit ihrer Habe prahlen, die mit ihrer Auftrumpferei jedermann dermassen abstossen, dass sie schlussendlich nicht einmal mehr ihr Ziel der allseitigen Anerkennung erreichen – trotz investierter Millionen. Nur die direkten Profiteure bleiben bei der Stange – und auch die winken ab, sobald der Aufschneider um die Ecke verschwindet, was ihn tragischerweise meist nur noch immer tiefer in die illusionäre Rolle des 'Schaut-was-ich-habe'-Demonstrators tauchen lässt. Er klammert sich daran, weil es hat doch bislang ganz leidlich funktioniert. Er verwechselt die Käuflichkeit der Welt mit der Käuflichkeit des Glücks, mit der tiefen Befriedigung, die aus jeder harmonischen Beziehung erwächst. Aber der Aufbau einer solchen braucht Zeit, Jahre des Zusammenseins.

 

Jeder – um mal bei den Pferden zu bleiben – der sein Pferd über Jahre auch pflegt, füttert, ausreitet, mit ihm auch Niederlagen, Rückschläge, Verletzungen durchsteht und ihm ein würdiges Alter gönnt, kennt diese beglückende Vertrautheit. Der K.S.E. hat in der Regel die Geduld nicht, glaubt, die Zeit dafür nicht zu haben, wechselt ständig Pferde, Piloten, Tierärzte und Ställe in der blinden Hast nach dem schnellen Glück. Er will gar nicht erkennen, dass er sich die Anerkennung nur gekauft hat – oder nicht einmal das, er hat sie geleast, gemietet – und echt war sie sowieso nie. Ausser er wäre ehrlich. Wenn einer dazu steht, dass er es geniesst, von jedermann auf dem Turnierplatz respektvoll gegrüsst zu werden, weil alle hoffen, vielleicht auch einmal in seine Gunst zu kommen – o.k. Dann hat er ein Lusterlebnis, das z.B. manche Dressurrichter die harte und meist schlecht bis gar nicht honorierte Arbeit im heissen Häuschen vergessen lässt: diese säuselnde Höflichkeit aller Weissbehosten, stets bange der nächsten (Hin-)richtung entgegenfiebernd.

 

Für einmal handelt es sich hier –zur Beruhigung aller AUNS-Mitglieder unter den Kavallo-Lesern- nicht um ein speziell helvetisches Phänomen, sondern um einen typischen Auswuchs unseres materiell-dekadenten Zeitalters: man mische amerikanische Naivität mit deutschem Grössenwahn, ziehe etwas französische Blasiertheit und italienische Eitelkeit darunter, stabilisiere das Ganze mit gutschweizerischem Kosten-Nutzen-Bewusstsein und schmecke mit einer Prise österreichischer Titelsucht ab – fertig ist der O.M.O., ein trendiges euro-kompatibles Produkt. Und falls Sie ihn live kennenlernen möchten – kein Problem. Sie finden ihn in allen Ausführungen an Cüpli-Bars landauf landab. Der Unsportliche mit der grossen Klappe inmitten einer Gruppe lederhäutiger Blondinen, bleicher Apparatschiks und Möchtegern-Reitern. Zur Sicherheit: er trägt diese unpassenden, aber garantiert teuren Hosen, die gerade von einem fiesen Russell als Baumstamm-Ersatz benützt werden, weil alle Mäxe wissen: wenn's einer nicht schnallt, dann der H.R.H.

 

((Illus))


Brautschau

 

Kennen Sie das aufgeräumte, fröhlich-hektische Getue von Frauen, die sich für eine Shopping-Tour bereitmachen? Und das unentschlossene Hin und Her, nach Luft schnappend zwischen Brillanten und Diamanten im Juwelierladen, das Flackern in den Augen, wenn dann – endlich! – die Wahl getroffen ist. Und Sekunden später die schweisstreibenden Anfechtungen, ob's wohl doch der andere oder gar jener dort gewesen wäre. Es kann sich auch um Ballkleider, Brillen, Schuhe oder auch nur T-Shirts handeln (je nach Alter und sozialem Umfeld...), der Zustand freudiger Erregtheit – abgeschmeckt mit einer guten Prise Wahl-Qual - bleibt sich gleich.

Genauso war mein Mensch Anselm am letzten Wochenende – bei einem Mann höchst verdächtig und auch bei Autokäufen unüblich: bei Autos weiss auch der Unbedarfteste meist Monate bis Jahre zuvor, was er eigentlich möchte. Ins Zittern bringt ihn da höchstens die Erbschaft, der Lottogewinn oder was immer ihm ermöglicht, das längst Ausgewählte auch tatsächlich zu erstehen.

Wie ein Jüngling auf Brautschau fieberte er dem Weekend entgegen, wobei 'Jüngling' zugegebenermassen eine etwas euphemistische Bezeichnung für meinen zerknitterten Oldy ist, und 'Brautschau' ein Begriff aus alten Zeiten oder zumindest sehr fernen Kulturen, aber trotzdem – ich finde kein besseres Bild, diesen Eu-Stress, diese freudig-verwirrte Aufgeregtheit zu beschreiben. Und heute weiss ich auch wieso. Ich roch es: Pferdekauf!

Da keine lustfeindliche Religion im Wege steht, darf der Pferd suchende Mensch all seine Wünsche und Vorlieben ungeschminkt vorbringen. Unverblümt wird da von feingliedrigen Beinen, starken Gelenken, knackigen Po's, schönen Hals-Ansätzen, breiter Brust und grossen Augen mit treuem oder kämpferischem Blick geschwärmt. Da werden Charaktereigenschaften wie Mut oder Vorsicht (am liebsten beides!), Gehorsam und Selbständigkeit (je nach Situation abrufbar!) gelobt, Coolness, Losgelassenheit, aber gleichzeitig Schwung und Ausstrahlung, alles verbunden mit Takt(-gefühl) gesucht. Dass kein Pferd dieser Welt all diesen Ansprüchen genügen kann, leuchtet zwar jedem vernünftigen Menschen ein – aber wer behauptet denn, Freier seien vernünftig. Da wird der ganze Schatten des Suchenden – also alles, was dem Kaufwilligen selbst an Eigenschaften körperlicher und seelischer Art gebricht - ins gewünschte Tier hineinprojiziert. Darum ist es auch so witzig, dem Seelen-Striptease beizuwohnen, den der Kauflustige nichts ahnend vorführt. Dabei deckt er nicht nur seine reiterlichen, sondern meist auch all seine physischen und psychischen Mängel schonungslos auf. Sucht der Mensch hingegen einen zweibeinigen Partner, wird das wahrhaft Ersehnte in der Regel mit gesellschaftlich akzeptierten, vernünftig klingenden 'Pelzchen' verbrämt – oder schlicht mit astreinster Emotion, mit purster Liebe begründet. Etwas fies, wie Jack Russell nun mal sein können, möchte ich in solchen Fällen jeweils gern die Frage stellen, ob die Liebe tatsächlich auch so untrübbar bliebe, falls die Angebetete sich plötzlich als Angehörige einer fernen Rasse, der ach so bedingungslos Verehrte sich bei näherem Hinsehen als verarmter Landadliger entpuppen würde – ob dann da nicht doch plötzlich ein Fünkchen 'ratio', eine Prise Berechnung sich in die hehren Liebesgefühle einschliche...?

Auch bei der Pferdewahl kann die Verwechslung eines einzigen Buchstabens in Sekundenschnelle bewundernde Zuwendung in verächtliches Schulterzucken umschlagen lassen: z.B. wenn sich der I-R-länder als I-N-länder erweist, der Trakehner doch 'nur' ein Russe ist; wenn die Erscheinung nicht hält, was das Abstammungspapier verspricht – oder umgekehrt: wenn sich beim vermeintlichen Blüter bis in die vierte Generation rauf partout kein 'xx' finden lässt.

Nach Tausenden von Kilometern, vollgekritzelten Notizblocks, viel grässlichem Autobahn-Junk-Food und langsam einsetzender geistiger Verwirrung mit verschwimmenden Bildern von Sprüngen, Trabverstärkungen und Schulterwinkeln, von Schimmeln, Füchsen, Braunen, Rappen, Schecken, von Doppelponys, Vollblutkatzen, grossrahmigen, grobknochigen Huntern bis zu 'schwerblütigen' Elefanten ist für viele ein derartiger Übersättigungs- und Erschöpfungsgrad erreicht, dass keine Entscheidung mehr möglich ist. Über einen dieser geplagten Unentschlossenen, den A.P. aus Y., der seit Jahren durch die Welt kurvt, hunderte von Pferden probiert und gefilmt hat, kursiert sogar die Geschichte von 'Steinzeit-Ötzi', der scheint's in einem Labor wieder zum Leben erweckt werden konnte und als erstes fragte: "Sucht der P. immer noch ein Pferd?" Die Antwort ist natürlich 'JA' – er wird sein Leben lang suchen nach dem Pferd der Pferde, das alle Ansprüche erfüllt und deshalb zwingend gar nicht existieren kann, da sich die Anforderungen zutiefst widersprechen. 'Der Weg ist das Ziel' wird er sich sagen – und auf dem Weg ist er im wörtlichsten Sinne: meistens auf der Autobahn. Man könnte natürlich diesen weisen Satz auch anders interpretieren und das unvollkommene, aber existierende Pferd erwerben und über den Weg der täglichen Arbeit zu vervollkommnen suchen, immer im Bewusstsein, dass wir uns mitentwickeln müssen und dass letzte Vollkommenheit uns auf dem Robinson-Spielplatz 'Erdball' versagt bleibt.

Hat sich der Suchende wider Erwarten zu einem Kauf entschlossen, kommt die grosse Stunde der Tierärzte. Von der Biege- und Brettprobe über das immer erfolgreiche 'Schlauchverschlucken', das uns auf dem vertrauten Bildschirm mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit besorgniserregende Kehlkopf-Rötungen zeigt und wenigstens den obligaten Hauch eines Schleimchens zu Tage fördert bis zu wahrhaften Röntgen-Orgien und dem trendigen Rücken-Drücken (reagiert das Pferd, ist er offensichtlich druckempfindlich sprich leidend sprich kaputt, reagiert er nicht, ist er steif-blockiert sprich leidend sprich kaputt – eine todsichere Sache). Tatsache ist, dass so mancher potentielle Crack im TÜV steckenbleibt – nicht weil die Pferde oder die Moral der Händler schlechter, sondern weil die technischen Möglichkeiten der Tierärzte besser geworden sind. Und weil es der Natur der Helvetier entspricht, sich gegen alles und jedes abzusichern. Am Schluss kaufen sie das offensichtlich weniger versprechende Pferd, das sämtliche Vet-Tests bestand – und lassen den Crack mit seinem Kehlkopf-Schleimchen stehen, fahren nach Hause und packen ein frisch erkältetes Tier aus, das bereits mehr Schleimchen hat als der ferne Crack. Da hilft nicht einmal die Juristerei mit allen – beim Pferdehandel eigentliche eher unüblichen – Verträgen, die alle Eventualitäten des Eigentumsübergangs und alle Haftungsfragen regeln. Auch der sicherheits-gierigste Eidgenosse muss halt dieses missliebige 'Rest-Risiko' eingehen, so gern er sich der grässlichen Einsicht verschliesst, dass Leben ganz grundsätzlich lebensgefährlich ist... Übrigens, Anselm ist fündig geworden. Die Odyssee von der Insel bis ins heimische Alpenland, durch sämtliche internationalen Formularberge und an der so heissgeliebten Spezies 'Zöllner' vorbei gibt eine Story für sich!


Mein Kampf II

 

Die grösste Sensation seit den Hitler-Tagebüchern – die uns dann ja leider wie STERN-Sch(n)uppen von den Augen fielen – ist der zweite Band des Jahrhundertwerks 'Mein Kampf'. Floss der erste Band noch direkt aus der Feder des österreichischen Flachmalers Adolf Schickelgruber, derweil er am für ihn wohl sinnigsten Ort weilte, nämlich im Gefängnis, stammt der langersehnte zweite Teil von einem dynamischen Don Quijote der Neuzeit, dem nord-fälischen Vielreiter Dirk Dachhuber aus Nasingen. Das Epos ist getragen von einer Fülle atemberaubender Protest-Geschichten: in schier unglaublichen Lagen wagte es der Autor immer wieder heldenhaft, den Turniergewaltigen den Fehdehandschuh vor die Füsse zu werfen, sie mit der männlich knöchelhart auf den Jurywagen geknallten Hunderternote (wiewohl letztere ihn magenkrämpfig reute) aus ihrem gemütlichen 'eins null, zwei null, drei drei, vier vier'-Gebrabbel und vom Féchy wegzurütteln. Immer wieder wusste Dirk für Gotteslohn und Rebensaft arbeitende Juroren an ländlichsten Veranstaltungen an ihre ernste Pflicht zu gemahnen, die sie erschrockenen Gesichts – den Bowler zurechtrückend und sich nervös räuspernd – dann auch wahrnahmen. Aber der Tag war im Eimer, die fröhliche Beschaulichkeit des harmlosen Turnierchens wich dem Bierernst sieg-geld-ruhm-schwangeren Spitzensport-Ambientes, wo Punkte, Stangen und Sekunden Auswirkungen in sechsstelliger Dollar-Höhe haben können. Beeindruckend an der Psychologie des Nasinger Einzelkämpfers ist die absolute Konsequenz, mit der die am höchsten eingestuften Werte verfolgt werden. Und zuoberst in der Wertskala steht ganz eindeutig: Sieg, Sieg, Sieg, egal wie, wo, mit welchen Mitteln: der ranglistenkundige, preisgeld-gekrönte Erfolg allein zählt und rechtfertigt – nein: befiehlt jegliche Tricks, Übervorteilungen, Schamlosigkeiten und natürlich jede Menge Proteste. Wo auch immer Dirk Dachhuber auftaucht, jeder nord-fälische Vereinsveranstalter sieht seinem Kommen mit Bangen entgegen. Am ungeschorensten kommen die Duckmäuser davon, die allfällige Dressurrichter bereits im Vorfeld anweisen, den Dirk gewinnen zu lassen. Bei den Stangen im Parcourswald ist dies schon schwieriger, da kann höchstens mit der Zeit etwas geschummelt werden. Hat er, der Alt-Internationale, nämlich den unlizenzierten Vereins- und Freizeitreitern sämtliche Früchtekörbe, Gutscheine, Pokale und Geldpreise weggeschnappt, gibt's zumindest keinen Protest – im Gegenteil, ein speicheltriefendes, kuvert-geiles Lächeln, ein serviler Bückling, alle gewonnenen Decken, Schabracken und Halftern zusammengerafft – und weg ist der Dachhuber. Wer denkt , der mehrfache nord-fälische Landesmeister bleibe nach seinen Siegen noch für ein Glas in der Festwirtschaft oder stosse mit Kollegen auf seinen Erfolg an, unterschätzt seine ererbt-sparsame Natur. Alles auf die hohe Kante – man weiss schliesslich nie, wann der Alte endlich die paar Milliönchen rausrückt, die dem Einzelkindchen zustehen. Gut, zur Entschuldigung sei gesagt: wie will mit 'Kollegen' anstossen, wer keine hat. Und hier liegt wahrscheinlich des Pudels Kern, der Hund begraben bzw. – mir sympathischer: der Hase im Pfeffer. Wer nie Anerkennung und Zuwendung erlebt – einfach so, für sein Dasein und Sosein – probiert's mit Leistung. Klappt dies einigermassen, wird Leistung zur Sucht, die – wie jede Droge – nie ganz befriedigt, denn die durch Leistung erreichte Zuwendung ist kurzlebig und entspringt nie tiefer Emotion: heute gefeiert, morgen vergessen – so mancher Spitzensportler kann ein Lied davon singen. Bei Wirtschaftskapitänen heisst der Slogan leicht abgeändert: heute gefeiert, morgen gefeuert – oder 'freigestellt', wie der beschönigende Ausdruck lautet. Aus dieser Sicht ist der Dachhuber ein bemitleidenswertes Wrack, eine ethische Ruine – beständig im Kampf gegen das überall lauernde Böse.

 

Er findet es überall: bei Konkurrenten in Beruf und Sport, bei Angestellten (die er sich nicht scheut, vor den Richter zu zerren und vom Hof zu jagen), bei Kunden, die sehr schnell zu Niemehr-Kunden werden, bei Richtern, Funktionären – es gibt kaum jemanden oder etwas, das nicht potentielle Gefahr darstellt für unseren Gladiatoren des Alltags. Nur in einer Richtung sucht er nie; dort wo die Lösung verborgen wäre -–und sie liegt, wie immer, ganz nah: bei sich selbst. Vielleicht kommt er mal noch drauf in alten Tagen – bis dann hagelt es weiter Proteste in Nord-Falen. Und sein Buch wird zum Bestseller, schlummert doch in fast jedem von uns ein kleiner Don Quijote, ein Kämpfer a se – und der Dachhuber ist beileibe nicht der einzige, der lieber im Aussen kämpft statt im Innen.

 

Bleibt noch eine hübsche Reminiszenz nachzutragen vom letzten Protest Dachhubers an einer kleinen Veranstaltung auf dem Lande. Dr. Uli Weissfluss, der Inbegriff eines Gentlemans, ein Horseman und Aristokrat im besten Sinne, ein beherrschter, wohlgesinnter Edelmann, der eigentlich nie die Fassung verliert, sass bei brütender Hitze auf der Jury und musste sich den hanebüchenen Unsinn Dachhubers anhören. In seiner unendlichen Geduld und Liebenswürdigkeit hielt er die Prüfung an und ging der Rüge Dachhubers nach, kam aber – wie zu erwarten – zu einer Lösung, die nicht im Sinne des kämpferischen Nasingers war. Als letzterer immer wieder anrannte, auf seiner einäugigen Sicht beharrte und die Jury unablässig mit seinem Geplärr belästigte, lupfte es dem königlichen Doktor den Hut. Er wurde ziemlich laut und ebenso deutlich und verwies Dachhuber des Feldes. Ich weiss aus höchstpersönlicher Erfahrung, was es braucht, bis der edle Uli bös wird, habe ich doch dereinst seiner Gattin ans Bein gepinkelt, worauf er nur milde feststellte 'ich sei halt auch kein einfacher' – wie wenn ein Jack Russell je einfach sein wollte!

 

Na ja, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen hierzulande sind selbstverständlich vom Autor nicht beabsichtigt – und jetzt muss ich dringend raus: mich erwartet ein schwerer Kampf: da stellt doch wieder so eine lästige Dogge meiner Gattin nach. Mein Protest wird schärfstens ausfallen.

 

Bleibt nur zu hoffen, dass der gute alte Kavallo in Nord-Falen nicht gelesen wird. Wenn der Dachhuber dieses Gemotze in die Pfoten kriegt, bleibt's nicht beim Protest, dann kann Oskar der Fünfte den Laden dicht machen. 'E Troppo' – wird er seiner Chefredaktorin sagen und sie 'freistellen' – und ich, der motzende Max, werde mich mit einer Schadenersatzklage von siebzig Tonnen Hundefutter am Hals zeitlebens abrackern und durchhungern müssen... wobei, kann man überhaupt für Rufschädigung belangt werden, wenn selbiger erwiesenermassen schon vor der journalistischen Freveltat miserabel war? Komm Oskar, Flucht nach vorn, wir machen einen Vorabdruck von 'Mein Kampf II' – in appetitanregenden Protest-Häppchen über's Jahr verteilt (statt der ewigen rührseligen Gutenachtgeschichten vom Fjord...). So, habe ich irgendjemanden ausgelassen?


Turbo-Max

 

Seit ich diese neuen Würstchen von Schwuppi fresse – oder sind sie von Prahl, Bünzo, Trauric, Motzinger, Käs-Zar? – also einfach diese komischen Miniwürstchen, die mir Anselm vor jedem Rennen ins Futter mixt – seither lasse ich die Konkurrenz regelrecht stehen. Ich war ja schon immer gefährlich schnell, wenn's was zu jagen gab – aber jetzt bin ich mindestens eine Klasse besser als all die kurzbeinigen, schwindsüchtigen, fettleibigen, mit Dackeln gekreuzten 'Jack Rackels'...Gut, es hat meistens auch ein paar respektable Sprinter drunter, aber spätestens nach halber Strecke, wenn ich erst richtig den Turbo starte, hängt denen die Zunge raus. Sicher ist es auch das Training.

 

Mein Mensch jagt ja ständig seine Rösser durch die Prärie, am liebsten volle Hacke bergauf – fragt mich nicht wieso: ab und zu schreit schon irgendein wütender Bauer oder Förster hinterher, vor allem, wenn er denen noch über 'rumstehende Siloballen, Jauchefässer, frisch geschlagenes Holz oder Znüni-Körbe springt. Aber der knattert auch wie ein Gepickter die Wiesen rauf, wenn weit und breit weder ein Sprung noch eine Menschenseele auszumachen sind. Jedenfalls fetze ich da voll mit, und wenn man bedenkt, dass ich immer wieder mal einer querlaufenden Hasen- oder Wildschwein-Spur folgen und den Raser nachher wieder einholen muss, so könnt Ihr Euch jetzt langsam ein Bild von meiner Kondition und meinem strukturierten Luxuskörper machen.

 

Von wegen Wildschweinen: das ist im Fall nicht irgend eine faule Metapher aus Asterix und Obelix (dieser Ideefix ist ja eh' ein trantütiges Schosshunzelchen!), sondern knallharte Realität: die Karin von unserem Stall knallte gestern gegen etwas Hartes, das sich bei näherem Hinsehen als zur Unzeit die Strasse überquerender Keiler entpuppte. Das Resultat waren ein paar herrlich duftende Wildschweinborsten nebst einigen Dellen an ihrem fahrenden Hundehäuschen. Der Keiler habe sich nur geschüttelt und sei wutschnaubend seiner Familie nachgehetzt. Anscheinend macht uns die Karin das Jagdrevier streitig. Aber da mach' ich Protest (ich frag' den Dachhuber, wie man das genau macht!): so anstrengungslos motorisiert jagen ist regelwidrig, leistungsverändernd und widernatürlich, jawoll,– und drüberhinaus versaut so ein stinkender Benzinmotor uns die dufte Witterung.

 

Womit wir wieder bei den anscheinend 'leistungsbeeinflussenden' Würstchen sind, die mir der Anselm zufüttert – ihr solltet erst mal sehen, was der seinen Rössern alles reinstopft! Lauter scheussliches Zeug: Karotten, Äpfel, Leinsamen, Sonnenblumenkerne, Öl (aber nicht das schwarze, das er in den Lastwagen schüttet, ich glaube, er klaut es der Selmine aus der Küche!), Salz (auch geklaut!) und so kleine Stink-Würfeli (da salbadert er jeweils von der 'totalen Vitamin- und Mineralstoff-Bombe') – und als Folge davon müssen die 'giggerigen' Biester zweimal täglich geritten werden und drehen zwischenzeitlich noch ihre kindischen Runden auf der Weide – ja, die jagen einfach dem Zaun entlang ohne dass auch nur eine Katze zu sehen wäre, im besten Fall erwischen sie sich gegenseitig, was dann aber wieder den Anselm zu Zeter-Mordio-Geschrei verleitet. Aber wahrscheinlich frisst der auch so Stink-Würfeli und tigert darum so ruhelos herum.

 

Heute hat er sogar – welch Weltwunder - sein Lastwägeli geschrubbt, mit demselben doof-verklärten Blick, den man bei Kleinst-Schnudergoofen an der 'Chilbi' sieht, wenn sie auf dem weissen Elefanten sitzen – oder ein paar Jahre später auf der 'Auto-Tütschi'. Er platzt beinahe vor Stolz, wenn er all' seine umhätschelten Hafermotoren reinstellen und durch die Gegend tuckern kann. Ich sitz' natürlich vorne in der Mitte und passe auf, dass er mit den Halbgängen klar kommt – schliesslich ist er ja beim ersten Versuch sang- und klanglos durch die Fahrprüfung gerasselt (Selmine schaffte es locker auf Anhieb – bittere Pille für unser Macho-Männchen!).

 

Aber zurück zu den Turbo-Würstchen: es ist ja jetzt ein Riesengeschrei, die Dinger seien verbotene Leistungssteigerer, die solcherart 'getunten' Profi-Fräser zu sperren und die Fütterer in den Knast zu stecken. Ich versteh' ja die ohnmächtige Wut der Krummbeinigen, die mir hasserfüllt hinterhertorkeln, wenn ich speedy an ihnen vorbeiziehe - aber die Würstchen allein sind es nicht, die kann jeder Doofmann im Laden kaufen. Da können die lang Blutproben machen: ich bin eben mental stark. Ich lasse die hechelnde Bande auf dem Rennplatz gleich von Anfang an spüren, wer der Star des Umzugs ist – was meint Ihr, wie DAS leistungsverändernd wirkt! Ein überstarkes Ego diagnostiziert auch Newmarket nicht. Ich mach ja diese Rennerei nur zum Spass, aber wenn Ihr Euch mal in die hineinversetzt, die das tagtäglich tun, als Lebensin- und unterhalt. Da braucht's ein aufgeputschtes Ego! Und wenn sich diese Gladiatörchen mit Würstchen gefährden – 'Bis dass der Tod entscheidet', wie ein origineller Kollege die Konkurrenz-Situation auf dem modernen Sportplatz beschrieb – so ist das doch nichts Neues, sondern nichts als typisch Mensch (oder zumindest typisch Mann).

