Gekläff des notorischen Motzers Max von Motzau zum Gang der
schweizerischen Pferde-, Hunde- und Menschen-Welt.
Aus dem Jagd-Irischen übersetzt
von Christoph Meier.
Vorwarnung
Lieber Vielleicht-Leser
Die Motzerein Maxens, notiert von
dessen 'Menschen' Anselm von Motzau, einem zwischen Miststöcken lebenden
Möchtegern-Landadligen, sind in keiner Weise PC-konform, d.h. in keiner Weise
'Political Correct'. Im Gegenteil. Max tritt mit Bedacht in jedes
bereitstehende Fett-Näpfchen. Manchmal kann man sich sogar des Eindrucks nicht
erwehren, er suche sie rauflustig, ja, stelle sie gar selber auf, um dann mit
Wonne reinzutrampeln. Sensibleren Gemütern und vor allem GemüterINNEN, die
quoten-scharf auf konsequente Verwendung weiblicher und männlicher Formen
achten (wie Mörderinnen und Mörder, Räuberinnen und Räuber etc.), ist deshalb
von der Lektüre dringend abzuraten. Jegliche Haftung, insbesondere für Hautallergien,
Magengeschwüre und psychiatrische Behandlungskosten wird im Voraus und pauschal
abgelehnt. Andererseits könnte ein solches Büchlein gerade jenen, die sich
stetig bemühen, lieb, nett, tolerant, anständig und 'political' korrekt zu sein
und die Aggression in jeder Form zutiefst verabscheuen, als Therapie dienen.
Sollten Sie durch diese ambivalente Aussage in Entscheidungs-Not geraten,
besprechen Sie sich doch zuerst mit Ihrem Partner oder anderen Therapeuten.
Des Weitern ist zu betonen, dass jegliche
Ähnlichkeit der Figuren, Organisationen und Örtlichkeiten dieses Motz-Bändchens
mit real existierenden rein zufällig und vom Autor nicht beabsichtigt ist.
Ausser vielleicht ganz generell und metaphorisch: aus seiner irischen Optik
bellt er uns Schweizer natürlich allesamt unsanft aus den Höhlen.
Der grössere Teil der vorliegenden
Motzereien wurde in der Pferdezeitschrift 'Kavallo' in den zwei letzten Jahren
des Auslauf-Jahrtausends als Kolumne abgedruckt, deshalb auch die lose Folge
von inhaltlich nicht direkt verknüpften Einzelnummern – wie im Zirkus. Aber
auch auf treue Max-Leser warten diverse Leckerbissen: erstens sind alle Texte
rücksichtslos unzensuriert abgedruckt, und zweitens gelangen diverse
'Nummern' hier erstmals an die
Öffentlichkeit.
Nun bleibt mir nur zu hoffen, dass
es Ihnen geht wie mir. Max hat mich schon von Herzen lachen lassen, bis zur
Weissglut geärgert und mir schon in impertinenter Weise den Spiegel vorgehalten
– und wenn die Betroffenheit oder Wut am grössten ist, kommt er wieder in
seiner unnachahmlich munteren Art dahergewedelt und bestellt mich eindringlich
zum nächsten Jagdabenteuer.
Jagdrevier Girsberg, im Dezember
1999 Christoph Meier
Inhaltsverzeichnis
Zuchtziele
Rettung naht: die Drama-Flutschis!
Von Affen, Sauen und Hornochsen
Von Beethoven bis Max
Das Lieblingsspiel
Leben ist lebensgefährlich
Kamel-Dung und Gelassenheit
Agility-Weltcup
Ein Volk von Sehern
Meister des Humors
Schaut, was ich habe
Brautschau
Mein Kampf II
Turbo-Max
W.E.G.-Bereiter
Schattenseiten des Rampenlichts
Eifersucht
Halali
Ein Hoch der Heiligen Vereins-Kuh
Halbgötter-Boten
Weihnachten: Max mag's mal malzig
Entschieden für
die Entscheidung
Ich warte nie
Show-Dancing
Mir fö nüüt Neus aa
Ein- und Ausbildung
Tierschutz Ahoi!
Do-Ping