 

Und wie ist es denn mit dem anderen grossen Kriegsschauplatz, der Wirtschaft? Wie wär's da mit Doping-Kontrollen? Glaubt Ihr, all die Fusiönchen-Macher, Lobbyisten, Top-Manager, Headhunters, Aufräumer und Turn-arounders kämen ohne 'leistungssteigernde Zuschüsschen' aus. Also mein Anselm ist bereits ohne seinen Morgenkaffee nur eine halbe Nummer!

 

Und immer dieser dämlich-sozialistische Traum von der Gleichheit. Dann schliesst mal als erstes die Schwarzen von allen Leichtathletik-Wettbewerben aus, die haben von Geburt aus die besseren bodys! Ungleichheit, Protest! Und dann das Geschrei nach Fairness: das ist ein schöner Wunschtraum, der sich doch hienieden höchstens vorleben und lehren – aber nie verwirklichen lässt. Wie soll denn ein junger Mensch, der überall nur das Recht und die Macht des Stärkeren, Potenteren, Reicheren kennenlernt, plötzlich fair sein im Sport. Wir klopfen dem Netten, Fairen zwar wohlwollend auf die Schulter – aber der frenetische Beifall gilt dem Sieger, dem Rücksichtslosen (der eben nicht zurückschaut!).

 

Wir leben in einer materialistischen Zeit, also gilt nur das messbare Ergebnis, und nicht die von innerer Grösse zeugende Haltung des Fairen. Ein edler Schweizer Reitersmann hat vor Jahrzehnten – als Equipenreiter im olympischen Cross unterwegs - einem gestürzten Mitreiter das Pferd eingefangen und zurückgebracht, damit dieser seinen Ritt fortsetzen konnte. Er selbst verlor dabei soviel Zeit, dass seine eigene Plazierung im Eimer war. Das sind echte Heldentaten, die sich weder messen noch vorschreiben lassen. In unseren Annalen stehen aber nur die Sieger.

 

Und jetzt noch zum faulen Argument des greisen Olympiers von der Samen-Ranch, der nur 'gesundheitsschädigende Leistungsveränderungspraktiken' verbieten will. Wer sagt denn, Gesundheit sei das höchste Gut und ihr zuliebe müssten alle Risiken ausgeschaltet werden? Da könnten wir ja gleich alle im Körbchen bleiben. Wir wollen doch was erleben, wir wollen ja Risiken eingehen, fast alle Sportarten basieren auf der Freude am Risiko – ja,ja ich weiss, Golf gilt auch als Sport, aber auch da kann Dir mal so ein Flitze-Ball oder ein von Stümperhand geschwungener Schläger um die Ohren sausen. Und nun stellt euch dieses Definitionsdebakel vor: das dauert hundert Jahre, bis sich alle Subkommissionen einig sind, was denn in Gottes Namen 'gesundheitsschädigend' sein soll und was nicht. Vom ersten Atemzug an – oder nach anderen Theorien ab 25 – geht's doch nur noch kontinuierlich bergab mit der Gesundheit bis zum einzig sicheren im Leben jedes Lebewesens: dem Tod. Leben ist nun mal lebensgefährlich.

 

Ich hätte da meinen ganz persönlichen Beitrag: im höchsten Masse gesundheits- und nervenschädigend sind alle Hundefeinde und gewisse Zöllner, Beamte, Tierversüchler, Chemiefritzen, Autoraser und vor allem KATZEN. Die müsste man also schon rein präventiv samt und sonders auf die schwarze Liste setzen.

 

Aber eben, bis es soweit ist, jage ich die Katzen und pinkle den unfreundlichen Zöllnern & Co. weiterhin mit grösstem Vergnügen in den Hosenaufschlag..


W.E.G. - BEREITER

(Heiteres Rätselraten: finde die mindestens 6 Lesarten/Bedeutungen dieses Titels...)

 

So sehr ich mich winde und rumdruckse – ich komme nicht umhin, für einmal aus der Rolle zu fallen. Es geht mir zwar diametral gegen meine Motz-Natur, aber ich muss schweren Herzens LOBEN! Das ist schon fast so komisch, als wenn der alt-internationale Querkopf 'Hü' einmal im Leben zugeben würde, in irgendeiner hippologischen Sache NICHT RECHT gehabt zu haben, der neue Vielseitigkeits-Star BvG in hellgrün mal pink daherritte, die Altmeister Teich und Stahl zu zart-flötenden Schnuckiputzern mutierten, die Verbands-Oberjehudis sich modern-dynamisch-innovativ-flexibel zeigten, der Dachhuber statt Proteste Sektgläser herumreichte oder der seichte Sepp einen neuen, ja sogar intelligenten Witz erzählte – kurz, alles Dinge, die kein Mensch je erwartet, die sich aber dennoch so alle drei Sonnenfinsternisse einmal ereignen können.

 

Also los, Max, sag's schon: Die Military-Schweizermeisterschaft in Frauenfeld war gut. Ein M zwar nur - seit Jahren eine Lächerlichkeit: ein nationales Championat wird auf sozial-freundlichem Einsteiger-Level ausgetragen, damit Kreti und Pleti mitmachen kann, dabei gibt es massenhaft Mini-Schweizermeisterschaften auf Vereins- und Verbands-Niveau, ja sogar Vereins-Europameisterschaften der ländlichen Art. Das Gemeinsame daran ist: nicht ein einziges all dieser Championätchen ist eine veritable Vollmilitary. Aber dafür kann der Veranstalter nix – das war Befehl!

 

Die Frauenfelder machten das Beste draus: ein saftiges, technisches, vom strukturellen Aufbau her anspruchsvolles M auf ideal präpariertem Boden, der zum flüssigen Galoppieren einlud wie nirgends sonst in der Schweiz. Ans (Reiter-)Hirn appellierend auch die Linienführung, die Abfolge der Sprünge, die Verteilung der Schwierigkeiten – und zu allem Elend auch noch gut organisiert und locker-sympathisch durchgeführt, ideales Wetter und erfrischend neue Sieger. Also nichts zu motzen? Gut, wenn man kleinlich ist, könnte man den Ostschweizerischen Knorz Vogel-Sprung dorthin ziehen, wo einige Meisterträume endeten: in den Dreck. Die Distanzen waren vielleicht nicht gerade freundlich, der logo-gelbe Bananen-Stamm für Pferde-Ästheten eher 'Pfui' und das schmale Aussprung-Vögeli-V für Leute mit Spirig'scher Entenfuss-Haltung leicht bedrohlich. Und dass die grauhaarig bis glatzköpfigen Melonen-Oldys in den Kabäuschen ganz wild auf jung-dynamische Wertung-C-Dressur waren, nachdem dieselben Noten-Jongleure vor Jahresfrist noch die einschläferndste Vorführung prämierten. Aber das sind 'peanuts' – die Veranstaltung war gut. Und wenn ich könnte, würde ich den Frauenfeldern die nächste Meisterschaft gleich wieder unter die Weste jubeln, allerdings auf S-Level und mit Einbezug der wunderschönen Rennbahn.

Etwas zerknittert sahen die Herren aus, denen die vornehm-heikle Aufgabe obliegt, die richtigen Paare nach Rom zu senden. Es sind nämlich – eine bemerkenswerte Nouveauté im helvetischen Busch – auch knapp vor dem grossen Weltreiter-Fest immer noch mehr Kandidaten als Plätze da! Aber eben, einige der Longlistianer machten an der SM einen 'Tolggen' ins Reinheft. Der 'Fröhliche Hansli' sagte zuerst einmal 'Oooo', als er das 'O' des im Welschland anscheinend weniger beliebten Ostschweizer Verbandsgumps (wie heisst der Slogan schon wieder: 'Der Basisraserei verpflichtet'?) hüpfen sollte, überwand dann aber den blau-gelben Röschtigraben problemlos. Der normalerweise spielerisch und blitzgeschwinde über so technisches Karsumpel turnende Turbo des sympathischen Elgger Zwerglis bot selbigen Orts auch eine eher klebrige Vorstellung, der 3*-jahresbeste Flitzer kurvte seiner kurvenreichen Schönheit ebenda am 'O' vorbei und weigerte sich standhaft, so Kurzprüfungs-Kurzfutter auch nur anzurühren, und weitere Probables sausten an einem gut-schweizerisches Astgäbelchen vorbei. - Jetzt soll da einer gerecht und erfolgversprechend selektionieren können! Wenn man nur ein bisschen jonglieren, rochieren, abtauschen und neu mixen könnte! Schicken wir den 'gwehrigen' Iren, steht uns der wieder auf allen Sprüngen ab – und wer weiss, ob die italienische Bauweise das aushält. Senden wir den irren Mimi, so 'ramärlet' der wahrscheinlich wieder im Viereck herum und wir müssen mit der grossen Klappe seines Piloten leben. Ist der 'Hansli' dabei, macht er womöglich sein Nickerchen im Wasser (andere vielleicht davor!), Turbo-Choby läuft gar unbremsbar eine Runde zuviel auf der Rennbahn, die Basler Minimalisten-Stute wird uns wieder am Nerv sägen, weil sie nur haargenau so hoch springt, wie sie muss; Flörli Semper-Gump wird seine Mutti bestimmt ab und zu in Balance-Nöte bringen, und wehe, wenn die schöne Blondine nicht rechtzeitig ihren Adrenalinschub kriegt...seufz. Der einzige bereits seit Monaten sicher Gesetzte ist der Pin-Sammler, Chauffeur und Nationaltrainer 'at his own' mit dem Schweiss-Tüechli.

 

Zum Trost sei angefügt, dass es die Selek-Toren in den anderen Disziplinen auch nicht viel einfacher haben, Tore zu schiessen (oder zu schliessen). Schickt der schicke Fer die alt-gekochte Dressur-Garde, so will der eine schon gar nicht ins Viereck, der andere benimmt sich blöd drin, der dritte hat einen Schwächeanfall und der vierte betreibt ein visibel anstrengendes Handwerk, was insgesamt auch nicht gerade zum 'prix d'élégance' führt.

 

Die Springer haben wenigstens keine grossen Auswahlsorgen. Die können nur hoffen, dass beim weissen Elefanten alle Gestänge und Kabel halten, Dulfi-Topi vielleicht beim langen Transport noch zu einer Gazelle mutiert, Pozy-Langbein seine ach so zarten Füsschen nie anhaut, Tinky in jeder Lebenslage Hau-Ruck die Flösslein hebt und dem Zukunftskönig die Flucht aus Ellikon gelingt...und wer weiss, vielleicht nimmt der schwere Martin ja noch die leichte Martina mit, Lizenzpferde sollten sich finden in Rom, oder?


Schattenseiten des Rampenlichts

 

Baden im Applaus der Menge, eine Ehrenrunde allein mit gezogenem Hut im Blitzlichtgewitter, dann - noch atemlos – Interviews: "Wie fühlt man sich als frischgebackener Was-auch-immer-Meister?" – "Sie haben die Konkurrenz regelrecht deklassiert. Wie war das möglich?" – "Wie haben Sie sich auf diese Meisterschaft vorbereitet?" – "Was sind Ihre nächsten Ziele?" Das nicht ganz gelingende Bemühen, bescheiden zu bleiben, den unverhohlen durchschimmernden Stolz zu verbergen, im Augenblick höchster emotionaler Aufgewühltheit 'cool' und vernünftig zu wirken. Ja, und dann die Partys und Feiern, der Empfang in der Heimat, die Dorfmusik, der Gemeinderat, die Presseberichte, vielleicht sogar TV-Sekunden. Die Faust-Versuchung erfasst auch den Ungebildeten: 'O Augenblick, verweile doch, Du bist so schön'. Und Mephisto flüstert ins Ohr: 'Kann ich bieten – eine kleine Gegenleistung vorausgesetzt...'. Wie leicht gewöhnt sich's doch an die mit dem Erfolg verbundenen Annehmlichkeiten und wie gern übersieht der Schaumgeborene, sich aus der Masse der Gewöhnlichen Reckende, die Schattenseiten des Rampenlichts. Die Scheinwerfer lassen sich nicht mehr ausknipsen, die Öffentlichkeit interessiert sich auch für das Privatleben der Stars. Die graue Masse will die im eigenen Leben fehlenden Farben auf die Bühne projizieren, das prickelnde Gefühl der Spannung, die erotischen Abenteuer, Gefahren, Reichtum – alles wenigstens als Surrogat erleben, in risikoloser Ersatzform geniessen. Und wer eignet sich besser für diese Projektion als die 'personnes publiques', die Sport-, Musik- und Leinwand-Stars, die letzten Prinzessinnen und Könige, die Grossen an den Schalthebeln der Macht in Politik und Wirtschaft. Die Medien, getrieben vom Zwang der Einschaltquoten und Reichweiten, sind nur zu gerne bereit, diese 'Kundenwünsche' zu befriedigen. Die Paparazzis, spätestens seit dem Tod der volksnahen Prinzessin zu absoluten Bösewichten gestempelt, entsprechen dieser Kundenorientierung – Lieblingswort aller Marketing-Spezialisten – in Reinkultur und spiegeln damit die Wertskala unserer Zeit, wo intime Fotos eines schönen Stars nun wirklich mehr zählen als das tibetanische Totenbuch oder eine Fuge von Bach. Was sich verkauft, ist gut – eigentlich eine ziemlich unkomplizierte Philosophie. Möchten Sie versuchen, Bach's 'Musikalisches Opfer' zu verkaufen?

 

Der Star hat zwar gekriegt, was er anstrebte: Berühmtheit, Reichtum, Erfolg – und damit meistens auch Macht. Umso härter trifft ihn die Ohnmacht beim Schutz seines Privatlebens, beim Verdecken all der Bereiche, die seines Erachtens die Öffentlichkeit nichts angehen. Ja bereits das erhöhte Interesse, das zum Teil gewöhnlichsten Verrichtungen des Alltags entgegengebracht wird, kann ihn verwirren und erbosen. Er wird verfolgt beim Einkaufen und Kaffeetrinken, seine Kleidung, seine Frisur und natürlich vor allem seine Bekanntschaften, Liebschaften und Beziehungskisten werden zum öffentlichen Gegenstand. Er kann – bewusst oder unbewusst – durch die Vorbild-Wirkung seines Verhaltens Trends und Moden auslösen, die weit über das rein Äusserliche hinausgehen, man denke nur an die Selbstmord-Welle, die Goethes Werther in Deutschland auslöste oder an die verstärkte Zuwendung der westlichen Welt zu östlichem Denken aufgrund des Indien-Trips der Beatles.

Doch zurück zu helvetischen Dimensionen. Wenn ein Stadtrat eine Heckenschere klaut, so interessiert sich die Öffentlichkeit verständlicherweise mehr für dieses Vergehen als wenn's Mr. Unbekannt war. Wenn ein mehrfacher Landesmeister und Alt-Internationaler sich lächerlich oder gar unfair benimmt, muss er zwangsläufig auch damit rechnen, auf die Schippe genommen zu werden. Man kann's auch umdrehen und eine Karikatur als Kompliment ansehen: nur wer berühmt ist, wird karikiert. Kaum ist ein neuer Staatspräsident gewählt, zeichnen die Karikaturisten nächtelang dessen Konterfei, bis es – locker hingeworfen – sitzt, die Übertreibungen zum Schmunzeln anregen, den Gemeinten aber noch erkennen lassen. Nun verfügen aber längst nicht alle 'öffentlichen Figuren' über das nötige Mass an Selbstironie, um mit Privatsphärenverletzungen, Karikaturen, Glossen und Zerrbildern ihrer selbst fertig zu werden und setzen sich mit verschiedensten Mitteln zur Wehr. Präventiv mit Bodyguards, hochgeschlagenen Mantelkragen, Sonnenbrillen und getönten Autoscheiben, reaktiv mit Bedrohen oder gar Verprügeln von lästigen Medienschaffenden oder – nach verlorener Schlacht – mit Ehrverletzungsklagen und Gegendarstellungen. Dass sich letzteres meist als gigantisches Eigentor entpuppt, sollte eigentlich nicht verwundern. Nicht einmal die nach jedem rettenden Strohhalm greifenden Clinton-Anwälte verfallen auf die abstruse Idee, die weltweit wuchernden, zum Teil höchst anstössigen Karikaturen zu den Sex-Eskapaden ihres Klienten rechtlich verfolgen zu wollen. Und mit den Gegendarstellungen ist es – auch in durchaus berechtigten Fällen – auch so eine Sache. Das Wiederaufwärmen des als ehrenrührig Empfundenen erreicht nie dieselbe Zielgruppe wie das Original, im schlimmsten Fall wird der Kreis der Rezipienten dadurch noch viel grösser und zur Schadenfreude mischt sich noch Spott über die Betroffenheit und Humorlosigkeit des Angeschossenen.

 

Ich vergesse nie das Gemotze im hiesigen Busch-Kader, als der Grand-Seigneur des Military-Sports, wie immer im Entenjäger-Kostüm mit frisch gezwirbeltem Schnauz bei grösster Hitze auf einem Turnierplatz als TD die Konkurrenten, die barfuss, in kurzen Hosen und Unterleibchen auf der Geländestrecke herumflanierten, polternd zur Räson rief und auf ihre Vorbild-Funktion aufmerksam machte. "Ihr seid hier nicht irgendwer, sondern Kader-Reiter im Rampenlicht, und habt gefälligst anständig gekleidet zu sein." Mit Hochgenuss lehnte er ein paar Stunden später den Antrag auf Sommer-Tenue für das Springen ab. Es beginnt eben schon sehr früh und ganz im Kleinen, das mit der 'personne publique' – die ominöse 'Öffentlichkeit' kann ja auch nur die Gemeinde, der Club oder sogar die Familie sein.

 

Ja, soll man denn jegliche Gemeinheiten, die einem per Medien an den Kopf geworfen werden, über sich ergehen lassen? Bestätigt man nicht durch Schweigen die Wahrheit der Vorwürfe? Das Beste – aber auch das Anstrengendste – ist die Entkräftung jeglicher Anwürfe durch Vorleben des Gegenteils. Die halbnackten Busch-Piloten sah man jedenfalls bei der nächsten Begegnung mit dem eitlen Entenjäger betont krawattiert mit würdigem Schuhwerk. Für Bill – wie auch für anderen Lastern frönende Springreiter – würde dies eine langfristige Zeit der Abstinenz bedeuten, für Protestler vermehrte Zurückhaltung beim Einreichen derselben, für Egozentriker ein Überdenken der Wertskala – und letzteres ist tatsächlich schon ziemlich anspruchsvoll. Aber es ist auch genau das, was eine gute Karikatur oder Glosse will, ja sogar generell das Ziel guten Humors: durch das Vorhalten des
(Zerr-)Spiegels lächelnde Selbsterkenntnis befördern und festgefahrene Wertmuster ins Wanken bringen.

 

Etwas trocken diesmal, ich weiss, aber nachdem ich in den letzten paar Motzereien sämtliche Protestler (es haben sich übrigens gleich mehrere in der Persiflage erkannt!) und die ganzen WM-Kader samt Offiziellen veräppelte, musste ich jetzt mal etwas zur Beruhigung meiner Anwälte tun. Überhaupt, auch wenn ich in ein Hunde-Gefängnis käme – was ist die Schweiz schon anderes mit ihren Zäunen und Gärtlis, Pärklis und Spielplätzlis, samt und sonders mit Hundeverbotstafeln und Roby-Dog-Kästchen verziert – und den Frass krieg' ich auch jetzt schon im Blechnapf...

((Illus))
Eifersucht

 

Die maximale Maxime meiner Maxine ist: "Ich, ich, ich – zuerst und vor allem und ausschliesslich!" Dies bezieht sich beileibe nicht nur auf den Futternapf, sondern vor allem auf die Zuwendung. Hält sich irgendjemand – insbesondere natürlich Anselm oder Selmine – nicht an diese Grundregel, ist die Stimmung im Eimer: Knurren, Zähnefletschen, beleidigter Rückzug, längerfristiges Schmollen.

 

Anselm hat ja zwei Hände, mit denen er sowohl Maxine wie mich karessieren kann, wenn er es ein bisschen geschickt einrichtet mit den Büchern und Papieren, in denen er ewig herumschmökert. Sind es nicht gerade diese farbigen Dinger, die er hastig immer weiter über unsere Köpfe hinweg entfaltet, nervös mit dem Finger auf ihnen herumkurvt, belämmert durch seine bescheuerte Halb-Brille glart und der Selmine Städtenamen und Strassennummern diktiert (dass die bis heute nicht RIECHEN, wo's lang geht – eine echte Behinderung!); wenn's also nur ein Wälzer ist, kann er den ja auf den Knien balancieren. Doch bereits die Frage, mit welchem Finger welcher Hand er die Seiten umblättert, kann über Sein oder Nicht-Sein – zumindest des abendlichen Kachelofen-Friedens – entscheiden. Liegt Maxine rechts von Anselm, hebt dieser kurz seine Hand von ihrem feisten Wanst behufs erwähnten Umblätterns oder gar, um etwas auf  irgendeinen seiner tausend Zettel zu kritzeln, ist es schon geschehen: Knurr, Fletsch etc. – die ganze Palette. Diese Trübung des Haussegens kann nur mit folgender strategischer Weitsicht-Planung umgangen werden: Selmine muss noch 'rechtser' von Maxine sitzen und die Anselm'sche Streichelei während des Blätterns bzw. Kritzelns kurzfristig und nahtlos übernehmen. Was bereits stringent beweist, wie kompliziert und eifersüchtig die Weiber sind.

 

Richtig schlimm wurde es aber erst, als der Step-Hans kam – Ihr wisst schon, der im Unterleibchen mit den offenen Schuhen (auch bei meterhohem Schnee und klirrender Kälte), der ist eben nicht so ein Weichei, und er pinkelt auch am liebsten im lauschigen Mischwald – also für den Step-Hans bin ich jederzeit zu irgendwelchen Schandtaten bereit und als er da mit seiner Strahlefrau daherkam (welcher Anselm wiederum die Wünsche von den blauen Augen abliest, wobei ich nie ganz sicher bin, ob er ihr wirklich und nur in die Augen schaut...) und mich aufforderte, seine rezente Russell-Dame zu beglücken, konnte ich natürlich schwerlich ablehnen. Maxine wurde rücksichtsvoll in die hinteren Gemächer verstaut, derweil ich meinen Verpflichtungen nachkam. In einer knappen halben Stunde war 'game over' – und neun Wochen später gab's vier kleine Mäxe mehr. – Aber die Maxine macht seither ein Riesengeschrei, sobald wir in den Dunstkreis irgendwelcher Hundeweiber kommen – seien sie noch so alt, riesig oder fett. Q.e.d.

 

Jetzt habe ich das Phänomen Eifersucht mal ein bisschen näher unter die Lupe genommen und mit Erstaunen festgestellt, dass sich fast alle Übel dieser Welt letztlich auf die Eifersucht zurückführen lassen – allerdings auch fast alle Errungenschaf-ten. Oder glaubt denn irgendjemand, beim Wettlauf um die Eroberung des Mondes, bei der Befreiung von Kuweit oder bei der ganzen Piepshow rund um Sexy-Bill sei es je um sachliche oder gar ethisch wertvolle Ziele gegangen? Beim Ringen um die Weltherrschaft, um Macht, Einfluss, Besitz und Wissen – das Motiv heisst immer Eifersucht. Mehr haben, mehr sein als der andere – und damit die Spiesse umdrehen: die eigene Eifersucht loszuwerden und gegen die des anderen einzutauschen. Und damit platzt auch die illusionäre Seifenblase, Eifersucht sei ein vorwiegend weibliches Phänomen. Der Unterschied liegt nur bei den auslösenden Faktoren: bei den etwas einfacher strukturierten Tysons, Terminators und Milosevics ist es plumpe physische Kraft, Waffengewalt und darauf beruhende Macht; bei den raffinierteren Evas, Cleopatras und Evitas ist es eher intrigantes, auf Einzelpersonen fokussiertes Ränkespiel.

 

Ein Schwächezeichen ist die Eifersucht, die – wie der Volksmund weiss – 'mit Eifer sucht, was Leiden schafft', allemal. Sie beruht auf Unsicherheit, mangelndem Selbstwertgefühl und daraus folgender Anerkennungs-Sucht. Dabei gälte es bloss, genauer hinzusehen. Das mit Eifersucht bedachte Wesen – oder Unternehmen, der Staat, die Nation, Rasse oder was auch immer – weist bei näherer Betrachtung immer ausgleichende Mängel auf. Und wenn sich selbige nicht bereits bei der Status-Quo-Analyse zeigen, so spätestens bei der Beobachtung über einen längeren Zeitraum. Das Schicksal lässt sich auf die Dauer nichts Inkorporiertes entgehen. Jeder und jede hat ein Lernprogramm, keiner ist lebenslänglich nur 'Hans im Glück'.

 

Und neben dem beruhigenden Gefühl, die das Erkennen dieser ausbalancierenden Kraft des Schicksals vermittelt, beschert uns das beharrliche Hinschauen noch eine viel bedeutendere Einsicht. Alle Eifersucht auslösenden Faktoren können vom eifersüchtigen Wesen in sich selbst gefunden und entwickelt werden. Vielleicht nicht bis zu einem 1:1 vergleichbaren Niveau, aber in der Grundsubstanz. Wer diesen – zugegebenermassen etwas beschwerlichen - Weg wählt, wird die Eifersucht los wie das heranwachsende Kind die Windeln. Alles, was bis anhin Neid und Missgunst erregte, wird zum Motor der Eigenentwicklung, zur Motivation, die erstickend engen Bewusstseins-Grenzen zu erweitern, das gut verpflockte Ich-Zäunchen etwas lockerer zu stecken, jederzeit bereit, noch ein bisschen mehr vom Welt-Kuchen zu integrieren. Dass die abgeschotteten Helvetier da vielleicht ein Quentchen mehr Mühe haben als andere, liegt auf der Hand – aber wie gesagt: kein Grund zur Eifersucht...

 


HALALI

 

Es wäre eigentlich Jagdzeit – aber, hélas – im biederen Helvetien ist das ein Fremdwort. Zumindest ist das, was vom Bedeutungsumfang des Terms 'JAGD' hierzulande übrigbleibt, spärlich-marginal-sauwenig. Jagd braucht Platz – und genau das hat's nicht hier. Es bräuchte aber auch Platz in den Köpfen, und auch da ist's fürchterlich eng. Eigentlich verständlich: die Schweizer in den Städten sehen bis zum nächsten Häuserblock, das einzige, was sich bewegt, ist das Tram (und auch das ziemlich stockend); die auf dem Land sehen mit knapper Not bis zum verhassten Nachbarn, im besten Fall zum nächsten Berghügel, der den Horizont einengt, das einzige, was sich bewegt, ist die Pendeluhr der Urgrossmutter, und auch die nur immer hin und her. Wer will da erwarten, dass irgendeiner weiter denkt als bis zur eigenen Nasenspitze. Wenn sich ein Schweizer von A nach B begibt, hat er das gefälligst gesetzes- und gesellschaftskonform auf den haargenau vorgetrampelten Wegen zu tun: auf dem Trottoir bis zum mit Ketten markierten Fussgängerstreifen, rüber, entlang der Kette auf dem anderen Trottoir weiter. Dieses Bild gilt symbolisch für jede Bewegung eines Helvetiers, auch für die (seltenen) geistigen. Das Grässlichste an dieser Beobachtung ist, dass es nicht etwa nur die Alten, Verknöcherten sind, die so dahinvegetieren, sondern dass auch massenweise Jugendliche vom Erstarrungs- und Konformitäts-Virus infiziert sind. Entsprechend missmutig und missgünstig glaren sie in die trübe Herbstlandschaft und reagieren mit verächtlichem Unbehagen auf Fröhlichkeitsausbrüche von Ausländern. 'Nimmt mich Wunder, was die zu lachen haben.' Eben. Vergeht ihnen auch früher oder später. Eine australische Frohnatur macht sich in unserem Kaff einen Spass draus, all die abgelöschten Miesmacher herzerfrischend anzustrahlen und zu grüssen – mit dem grandiosen Erfolg, dass an den von saurem 'Ostschweizer' müffelnden Stammtischen bereits gemunkelt wird, sie sei 'wohl nicht ganz hundert'. Natürlich kann man all den Touristen, Fremdarbeitern und Nestbeschmutzern ganz klaren AUNS-Wein einschenken: "Haut doch ab, wenn es Euch nicht passt hier!" Früher hiess es noch "Moskau einfach für solches Gesindel". Aber darum geht es mir gar nicht. Ich wage bloss, die heikle Frage nach dem lebenswerten Leben zu stellen. Die hohe Selbstmordrate Helvetiens spricht ja auch nicht gerade für das Wohlbefinden der Bewohner dieses hübschen Fleckens Erde. Noch delikater: die Frage nach dem meist geschundenen Polit-Wort, der Freiheit. Die Freiheit des Schweizers besteht doch vor allem darin, dasselbe Produkt zum selben Preis im Migros oder im COOP zu erwerben – und auch das gilt nur für die Städter. Wer auf dem Land nicht im 'Landi' bzw. im VOLG einkauft, ist ein Verräter, wird geschnitten, wird möglicherweise sogar aus dem Turnverein, Männerchor oder sonst einem Club geekelt. Der winzige Freiraum, den der Staat dem Einzelnen lässt, wird von der verfilzten, kleinkarierten Vereinsmentalität zubetoniert. Ein Land, in dem die geringste Abweichung von der Norm zur Ächtung führt. Drum wehe dem Begabten, wehe dem Herausragenden oder gar dem Exzentriker: wenn der behäbig-lethargisch-zähflüssige Eidgenosse einmal schnell ist, dann beim gnadenlosen Absägen von allem und jedem, das über die unverrückbare Norm hinauswächst – in welche Richtung auch immer. Wehe dem Politiker, der sich nur schon akzentfrei – oder gar stolperfrei und klug – auszudrücken weiss. 'Das ischt keiner von uns' murrt das Fussballvolk. Zu Recht, gottlob, schliesslich bräuchte ja ein guter Politiker gerade Qualitäten, die dem einfachen Mann abgehen. In der Wirtschaft, wo der Arm des nivellierenden Biedermanns nicht immer hinreicht, wartet er mit Hochgenuss auf den Fall, den Sturz oder wenigstens das Straucheln dessen, der es wagt, sich aus dem Brei der Normalität herauszurecken. Wahrscheinlich zählt die Befriedigung über das Scheitern des andern zu den ganz wenigen Lustgefühlen des Helvetiers. Aber hier liegt auch die Chance: die lustlosen Gesellen sterben langsam, aber sicher aus. Wenn wir die nun folgende Zeit der totalen Vergreisung Helvetiens überleben, gibt's irgendwann nur noch junge Mischlinge. Es ist wie beim CH-Pferd: völlig wurst, was wir einkreuzen, es kann nur aufwärts gehen. Und allzuviel Nachwuchs braucht's ja gar nicht in dem übervollen Rattenkäfig. Wer weiss, vielleicht ist in fünfzig Jahren auch Jagen möglich in der Schweiz, mit Mischlings-Bauern, die mitreiten, statt auf die Jagdreiter zu schiessen, mit Frauen, die frohgemut heisse Getränke bereiten, statt verhärmt die immer wieder auf ihr Kunst-Räsli fallenden Herbstblätter zusammenzurechen, in Plastic-Säcke zu wurgen und mit Abfallmarke an die Strasse zu stellen (political uncorrect, ich weiss: selbstverständlich könnten es auch mitjagende Frauen und getränke-servierende Männer sein).Na ja, vorläufig gehören solche Visionen ins Land der Träume. Realität sind die lächerlichen Vereins-Fuchsjägdchen, die sich von einem biederen Ausrittchen höchstens im Alkoholkonsum unterscheiden. Realität sind die Vereins-Generalversammlung-en, wo alle gegen alle Trumpf ist – und Realität ist die muffig-nivellierende CH-Mentalität, auch gegenüber pferdesportlichen Helden. Wenn ein grandioser Weltmeister in der zweitgrössten Schweizer Tageszeitung mit der Headline 'Pfiffe statt Musik' gefeiert wird, illustriert das doch bestens, wie ein Volk mit Grössen umgeht. Es wäre zu billig, nur mit dem Finger auf die Presse zu zeigen: die Medien widerspiegeln nur die Volksmentalität. Wir verdienen anscheinend zur Zeit nichts Besseres...

 


Ein Hoch der Heiligen Vereins-Kuh

 

Meine Mäxin hat mir ins Gewissen geredet: ich sollte wenigstens versuchen, zerknirscht dreinzublicken und nicht noch hämisch zu ginsen, wenn die arme Frau Redaktöörin sich mit kündigungs-drohenden, wutentbrannten, rechtschaffenen Vereinspräsidenten herumschlagen müsse – nur weil Mäxchen letzthin mit dem falschen Vereinsbein aufgestanden sei...Okay, okay, ich geb's ja zu, es gibt tatsächlich Vereine mit hehren Absichten, und vor allem erfüllen sie eine eminent wichtige soziale Funktion in Helvetien: sie rechtfertigen, ja sanktionieren den Ausgang, das Wochenende, ja gar Ferien ohne den längst als langweilig empfundenen Ehepartner. Was für ein herrlich sauberes Alibi ist doch der Treff mit Gleichgesinnten, seien es nun Briefmarkensammler, Latin-Dancers oder Hobby-Köche. Man stelle sich vor, man müsste unter der Haustür begründen, warum man gerade heute gerade mit jenem oder jener gerade dorthin zu gehen beabsichtigt und gerade dies oder jenes zu tun gedenke. Wie geradezu genial einfach ist daneben das Jahresprogramm des Vereins, das ja ziemlich zwingend vorschreibt – idealerweise immer am selben Wochentag – sich behufs gemeinsamen Tuns um x Uhr nach y zu begeben. Da tönt es sogar für viele Zuhausebleibende noch bauchpinselnd glaubhaft, wenn der Ausgehwillige irgendetwas von 'Ich würde heute ja viel lieber mit Dir..' faselt, um dann freudestrahlend davonzubrausen. Unsere heuchlerische, wenigstens zum Schein dem prüden Protestantismus verpflichtete Gesellschaftsmoral schreit geradezu nach Vereinen. Und dann gibt's da ja auch ganz praktische Erwägungen: wie könnten die einzelnen Muttchen in unserem Agility-Clübchen denn die teuren Stängeli, Ständerli, Schläuchli und Treppli kaufen, aufbewahren und unterhalten, wenn sie nicht ein Vereinskässeli hätten? – Na ja, stimmt eben auch wieder nicht. Die Damen könnten durchaus eine andere Gesellschaftsform wählen, eine ehrlichere, kommerzielle, wo niemand eine ideelle Grundhaltung erwartet. Wenn ein paar Bauern sich zu einer Landmaschinen-Genossenschaft zusammenschliessen, so kommt niemand – schon gar nicht die Beteiligten – auf die abstruse Idee, sie täten das aus purer Nächstenliebe oder sonstigen ethisch wertvollen Gründen. Sie tun's aus rationalen, finanziellen Erwägungen bzw. aus purer Not, weil so ein Mähdrescher ein Heidengeld kostet und sich die Anschaffung schlicht nicht lohnt für die paar lumpigen Hektärli – einmal im Jahr! Aber die sind wenigstens ehrlich und fluchen, wenn's dann endlich mal nicht schifft im Juli und alle gleichzeitig drauflosdreschen wollen. Nicht so die Vereinsfritzen, die tun immer so sektiererisch, wie wenn sie zu hehrsten Zwecken und mit Gottes ausdrücklicher Beihilfe Kaninchen züchten (mmh – lecker!), Tuba- Blasen oder Turnier-Jassen würden. Gut, die steuerliche Begünstigung reizt, aber das ist noch lange kein Grund, auch intern so scheinheilig zu tun. Da lob ich mir den Mister IENA, der macht keinen Verein auf, sondern eine währschafte AG. Der behauptet auch nicht, er hätte 'intensiv mit der Basis diskutiert' (wie die Exponenten aus der Ostschweiz, die damit ihr Nein zu IENA begründeten, ohne auch nur ein einziges Vereinsmitglied gefragt zu haben: oder ist ein bisschen Gehirnwäsche mit den Rayonchefs schon genug Demokratie?), nein, der entscheidet ganz allein – vorläufig noch (gottlob geraten die 30% SVP-Beteiligung auch im übelsten Fall nicht zur Sperrminorität), darum geht's noch in rasantem Tempo vorwärts mit dem Jahrhundertwerk, auch ohne die AUNS-artigen Hinterwäldler aus dem Ostschweizer Club, die in gut appenzellischer Manier mal zu allem Nein sagen. Es könnte ja 'emänd' in Arbeit, schlimmer: Verantwortung, noch schlimmer: Geldbeiträge ausarten. Das lässt man doch mal hübsch die andern riskieren, sollte es wider Erwarten doch etwas auch für die Mostindier Profitables geben, kann man alleweil noch auf den fahrenden Zug aufspringen. Und überhaupt, die Chance, dass der ölige Poldi-Regional im fernen Avenches unten ein Kürsli veranstaltet, ist winzig, wo er doch kaum des Französischen mächtig ist. Versteht Ihr jetzt, warum mir dieses Gemeinschaftssinn-Getue so zuwider ist: die sollen doch zu ihrer engen Egozentrik stehen. Die Frage ist nur, was solche Gärtli-Hüter in einem nationalen Verband verloren haben. Und noch mehr frägt sich, was die Basis-Heiris zum Sport, insbesondere zum Leistungssport, zu sagen haben. Soll sich doch der Poldi um das kümmern, was er versteht: um das Ostschweizer Gelb im Unterschied zum Zentralschweizer Gelb, um die neue Standarte zur Jahrtausendwende und was der bedeutenden Dinge mehr sind. Aber wenn ein selbstherrlicher Spaliersteher höchstenorts die Beschickung der Weltreiterspiele sabotieren will – notabene ohne die x-tausend Freizeitreiter, die er zu vertreten vorgibt, je um ihre Meinung gefragt zu haben -, dann drängt sich doch die längst fällige Trennung von Basis und Leistungssport einmal mehr auf. Revierabgrenzung mag nicht unbedingt zum hundertjährigen Frieden führen, aber doch wenigstens zu einem soliden Waffenstillstand. Bis dann wird weitergemotzt, wenn die Basis ins Sport-Gärtli pinkelt. Merkwürdigerweise ist das Umgekehrte meines Wissens noch nie vorgekommen. Oder gab's schon je einen Leistungssportler, der sich lautstark gegen die neue Ostschweizer-Krawatte gewehrt hätte?

 


Halbgötter-Boten

 

Was wären wir ohne sie, die uns täglich, bei Bedarf auch nächtlich und stündlich, die lebensnotwendigen 'Infos' vermitteln. Vom Haifischfang in Shanghai über bornierte Hornochsen in Borneo bis zum Rocky-Klo in Tokio – all das also, was unserem Dasein den eigentlichen Sinn gibt – liefern uns diese nächstenliebenden Menschenfreunde, diese selbstlosen Heilsboten, frei Haus, meist unaufgefordert, einfach so, weil es ihre Mission ist, weil sie vom tiefen Glauben beseelt sind, damit die Welt zu verbessern. Und wenn man um sich schaut und all das, was sie uns mit ihrem weltumspannenden Mitteilungsdrang so bescheren, auf seine Heilswirkung abklopft, kann man tatsächlich nur ehrerbietig staunen. Alle Menschen haben – Info-sei-Dank – Verständnis füreinander, sind einander wohlgesinnt, tolerieren und akzeptieren auch noch so Andersfarbiges und –artiges. Fremdenfeindlichkeit, Rassenhass, Tierquälerei, Krieg – verstaubte Vokabeln aus längst vergangenen Zeiten. Liebe, Harmonie und Miteinander, Verständnis und Solidarität verbindet die Welt – alles dank dem aufopfernden Einsatz der modernen Halbgötter-Boten. Und wisst Ihr, was das Schönste ist? Sie lassen uns nie allein mit all der Fülle von Facts. Zuerst einmal wählen sie für uns aus, denn sie wissen, was uns frommt. Aus Hunderten von Mitteilungen scheiden sie sorgsam und aschenbrödel-gleich 'die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen', nur dass mit dem 'Töpfchen' der Papierkorb gemeint, mit dem 'Kröpfchen' hingegen unser Schluckvermögen angesprochen ist, denn die sakrosankte Hauptregel im Infogeschäft heisst 'only bad news are good news'.

Nicht genug mit der Selektion, die Infos werden auch noch mundgerecht aufbereitet. Je nach Zielpublikum etwas einfacher, emotionaler – damit's auch der Sepp jede Woche auf einen Blick 'checkt' -, mit ganz kurzen Sätzlis oder Bildlis für den modernen Typus des konzentrations-unfähigen, häppchenweise aufnehmenden Knapp-Alphabeten, oder etwas intellektueller, mit klug klingenden Fremdwörtern, anspruchsvollen Querverweisen und Metaphern angereichert für die aussterbende Gattung der Bildungsbürger.

 

Doch jetzt zum Wichtigsten: in einer kundenorientierten Zeit, wo dem Endverbraucher alles 'leicht gemacht' werden soll, vom (Kilos-)Abnehmen über das (Embryo-)Aufnehmen bis zum (Hühner-)Ausnehmen – light products and services sind trendy! – wird uns von den modernen Merkurs auch die Deutung ihrer Heilsbotschaften leicht gemacht. Einfühlsam und wissend um unsere Sorgen und Nöte liefern sie uns zu jeder vorselektionier-ten und präparierten Info auch gleich die pfannenfertige Bewertung mit. Die oft nicht einmal als Meinung gekennzeich-nete Kommentierung der Facts ist eigentlich der grosse, heils-bringende Kundennutzen. Die meist über ein beeindruckendes Fachwissen verfügenden Infotainers lassen uns bei der in Zeiten des Wertezerfalls schwierigen Einordnung der Ereignisse in gut und böse nicht allein in unserer Hilflosigkeit. Nein, die selbsternannten Priester der Neuzeit weisen uns den Weg durch den Info-Dschungel zum Licht, das uns gefälligst aufzugehen hat beim Aufnehmen ihrer weisheits-durchtränkten Orakel-Deutungen. Woher die das alles wissen und können, fragt ihr, erschauernd ob solch erleuchteten Tuns? Fragte ich mich auch schon, ganz heimlich. Der Schulsack kanns wohl kaum sein, wo der Hauptharst der Zunft aus abenteuerlustigen Bürolisten, vorzeitigen Schulabgängern, pensionierten Sportlern und werkmüden Handwerkern besteht. Auch an der Motivation, der eigentlichen Berufung, kann's schwerlich liegen, enden doch die meisten erst als Berichterstatter, nachdem sie sich – meist erfolglos – in dem Bereich versuchten, über den sie dann schreiben. Okay, die tausendfache – oder bei bescheideneren Erzeugnissen wenigstens hundertfache – Multiplikation des eigenen Gekritzels, das ist schon ein Lustmoment, ein Kick, der manchen das beileibe nicht leichte Los auf sich nehmen lässt. Nicht mal Mäxchen ist vor solchen Genüssen gefeit: die eitle Vorstellung, dass da so ein gestandener, grossgekotzter Medien-Mogul diese Zeilen läse und sich so richtig ärgerte – herrlich, zugegeben, wenn auch eher illusionär.

 

Und doch, bei allem Hohn, man stelle sich mal kurz eine Welt ohne Paparazzis, ohne Sterne- und Börsendeuter, verkachelte Wetterpropheten, Explosions- und Fusionsreporter und – nicht zu vergessen – ohne die legendenumflorten Helden der Branche, die Kriegsberichterstatter, vor. Ist es überhaupt auszudenken, wie hinterwäldlerisch unsolidarisch wir wären, hätten wir nicht das tägliche Häppchen Mord und Totschlag, sex and crime. Medien-sei-Dank eilten wir doch gleich nach Sarajewo, nach Tschetschenien, Bosnien, Kroatien, in den Kosovo, als wir erfuhren, wie schlecht es denen geht. Und auch unsere Kids: gab es je aufgeklärtere, friedlichere Kinderleins? Gut, ab und zu legt halt ein erboster Sechsjähriger einen Dreijährigen um, weil er dessen Spielzeug haben möchte – 'Haben' ist nun mal trendiger als 'Sein' – aber wir wollen nicht gleich aus jeder Mücke ein Elefäntchen machen.

Was dieser schreibende Nestbeschmutzer, dieser motzende Max mit seinem Gekläff gegen die eigene Branche will, fragt ihr euch. Ich sag's lieber, bevor ihr mir wieder die arme Frau Redaktöörin löchert. Ermunterung zur Skepsis, zu einer gesunden, kritischen Haltung allem gegenüber, speziell dem, was so ins Häuslein flattert und flimmert. Im besseren Fall machen die Journis dasselbe: sie hinterfragen kritisch, recherchieren, leuchten aus, decken Unrat, Filz und Seilschaften auf, versteckte Zusammenhänge, geheime Geldflüsse, Macht-Netze, Intrigen ohne Ende. Und plötzlich wird klar, warum ein bedeutungsloser Verlagsleiter seinem früheren Intimus, einem Spitzensportfunktionär, den er benachfolgen wollte, Dreck nach und Steine in den Weg schmeisst.

Im allerbesten Fall wühlen die 'Watergate-ler' sogar ohne vorgefasste Meinung und ohne Angst vor den Konsequenzen, der Wahrheit verpflichtet. Aber bei der ständigen Jagd nach Abonnenten und Einschaltquoten kann diese tapfere Haltung geradewegs in den Untergang führen. Als die ganze Autobranche der grössten politischen Tageszeitung Helvetiens mit Inserate-Boykott drohten, kam der auto-kritische Ton im redaktionellen Teil plötzlich abhanden. Hoffen wir, dass unser Blättchen den Verlust des zum Busenfreund wechselnden Ostregion-Oberjehudis verkraftet, nachdem man es wagte, in Sachen IENA anderer Meinung zu sein. Der Grat ist schmal zwischen Gebrauch und Missbrauch von Macht. Es gilt, ein Gespür dafür zu entwickeln. Also: Witterung aufnehmen, Papier nimmt alles an, sogar mein Gebell!


Weihnachten: Max mag's mal malzig

 

Nach fast einem Jahr Gekläff und Gemotze, das laut Bundespolizei Hunderte von Schweizern in den Rhein oder schwerst depressiv ins Burghölzli trieb, will sich Mäxchen mal adventlich zurücklehnen, Selmine ein paar Weihnachts-Guetzli vom Tisch klauen und über die obligaten Päckli am oder unter dem Baum sinnieren. Das Jahresende mit den Fest- und Fresstagen eignet sich doch besonders gut dazu, innezuhalten und über Sinn und Unsinn unseres Treibens nachzudenken, gipfelnd in der Trilogie 'Rückblick – Ausblick – Vorsätze'.

 

War's ein gutes Jahr? Nach welchen Kriterien denn, bitte schön? Und schon sind wir mitten im dicksten philosophischen Dickicht, wo sich Wertvorstellungen wirr durcheinander ranken. Für den Menschenkenner-Gourmet reicht diese eine Frage, um eine recht klare Vorstellung zumindest von den obersten Positionen des Wertsystems seines Gegenübers zu kriegen. Selbstverständlich gilt es, die gröbsten Oberflächlichkeiten wegzuwischen und die Frage nicht unbedingt im Lift zwischen dem 1.Stock und dem Ausgang, sondern eher bei Candlelight und einem guten Glas zu stellen.

Was ist geblieben von all den Hoffnungen, Plänen und Vorsätzen des letzten Jahres? Was ist an Unerwartetem passiert? Wie ging ich damit um?

 

Ich hab' die Fragen rundum gestellt und will heute mit euch ein wenig in den Antworten wühlen. Da ist zuerst mein Freund Fritz: er nahm sich wenig vor, mehr Verdienen, weniger Ausgeben, gute Absicherung gegen alle Widerwärtigkeiten, Ferien wie immer bewährten Orts, keine Bussen, keine Schulden. Nicht ganz unerwarteterweise starb Tante Frieda; er ging korrekt damit um, Teilnahme an der Beerdigung, Beileidsschreiben an die alleinstehende Tochter der Verstorbenen, angemessenen Betrag einbezahlt auf das angegebene Spendenkonto, erledigt. Er hielt auch Mass – wie vorgenommen – mit Essen, Trinken und Jassen. Sogar bei seiner Leidenschaft, der Philatelie, hielt er sich zurück und erwarb nur wenige Erstausgaben, meist sogar im Tausch gegen Postzeichen, die er im Doppel besass. Unter 'erfreulich' lief bei ihm im vergehenden Jahr noch die – natürlich geplante und erwartete – Auszahlung einer ersten Tranche seiner Lebensversicherung. Das Geld wird aber vorläufig auf die hohe Kante gelegt, man weiss ja nie...Im grossen und ganzen ist Fritz mit sich und dem Jahr zufrieden. Schön, oder?

 

Da wäre vielleicht noch Kurt zu erwähnen, ein kämpferischer Klein-Unternehmer. Auch er nahm sich vor, mehr Geld zu verdienen und wollte hart daran arbeiten. Vor allem wollte er seinen schärfsten Konkurrenten ausbooten, übertrumpfen oder noch lieber völlig vom Markt verdrängen. Aber dazu kam es heuer nicht. Er war permanent im 'clinch' und führte zeitenweise drei Gerichtsprozesse nebeneinander. Gegen seinen Nachbarn, der ihm widerwärtigerweise eine hässliche Beton-Mauer vor die Nase baute, gegen die Gemeinde, die von ihm und seiner Kunststoff-Fabrik masslose Beiträge an die Kläranlage einforderte und gegen die regionale Zeitung wegen Rufschädigung. Am liebsten würde er jetzt noch die Gerichte einklagen, die ihn dreimal verlieren liessen. Auf jeden Fall zieht er die Ungerechtigkeiten weiter, notfalls bis nach Brüssel. Der streitbare Mann ist messerscharf in seinen Analysen. Für alles und jedes Ungemach – auch in der Weltpolitik – kann er den Schuldigen bezeichnen. Am besten aber weiss er, wer für sein persönliches Unglück verantwortlich ist: wie aus der Pistole geschossen kommen die Namen über den Plastik-Tisch geflogen. Merkwürdigerweise ist sein eigener nicht dabei...

 

Als kleinen Kontrast dazu vielleicht Marie-Madeleine. Sie verlor ihren Job als Direktionssekretärin wegen Restrukturierungs-massnahmen, ihr Pferd wegen Kolik und lag selbst längerfristig darnieder mit einer Bandscheibengeschichte. Die leiden-schaftliche Reiterin und Wintersportlerin muss notgedrungen kürzer treten. Als wäre das nicht genug, starb vor kurzem noch ihre Mutter. Ihr bettlägeriger Vater ist auf Pflege angewiesen. Marie-Madeleine wirkt friedlich, ausgeglichen, ja sie strahlt sogar Zuversicht aus und hat dafür auch eine erstaunliche Erklärung: sie sei früher oft sehr ungeduldig, gestresst und über-ehrgeizig gewesen. Die Ereignisse dieses Jahres gäben ihr nun Gelegenheit, zu mehr Geduld und innerer Ruhe zu kommen. Sie hätte auch immer Abscheu gehabt vor der Vorstellung, alte Menschen pflegen zu müssen. Jetzt – mit der Pflege ihres Vaters – erkenne sie die schönen Seiten auch dieser Tätigkeit. Trotz hartnäckiger Nachfrage ist ihr kein Hadern und keine Schuldzuweisung zu entlocken. Sie übernimmt mit einer bewundernswerten Gelassenheit die Verantwortung für alles, was ihr zustösst. Wenn Hunde Hüte trügen, zöge ich meinen. Irgendwie erinnert sie mich an die Sonntagsschulgeschichte von Hiob, der auch bei sämtlichen Schreckensnachrichten sein stereotypes 'okay' murmelte.

 

Ich selbst bin zugegebenermassen noch nicht so weit. Ich kämpfe nach wie vor gegen Leinenzwang und Maulkörbe. Und ich pinkle auch weiterhin mit grösstem Vergnügen irgend-welchen aufgeblasenen Königspudeln an die coiffierten Krausen. Oder beisse die Grossgekotzten in die Waden, die auf dem Rücken anderer mit geliehener Macht jonglieren, seien es mickrige Zöllner, schleimige Verbands-Hansdämpfe oder schmutzige Medienmogule. Natürlich könnte man das Ganze auch bleiben lassen. In der Regel holt das Schicksal auch ohne unser Dazutun die Miesen ein. Früher oder später. Meistens später. Und da ist es doch in höchstem Masse verlockend, etwas nachzuhelfen. Ich versprech's Euch ja, mit neunzig mach' ich das nicht mehr (oder nur noch ein ganz klein bisschen...). Schliesslich muss man mit Reaktionen rechnen, die nicht immer vergnüglich sind. Tritt man in ein allzu grosses Fettnäpfchen, kippt man selbst auf dem glitschigen Untergrund aus der Balance. Und ab und zu entpuppt sich so ein Angepinkelter als rasende Bestie, die ihr sorgsam zusammen-geklebtes Filz-Häuschen mit Ingrimm verteidigt. Doch – allen Raufereien zum Trotz – nehme ich mir nicht zu viel Zeit zum Wunden lecken. Auf geht's zu neuen Taten. Volle Kraft voraus und mit viel Schwung in den Schnee gehechtet. Mal schauen, was da Erbauendes am Tannenbaum baumelt für mich. Den Braten habe ich zumindest schon gerochen. Wollt Ihr noch was Beschauliches für die Neujahrs-Startbox? Okay, ich hab' da mal ein super Gebet gehört, das gut als Leitlinie taugt: 'Herr, gib mir Mut und Kraft, das zu ändern, was ich ändern soll, gib mir Geduld und Demut, das anzunehmen, was unabänderlich ist und gib mir Weisheit und Einsicht, das eine vom andern zu unterscheiden.' Nur: das mit dem Unterscheiden klappt eben nicht immer...


Spiel und Deal

 

Selmine hat das Apportieren entdeckt, und da sie sich so kindlich freut, mache ich mit – und gute Miene zum harmlosen Spielchen. Am liebsten wirft sie einen Schneeball, und da sie keine militärische Ausbildung im Dienst für's Vaterland genoss ('Laufmündung folgt Blickrichtung'), ist es auch für einen vifen Top-Profi wie mich kaum voraussehbar, wohin sie das weiche Ding zu steuern gedenkt, ja es fragt sich, ob sie überhaupt irgend ein Ziel anvisiert, noch schlimmer: ob überhaupt irgendein Bezug zwischen der intendierten und der realisierten Flugkurve hergestellt werden kann: sie glart nach Osten, macht eine etwas behindert wirkende linkische Armbewegung in ihrer plumpen Snöber-Jacke, die eine Wurfparabel in der oberen Winkelgruppe Richtung Norden erahnen lässt, worauf das Pfluderding hinterhältig und überraschend für alle (auch für sie!) fünf Meter Westsüdwest in den Tiefschnee plumpst. Stürze ich mich heldenhaft in die weissen Fluten, in denen ich logischerweise einsinke und genötigt bin, mich halb schwimmend, halb strampelnd fortzubewegen, werde ich – statt mit Applaus - mit Hohn und Spott überschüttet. Doch nicht genug, es wird ein Riesentheater vollführt, wenn ich das nach nichts riechende, konsistenzlose Flockenkonglomerat, das sich beim geräuschlosen Aufprall spurlos und ohne weiteres Dazutun in seine Herkunftsmaterie zerlegt, nicht postwendend und nullkommaplötzlich zu Muttelis Fusseli legen kann (wobei mich das zart-elegante Gehgerät Selmines in diesen Quadratlatschen doch eher an eine Oerliker Mehrzweckhalle gemahnt).

 

Und wenn ich den blöden Schneeball noch fände – womit und wie sollte ich ihn den apportieren, bitte schön? Wohl einleuchtend, dass diese flauschige Software in meiner Gebiss-Hardware im Nu zu Brei wird – im besten Fall tropft noch etwas H2 0 von den Lefzen, schliesslich herrschen in meinem Killermäulchen tropische Temperaturen.

 

Aber eben, ich lasse sie ja gewähren, man steht da cool drüber und denkt sich sein Teilchen: das Apportierspielchen – zumindest in dieser fiesen Schneeballvariante – zeugt von einer gehörigen Portion Schadenfreude seitens des Zweibeiners (also Selmines!), bringt er/sie doch den Apportierenden (also mich!!) um den eh schon schäbigen Lohn für seine akrobatisch-athletischen Bemühungen. Wenn man seinen edlen Freund und Helfer sinnlos durch die Gegend hetzt, sollte er wenigstens die Chance haben, zu einem bescheidenen Erfolgserlebnis zu kommen. Versagt man ihm dies, so kann man unschwer und zu Recht auf die charakterliche Fragwürdigkeit der vielen Zweibeiner schliessen, die solches und ähnlich Läppisches von ihren treu ergebenen Vierbeinern fordern. Man schaue nur mal, was der Anselm ständig mit seinen Rössern treibt: was da sinn-, ziel- und zwecklos im Kreis herumkutschiert wird; mal schnell, mal langsam; mal schief, mal scheps, mal schräg ochst er in der öden, fuchs- und hasenlosen Manege herum (o.k. einmal in der Woche trainiert er bei einem Fuchs, und bei gewissen Gelegenheiten reitet ein Fisch mit oder schaut ein Has' zu, einmal war er sogar bei Bärs und mal bei Wolfs - aber in diesen Fällen lässt er mich garantiert nicht von der Leine...). Und dann lässt er sie ständig über diese farbigen Hölzer hechten, die ich immer wieder neu markieren muss. Und wenn wir draussen rumfetzen, sucht er sich nicht etwa den kürzesten und schnellsten Weg oder folgt einer herrlichen Wild-Spur – im Gegenteil, da werden laufend Schlaufen und Schlenker eingebaut, um über stinkige Siloballen, reizlose Holzstösse und fischarme Bäche zu hüpfen. Und wenn die braven Hü's all die unnötigen Anstrengungen bewältigt haben, ohne auch nur ein einziges Wildschwein aufgescheucht zu haben (ich habe vor kurzem eine ganze Familie dieser plumpen Borstentiere durchs Unterholz gejagt, hei, war das ein Grunzen, Quietschen und Keuchen, 7 Tonnen 'sanglier' auf der Flucht vor vier Kilo 'chien'!), dann hat der Anselm seinen Sonntags-Smile drauf und bildet sich ein, er hätte sie ausgebildet, er hätte sie er-zogen, weil sie so schön zogen.

 

Dabei ist der springende Punkt, der sie zum Springen bringt, eine schlichte Milchbüechli-Rechnung. Im Unterschied zu den Zweibeinern verstehe ich ja, was seine Rösser abends im Stall beim genüsslichen Heumampfen so diskutieren. Meist ist es der alte Dunkelbraune, der den jüngeren aufgeregten Buben gemächlich kauend seine Weisheiten bekannt gibt: "Eigentlich ist er o.k., ich hatte meiner Lebtag gut zu fressen, viel Weidegang, konnte mich ausreichend austoben, hatte immer Artgenossen um mich und sah aller Herren Länder auf unseren Reisen. Natürlich verlangte er immer wieder komische Dinge von uns – weißt Du noch, Schreckbube, als er uns mitten durch diese Schweineherden trieb? Grässlich, nur schon dieser dümmliche Duft und das würdelose Gekreisch – aber unmöglich ist es nie, was er will, höchstens etwas sinnlos. Also spielt das Spielchen mit, gebt ihm auch bei unnatürlichen Aufgaben das Gefühl, dass ihr's gern macht. Z.B. wenn er euch im vollen Galopp gegen einen Tisch mit Karotten, Äpfeln und anderen leckeren Naschereien steuert, euch aber nicht etwa anhalten und fressen lässt: springt drüber – und er freut sich wie ein Kind. Die überhüpften Rüben findet ihr mit grösster Wahrscheinlichkeit selbigen Tags in der Abendration; die klaut er nämlich manchmal nach gehabter Schlacht. Auch Du, junges Langbein, wenn Deine Selmine Dich - womöglich noch bergab - gegen einen fürchterlichen Graben oder einen Teich steuert, brauchst Du nicht etwa rechtzeitig anzuhalten, um euch beide zu retten, nein, spring rüber oder rein – sie braucht das."

 

So tönt's jeweils bei Sonnenuntergang, derweil ich die aus der Futterkrippe geschubsten Delikatesskörner nasche, vor allem beim jungen englischen Milchgesicht hat's haufenweise, weil der so ungestüm mit seiner langen Nase drin rumfuhrwerkt. Doch der taube Anselm versteht's nicht (wenn man denkt, dass der arme Kerl auch nichts riecht!) und ereifert sich in der Festwirtschaft, quatscht irgendetwas von 'natürlichen, artgerechten Aufgaben für Pferd und Hund'. Dabei würde ich für sein Strahlen (und einen guten Knochen...) sogar mit einem Hasen einen Jass klopfen, die Rösser würden sich ins Bett oder in eine Limousine legen (einer macht doch so Zeugs?), wenn sie ihrem Ernährer damit eine Freude machen können. Na ja, 'de Mäntsch isch komisch' – Hauptsache, wir haben den Durchblick...

 


Entschieden für die Entscheidung

 

Eine Hasenfährte führt nach links, eine frische Fuchsspur nach rechts. In Sekundenbruchteilen muss ich mich entscheiden, welcher ich folgen soll. Beim Hasen sind die Erfolgschancen grösser, beim Fuchs die Herausforderung – beides kann schiefgehen. Die Chancen, überhaupt etwas zu erreichen, sinken rapide, je länger ich zaudere – also nix wie los, dem Fuchs hinterher. Da brüllt schon Anselm durch den morgendlichen Wald mit seiner Opern-Röhre: "Maaaaxxx! Fuuuusss!" – und bringt mich in ein weiteres Dilemma: gehorchen, gelobt werden, 'Guti' kriegen, oder weitersausen, dem Jagdtrieb folgen, der eigentlichen Bestimmung eines Jack Russells? Ich entscheide mich zeitverzugslos für Letzteres. Resultat: Pleite! Der Fuchs ist über alle Berge. Bei einer asphaltierten Strasse verliere ich die Spur. Was nun? Von hinten möglichst unauffällig zurück zu Anselm, der wutschnaubend in alle Himmelsrichtungen pfeift und schreit. So tun, als ob überhaupt nichts gewesen wäre, in munterem Trab links an Anselm vorbei, der auf Mimo-Schreckbube herumfuchtelt, ständig Handschuhe auszieht, durch die Finger pfeift, Handschuhe wieder anzieht – ein richtiger 'Gfröörli'! Er schimpft noch irgendetwas, ich setze meine überzeugendste Unschuldsmiene auf und tue so, als gälte das Gezeter der ganzen Welt, nur nicht mir. Und schon beruhigt er sich hörbar, plappert mit seinem Reittier, das sich wieder mal misstrauisch schnaubend an längsliegenden Holzstössen stösst – lägen sie nämlich quer zur Reitrichtung, würde er sie mit grösstem Vergnügen hüpfen...

Hätte ich anders entscheiden sollen? Den Hasen verfolgen oder gar brav bei Anselm's 'Fuss' bleiben sollen (der übrigens rund einen Meter erhöht in einem Steigbügel steckt)? Der Hase wäre mir vielleicht genauso entwischt – und hätte ich auf 'Schnuckiputzer-Hunzeli' gemacht: ich hätte nichts erlebt. Also wieso sich so schwertun mit der Entscheiderei? Hauptsache, man tut was, erlebt was, lernt was. Wer immer nur zuhause in seinen vier sicheren Wänden hockt, hat ja seinen Enkeln nichts zu erzählen am Kaminfeuer. Natürlich ärgert man sich manchmal, wenn man sieht – oder zu sehen glaubt – dass just das, gegen das man sich entschieden hat, das man also ungetan liess, zu Erfolg, zu mehr Erfolg geführt hätte. Aber erstens ist das meistens eine recht hypothetische Sache, und zweitens stellt sich an diesem Punkt die Gretchenfrage, wozu wir denn überhaupt auf dieser Welt herumrennen. Was für sogenannte Werte denn eigentlich Pate stehen bei unseren Entscheidungen. Für den postmodernen spätkapitalistischen Konsum-Freak eine leicht zu beantwortende Frage – höchstens die Reihenfolge der angestrebten Luxusgüter könnte ihm Kopfzerbrechen bereiten: Geld, Autos, Häuser mit Swimmingpool, Frauen und Tiere als Statussymbole, Macht, zum Beispiel über Sklaven – sorry, das nennt man heute Untergebene, falsch: Angestellte, nein: Mitarbeiter (endlich!), bzw. die Frauen wollen (in der Regel) Männer, weniger zum Vorzeigen als zum Plündern, und damit wären wir wieder beim Geld und der circulus vitiosus beginnt von Neuem. Na und? Das sind doch wenigstens pragmatische, klar fassbare Ziele. Natürlich reicht's nicht für alle gleichzeitig, aber da kann man ja ein bisschen streiten, tricksen und kriegen. Und trotz moderner Medizin und Hormon-Mix-Jungbrunnen sterben ab und zu ja auch ein paar Swimmingpool-Besitzer, auf deren Hinterlassenschaft man sich dann feixend stürzen kann. Gut, man könnte natürlich auch andere Ziele haben. Wenn man zurückblättert, gab's ja da schon ab und zu ein Exemplar der Gattung homo sapiens sapiens, das einen gewissen Durchblick hatte. Nur, diese Formulierungen klingen in unseren heutigen Ohren so fremd, schwer nachvollziehbar, fast kitschig: 'In Resonanz sein', 'Harmonie', 'Die Mitte finden', 'Nächstenliebe' - oder noch verrückter: 'Eins-Sein mit allem, was ist'. Gute Nacht, ICH, der wilde, motzende Max, eins mit Nachbars Katze. Um Himmels Willen, wo bleiben denn da die Unterschiede, das wird ja ein Einheitsbrei, wo kommen denn meine Eigenschaften hin? Ich spüre mich ja gar nicht mehr, wenn ich zu allem 'Ja und Amen' sage. Ich will doch Spuren hinterlassen, unverwechsel-bar bleiben, in die Geschichte eingehen. In tausend Jahren soll man sich an mich, den einzigen, braun-weissen Jack Russell, der Kolumnen schrieb, erinnern! Nützt mir dann zwar auch nicht mehr viel, wenn ich längst vermodert bin – oder meine Leiche gar zu Katzenfutter verwurstet wurde. Aber heute das Gefühl haben, dass ich unsterblich bin, dass ich wenigstens in der Erinnerung der Epigonen überdauere, das ist doch toll. Und dafür lohnt es sich doch, zu kämpfen, zu jagen, zu kriegen. Oder etwa nicht? Es reicht ja, wenn ich dereinst altershalber meinen Körper loslassen muss, wenn ich in die ewigen Jagdgründe eingehe (diese Indianer haben eben noch eine echt gute Vorstellung vom Jenseits gehabt; wenn ich könnte, liesse ich mich zu einem Apatschen klonen!). Aber zu Lebzeiten das herrliche Ego abzubauen, ja gar aufzugeben, nur um 'Eins' zu sein mit allem was ist, na, das ist dann schon ein bisschen viel verlangt. Dann doch lieber Swimmingpool und so (geheizt bitte!). Das andere spar' ich mir für eine spätere Inkarnation... Sorry, Nachbars Katze wagt es, aufreizend langsam vor dem Stall herum zu paradieren! Der wird' ich zeigen, wer hier der Boss ist. Mit der bin ich noch lange nicht eins! Im besten Fall eins zu null, und zwar für mich!


Ich warte nie

 

Ich wüsste nicht warum und worauf. Wenn etwas nicht kommt, gehe ich es holen – oder beschäftige mich anderweitig. Wenn ich all diese Pudelchen nur schon rieche, geschweige denn sehe, wie sie dümmlich und hilflos auf Frauchen warten, oder diese dekadenten Familien-Flauschtierchen, die blonden Labradörchen, die so harmlos-devot neben dem Swimmingpool vor sich hin warten, oder die sich so unheimlich wichtig nehmenden deutschen Lammhüter, bei denen Warten und Wachen zur todernsten Pflichtübung gerät – nein, wir nicht. Nichts gegen Menschen, die taugen durchaus als Unterlage beim Autofahren. Ja, ich kann diese Karren einfach besser steuern, wenn ich auf Anselms Knien sitze. Und als Fastfood-Lieferanten, wenn ich ausnahmsweise vom Jagdglück im Stich gelassen werde. Es ist ja auch nicht mehr wie früher, meinem Urgrossvater sollen die Hasen noch ins gähn-offene Maul gehoppelt sein. Da nehm' ich durchaus mal mit irgend so Napoleon, Augustus oder wie die alle heissen, Vorlieb. Am besten schmeckt natürlich das nach mir benannte 'Max' – obwohl die aus unerfindlichen Gründen irgendeine schlappohrige Trantüte auf die Packung kleisterten. Wahrscheinlich war mein Bild zu teuer – seufz – es ist gar nicht immer einfach, ein Star zu sein. Sorry, ihr wartet ja immer noch erwartungsvoll auf meine von hoher Warte geäusserten Wahrnehmungen zum Warten. Also, nichts gegen Menschen, hab' ich gesagt, aber auf die warten? Nein, wo kämen wir da hin? Nirgends. Angebunden vor dem Supermarkt, wo Frauchen der hemmungslosen Konsumwut frönt? Völlig belämmert in die Gegend kucken, bis Herrchen seine neueste Hobbybastelsäge-schleifhobelfräse ergattert hat? Wenn er nur gleichzeitig auch Pflaster kaufen würde – nein, besser ganze Watterollen, Schienen, Gipspulver! Und ein paar Liter Merfen. Der ist ja sowas von ungeschickt. Dabei hat das noch gar nichts mit Handwerk zu tun, was der tut. Vor kurzem musste er Schneeketten demontieren, ja, das ist kein Druckfehler, de-montieren – weil montiert wurden sie noch zuhause vom Profi, mit links natürlich. Aber dann, irgendwo auf dem grandiosen, im besten Fall anderthalbspurigen Swiss Highway parkt er seine Riesenkiste mit den ganzen Hoppehü's drin auf der pflotschig-schneereichen Notspur, also just dort, wo man die Ketten eigentlich noch brauchte, drapiert sich in ganzer Länge auf den Matsch und zerrt verzweifelt an den Dingern rum, bis er nass-schwarz prustend und sämtliche Heiligen beschwörend unverrichteter Dinge wieder hervorkriecht. Irgendein Profi-Chauffeur erledigt dann das Ganze mit zwei Handgriffen in drei Sekunden, nicht aus Nächstenliebe, sondern weil wir ihm den Weg versperren. Aber nicht mal da hab' ich gewartet. Im Gegenteil, ich hab' mich schief gelacht in der Kabine und sein angemampftes Sandwich seiner ureigensten Bestimmung – nämlich mir - zugeführt. Und ich konnte endlich eine alte Rechnung begleichen. Normalerweise legt er sich bei nasser Witterung irgendein Tuch auf seine Höschen, bevor er mich einsteigen lässt, und schaut mich so naserümpfend an, speziell wenn ich kurz vorher noch auf dem Miststock zum Rechten sah; aber diesmal war's umgekehrt. Ich sah mir jede Pfote einzeln entsetzt an, die ich wohl oder übel auf seine pflotschnassen Beinkleider setzen musste, um wie gewohnt das Steuer zu übernehmen. Ich imitierte dabei gekonnt den angeekelt-hysterischen Blick, den Selmine mir entgegenwirft, wenn sie auf Schickimicki getrimmt ist – so mit schwarzem Mini-Jupe und diesem enganliegenden Zeugs an den Beinen, das so lustige Bahnen wirft, wenn man nur ganz leicht daran kratzt. Irgendwie muss ich mit dieser Show völlig angekommen sein, jedenfalls entledigte sich Anselm sämtlicher Klamotten und schuf mir anständigerweise wieder eine trockene Unterlage.

 

Nein, diese Warterei versteh ich nicht. Vor kurzem sah Anselms Karre etwas runzlig aufgerauht aus – er maunzte irgendwas von 'unschuldig' und 'wurde gerammt', aber das half auch nichts, die Blechkarrosse musste zur Kur und wir zum Bahnhof. Das hättet ihr sehen sollen. Anselm benahm sich wie ein Pfahlbauer. Zuerst rüttelte er wütend an der Tür zum Billettschalter, dabei standen die Öffnungszeiten in riesengrossen Lettern drauf: pro Tag ein paar wenige Minuten, und auch das nur an Werktagen ohne Sams-, Sonn- und allgemeine Feiertage (und das sind einige, wenn man demokratisch-tolerant sämtliche existierenden Religionen berücksichtigt!). Häja, im Zeitalter der Privatisierung und Effizienzsteigerung ist der Bahnhofvorstand wahrscheinlich noch Croupier in der nahen Spielhölle oder Stör-Metzger oder er führt nebenamtlich einen Erotik-Shop oder sonst was Ländliches. Also, da war nix, weil die drei Minuten Öffnungszeit waren tatsächlich schon um. Aber – der Kluge reist im Zuge – es hat ja einen Billet-Automaten. Nach hektischem Suchen wurde selbiger auch entdeckt vom ÖV-Greenhorn – aber leider nicht begriffen. Ein munterer Rentner mit dem Neunuhrpass erbarmte sich seiner und erläuterte das geniale Konstrukt in nervenaufreibender Langsamkeit. Jedenfalls wurde bald klar: nur eine beschränkte Auswahl von Destinationen ist möglich – ausser man kennt alle Postleitzahlen der Schweiz auswendig, aber das wird nur von einbürgerungswilligen Ausländern verlangt – und Münz oder Zwanzigernoten sind vonnöten – sonst macht der Kasten keinen Wank. Es erübrigt sich zu sagen, dass unterdessen der Zug längst von dannen war, der Anselm tobte, mangels Kiosk in die nächste Beiz steuerte, sich dort eine Zwanzigernote tauschte, die er dann gleich wieder in literweise Kaffee verwandelte – mir ist schleierhaft, warum nervige Leute auch noch dauernd dieses braune Gesöff in sich hineinkippen – mit einer weiteren Zwanzigernote dann tatsächlich ein richtiges, gültiges Bahnbillett erstand, um dann zähneknirschend in der bissigen Kälte auf den nächsten Zug, der es mit dem Stundentakt nicht so genau nahm, zu warten. Nicht mal im Wartsaal, der rund um die Uhr geschlossen ist, wegen Vandalenakten (was nichts mit Nackten in Sandalen zu tun hat, sondern mit Schändern, die beim Warten die Sitze oder Wände bemalen, schlimmer: besprayen; und die ihre Kaugummis nicht in den dafür vorgesehenen Behältnissen entsorgen, sondern womöglich ganz fies unter die Tischkante kleben, die mit dem Sackmesser ein Herz oder die Initialen der Angebeteten in die Tischplatte ritzen, also kurz: Gesindel). Und darum muss man solche den immerhin noch staatlichen Bahnen gehörende Räume schützen, indem man sie schliesst, völlig, dreivierteltags und ganznachts, da bleiben sie sauber und erhalten. Wie die Schweiz auch. Wo kämen wir da hin, wenn jeder Dahergelaufene sich in unseren Wartsälen wärmen könnte, nur um dann womöglich seine Initialen auf unsere Tischplatten zu ritzen? Fehlte noch.

Ja, unser Anselm, der sonst jede Sekunde nutzt, der noch auf dem Klo an einem Vierzeiler feilt, der zwischen Vorspeise und Hauptgang die Serviette vollkritzelt und im Stau Mozart-Arien übt, dieser rastlose Chaot wartet, mit dem genau gleich idiotischen, 'Möchte-gern-aktiven-aber-zur-Passivität-verurteilten' Ausdruck, der alle Wartenden auszeichnet, der das Warten als solches erst erkennbar macht. Weil auch in einer klassischen Warteschlange, vor einer Kasse, einer Seilbahn oder dem Zirkuseingang, gibt es die einen und die andern. Die einen, die sich unterhalten, amüsieren, über irgendetwas nachdenken oder still vor sich hin schmunzeln – und die andern, die sich und ihr 'Zeitbudget' für unheimlich wichtig halten, die unverhohlen vorwurfsvoll in die Runde stieren, nach Schuldigen lechzend, die sie für die leidige Warterei in die Pfanne hauen könnten. Wer innerlich reich ist, wartet nie – er wartet höchstens seine Jagdausrüstung. Aber stell dir vor – nichts ist unmöglich, wart's ab - Du bist Abwart, oder Du Tor wirst Torwart – da kannst Du ja beileibe vom Leben nicht viel mehr erwarten – als Warten.


Show-Dancing

 

O ödeste Langeweile – Dressurtag! Da sehen wieder alle aus wie Pinguine, ziehen eine Schnute, hetzen verkrampft und stieren Blicks aneinander vorbei – im besten Fall quäken sie sich einen verquälten Gruss zu, knorzen missmutig ihre Vorwärtstiere rückwärts. Trainer, Ehe- und andere Männer, fettleibige Walküren mit grüngelben Stimmen keifen durch die Gegend, weil ihre aufgedonnerte Elevin oder der feistwanstige Reitersack den vierbeinigen 'Weltknall' im Wert eines mittleren Einfamilienhauses wieder auf 10 Zentimeter nach Q in den verwurgten Schritt runtermurkste – anstatt haargenau bei Q! Und die Sieglinde vergiesst Krokodilstränen, weil ihr Gang-Moloch 'Donnermeyer' sich zwar mit einer satten 9 aus der Ecke auf die Diagonale stürzte und ebense toll am anderen Ende ankam, dazwischen aber – leider, leider – bei X aufgrund des unanständig aufgewühlten Edelsandes einen Taktfehler beging, was wiederum Sieglinden zutiefst aufwühlte, sodass sie auch gleich noch beim nächsten Halt patzerte: ihr köstlicher Hafermotor zuckte doch tatsächlich mit der linken Unterlippe, weil sich eine flugs gelandete Fliege in seinen Flaumbart verflog: 10 Jahre Training und 10 Millionen (nicht Lire!) umsonst, die Qualifikation für's oberaarrheinlinthische Championat dahin, Karriere versaut, die einzige Frage noch: Schuss, Gift oder Strick? Wenn man bedenkt, dass es sich bei den diesem Freizeitvergnügen Nachgehenden in aller Regel um Freiwillige handelt – die sich für viel Schweiss und Tränen (und noch viel mehr Märker, Gulden oder andere harte Währungen) diesen selbstzerstörerischen Frust einhandeln – braucht man als Hund 'ne Nachhilfstund! Gut, auch wir rennen manchmal vergeblich wie die Gepickten hinter Katzen, Hasen oder sonstigem Kleinwild her – aber wir haben jede Sekunde Spass an dem, was wir tun. Und wie ich aus gut unterrichteter Quelle weiss, haben auch die meisten, die uns dabei zusehen, ihr Vergnügen (ausser ein paar uneinsichtigen Katzenbesitzern und missgünstigen Jagdaufsehern...) Aber Freude konnte ich bei diesen griesgrämigen Pfefferstampfern bis anhin kaum je ausmachen; ausser hämischer Schadenfreude über Patzer von Konkurrenten. Und der dumpfe Begleit-Tross aus schuftenden Sklaven, aufgeblasenen Geldgebern, gelangweilten Gatten und lallenden Opas trägt auch nicht gerade zur 'Holiday-on-Ice'-Stimmung bei. Fehlt nur noch ein Speaker, der im Stile John Jumpers sein vermeintliches Fachwissen dahersabbert und mit seinen unbedarften und ungefragten Werturteilen strahlendsten Deckhengsten die Saison versaut. Woran liegt's denn wohl, dass dieser Sport so durchsetzt ist von lederharten Hyänen, eleganzlosen Buchhaltern, kantigen Mechanikern, grantigen Einpeitschern und ein paar wenigen, dafür umso humorloseren Zuschauern? Gibt's da eigentlich irgendwen, der irgendwas geniesst? Ist denn diese gnadenlose 'von-Punkt-zu-Punkt-Punkteschinderei' in diesem so unhippologisch-stur-rechtwinkligen Vier-Eck, dieses öde Abspulen von bis zur Verblödung eingefuchsten Lektionen überhaupt geniessbar? Warum reissen Darbietungen von Tänzern, Akrobaten und Eiskunstläufern die Massen vom Hocker – Dressur aber höchstens fanatische Tierschützer? Hand auf's Herz: Würden Sie einer ungepflegten, potthässlichen, unförmigen Flamenco-Tänzerin begeistert applaudieren, nur weil sie – ohne je einen Blick ins Publikum zu werfen – ein paar Schrittfolgen korrekt abstrampelt ohne aus dem Takt und von der Bühne zu fallen? Und was würden Sie sagen, wenn Arnold Koller nach seinem Rücktritt 'Wetten,dass' präsentierte, ein SVP-Nationalrat statt Di Caprio den Titanic-Helden mimte – selbstverständlich von A bis Z mit dem vorgegebenen Text? 'Passt nicht' oder 'Pfui' – je nach Ihrer Erziehung und Parteizugehörigkeit. Und zu Recht. Weil das alles im besten Falle komisch wäre. Aber sicherlich weder eine ästhetisch-mitreissende Show, kein ausstrahlungsstarkes Bild, keine emotional packende Demonstration.

Solche Fragen stellte ich mir – bis gestern. Da kamen der Giovanni und die Bigna, und weckten innert Stunden die jahrtausende-alte Faszination für das Erlebnis der Harmonie von zwei Wesen in Balance, für Eleganz, Elastizität und atemberaubenden Schwung. Fliessende Bewegungen, unsichtbare Hilfen, Tanzen, Schweben – nur Fliegen kann schöner sein. Und das nicht nur mit 'Urknalls' und 'Weltmüllers', sondern auch mit nervigen Blütern, schweren CH's, Andalusiern und Quarter Horses, mit Kleinen, Grossen, Dicken, Dünnen – alle brachten sie zum Schwingen und Tanzen. Wenn Pferde lachen könnten – sie hätten alle gelacht. – Das war nicht etwa nur ein Traum, das war 1:1-Realität; es war auch nicht eine einmalige Sternstunde: das Erlebnis ist durchaus wiederholbar. Nur war es fernab von Schnecken- und Hasen-Hügeln, ohne die (vermeintlich?) grossen Namen eidgenössischer Dressurreiterei. Und es war nur eine Stippvisite: im normalen Alltag fuhrwerkt der begnadete Giovanni mit dem Skalpell in irgendwelchen Menschenbäuchen herum. Aber immerhin, wir wollen nicht jammern: es gibt's also doch, die Faszination Dressur, die in diesem Fall wohl besser 'Show-Dancing' hiesse – ganz so verrückt wäre das nicht, bei den Angelsachsen heisst's ja auch 'Show-Jumping'!

Aber ob man dazu in Helvetien fähig ist – der geographischen Definition der Kosten-Nutzen-Analyse, dem Land der unbegrenzten Ersparnis-Möglichkeiten, der höchsten Abwesenheits-Konzentration von Charme, Show und Sinnenfreudigkeit, wo auch eine hochdosierte Injektion brasilianischen Karnevals höchstens ein paar Viagra-Schlucker partiell erwärmt, wo Freude und Lachen Anzeichen übermässigen Drogenkonsums sind, wo stolz aufrechter Gang die Einbürgerung verhindert, wo Tierschändung immer noch Sachbeschädigung, die Sterblichkeit tief und die Selbstmordrate hoch ist – ob also hierzulande die Zeit- und Ort-Qualität reicht für den Quantensprung? Das darf mit Fug mit einem Fragezeichen versehen bleiben.


Mir fö nüüt Neus aa!

 

Da wird immer wieder behauptet, in Helvetien bewege sich nichts – und wenn, dann werde die Bewegung gleich bestraft. Gut, wenn ich an die Sammlung forstpolizeilicher Ermahnungen denke, die mein Mensch Anselm aus unerfindlichen Gründen rund um ein schönes Porträt von mir drapierte, das mich in voller Aktion beim Jagen eines echt schweizerischen Wildschweins in den Waldungen des Weinlands zeigt, so liegt dieser Schluss vielleicht nahe. Lässt man demgegenüber die vergangenen Wahlen Revue passieren, so sind doch beeindruckende Bewegungen wahrzunehmen: vorab ein erdrutschartiges Taumeln in die Fänge der Bauernfängerpartei.

 

Nur: die Ziele der rührigen Blut- und Boden-Tellensöhne rühren etwas weniger ans bewegte Herz. Die herbeibeschworene Bewegung ist einzig die zurück. Ad fontes! (Macht sich besser als: 'Back to the roots!'). Zurück zu den herrlichen Zeiten, als jeder Thurgauer noch apfelrote Backen und blondes Kraushaar hatte, als die grösste Sorge eines Innerrhödler Vaters war, dass seine Tochter einen Ausserrhödler zu ehelichen trachtete, als das Wort 'Jugo' noch kein Schimpf-, sondern schlicht ein unbekanntes Fremdwort war, als Helvetien noch eine beneidete, trutzig-reiche Oase und nicht ein belächeltes Museums-Stück war – o tempi passati! Bewegung zurück mit dem Ziel der Erstarrung, der Einbetonierung des Gewesenen für alle Zeiten, Re-Formierung im Sinne der Wiederherstellung mittelalterlicher Zustände, ein einzig Volk inzüchtiger Brüder – das ist die Vision, die mit abnehmendem IQ auf wachsende Akzeptanz stösst. Das einzig erlaubt Moderne ist die Erfindung der akkuratesten Bewegungs-Detektoren, die jedes Aufmucken im Keime ersticken können.

In Helvetien, der Hochburg der Mauern, Zäune und Randsteine, wo das Hauptziel jeder Öffnung deren Schliessung ist, wo Abschliessbarkeit Hauptkriterium jedweden Produktes ist, wo die Lembke'sche berufs- bzw. landestypische Handbewegung die Einzelkontrolle jeder Türe des bereits zentralverriegelten Volvo-Kombis ist – da lass Dich ruhig nieder – vorausgesetzt, Du kannst einen lückenlosen Stammbaum bis zu den Rütli-Schwörern vorweisen und hast Deine Gemeinde-, Kantons-, Bundes-, Wehr-, Feuerwehr-, Mehrwert- und anderen Steuern bezahlt.

 

Konto-Bewegungen in diese Richtung werden durchaus geschätzt hierzulande. Ich vergesse nie die glänzenden Augen des ältlichen Vizedirektors einer ländlichen Bank, der nach der Kontoeröffnung mit unverhohlener Gier – im Gegensatz zu seiner sonst höflich-zurückhaltenden Art – seiner Vorfreude auf einen 'regen Zahlungsverkehr' Ausdruck gab. Wenn Lust, Gier Hauptmotoren menschlichen Handelns sind, so ist es wohl fast ausschliesslich die Geld-Gier, die in Helvetien irgendetwas bewegt. Darauf gründet denn auch der Weltruhm der Schweiz als Land der Banken, als sicherer Hort von Geldern jeglicher Provenienz, die in der Regel nur eine Bewegung machen – die zu uns – um sich dann still zu vermehren. Na ja, was soll man denn machen, wenn der Kontoeröffner sich leider leider nie mehr meldet, abgesetzt, eingekerkert, umgekommen ist? Wer wollte denn da freiwillig irgendeine Bewegung machen? Das liegt uns einfach nicht. Da wird zuerst gewartet und gehortet, das hat sich bewährt.

 

Vor diesem Hintergrund ist auch der Schweizerische Rösselerverband ein guteidgenössisches Ding, das nicht ganz zufällig dasselbe Kürzel trägt wie die Erstarrten. Ein Hort für Mitglieder- und Sponsorengelder, die grossteils in den Sumpf der aufgeblähten und ineffizienten Administration fliessen, in die Lohntüten von Apparatschiks, die sonst höchstens beim (hoffentlich bald überflüssigen) Zoll, in maroden Zeughausver-waltungen und anderen staatlichen Mottenkisten Platz fänden. Wobei das bereits wieder untertrieben ist. Sie könnten gerade so gut in der Gemeinde-, Kantons- oder Bundesverwaltung unterschlüpfen. Hauptsache, sie beherrschen das Mikado-Spiel: 'Wer zuerst bewegt, hat verloren.' Wichtig ist grösstmögliche Ruhe, Stillsitzen, Aussitzen (!), Innehalten, Zeit verstreichen lassen und jeden Störefried, der es wagt, mit irgendeinem Anliegen in diese von Modergeruch durchschwängerten Räume zu trampeln, gleich unmissverständlich wissen zu lassen, dass – und wie sehr – er stört. Als todsichere Mittel empfehlen sich das völlige Ignorieren des Störers, der Hinweis auf Öffnungs- ich meine natürlich Schliessungs-Zeiten, das Verweisen auf andere Verbands- oder Amtsstellen, von denen man weiss, dass sie genausowenig kompetent bzw. bereit sind, dem Ansinnen des Unruhestifters zu entsprechen, und vor allem das Wartenlassen --- bis Gras über das Anliegen gewachsen ist.

 

Aber meine Empfehlungen sind völlig überflüssig. Die Sesselhalter (Kündigung nur bei mehrfacher Vergewaltigung von Bundesrats-Kindern möglich!) sind, wenn überhaupt irgendwo, dann in diesen Hinhalte- und Abweistechniken hochkompetent. Und dies in wohltuendem Gegensatz zu dieser ja schon fast lästigen Kunden- und Leistungsorientierung in der ganzen Privatwirtschaft. Das nennt man anti-zyklisches Verhalten, und das ist doch auch an der Börse gefragt, oder? Sichtbar wird der Gegensatz am schönsten, wenn so ein Staatsmoloch privatisiert wird. Wie war das doch früher bei der guten alten PTT, wenn man mal schnell eine Ferientelefonrechnung wollte? Cesi Keiser hat's damals herrlich persifliert. Und heute wird man von der privaten Swisscom als Kunde gehätschelt, mit Angeboten überhäuft – und das Telefonieren ist verdächtig billiger geworden – sic!

 

Nur – jetzt kommt die crux – was macht man mit einem Verband, der ja bereits eine privatrechtliche Organisation ist, der sich aber benimmt wie ein Staatsmonopolist? Das Monopol aufbrechen? Das ist tatsächlich eine Lösung, die in England nach langen Querelen verwirklicht wurde: die fette, alte, immobile British Horse Society wurde gesprengt bzw. marginalisiert, das eigentliche Sportgeschehen liegt heute in den Händen der einzelnen Reitsportdisziplinen mit agil und effizient geführten, schlanken Organisationen. Weniger revolutionär – und damit helvetischer - wäre eine 'Privatisierungs-Spritze', also die vermehrte Implementierung privatwirtschaftlicher Grundsätze.

 

Eine leise Hoffnung darauf, dass dieser Weg begangen wird, besteht mit der frisch gekürten Verbandsführung: zwei gestandene Unternehmer, der Vize sogar mit glorioser Vergangenheit als ausgezeichneter Manager eines Unterverbandes. Die Frage ist nur, wie schnell die beiden mit der Kunden- und Leistungsorientierung bis an die Front vordringen, wieviel Leichen sie sich auf diesem Weg leisten können, bevor sie selbst erstarren oder das Handtuch werfen beim unerspriesslichen Kampf gegen die dickköpfig-abweisend-unfreundlichen Verbandskröten mit der oberländischen Grundhaltung: "Das hei mer no nie gmacht – u mer fö nüt Neus a!" Erstaunlicherweise handelt es sich dabei nicht um 120-jährige SVP-SVP-Frauen nach dem Motto: 'Im Sältebach isch sälte, es Meitschi pring u schwach', sondern um durchaus attraktiv verpackte Mental-Greisinnen. Nun gut, geben wir den neuen Besen eine Chance, den Stall des Augias auszumisten. Schliesslich haben auch frisch gewählte Politiker eine hunderttägige Schonfrist, bevor sie von den Medien zerfetzt werden. Aber dann wird erbarmungslos Bilanz gezogen und weitergemotzt: 'O mir fö nüt Neus a!'


Ein- und Ausbildung

 

Jeder bilde sich was ein auf seine Ausbildung – dabei sei diese auf den Hund gekommen. Die griesgrämigen Greise geraten ausser sich, wissen kaum mehr ein noch aus, bilden Ausschüsse, die dann verbale Einschüsse vornehmen. Früher war doch alles besser, als es noch klassische Rittmeister und Kavallerieschulen gab (und man kaputtgerittene Pferde gratis und franko in Bern umtauschen konnte) – herrlich war das. Als die Reiterei noch zu den staatserhaltenden und dissuasiven Tätigkeiten gehörte und nicht nur um Ruhm und Ehre oder gar um des schnöden Mammons willen betrieben wurde. Jawolll. Also tönt's von den Stammtischen mit über 1 Promille und Durchschnittsalter 120 (geistig). Glaubt man den grossmäuligen Jammer-Greisen, so gibt es heute nur noch nichts-könnende Volldeppen auf – das wird zugegeben und gleichzeitig als Anfang des Endes beschworen – immer besser gezüchteten Pferden. Dreht man dann als jugendlicher Schnösel den Spiess um und fragt die sich als hehre Helden des Goldenen Zeitalters wähnenden Oldies, warum sie denn nicht selbst dafür gesorgt hätten, besseren Nachwuchs heranzuziehen, wird der Stammtisch stiller, bis sie ihre faulen Ausreden zusammengeklaubt haben. Natürlich finden sich für die ganze Misere schnell einmal genügend Schuldige, die sie anprangern können – auch wenn's am Schluss nur der Krieg, die Rezession, ein Bundesamt oder die Verweichlichung der heutigen Jugend ist.

 

Betrachtet man die Thematik etwas nüchterner und statt vom Stammtisch aus der Hundehütte, so zeigen sich haufenweise konkrete Aufgaben, die es anzupacken gilt. Da ist zuallererst die crux mit der Durchsetzbarkeit jeglicher Ausbildungs-anforderungen in der Reiterei. Zu Kavallerie-Zeiten konnte der Staat, die Armee ihren Berittenen die nötige Ausbildung verordnen, aufzwingen, organisieren, kontrollieren und durchsetzen. Ein privatrechtliches Instrument wie ein Pferdesport-Verband kann nur die nötige Ausbildung für die von ihm kontrollierten Sportveranstaltungen erzwingen. Und auch das nur beschränkt. Wenn man an das ganze Geschrei rund um die Lizenzprüfungen denkt, von Vetternwirtschaft über die Mieterei von 'todsicheren' Lizenzpferden bis zu den gehässigen Reaktionen, wenn die Experten ungeachtet des Tennis-Star-Status eines Prüflings selbigen bei mangelhaften Leistungen wie jeden andern auch durchrasseln lassen, so sieht man, dass auch dieses System noch löchrig genug ist, um immer wieder Unbefugte und Ungeeignete auf die Concoursplätze zu spülen. Für die Ausbildung der Heerscharen von unlizenzierten Reitern hat der Verband aber überhaupt keine Handhabe. Wenn man bedenkt, dass unser Strassenverkehrsgesetz immer noch die über hundertjährige Regel enthält, dass jeder Schulpflichtige auch ein Pferdegespann auf öffentlichen Strassen lenken darf, wird auch der Sicherheitsaspekt augenfällig. Da geht es schon gar nicht mehr um die Qualität des Sports, sondern schlicht um's nackte Überleben, wenn irgend ein reicher Sack ohne die geringste fahrerische Ausbildung sich eine Kutsche und vier Pferde kauft, einspannt und mittags über's Bellevue prescht. Er darf – und solange er keine Fahrturniere bestreitet, hat auch der Verband nichts zu sagen. Bei der Dressur und im Springen mag es etwas weniger dramatisch sein und allenfalls das Tierschutzgesetz verletzen, wenn Unbedarfte drauflospiaffieren und Zwei-Meter-Mauern anreiten wollen, aber bei der Vielseitigkeit wird's bereits wieder gefährlicher. Es ist ja schon etwas merkwürdig, wenn jeder Lizenzierte (heute muss es wenigstens eine Springlizenz sein!) sich im Tempo des gehetzten Affen auf die modernen, mit technischen Schwierigkeiten gespickten Cross-Strecken stürzen darf, ohne auch nur eine einzige Ausbildung über feste Sprünge genossen zu haben. Hier läge es allerdings in den Händen des Verbands, eine Military-Lizenz zu schaffen, die eine entsprechende Ausbildung verlangt. Aber nach dem Motto 'Es isch bis hütt o gange ohni – mer fö nüt Neus a' (kennen wir das Sprüchli nicht schon von irgendwoher?) lässt man der Aare ihren Lauf. Wenn der Verband seine Ausbildungsanforderungen also mangels obrigkeitlicher Befugnisse nicht durchsetzen kann, so bleibt ihm nichts anderes übrig, als Ausbilder und Experten auszubilden, diese zu unterstützen und auf die Piste zu schicken, die Auszubildenden zu motivieren und permanent intensiv zu kommunizieren. Tut er aber nicht – oder nur sehr ineffizient. Seine PR-Abteilung zeichnete sich über Jahre vor allem durch das Einstreichen fetter Gehälter aus, und wenn mal etwas kommuniziert wurde, dann waren es die verlorenen Prozesse gegen sämtliche Doper, Terpentiner, Blisterer und Coci-Teckeli-Bandagierer. Es wäre meines Erachtens eine vornehme Aufgabe der Oberjehudis, einerseits in enger Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen die nötigen gesetzlichen Grundlagen zu schaffen, um dem gröbsten Unfug zu Pferd Einhalt zu gebieten. So wäre es durchaus denkbar, dass auch jeder Freizeitreiter und –fahrer zumindest über ein Reiterbrevet verfügen müsste, um sich überhaupt auf öffentlichen Strassen und Wegen tummeln zu dürfen. Und auf der PR-Ebene könnte der Verband aktiv werden, in den Medien – und zwar nicht nur in den Fachblättern - für Ausbildung werben, Zusammenhänge aufzeigen und Know-how vermitteln. Innerhalb des lizenzierten Sportgeschehens sind Richter und Technische Delegierte für die Einhaltung geforderter Qualitäts-Standards verantwortlich. Nur: wer kontrolliert diese und gibt ihnen Inputs zur Weiterbildung? Auf vielen Plätzen – bis hin zum grössten Event der Welt in Badminton – herrscht das 'Söihäfeli/Söiteckeli' – Prinzip. Crossbauer und OK-Präsident ist eh' derselbe – und der TD ist sein bester Freund, der ihn dann umgekehrt als TD für seine eigene Grossveranstaltung einlädt. Vielerorts ist es auch so, dass sich ein Richter oder Funktionär nur schon deshalb auf sehr leisen Sohlen bewegt, weil er ja nächstes Jahr wieder eingeladen werden will. Auch hier könnten nationale und internationale Verbände Gegensteuer geben, indem prinzipiell Funktionäre mit Kontrollfunktionen durch den Verband bestimmt würden – und nicht durch den Organisator. Aber eben, das bräuchte ja Mut – und das ist nicht gerade die erste Eigenschaft im Anforderungsprofil eines Verbandsfilz-Aspiranten. Ich höre es schon rumoren im althölzigen Gebälk: 'Wir würden ja gerne, aber leider, leider, die Kosten...' Na gut, dann lassen wir doch mal McKinsey oder andere eiskalte Rechner drüber – und ich bin überzeugt, dass die Spürhunde Einsparungsmöglichkeiten in freudenschreiender Höhe ausmachen würden – ganz abgesehen davon, dass eine effiziente PR-Arbeit auch die Sponsoring-Situation dramatisch verbessern könnte. Aber diese Art von Unternehmensberatung fürchten unsere Apparatschiks wie der Teufel das Weihwasser, drum keine Angst: auch wenn der gute alte McKinsey ein Pferd kaufen würde, um sich den Job zu angeln, solche Avancen gingen bestimmt gass-ab.


Tierschutz Ahoi!

 

Anselm steht auf schöne Frauen, was nicht weiter verwunderlich ist und auch gar nicht besonderer Erwähnung bedürfte, wären da nicht maliziöse Umstände zusammengetroffen. Anselm steht nämlich überhaupt nicht auf fanatisch-gewaltbereite Tierschützer der Sorte, die z.B. in England die Fuchsjagd verbieten wollen (worin ich ihn natürlich lautstark und tatkräftig unterstütze!) – was auch nicht weiter erstaunlich ist bei einem so angefressenen Rösseler und nicht hier ausgebreitet werden müsste, läge in diesen beiden Neigungen nicht ein kitzekleines Konfliktpotenzial begraben. Wenn es nämlich Gott (oder der Teufel?) will, dass sich der missliebige Tierschutz-Fanatiker in Gestalt eines seit Kindsbeinen bewunderten, bildschön-kurvenreichen Filmstars manifestiert, dann kriegt Macho-Anselm ein echtes Probelm. Solange dies farbenfroh ausgemalte Theorie beim Bierchen ist, pflegt er bildungsbewusst Goethes Faust zu zitieren: 'Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust'. Nun wollte es aber das trickreiche Schicksal, dass es knallharte (oder - angesichts der faszinierenden Oberweite seines Gegenübers - samtweiche) Realität wurde. Nicht irgendein namenloses Flittchen, nein, eine jedem Kenner Hollywoods (und das sind wir ja fast alle notgedrungen!) bekannte Film-Schönheit stand dem eifrigen Kinogänger Anselmius leibhaftig gegenüber, zum Anfassen – nein, natürlich nicht wirklich zum Anfassen – aber live. Nur war sie – leider, leider – nicht zum Nachspielen heisser Beach-Szenen gekommen, sondern in ihrer Funktion als Aushängeschild der radikalsten US-Tierschutzorganisation. Wer da noch behauptet, unser Herrgott hätte keinen Humor und nur die alten Griechen hätten einen fröhlichen Götterhimmel gehabt, dem fehlt schlicht der Blick für das Schmunzeln des Schicksals. Denn – um Anselm nicht alleine schmoren zu lassen – verpasste es auch der holden Dame eine kleine Lektion: sie verliebte sich – nein, nicht in Anselm wie im Dreigroschen-Roman – in sein wunderschönes Pferd. Sie war fasziniert von dessen Ausstrahlung, dessen Bewegungen und Präsenz, und das hätte eigentlich nicht sein dürfen in einer Vereinigung, die die Überzeugung pflegt, der Mensch hätte die Finger von Pferden zu lassen, dürfe sich schon gar nie auf diese Geschöpfe draufsetzen und sie sich untertan machen. Nun sieht ein struppiges Steppenpferd in Franz Webers australischem Reservat natürlich leicht anders aus als ein für olympische Vielseitigkeit trainierter Vollblüter, und wer sich der Ästhetik eines gut bemuskelten Sportpferdes öffnet, kann sich nicht dem Weg völlig verschliessen, der zu dieser Art von Schönheit führt: Pflege, liebevolle Zuwendung und Arbeit – mit und auf dem Pferd. Wer zusätzlich noch ein Gespür für Ausstrahlung hat – eine vor allem bei Dressurrichtern oft unter technisch-mechanisch-buchhalterischer Fachidiotie begrabene Gabe – erkennt, dass ein gesundes, gut gehaltenes und richtig gearbeitetes Pferd freudvoll auftritt, auftreten will, die Arbeit geniesst, sich gerne präsentiert – genauwo wie ein menschlicher Athlet oder Künstler, wie z.B. ein Filmstar, womit der Kreis sich schlösse. – Verdattert war er also, unser sonst reichlich selbstsichere Anselm und wusste nicht, ob er nun versuchen sollte, mit allem ihm zur Verfügung stehenden Charme die bewunderte Schönheit einzuseifen, seine Tätigkeit als Reiter zu verharmlosen, sich eher als spitzen Sportler denn als Spitzensportler zu verkaufen, oder klar und kämpferisch die Sportreiterei zu vertreten. Er tat weder noch. Er tat etwas für ein Grossmaul höchst Erstaunliches: er hörte zu. So eine Grosstat war es aber auch wieder nicht, weil es nun mal für jeden Macho einfacher ist, einer Schönheit zuzuhören; weil die allfällige Schändung des Ohrs durch die Beglückung des Auges möglicherweise aufgewogen wird. Er liess also die attraktive Dame ihre Position entwickeln – nicht, wie ihr das wieder meint – er liess sie ihre Haltung, ihre Meinung äussern und begründen. Und er nahm sie ernst. Er setzte sich zu ihr hin – und dies erleichterte es ihm, sich in sie hineinzuversetzen. Da sie ihm keine Standpauke hielt, konnte er versuchsweise ihren Standpunkt einnehmen. Standbein ihrer Argumentation war der Standard-Spruch aller Grünen weltein-weltaus: es sei nicht natürlich, sich auf ein Pferd zu setzen. Gott habe diese wundervollen Geschöpfe nicht dazu geschaffen, dass die Menschen sie über Gräben und Wälle hetze, in rasendem Tempo durch den Sand jage, über zwei Meter hohe Mauern drücke, Piaffen-Panik an Ort erzeuge, 160 Kilometer durch die Prärie quäle, dies alles sei Frevel an der Schöpfung! – Eigentlich bestechend, edel, demütig, diese Sichtweise. Nur: was bleibt dem homo sapiens ausser Salat-Essen und sich im päpstlichen Sinne fortpflanzen, wenn er sich auf das Natürliche beschränkt? Hopp nackt in die Wälder zurück und auf die Bäume, erste Lektion: der Unterschied zwischen Vogel- und Johannisbeeren. Das kann's doch wohl auch nicht sein? Ist eine Mozart-Sinfonie natürlich? Kaum, aber doch (fast) unbestritten wertvoll. Und was für ein Wert ist eine (Isabelle)-Werth-Vorführung, ein Pessoa-Parcours oder eine Todd-Tour durch's Terrain? Ist das nicht auch Kunst und damit erlaubte Fort-Entwicklung vom rein Natur-Gegebenen? Die Schöne konnte sich diesen vorsichtigen Gegenfragen Anselms auch nicht ganz entziehen, konterte aber mit dem Argument des qualvollen Wegs zu dieser sogenannten Kunst, der teils brutalen Ausbildungsmethoden und der rücksichtslosen Zweckorientierung. Seit Jahrhunderten werde das Pferd missbraucht: zuerst für Kriege, dann für die Arbeit und heute für den Sport. Das Gespräch wogte hin und her, bis sich die beiden letzlich fanden bei Liebe und Respekt - für die Pferde selbstverständlich. Denn auch wenn sie sich gedanklich näherkamen, näherrücken durfte Anselm nicht! Solange der Umgang mit Pferden von Liebe und Respekt geprägt sei – so die Einigung, ja fast das Communiqué der beiden Exponenten so unterschiedlicher 'Parteien' – werde die konkrete Aktivität mit dem Pferd sekundär, sei es also auch erlaubt, mit den Pferden zu spielen, sie zu reiten, ihnen Kunststücke beizubringen. Sobald aber Eigennutz, Machtstreben, Geldgier, Imponiergehabe des Menschen in den Vordergrund träten, Liebe und Respekt überlagerten oder gar völlig verdrängten, sei dies anzuprangern und zu ahnden, ja laut unserem Hollywood-Star sogar zu verbieten. Soweit die Love-Story, die gar keine war – oder doch: die in ein Liebesbekenntnis zu den Tieren mündete. Und nun – Hand auf's Herz – wenn wir uns selbst und alle rundherum, die da mit und auf den edlen Vierbeinern herumfuhrwerken, auf das Primat von 'Liebe und Respekt' prüfen, wieviele dürften wohl weitermachen? Auflösung im nächsten Heft – oder Auflösung des Hefts, weil es gar nichts mehr zu berichten gäbe? Übrigens, wie stünde es denn mit allen andern menschlichen Tätigkeiten? Gälte da auch das Primat von Liebe und Respekt? Na ja, wenn ich an den Umgang Anselms mit Zollbeamten denke, bleibt da noch einiges zu tun...


Do-Ping-Pong

 

Die britische Reiterwelt ist in höchst unbritischer Aufruhr wegen des Doping-Skandals um eine Vielseitigkeitsreiterin. Wie schon beim Tod Dianas werden Emotionen freigesetzt, die der kontinentale Beobachter den kühl-disziplinierten Insulanern gar nicht zugetraut hätte. Und die Gefühlsausbrüche zeigen Wirkung. Es werden nicht nur verbale Attacken geritten, es wird auch mit Tätlichkeiten gedroht – und die ersten Köpfe sind bereits gerollt. Und das alles wegen einem kitzekleinen bisschen Salicyl-Säure? Die ganze Geschichte bereitet soviel Kopfzerbrechen, dass die Beteiligten bestimmt schon die x-fache Dosis in Form von Aspirin-Tabletten geschluckt haben. Eigentlich ist überhaupt nichts neu an diesem Dopingfall: der Ertappte gibt sich zuerst einmal unwissend und unschuldig. Und wenn dann die zweite Probe auch positiv ist, dann war's ein Fremder, der durch die Maschen des laschen Sicherheitsnetzes drang. Ist auch hier der Gegenbeweis gelungen, war's der Pferdepfleger oder der Team-Veterinär. Und wenn sich dann gar nichts Stichhaltiges mehr findet, wird verzögert und verschleiert – Kernkompetenzen langjähriger Verbandsheiris – bis zu guter Letzt eine Dampf-Walze von Anwalt mit gröbstem Geschütz auffährt und mit grossem Lamento irgendwelche Verfahrensfehler anprangert. Neu – oder zumindest beeindruckend - ist vielleicht die durch den Fall ausgelöste Kettenreaktion: die Briten verlieren aufgrund der Disqualifikation der Veterinärin (!) nicht nur die WM-Medaille, sondern auch die Olympiaqualifikation und die damit verquickten Lotteriegelder. Und da werden eben auch kühle Briten grantig. Ein pikantes Detail noch: die verurteilte Reiterin wurde für einen ganzen ausgewachsenen Monat gesperrt – gerade solange, wie sie nach einem fürchterlichen Sturz in Badminton sowieso nicht reiten konnte – und hat seither bereits wieder um ein Haar den CCI*** von Bramham gewonnen. Vor den Augen ihrer Konkurrenten, die nach wie vor nicht wissen, was sich wirklich genau abgespielt hat, wer dem Pferd wann wieviel Salicylsäure injizierte. Leidtragende sind der Sport, die sauberen Sportler und vor allem die Verbandsmitglieder, mit deren Geldern die ganze Misere berappt wird. Müssen wir für dieses Muster über den Kanal schwimmen? Das kennen wir doch hierzulande bestens. Also wozu die Aufregung? So sind doch die Menschen seit eh und je. Jeder kleine Goof, der beim Schoggi-Klau erwischt wird, zeigt auf seinen Bruder und quäkt:"Ich nöd, er au!" So wird Politik gemacht, so läuft's in der Wirtschaft – wieso denn nicht im Sport? Wieso sollen Sportler plötzlich Verantwortungsbewusstsein zeigen, wo dies doch gar nichts gilt in der modernen Gesellschaft. Wertschätzung wird in unserer "Kultur" in Geld ausgedrückt, und als einziges Surrogat gilt (geldwerte) Leistung und Macht, die in der Regel auch mit Geld korreliert ist. Die Masse bewundert den Mächtigen, den Reichen und den Top-Performer (der genau dank dieser Bewunderung zu Geld und Macht kommt). Oder habt ihr schon je eine Schlagzeile gelesen, die sowas Altmodisches wie Verantwortungsbewusstsein hochjubelt?

Im Sport ist der Druck besonders hoch: alles spricht von Leistungsorientierung, Siege bringen Geld – in gewissen Sportarten gigantische Mengen – Ruhm und Macht. Und auch die Funktionäre stehen unter diesem Druck. Das Erste, was ausgewechselt wird, wenn eine Mannschaft schlecht Fussball spielt, ist der Trainer und der Manager, und im Reitsport noch der Tierarzt. Ist da der Griff zum verbotenen Pülverchen nicht nachvollziehbar? Zumal wir in einer Gesellschaft gross geworden sind, wo uns stimulierende, beruhigende und schmerzstillende Helferchen begleiten von der Wiege bis zur Bahre. Ich sage nur, es sei erklärbar, entschuldbar ist es damit noch lange nicht. Wer etwas Verbotenes tut, sollte dazu stehen – so lernten wir's doch alle in der Sonntagsschule. Aber auch das ist leichter gesagt als getan. In einer Zeit, wo der – nach wie vor - mächtigste Mann der Welt nicht einmal zu seinen sexuellen Abenteuern steht, wo mit Diktatoren und Terroristen gefeilscht und verhandelt wird, sollte der kleine Bürger Grösse zeigen und mutig zu seinen Verfehlungen stehen? Wo sich doch Lügen, Ausreden, Verzögerungs- und Verschleierungs-taktik und geschickte Prozessführung tausendfach bewährt haben. Sollten wir den Hebel nicht viel früher ansetzen, zum Beispiel bei der Erziehung, bei der Vermittlung von Werten und Wertsystemen an unsere Jüngsten? Ich kenne einen Vater, der seine zerknirschte Tochter, die ihm voller Selbstvorwürfe die selbstverschuldete Beule an dessen geliebtem Auto zeigte, sich setzen hiess, in den Keller stieg, um eine Flasche vom Feinsten zu entkorken. Er füllte zwei edle Kristallgläser mit dem köstli-chen Tropfen, stiess mit seiner verdatterten Filia an und sagte: "Willkommen im Club", worauf er ihr in epischer Breite sämtliche Verkehrssünden und Blechschäden aufzählte, die er selbst in seiner langen Autofahrerkarriere schon verschuldet hatte. Chapeau, lieber Ruedi!

 

Und noch ein Letztes. Es gibt in unserem Rechtssystem einen weisen Grundsatz: Im Zweifel für den Angeklagten. Auch wenn alle Indizien gegen einen mutmasslichen Täter sprechen – wie beim legendären 'Mord in Kehrsatz' -, darf er nicht verurteilt werden, solange seine Schuld nicht unzweifelhaft feststeht. Seien wir also vorsichtig mit dem Werfen von Steinen... Gerade im Doping-Bereich gab es schon unwahrscheinliche Wendungen, wie im Fall der verurteilten Traber-Besitzerin, die schliesslich nachweisen konnte, dass die beanstandete Substanz auf ganz natürliche Weise, nämlich über die unüblich naturbelassenen Weiden, ins Blut ihrer Rennpferde gelangte, und die deshalb rehabilitiert werden musste. Nicht, dass ich jetzt annähme, Aspirin wachse auf Naturwiesen (wobei sogar das nicht völlig falsch ist: Salicylsäure findet sich in geringen Mengen im Gras!), aber ich würde mir auch nicht anmassen, ein endgültiges Urteil über den Fall abzugeben. Es ist nicht der erste und bestimmt auch nicht der letzte Dopingfall im Sport. Und deshalb möchte ich Sie einladen, den Blick etwas zu öffnen und vor der eigenen Haustür – oder drinnen! – Verantwortung zu übernehmen, den Mut zu haben, unzeitgemässe Werte zu vermitteln und Grösse zu zeigen - wie der Ruedi.


Schweizers Offenheit

 

Alle jammern über die Verschlossenheit des Schweizers – speziell am ersten August, dem nationalen Gross-Ereignis im Jodel-Käse-Fahnenschwinger-Grossballenberg-Land. Wenn auch behäbigste Bäuerinnen im wahrsten Sinne des Wortes 'zum Hüsli uus' sind, sich herausputzen, um im sonntäglichen Eintrachtskostüm (die Nieder-Tracht ist für werktags) ausser Haus zu gehen, zum Buurezmorge zu rufen und den Worten des grossen Festredners oder des festen Grossredners zu lauschen, sei es nun, dass sie dem Volkstribun Chrocher, dem leutseligen Jogi oder dem Pfotebuzzi Gehör (Gehorsam?) schenken. Und jetzt ist der Satz so lang geraten, dass die, die sich mein zuweilen in episch-bildhafter Breite daherkommendes Gebell noch nicht gewohnt sind, sicher bereits wieder vergessen haben, wovon wir eigentlich ausgingen: vom Gejammer über die mangelnde Offenheit des Schweizers. Fast alle Redner nämlich, die nicht zur 'Die Schweiz den Schweizern, denn nur dann bleibt sie unsere schöne Rütli-Röschti-Richtige-Schweiz'-Partei gehören, jammern in allen Tonlagen – von pessimistreich-schwarzem Bass bis zu falsifikatem Falsett – dass sich die Schweiz doch endlich öffnen müsse. Dabei kenne ich nichts offeneres als die Schweiz: nehmen wir mal das Geld, das ja doch unbestrittenermassen etwas höchst Zentrales ist im Leben des homo sapiens westlicher Prägung. Für geprägte Münzen, Bares bar jeder Herkunftsbescheinigung, Papiergeld aller Paparazzis, Bündeldickes von Diktatoren machte Helvetien doch seit eh und je Arme und Beine auf – Äuglein und Mündchen zu. Einverstanden, wenn's mal da war, zeigte sich Schweizersmann von der senkrechtesten Seite; Gewehr bei Schuh. Zu wie Nagelfluh das Tor zum Tresor – keine Angst, es verdichtet sich nicht zum Gedicht – aber abgedichtet, das ward, wird und wird werden, solange es das Bankgeheimnis gibt, und das ist auch gut so, jawoll. "Wir sind gut gefahren mit dem Grundsatz: 'Offen beim Nehmen, Verschlossen beim Geben', ob es sich nun um Geld, Rechte, Vorteile oder Vergünstigung-en handelt" sagte mir jüngst einer, der es –kraft seines Bundesamtes– wissen muss. Nur bei den Asylanten, dem Käse und den CH-Rössern sei es umgekehrt, da müsse man offenherzig rausgeben und möglichst nichts reinlassen. So einfach ist Politik und Schweizer Wesensart – also weit und breit kein Grund zu Aufregung und Gejammer. Aber auch sonst ist der Schweizer sowas von offen. Fragen Sie mal irgendjemanden irgendwo hierzulande – zum Beispiel am Samstag Morgen beim Posten – nach seinem Befinden. Ich verwette meinen besten tiefstvergrabenen Knochen, er (oder eher sie – ich kläff' auf 'political correctness'!) wird euch innert Kürze sämtliche gehabten, aktuellen und bevorstehenden Wehwehchen offen darlegen, inklusive peinlichst offener Demonstration aller Narben, Wunden und Einstiche. Wobei sich die eingangs behauptete Kürze nur auf die Zeitspanne vom Beginn des Gesprächs – "Grüezi Frä Hagebüechle" – bis zum Ausbruch der Leidensgeschichte bezieht: "We's mir gaht? – Jä gsehnd Sie nöd, ich ha ja da am Hals (Chnüü, Rugge, Buuch, Ohr, Fuess – Gewünschtes bitte anstreichen) wieder en Iigriff gha, also ich säg Ihne...". Was nach "Ich säg Ihne..." folgt, kann gut und gerne Stunden dauern. Aber wenn ihr der – oder dem – also Geplagten wirklich solange zuhört, endet das Gespräch, das zugegeben eher einem Monolog ähnelt, womöglich beim vertrauten 'Du' im Café nebenan oder – Gott sei euch gnädig – bei euch zuhause und ihr gewinnt einen dauerhaften Freund. Im wortwörtlichen Sinne: es dauert und haftet, aber schliesslich reden wir über Offenheit, und daran mangelts nun wirklich nicht. Überwindet die Scheu vor frischen Nähten – wenn man sich dafür näher kommt. Lest den grauslichen Operationsbericht – zugunsten einer operesken Ration richtiger Gunst eines aus dem Grau des Alltags heraustretenden Mitmönschen ((kein Druckfehler)). Amen.

 

Ihr habt genug von Schweizers Offenheit? Nun stellt euch nicht so verschlossen an: Offensein für Offenheit führt oftmals zu Betroffenheit (Fränkische Volksweisheit, in Bayern besser bekannt mit Schlusswort 'Besoffenheit'). Also, darauf heben wir einen, auf die Offenheit des Schweizers, und zwar mit einem oben offenen Glas und einem offenen Wein. Auch das gibt's nämlich hier: offene Schweizer-Weine – und das ist gut so. Man kann sie ganz offen in jede offene Salatsauce giessen oder notfalls mit offenkundig weniger Saurem verschneiden. Und damit hätten wir die Schweizer Weinbauern auch noch sauer gemacht (ist der Tropfen vielleicht deshalb so sauer, weil die oft mit sauren Grinden griesgrämig in ihren verregneten Hängen rumstochern und auf die nächste Kaltfront warten?) – aber Offenheit geht schliesslich über alles hierzulande, oder?


Lebens-Versicherung

 

Ich als irischer Hund musste ja mühsam Deutsch lernen hier in der Schweiz. Wobei schon das wieder falsch ist. Ich musste eigentlich drei Sprachen lernen: Schweizerdeutsch, Deutsch und schweizerisches Hochdeutsch. Wenn ihr jetzt meint, das sei ja keine Sache, so kennt ihr euch nicht aus. Natürlich gibt es auf den ersten Blick gewisse Gemeinsamkeiten – aber genau darin liegt das Unglück. Da werden die selben – oder fast die selben - Wörter benutzt, meinen aber etwas völlig anderes. Einfaches Beispiel: wenn ein Deutscher NEIN sagt, dann meint er auch nein, dann ist das eine ganz klare Absage, eine Negation. Nicht so der Schweizer. Fragt  einmal irgendwo in Helvetien, ob ihr weisses, schwarzes oder sonstiges Geld deponieren dürft. Die Antwort ist höchstwahrscheinlich: "Nänäi, das isch käs Problem!". Mit diesem 'Nänäi' meint der Schweizer aber 'Ja, selbstverständlich'. Genau so verwirrlich ist es mit 'JA'. Fragt einen Eidgenossen, ob ihr irgendwo irgendwas ein-, auf- oder abstellen dürft. Er wird die Stirne runzeln, die Hand zum Kinn führen und brummeln: "Jaa, jaa, das müest men aluege..." Damit meint er nun ziemlich klar 'Nein'. Mit der kleinen Einschränkung: 'ausser vielleicht gegen ein saftiges Entgelt'. Noch schwieriger wird's bei Ausdrücken wie 'Schwein gehabt'. Sagt ein Schweizer das zu einem Deutschen, wird der erstaunt antworten: "Nein, zum Mittagessen hatte ich Huhn (oder Rind oder Lamm)". Der Schweizer versucht dann deutlicher zu werden und fährt weiter: "Ich habe eben saumässig Schwein gehabt, dass ich noch Schwein gehabt habe". Spätestens hier bricht die Konversation ab oder es wird ein Psychiater beigezogen.

 

Dann gibt's aber auch Dinge, die will man in allen drei Sprachen nicht beim Namen nennen. So zum Beispiel die Versicherung für den Todesfall, die logischerweise abgekürzt 'Todesversicherung' heissen müsste, schliesslich kommt sie dann zum Tragen, wenn der Versicherte stirbt. Sie heisst absurderweise 'Lebensversicherung' – wie wenn eine Versicherung das Weiterleben garantieren könnte. Übrigens eine grauenhafte Vorstellung: die Leute würden noch älter, vor allem die Schweizer, die sowieso schon eine Lebenserwartung von 120 haben – und in der Regel hundert Jahre vorher schon zu vergreisen beginnen. Das Wort 'Lebensversicherung' wird durchaus auch richtig gebraucht, z.B. für mich, der ich meinen Anselm auch im Tiefschlaf bewache, sodass ihm niemand nach dem Leben trachten kann. Das klappt allerdings auch nur, wenn ich mich frei bewegen kann. So konnte ich – im Lastwagen eingeschlossen - nicht verhindern, dass ihm auf einem Turnier seine edelsten französischen Sättelchen geklaut wurden. Nicht auszudenken, wie ich diese miesen Fieslinge zerfetzt hätte. Den Italienern gings noch elender: denen wurden nebst allen Sätteln noch die nigelnagelneuen Mass-Stiefelchen sozusagen unter dem Hintern weggeklaut. Schlauerweise hatte die Besitzerin ihre Geldbörse darin versteckt. So ganz ohne Hund geht's eben auch nicht.

 

Wir waren bei der Lebensversicherung: so nennt man in Rösselerkreisen auch ein todsicheres Pferd – schon wieder falsch! – eben nicht ein Pferd, das einen todsicher in den Tod führt, sondern eines, das alles daran setzt, den Todessturz des Piloten zu vermeiden. Das gibt's wirklich. Ein Schweizer Junior, der unterdessen bereits erfolgreich bei den Grösseren mitmischt, hatte zu Anfängerzeiten so eine kluge Wunderstute: er konnte treiben wie ein Wilder, wenn die gute 'Symphony' fand, das Tempo sei eher etwas zu reduzieren, so tat sie dies ganz selbständig. Ebenso, wenn der Kleine am Zügel zerrte und die erfahrene Dame fand, man gehe jetzt besser 'auf gross': mit einem klaren Ruck befreite sie sich vom zupfenden Händchen und zog davon. Solche Pferde sind natürlich keine 'Böcke' – auch das eine speziell helvetische Bezeichnung für diese edlen Vierbeiner – wobei unter Profi-Springreitern dies nicht einmal zwingend abschätzig gemeint sein muss. Solche Rauhbeine können durchaus bewundernd von einem 'richtig guten Bock' sprechen – was der Deutsche missversteht und sich im besten Fall einen Sattelbock vorstellt. Auch wenn man gemeinsam Hindernisse aufbaut und nach 'Böcken mit Löffeln' schreit, sieht man den von Entsetzen geweiteten Augen des deutschen Freundes an, dass er sich einen Ziegenbock mit Hasen-Löffeln vorstellt. Umgekehrt kann sich die Phantasie des Helvetiers bei einem 'Ständer mit Auflagen' verirren. Erstaunen löst nördlich des Rheins auch die Frage aus, ob jemand beim 'Zöpfeln' behilflich sein könnte und dazu 'Kessel, Schwumm und Gümmeli' brauche. Das Unternehmen könnte 'im Eimer' landen, da für helvetische Ohren 'Einflechten' leicht nach Hautkrankheit tönt und uns auch Abhalftern, Auftrensen und Eindecken etwas fremd vorkommt. Spricht man aber nur vom Decken – und meint damit ganz harmlos das Auflegen einer wärmenden Decke auf's Pferd – geht beim deutschen Gegenüber ein Schmunzeln über's Gesicht und er fragt womöglich nach der Decktaxe.

 

Und die Moral von der Geschicht? Freue dich immer, wenn Kommunikation gelingt, auch einfachste. Aber freue dich nicht zu früh. Denn die Regel ist eigentlich das Missverständnis. Du kannst soviele Sprachen lernen, wie du willst – du ergatterst Dir damit keine Lebensversicherung – im Gegenteil. Nicht einmal Mimik und Gestik sind sichere Verständigungsmittel. Darum versteht der Anselm die Japaner und ich die Katzen nicht. Wenn letztere den Schwanz hochstellen und bewegen, sind sie sauer - ich fröhlich. Und wenn der Anselm was Witziges erzählt, zucken erstere nicht mit den Wimpern – und sagen drei Stunden später, sie hätten sich köstlich amüsiert. Da verstehe einer die Welt! Das einzig todsichere (!) internationale Verständigungsmittel sind die bedruckten Scheinchen mit den Zahlen drauf. Wenn du da die richtige Währung mit genügend Nullen auf den Tisch legst, entlockst du sogar dem Willi oder einem Japaner ein Lächeln.


Hundsgemein

 

Ich bin ja auch nicht zimperlich, aber das geht nun eindeutig zu weit. Da hat doch ein erwachsener Hund im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte einfach seinen Menschen sitzenlassen. Ohne Vorwarnung und - laut Pressemitteilung – ohne, dass sich der Mensch etwas hätte zuschulden kommen lassen. Einfach so sitzenlassen, im tiefsten Dschungel. Der Mensch hatte den Berichten zufolge keine Chance, je wieder aus dem weglosen Busch herauszufinden mit seinen bescheidenen Mitteln. Für jeden durchschnittlichen Hund 'peanuts' – für einen Menschen mit seinem desolaten Orientierungssinn, seiner bejammernswerten Nase, seiner Plumpheit im Unterholz und dem geradezu lächerlichen Laufvermögen ein Ding der Unmöglichkeit. Der Hund – es soll sich um eine undefinierbare Strassenmischung handeln - kam nach wenigen Stunden gezielten Laufs munter in Wugadugu an. Der Mensch wurde Wochen später von einer Hundestreife erschnuppert, bereits leicht angefault. Die Spurenanalyse ergab, dass der verzweifelte Mensch über zwei Tage lang sinnlos im Kreis herumgelaufen war bis zur totalen Erschöpfung und dann verdurstete.

 

Nein, man kann ja wirklich viel ins Feld führen gegen die Menschen, aber sowas verdienen sie dann doch nicht. Ich bin ja nicht naiv und weiss, wie viele Hunde nicht wirklich engagierte Menscheler sind und sich Menschen nur so als Status-Symbol oder als Spielzeug halten. Das ist zwar nicht nach meinem Geschmack, aber weiter nicht schlimm. Es gibt ja zugegeben auch Menschen, die für nicht viel mehr zu gebrauchen sind als zum Herzeigen. Die werden dann herausgeputzt mit viel Aufwand – unvergleichlich, was es im Vergleich zu uns Hunden braucht, dass ein Mensch einigermassen ansehnlich wird: nur schon diese scheusslich abgeschabte fell-lose Haut mit all den Rötungen, Pickeln, Mitessern. Da muss mit zentimeterdicken Schichten von Schminke (meist tierischen Ursprungs) und ganzen Masken möglichst viel abgedeckt werden. Dann wird allenthalben mit Schmuck nachgeholfen: heutzutage ist keine Körperstelle der bemitleidenswerten Zweibeiner mehr vor Piercings sicher, kreuz und quer werden Nadeln mit mehr oder weniger edlen Steinen ins Bauchfett, in die Knollennase oder sonstwo in die Haut geschossen, die sich dann meist hässlich rötet.

 

Wenn zu früheren Zeiten einer lallte, war er im tragischeren Fall behindert, im komischeren besoffen. Heute kommt als dritte - dank Polizeistunde und Logopädie bald häufigste - Möglichkeit ein Zungen-Piercing in Frage. Gottlob sind die Menschen – häufiger sind es Menschinnen – an diesen Herzeige-Märkten (vergleichbar dem ländlichen Brauch des Viehmarkts mit der Körung des 'Gemeinde-Munis') mehr oder weniger in Tücher gehüllt, sodass sich der Abdeck- und Schmuck-Aufwand etwas reduziert. Und wie bei den Kaninchen gibt's zum Schluss eine Schönste, die ist dann für ein Jahr die Miss Chlapfbodenalp und repräsentiert die Region, die sie erkor. Damit offenbart sich auch gleich das Wertsystem der Zweibeiner. Ja,ja, ich weiss, eigentlich ein Armutszeugnis, wenn's denen nur auf solch äusserliche Qualitäten ankommt, aber es hat durchaus seine innere Stimmigkeit.

 

Der mächtigste Leitmensch des Planeten ist zur Zeit ein Schönling, für dessen Unterleibsaktivitäten sich die Welt während Monaten mehr interessierte als für seine geistigen Höhenflüge. Und auch im biederen Helvetien wurde neulich ein ähnliches Kasperle-Theater aufgeführt. Der harmloseste und seriöseste aller Politmenschen, der während Jahrzehnten senkrecht und bieder seinem Land diente und in unbescholtensten Familienverhältnissen lebte – und eben gerade darum die Paparazzis nervte, weil er nie eine deftige Schlagzeile hergab – wurde in eine wüste Dirnen-Story reingeschubst. Natürlich alles erstunken und erlogen – aber die hohe Auflage des Revolverblatts liess moralische Einwände verstummen.

 

Zurück zum Sitzenlassen: das ist zu dick. Man kann über die Menschen lachen und motzen, man kann ihnen ans Bein pinkeln und den Böseren auch einmal ins Waderl beissen. Aber Sitzenlassen, Aussetzen – wo bleibt denn da das Mitgefühl für die arme Kreatur? Für mich ist das nicht nur fahrlässig, sondern Absicht und gehört bestraft wie Mord. Vor Gericht gab der Hundetäter, der keine Reue zeigte, an, der Mensch sei ihm einfach lästig gewesen, er hätte den Ferienstreifzug durch den Dschungel Wugadugus ohne dieses plumpe Anhängsel geniessen wollen - und ein Aufenthalt im Menschenheim hätte sein Ferienbudget glatt gesprengt. Er dachte sich, irgendwer würde den winselnden Menschen schon finden, mitnehmen und durchfüttern. Hundsgemein! Todesstrafe, oder? Die weichen Richter liessen Gnade vor Recht ergehen und verknurrten den Verantwortungslosen nur zu einem Resozialisierungspro-gramm. Der Fehlbare muss zuerst eine Woche in Wugadugu und dann drei Wochen in seiner Heimat-Stadt mit einem Riesenplakat auf dem Rücken herumlaufen: 'Ich habe meinen Menschen grundlos ausgesetzt. Ich bin ein Menschenquäler'.

 

Na ja, hoffentlich wirkt's wenigstens etwas abschreckend, die Menschenheime platzen eh' schon aus den Nähten und verschlingen die ganze Hundesteuer. So ein bisschen reduzieren sollte man die Bestände vielleicht doch. Wenn ich nur schon an die Entsorgungsgebühren für all den Mist denke, den diese Zweibeiner produzieren. Da reichen die paar grünen Roby-Man-Containerchen nirgends hin. Irgend so eine deftige Kampagne 'Menschen raus - die Schweiz den Hunden' hälfe der Chrocher mir vielleicht anteigen. Wir könnten ihn zum Dank ja als einzigen Menschen dabehalten, dann würde er endlich Bundesrat! Aber das geht auch wieder nicht, beim Chrocher und seinen Gesellen hiesse es 'die Schweiz den Schweizer Hunden' – und ich würde ausgeschafft. Und dann wärt ihr schön aufgeschmissen. Wer würde dann an meiner Stelle diese weltbewegenden Motzereien rauslassen, wereliwer, hä?


Pfotentrüller für Rhodesien!

 

Der allseits beliebte und bekannte Viel-Reiter Klaus-Heinz Pfotentrüller aus Maulingen startet ab sofort für die nordwestsüdostafrikanische Republik Rhodesien. Über die Verwandtschaft mit seinem Hund – und dank der In-Aussicht-Stellung eines auch für dortige Verhältnisse erklecklichen Steuer-Beitrags - konnte er die Behörden von seiner lupenrein rhodesischen Abkunft überzeugen. Dies ist natürlich ein schwerer Verlust für den Schweizer Reitsport. Womit sollen sich denn all die TK- und Equipechefs, all die Organisatoren und Veranstalter beschäftigen, wenn Klaus-Heinz sie nicht mehr in Trab hält mit Mätzchen wegen Plätzchen, Protesten wegen Resten, Gebrüll wegen Müll und Geschrei wegen Brei? Und wie sollen sich naive Konkurrenten stählen für die Anfechtungen im grossen Sport, wenn sie nicht durch die harte Schule Pfotentrüllers gehen dürfen? An einem seiner letzten Vielseitigkeits-Turniere leistete er sich das Spässchen, der Führenden nach der Dressur und weiteren potentiellen Siegwegschnappern klar zu machen, dass schnelles Reiten über all diese Wurzeln schlichtwegs Tierschänderei sei. Die um ihr einziges Tierchen Besorgte und ihre blauäugigen Kollegen beherzigten die Ratschläge, ritten langsam und verhalfen damit Pfotentrüller, der selbstverständlich volle Pulle ging und drei seiner schon bei Prüfungsbeginn mehr wrackig als crackig daherkommenden Equiden in der Optimalzeit ins Ziel wurgte, zum schönen, tortenträchtigen Sieg.

 

Kein Preis-Couvert zu klein, keine Vereinsprüfung zu unwichtig, als dass der Klaus-Heinz nicht anrückte mit seiner Armada, um bei den Kleinen abräumen zu helfen. Da könnten doch noch so viele Nachwuchsleute etwas lernen. Die grossen Prüfungen überlässt er – grosszügig wie er nun mal ist – den Grossen. Gut, vielleicht tut er dies auch, weil in der schwindelnden Höhe der S- und Dreisterneprüfungen keiner auf seine Schwindel reinfällt? Oder weil das Siegen dort nicht so leicht ist wie am Knülliker Derby oder im B für Anfänger? Oder weil er schlicht die stets käserinden- und portemonnaie-bewehrten Höschen – vielleicht gibt's was einzustecken unterwegs - voll hat angesichts der mockigen Brocken? Was kümmert's, Klaus-Heinz wird uns ohnehin nicht mehr bis ans Ende unserer Tage in Atem halten mit seinem im wahrsten Sinne des Wortes umwerfenden Charme, wird uns keinen Stoff mehr liefern für die unzähligen Grill-Abend-Geschichten. Rhodesien ist weit – er ist dort der einzige Reiter, gleichzeitig der einzige Verbandsfunktionär – kein anderer wird dort 'seinen Sport kaputt machen', kein Konkurrent wird ihn schneiden, er wird selber alles aufstellen, abnehmen, seine eigene Dressur richten, seine Pump-Parcours bewerten und natürlich siegen, siegen, siegen...Wahrscheinlich der einzige Weg für ihn, glücklich zu werden. Zum ersten Mal im Leben wird er die herrliche Einsicht tätigen, dass man für alles selbst verantwortlich ist, was einem widerfährt im Leben, dass es rundherum gar keine Schuldigen gibt.

 

Und wir? Ödeste Langeweile wird einziehen auf den ländlichen Turnierplätzen. Jedesmal wird ein anderer – oder, viel wahrscheinlicher, eine andere gewinnen: eine 'Kleine' bei den Kleinen, eine 'Grosse' bei den Grossen. Die Atmosphäre wird so friedlich und fröhlich im Inland, wie sie es seit geraumer Zeit schon im Ausland ist, wo der Klaus-Heinz nur mehr selten in kleineren Prüfungen anzutreffen war. - Wo bleibt da der Stachel, die motivierende Wut, ihn zu schlagen – im übertragenen Sinne selbstverständlich – und die diabolische Schadenfreude, wenn's mal gelingt? Soll denn Sport überhaupt friedlicher Wettstreit sein? Verhilft nicht erst übersteigerter Ehrgeiz, Konkurrentenhass und blindes Vorwärtsstürmen zu den Parforce-Leistungen, die das schlampig-verfettete, faul und feige im Sofa fletzende TV-Publikum sehen will? Schneller, höher, wilder, aggressiver; Blut muss fliessen, wenn schon der Sex-Appeal auf Sparflamme flackert bei den meist drahtig-kleinbusigen Reiterinnen. Der CCI*** im englischen Blenheim hatte noch nie so viele Zuschauer wie dieses Jahr. Der Zusammenhang mit den vielen Todesfällen in englischen Vielseitigkeitsprüfungen in der laufenden Saison dürfte nicht allzu sehr an den Haaren herbeigezogen sein.

 

Falls ihr je irgendwo an einen Unfall geratet und nicht zu den benötigten Helfern gehören, leistet euch doch den Luxus und schaut nicht auf die Unfallstelle, sondern in die Gesichter der Umstehenden. Selten seht ihr Schau-Lust, Gier, geile Schadenfreude so unverhohlen aus flackernden Augen leuchten, Speichel so hemmungslos fliessen bis zum Lefzen-Triefen. Noch stärker ist dieser Ausdruck höchstens bei Paparazzis und Boulevard-Journalisten, die den Höhepunkt über die Wonne des Augenblicks hinauszögern können. Nach der blutigen Schau kommt das Ausschlachten, das genüssliche Zuweisen der Schuld und selbstverständlich das Beklagen des auflagestärkenden, lustvollen Ereignisses.

 

Unerwarteter Szenenwechsel: plötzlich sehe ich den Ost-Poldi weit ab vom Säntis, wie er für IENA und den Sport ein- und bescheiden zurücktritt. Ich sehe den Willi ohne Couvert, dafür mit der NZZ in der Hand in die Kamera lächeln, den Spiegel-Thomasli im schwarzen Talar dorthin steigen, wo er schon immer hingehörte: auf die Kanzel. Unten sitzen der Piusli, der Jonny, der Blistermann und viele andere reumütige Sünder, tun Busse und spenden die erschundenen Preisgelder! Und da: eine ganze Runde friedlich vereinter Dressurreiter, die über falsch zusammengezählte Punkte lachen. Daneben ein jugendlicher, nüchterner und weder bestechlich noch beschlafbar wirkender Richter im Besitze seiner vollen Seh- und Urteilskraft!

 

Auf dem Festtisch liegt der Pferde-Blick, der plötzlich etwas kostet (dafür ist neu ein ausgebildeter Journalist auf der Lohnliste). Drinnen ein Foto vom Spring-Team ohne den Equipechef (ist er tot, krank oder hatte der Fotograf kein Weitwinkel-Objektiv zur Hand?). Und auf der letzten Seite gibt sich das Billig-Blatt selbst ein 'Unten-durch-Hufeisen' für den fiesen Missbrauch dieses arroganten, oft schlecht recherchierten Machtmittels. Spätestens in dem Moment, wo ich eine Angestellte der SVP-Geschäftsstelle ins Telefon trällern höre: "Klar, probieren wir doch!", wird mir klar, dass ich alles nur geträumt habe – auch Rhodesien.

 

Doch ich sehe viele andere Jack Russells den selben Traum träumen, vom fernen Ridgeback bis zum frohen SVP-Girl. Und deshalb weigere ich mich, aufzuwachen. Denn Träume Vieler können doch auch Visionen Weniger werden? Und Visionen können – wenn man kratzer-bürstig genug ist – bei guter Führung durch Einzelne realisiert werden. Man müsste vielleicht ein bisschen nachhelfen?


Dein Freund und Helfer

 

Was wären wir ohne sie, die sie täglich – stündlich! – wachen über uns rechte Schweizer, auf dass alles mit rechten (nicht etwa mit linken!) Dingen zugehe. Zugegeben, manchmal gehen sie etwas linkisch vor, aber immer im recht redlichen Bemühen, uns zu erlösen von dem Bösen in und um uns. Vor allem in uns. Denn wer von uns – Hand auf's Herz (so vorhanden, ich meine das Herz) – hat nicht schon gefehlt. Wer hat noch nie die grösste Sünde begangen, die man auf eidgenössischem Boden begehen kann: die über das enge Mass des Erlaubten hinausgehende Sondernutzung heilig-helvetischen Bodens! Welch ein Frevel. Bereits das nicht durch klare Kauflust begründbare Stehenbleiben vor Schaufenstern gerät leicht zur kriminellen Handlung, geschweige denn das Sich-Hinsetzen. Wehe dem Strassencafé-Betreiber, der nicht über die nötige Bewilligung verfügt. Noch schlimmer ist es, wenn zwei oder drei zusammen länger als zum Vorbeieilen nötig auf öffentlichem Grund herumschlendern oder stehen: hier könnte sich eine Demonstration, ja, eine Revolution anbahnen – wehret den Anfängen. Die viel alltäglichere, deswegen aber nicht minder inkriminierende Tat ist das unbefugte Abstellen von Blechkarrossen. Und unbefugt ist fast jeder zu jeder Zeit an jeder Ecke Helvetiens. Befugt sind fast nur die Auguren, die mit Blaulicht und bis an die Zähne bewaffnet auf Achse sind und – behufs Aburteilung der Täter bzw. Strafzettelausstellung – ihre schnittigen Karren natürlich auch auf öffentlichem Boden abstellen müssen. Doch das P für Polizei meint immer auch P für Parkieren, schliesslich tun's die dienstbeflissenen Hüter des Gesetzes im Dienste aller.

 

Bereits an der Grenze stehen sie nahtlos und stramm, auf dass kein fremder Fötzel seinen möglicherweise kolorierten Fuss ins gelobte Land setze. Geschärften Auges, Bajonetts und scharf geladenen Gewehrs wehren sie eindringlich den Eindringlingen und trüben Gestalten, damit wir uns ungetrübt unserer Heimat gestalterisch erfreuen können, uns selbstbewusst und begeistert dar- und ausstellen können – so nicht 01, so vielleicht 02, 03 oder irgendwann. So wir uns denn freuen können, denn Freude herrscht – Ogi'schem Auf- und Ausruf zum Trotz – nur selten hierzulande. Am ehesten noch Schadenfreude. Misslingen und Unglück anderer vermag noch dem vergrämtesten Eidgenossen ein Lächeln in die verbitterten Züge zu zaubern. Vielleicht auch noch ein Erfolg der Nati im Spiel der Spiele, aber das kommt leider, leider nur gerade ein- zweimal vor pro Millennium und ist erst noch überschattet von der dunklen Tatsache der Verknüpfung des Erfolgs mit teuer eingekauften Dunkel-Schoggi-Füssen.

 

Auch unseren Beschützern ist die Freude weitgehend abhanden gekommen. Die Genugtuung über einen Fahndungserfolg mag ab und an in sowas wie grimmigen Stolz ausarten. Das Wissen, im Dienst am Vaterland einen vaterlandslosen Gesellen – oder eine Gesellin (merkwürdigerweise pochen auch die fanatischsten Feministinnen bei Kriminellen nie auf den gleichberechtigten Gebrauch der weiblichen Form wie Mörderinnen und Mörder, Räuberinnen und Räuber?) – also: eine Halunkin oder einen Halunken überführt und dingfest gemacht zu haben, ist schon ein gutes Ding, ja Grund für festliche Freude.

 

Aber der graue Alltag unserer Gralshüter ist umwölkt von Widerwärtigkeiten. Schlimmer noch als der rollende ist – wie gesagt – der ruhende Verkehr. Das ruhelose Verfolgen des am verkehrten Orte ruhenden Verkehrs ist Gabe und Aufgabe zugleich. Mit Hingabe und ohne je aufzugeben werden die Parksünder – nicht etwa in Pärken Sündigende, sondern beim Immobilisieren ihrer Mobile Fehlende – aufgespürt und kriegen die Folgen ihres verwerflichen Tuns zu spüren (oder eben ihres Nicht-Tuns wie im Falle des Nicht-Fütterns des Parkingmeters, des Nicht-Einstellens der blauen Scheibe oder des Nicht-Anbringens irgendwelcher Tickets oder Sondergenehmigung-en). Wo und wie kurz die Sünder auch sündigten, der Arm des Gesetzes ist länger als derjenige Arthurs bei Kästner. Die Erfolgsquote ist die höchste der Welt. Kein Wald ist so dunkel, dass ein Dunkelmann die Dunkelziffer erhöhen könnte – die hellen Helebardisten Helvetiens stellen ihn, verhelfen ihm zur Sühne auf Heller und Pfennig.

 

Ja, in diesem Land, da lass Dich ruhig nieder – sofern Du eine Niederlassungsbewilligung hast, und auch dann bitte nur an privatem Ort nach Bezahlung sämtlicher Steuern und Abgaben. Du darfst auch Kredit aufnehmen, überhaupt mit Geld, da sehen wir's etwas weniger eng, das darfst Du auch überall parkieren, soviel und solang Du willst und woher Dir beliebt. Am liebsten viel und über Deinen – ach, wie traurig – gewaltsamen Tod hinaus. Wir legen's an für Dich, auch wenn Du Schoggi-Füsse hast. – Auf den Hund gekommen? Aber nein. Auch Hunde-Parken ist geregelt im Land der unbegrenzten Regulierungsmöglichkeiten. An der Leine, mit dem grünen Säckchen in der Hand, und bitte nicht stehenbleiben, ausser vielleicht im Eigenheim. Auf's Pferd, auf's Pferd, muss die Devise heissen – aber parken bitte im Industriequartier...


Einer ist mehr als genug...

 

Allein mit Anselm – das mag angehen, da komm' ich einigermassen klar. Okay, er ist komisch, wie das bekanntlich alle Menschen mehr oder minder sind. Aber zwei oder noch mehr Menschen auf's Mal – das hält kein Hund aus. Bauer schimpft, Selmine sperrt mich ein, Anselm lässt mich wieder frei, Bauer schimpft und so weiter. Oder: Anselm steht bei der Haustür und lockt "Komm, Mäxchen, Guti-Guti", Selmine schreit beim Auto "Fuss", Mando winkt auf der Wiese mit meinem Lieblings-Ball. In solchen Lagen pflege ich alle drei zu ignorieren – ausser ich hätte schreckliche Lust auf Gutis. Oder auf Ball-Spielen mit Mando, der über tausend Tricks verfügt – ein echter Gegner! Oder mein überentwickeltes Pflichtgefühl rufe mich ans Steuer (Selmine darf man ja nicht unbeaufsichtigt auf die Strasse lassen, die verirrt sich im eigenen Kaff; schlimmer ist da nur Esther, die stundenlang im Kreis herumfährt – beide mit einer zumindest äusserlich recht respektablen Nase: riechen denn die rein gar nichts ausser dem Parfüm einer potentiellen Nebenbuhlerin?). Und einmal krieg' ich von beiden zu Fressen (dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden), das nächste Mal von keinem (dagegen ist sehr viel einzuwenden).

 

Weit schlimmer als mit uns Tieren sind aber mehrere Menschen untereinander. Ein frisch verliebtes Paar ist ja noch knapp erträglich, ausser dass sie ständig rumturteln, anstatt sich um wirklich Wichtiges – wie z.B. um mich – zu kümmern. Aber zwei oder mehr Männer auf's Mal – Schreck lass nach! Da wird das Maul aufgerissen und geprahlt, jeder quatscht von sich und seinen Taten, ohne auch nur für eine Sekunde dem Gegenüber zuzuhören, was den jeweils andern in der Atempause des einen umso mehr beflügelt, sich durch ausufernde Darstellung seiner selbst wenigstens Wahrnehmung, lieber aber bewundernde Anerkennung zu verschaffen.

 

Kein Anlass, keine Tat zu gering, als dass die Männer sich nicht damit brüsteten, ihre überragende Bedeutung für die Welt im Allgemeinen und ihr näheres Umfeld im Speziellen nicht mit Genuss hervorhöben bis zur Hochnotpeinlichkeit. Es gibt auch ungeschriebene Regeln zum Austausch von Eitelkeiten unter Männern. So pflegt man sich unter Publizierenden aller Gattung die Ergüsse gegenseitig zuzusenden. Künstler verschicken hemmungslos auch Programme zu Auftritten, die bereits passé sind. Handwerker laden zur Gewerbeschau, Unternehmen zum Tag der offenen Tür – und bei alledem geht es gar nicht primär um Inhaltliches, um Werbung für Wissenschafts- und Kunstkonsum oder die Erhöhung des Umsatzes, sondern schlicht darum, seiner Umwelt zu signalisieren: 'Seht doch, was für ein toller Hecht ich bin!' Aber es ist – bei aller Lächerlichkeit – zumindest eine naiv-offene, für jeden (ausser dem gerade Prahlenden) leicht durchschaubare Macke und damit schon fast wieder harmlos und verzeihlich. Und da es mehr oder minder alle tun, wird auch regelmässig am anvisierten Ziel vorbeigeschossen, nämlich besser dazustehen als der andere, elitär, besonders, herausragend zu sein. Deshalb dreht sich die Spirale männlicher Übertreibungen und Glorifizierung eigener Bedeutung bis ins Unendliche fort, da hilft weder die Eroberung der Venus noch tausender ihrer Hügel – es wird sich immer einer finden, der eine noch Fernere bestieg oder zumindest anzupeilen sich anschickt.

 

Auch das Brunftgehabe der zweibeinigen Männchen ist ziemlich einfach und eigentlich sympathisch tierisch: sie blasen sich auf, fressen oder trainieren sich Gewicht an – keiner will ein Wicht, alle wollen ge-wichtig sein. Verlieh in früheren Zeiten ein - zugegeben teurer - dicker Bauch Gewicht und Halt im rauhen Wind von Wirtschaft und Politik, sind es heute eher die imponierenden Beulen Body-Gebildeter. Nur die leidige 'Born-in-USA'-Regel wird verhindern, dass Noldi der Terminator nicht termingerecht Präsident der grössten – der einzig verbliebenen - Weltmacht wird. Eigentlich schade: das weibliche Wahlvolk hätte sich bestimmt vertrauensvoll in seine Muskelberge gekuschelt. Aber vielleicht stiehlt ihm ja ein anderer Schauspieler die Schau und erklimmt den Thron im Land der unbegrenzten Oberflächlichkeiten.

 

Zurück zum Paarungstrieb der Zweibeiner: eigentlich sind sie wie wir Hunde, sie wollen grundsätzlich jede begatten und haben erst noch den Vorteil, dass die Weibchen mehr als zweimal läufig sind im Jahr (zumindest bilden sie sich das ein). Bei Alters- oder sonstigen Ermattungserscheinungen hilft, via Gra-tisanzeiger ins Haus geliefert, die segensreiche Chemie. Ganze Weiber-Rudel oder -Herden halten sich allerdings nur begüterte Muftis (darum tragen sie - 'Allzeit Bereit' - nur so am Kopf befestigte, weite Umhänge). Hierzulande findet das Paarungs-Spiel der Adams zwar oft überlappend, aber grundsätzlich zeitlich gestaffelt nacheinander statt. Die bei dieser Dauerläufigkeit zwangsläufig häufigen Konkurrenz-Konflikte werden auch heute noch meist im Wildwest-Stil ausgetragen. So klar wie bei uns eine rechte Rauferei mit dem Stärkeren als Sieger endet, so gewinnt auch bei den Zweibeinern der schneller Schiessende, Stechende oder Hauende. Simpel, geradlinig und erfrischend primitiv .

Ausser, und das ist fast immer der Fall, die Weibchen, um die gekämpft wird, entschieden die Sache auf ihre Weise hinter den Kulissen, die Männchen im Wahn ihres Heroentums weiterdreschen lassend. Wo nämlich zwei oder drei Evas beisammen sind, knistert es von Spannung und Raffinesse. Sie verabscheuen Geschrei und rohe Gewalt. Im zartesten Säuselton tricksen sie sich gegenseitig aus, strategisch weitsichtig angeln sie sich Männer als lebenslänglich Leibeigene, raffiniert lächelnd mixen sie Nebenbuhlerinnen den Todes-Drink, ein sicheres Alibi im Handtäschchen. Sie kennen ihre Pappenheimer, geben sich schwach, damit sich jene stark wähnen, derweil sie mit sicherer Hand die entscheidenden Fäden ziehen.

 

Ihr Paarungsverhalten ist clever, weit- und umsichtig. Nie würden sie aus reiner Gier, niedriger Paarungswut oder auch nur aus kurzlebigem Spass eine Liaison eingehen. Spontaneität ist immer gespielt. Instinktsicher wählen sie den Sicheren, der ihnen kurz-, mittel oder langfristig nützt. Und je nach angestrebter Nutzungsdauer investieren sie sich selbst, vorsichtig, bewusst, immer etwas in Reserve haltend. Wären sie für die langweiligen Männergeschäfte wie Wirtschaft, Politik und Krieg zu gewinnen – der Traum der Patriarchen wäre rasch ausgeträumt. Aber sie können sich nicht zusammenraufen, schon gar nicht für so blöde Bubenspiele.

 

Frauenfreundschaften sind selten – die Achillesferse der Helenas. Lieber intrigieren sie auf höchstem Niveau, sphinxhaft lächelnd unter Schichten von Schminke und falschen Wimpern, über Silikonbrüsten und künstlichen Hüften – alle Männer täuschend, doch keine Frau.

Und so dreht es sich weiter, das Rad des ewigen Kampfs der Geschlechter – untereinander und gegeneinander. Ein Mensch kommt selten allein. Und wenn wir schon bei den Sprichwörtern sind: homo homini lupus (der Mensch ist des Menschen Wolf; sprich: grösster Feind - eigentlich eine arge Verunglimpfung meiner wölfischen Ahnen!). Und: 'Viele Hunde sind des Hasen Tod' – mag sein, sicher gilt: 'Viele Menschen sind des Hundes Not'.


Die Kunst, cool zu sein

 

Ignorieren ist herrlich! Da gibt's doch in unserer Gegend einen blasierten Königspudel mit dem doofen Namen Oskar, der nun wirklich meint, er hätte das Pulver erfunden. Nur weil er in einer grossgekotzten Villa haust und hinten in Herrchens Bentley liegt. Wie wenn das ein Verdienst wäre oder gar von Intelligenz zeugte. In jüngeren Jahren hätte ich ihn in Stücke gerissen, heute lasse ich ihn einfach links liegen. Er existiert gar nicht mehr für mich, Luft ohne Duft, nichts, just nothing. Natürlich sehe ich ihn aus dem Augenwinkel am Bildrand vorbeistolpern, eine Parfumwolke hinter sich her ziehend. Ich will ja schliesslich wissen, wie mein Ignorieren wirkt. Es trifft ihn, da verwett' ich jeden Knochen. Für einen Macho gibt es nichts Schlimmeres, als nicht wahrgenommen zu werden. 'Viel Feind, viel Ehr' heisst's bekanntlich. Aber es braucht Nerven wie Stahlseile, solch einen eitlen Geck nicht auszukläffen, ihm nicht an die Gurgel zu hechten, sondern einfach dem Schicksal seinen Lauf zu lassen. Der läuft ja früher oder später ins Messer. Spätestens, wenn er äusserlich nicht mehr ganz zum Teint des aktuellen Frauchens passt. Und das könnte 'bälder' sein, als Oskarchen lieb ist. Er neigt nämlich jetzt schon zu Fettleibigkeit und Hüftdisplasie. Wen wundert's, bei der dekadent-überzüchteten Rasse, der faulen Rumkutschiererei und den ewigen Fischeiern im Napf. Nein, ich meine, mir ist das ja völlig egal, kratzt mich ja gar nicht, was der olle Oskar wann wie wo. Ist ja eigentlich die Inkarnation der Bedeutungslosigkeit, ein fleischgewordenes Stück Nichts, nicht lohnend, irgendwelches Aufhebens zu machen. Wo er doch überhaupt nichts leistet, nur öd vor sich hindämmert und teuersten Food reinschletzt, sich duschen, frisieren und parfumieren lässt, um dann so wie eine aufgedonnerte Menschin vor sich hinzustinken. Keinen Satz, keine Lebensminute eines vernünftigen, aktiven Klassehundes wert, der Oskar. Wenn ich den nur schon vor dem schmiede-eisernen Tor posieren sehe, kriege ich Hautjucken. Sowas von dämlich. Im Winter hat er sogar Schuhe an, damit seine manikürten Pfötchen nicht etwa kalti-kalti kriegen. Wie gesagt, nicht der Rede wert, vernachlässigbar, just to ignore. Oder könnt ihr euch den Oskar auf der Jagd vorstellen? Der würde sogar bei der Schnecken-Hatz glatt ausgleiten auf der Schleimspur – hähä, glatte Vorstellung, sich am Schneckenhäuschen weh-weh machen und in seiner Plumpheit so lange liegen bleiben, bis die Schnecke erstickte unter seinem Wanst – wahrscheinlich die einzige Möglichkeit für den Tolpatsch, zu einem Jagderfolg zu kommen.

 

Was rege ich mich eigentlich auf? Cool muss man sein, das habe ich bei Selmine gesehen, die ist echt mega-cool. Ob die im Lotto gewinnt oder gerade hört, L.A. sei im Meer ersoffen oder ihr Haus sei abgebrannt – die Reaktion schwankt höchstens zwischen 'Schön - übrigens, wo ist eigentlich mein Ethymologie-Wörterbuch?' und 'Schade - übrigens, wo ist eigentlich mein Synonym-Wörterbuch?' Etwas weniger gelassen ist sie nur in Ernährungsfragen – da kann sie zum Fundi werden. Es gibt fast nichts, was ihr nicht auf den Magen schlägt. Da reicht das Wort 'Eiter' – und Anselm kann sich über ihren Teller hermachen. Wenn ich nur Menschensprache bellen könnte! Aber auch hier gilt die alte Weisheit, das nichts nur gut und nichts nur schlecht ist: dank ihrer hochselektiven Hyper-Empfindlichkeit hat sie eine hinreissend schlanke Figur. Ich wäre ja liebend gerne auch so ober-gelassen-tolerant-über-den-(meisten)-Dingen-schwebend wie Selmine, die über mein oder Anselms Gemotze jeweils nur milde lächelnd den Kopf schüttelt, aber wir zwei sterben garantiert nie an einem Magengeschwür. Wir lassen's nämlich raus, was uns auf dem Magen liegt. Wir kläffen uns aus und schnappen auch mal zu, wenn uns einer die Sicht nimmt, die Ein-Sicht nimmt, dass man die ganze Hundheit lieben sollte. Das könnte noch ein paar Hundeleben dauern bei mir. Vorläufig kann ich Oskars und ähnliche Weicheier in ihrer Après-Bain-Duftwolke nun mal nicht riechen – und habe sie wohl gerade deshalb dauernd vor der Nase. Wenigstens habe ich in Anselm einen Weggefährten. Angesichts eitler, verwöhnter Jammer-Schlammsack-Softies wird er zum erklärten Rekruten-Schinder. Ginge es nach ihm, müssten sämtliche Einwohner dieses Landes – nein, aller Länder! – ungeachtet des Alters, Geschlechts, Bürgerrechts, der Hautfarbe, Rasse oder Religion – in ihrem Wohnland sowas wie eine RS absolvieren. Und lebenslänglich WK's. Auch und gerade die Asylanten. Überhaupt die Familie der –lanten: die Figu-, Gratu-, Speku- und Simu-lanten. Natürlich nicht nur mit Stürmligewehr und sonstigem Bubi-Kriegsspielzeug, sondern irgend an einer Ecke des jeweiligen Landes irgendetwas Sinnvolles tun. Möglichst schweisstreibend. Wasserleitungen bauen im Val Müstair, Lawinenverbauungen im Schächental. Und alle die mit ärztlichem Dispens müssten die körperlich leistungsfähigen Bürogummis und Beamten ersetzen, damit auch die vier Monate lang – mindestens! – Wasserleitungen bauen könnten, schweisstreibend. Und auch die blasiertesten, überschminktesten Rotz-Gören aus Zürich müssten in 20er-Schlägen hausen, oder mal draussen bei Wind und Wetter nächtigen. Gemeinsam frieren in der Nässe, einmal echt hungrig und durstig sein, an die körperliche Leistungsgrenze kommen, aufeinander angewiesen sein, um die einfachsten Probleme des Alltags zu lösen – das verbinde mehr als alle Anstrengungen unseres gleichmässig geheizten Wohlfahrts-Staats, ja vielleicht würden auf diesem Weg sogar echte Frauenfreundschaften möglich, meint Anselm, wenn er sich jeweils in Fahrt redet.

 

Das Problem mit den zu vielen zur Untätigkeit verdammten Alten, die in Heimen vom Morgen- zum Mittag- zum Abendessen dahindämmern, löst er auch gleich im selben Aufwaschen. Alle noch einigermassen Bewegbaren risse er nämlich aus ihren todlangweiligen Vierstern-Todeszellen heraus und liesse sie den Papierkram machen in seinen Total-RS'en, was wiederum hälfe, die faul-käsigen Fouriergehilfen an die frische Luft zu peitschen. Und die Halblahmen und Schwindsüchtigen aus den RS'en und WK's könnten den verbliebenen bettlägerigen Alten den wohlverdienten Total-Service bieten, Zuhören inbegriffen, was gleichzeitig noch ein sinnvoller Beitrag zur Lösung des Generationenkonflikts wäre – ja, Du mein Trost, wenn der Anselm an den Drücker käme!

 

Wobei die Idee eigentlich gar nicht so übel ist mit dem para-chinesischen Zwangs-Landdienst: ich rieche vor meiner inneren Nase schon den Kampfbahn-Schlamm an Oskars weiss-geföntem Haarkleid. Eine unvorstellbar vergnügliche Vorstellung.

 

Aber gnädigerweise fehlt Anselm jegliches politische Talent und die hiesigen Jung-Depro-Schwarz-Grau-Schnuckelis bleiben verschont von seinen rabaukigen Plänen. Vielen Frauen bleibt Freundschaft wohl weiterhin Fremdwort. Die Oldies werden bis zuletzt in ihren pendulebestückten Gefängniszimmern mit beschränktem Servicepersonal zu Tode gepflegt. Die Asylanten lungern auch fortan durch die Gassen und schmieden – ja was sollen sie denn den ganzen Tag tun? – kriminelle Plänchen. Die bleich-wanstigen Büromanen schlurfen bis zur Frühpensionierung durch ihre ungelüfteten Zellen, Abenteuer-Reiseprospekte auf dem farblosen Pult. Und Oskar wird – Gott sei's geklagt - bis an sein weisses Ende an der goldenen Leine durchs Quartier parfümotteln. Einfach ignorieren, cool bleiben...

 


Hoffnung wie Bratenduft

 

Auch ich will die letzten Sonnenstrahlen des ausblutenden Jahrtausends nutzen für ein paar besinnliche Reflexionen. Weg vom schnöden Alltagskram, von den kleinen Konflikten, Wünschen und Nöten helvetischer Laiendarsteller, hin zu den grossen Leitlinien und Entwicklungsprognosen für die Hunde-, Pferd- und Menschheit. Dabei werde ich mich bemühen, nicht zu sehr in fremde Gärtlis zu pinkeln. So überlasse ich sämtliche materiellen und quantitativen Prognosen den dafür hochkompetenten Statistikern, Hochrechnern und Politikern. Angesichts der von minus bis plus 300% pendelnden Fehlerquote sowieso ein Lotterie-Rummelplatz.

 

Nein, ich fühle mich zu Höherem berufen. Ich werde – Achtung, jetzt kommt ein hochtrendiges Fremdwort – nach dem Paradigmawechsel fahnden, der sich doch wohl einzustellen hat, wenn gleich alle vier Zahlen unserer Zeitrechnung auf einen Klick wechseln. (So wie im Auto, wenn der Papi freudig leuchtend auf den Kilometerzähler deutet: "Schaut, jetzt haben wir dann gleich 10'000km drauf, jetzt sind es 9'999, vier mal die Neun, wenn das nicht Glück..." Vor lauter Konzentration auf die tolle Zahlenbank und den faszinierenden 'Klick' kommt plötzlich ein Baum mitten auf die Fahrbahn gerannt, 'Päng' statt 'Klick' und 'Giga-Kick' – Airbag sei Dank leben alle noch. Weitere lustige Beispiele auf Anfrage.)

 

Ich kann mir aber beileibe nicht vorstellen, dass der Herrgott, das Schicksal oder wer auch immer die Stillosigkeit haben wird, die weltweite Erwartungshaltung auf irgendwas Bedeutendes restlos zu enttäuschen. Wobei 'weltweit' bereits eine grossmäulige Übertreibung ist. So liessen sich sämtliche Nicht-Christen und alle pflanzlichen und tierischen Ein- bis Viel-Zeller nie davon überzeugen, die Zeitrechnung ab Christi Geburt neu laufen zu lassen. Für die Mehrheit aller Lebewesen auf unserem schnuckelig-blauen Planeten ist der kommende Jahreswechsel somit völlig banal bzw. nicht einmal ein Jahreswechsel. Denn, dessen erinnere ich mich gut, bei Fanzuns in Tarasp wurde zu jeder unmöglichen Gelegenheit - nur nicht am 1. Jänner - mit einer guten Flasche 'Chlöpf-Moscht' und irgendwelchen alten Schiessgeräten das 'mohammedanische Neujahr' eingeschossen.

 

Und doch – ich kann mir ja nicht meine eigene, weitausholend-visionäre Geste vermiesen – eigentlich ist jeder Zeitpunkt geeignet, innezuhalten und über 'Ist', 'War' und 'Wird' nachzudenken. Auch wenn's nur ein runder Geburtstag der verlotternden Christenheit ist. Wobei sich interessanterweise die materiell-formal-quantitativen Aspekte des Christentums bestens erhalten haben. Zum Beispiel eben die Zeitrechnung, die uns in Bälde den aufregenden Kitzel des Millennium-Bugs beschert, der sich zwar konkret in den meisten Fällen auf die doch recht ebenerdige Besorgnis beschränkt, ob die ältliche Posthalterin, die gewichtige Wirtin im Café von nebenan, die private

PC-Buchhaltung und – vor allem! – die Ersparniskasse vis-à-vis es schaffen werden, gleichzeitig vier Zahlen umzustellen, statt nur eine oder höchstens zwei wie in den letzten neunundneunzig Jahren.

Aber auch die sogenannt christlichen Feste, die immerhin nach wie vor zu den umsatzstärksten Konsum-Orgien des Jahres führen, haben die Zeitläufte überdauert (ich geb's ja zu: auch ich hole meine Dauer-Wurst nur einmal im Jahr kurz vor Weihnachten in der exklusiven Wurst-Boutique - kein Witz, das gibt's!).

 

Auch Kirchen, Klöster und Heilige Schriften gibt's noch: äusserlich ist alles da. Nur der Inhalt ist abhanden gekommen. Die Kirchen und Klöster dienen dem Tourismus, dem Dorfbild und als Mehrzweckhallen-Ersatz in den Gemeinden, die von dieser Segnung der 70er-Jahre verschont blieben. Es wirkt aber auch durchaus image-fördernd und smart für grössere Unternehmungen, wenn sie ihren stress-geplagten Managern ab und an ermöglicht, sich in ehemalige Kartausen zurückzuziehen, um die nächste Übernahme zu planen. Die Chance, dass sie sich dabei nicht übernehmen, und sich deshalb auch nicht gleich wieder übergeben müssen, wo doch Geben allemal seeliger ist denn Nehmen, ist in solch mönchs-geschwängerter Umgebung ungleich grösser. Darauf genehmigen sie dann noch einen und geben einen aus.

 

Und die Heiligen Schriften sind – je nach Alter, Herkunft und Zustand – sowohl für Forscher wie für Antiquitäten-Sammler nach wie vor attraktiv. Wobei die Forscher selbstverständlich nicht etwa altmodisch den Text auf seine Botschaft, seine Bedeutung hin untersuchen, sondern auf die Moleküle des Pergaments. Der Sammler-Trieb hingegen ist eine exquisite Mélange aus Eitelkeit, Besitzerstolz und Geldanlage, verbrämt mit dem edlen Vorhaben, der Nachwelt Wichtiges zu erhalten; oder als Kürzel: Sein durch Haben.

 

Soviel zum 'Ist'. Aus Platzgründen muss ich auf eine ausufernde Schilderung des 'War' verzichten und stürze mich gleich wedelnd auf's 'Wird'. Und da steigt Hoffnung in die Nase wie sonntäglicher Bratenduft. So sicher wie das Pendel der schweren Steh-Uhr von Anselms seeliger Grossmutter umkehrt, wenn es am äussersten Punkt angelangt ist, genau so sicher wird das Pendel vom äussersten Ende der Fixierung auf das Nur-Körperliche wieder wegschwingen in Richtung Geist, weg vom reinen Materialismus zu immateriellen Werten, weg von leeren Formen zu den Inhalten. Und genau so einseitig, wie das jetzige Extrem ist, könnte dereinst das andere Extrem wieder werden. Aber dazwischen kommt das Pendel am Balance-Punkt vorbei, und den gilt es zu geniessen: da ist für eine Weltsekunde alles in Harmonie, im Gleichgewicht – wow!

 

Nur - die grosse Frage ist, ob wir wirklich schon am äussersten Punkt angelangt sind, oder ob's noch ein Jahrhündertchen – so ein Augenzwinkern Gottes - in dieselbe Richtung geht wie bis anhin. Wenn man bedenkt , wieviele Nostradamüsser, Uriellas und wie sie alle heissen, den Weltuntergang prophezeiten, weil sie meinten, so gehe es nun bestimmt nicht mehr weiter, so könnte ich mich ja da auch ein klein wenig im Datum geirrt haben. Aber ich sage euch: ich riech' doch den Braten! Und meine Nase hat mich bislang noch nie im Stich gelassen. Wie auch immer, wenn's nicht in diesem Leben ist, dann halt dereinst als Max XVIII: aber ich werde dabei sein, wenn das Pendel dreht, da verwett' ich den letzten echten Knochen des zwanzigsten Jahrhunderts!

 

Gräbt und grüsst

 

Max von Motzau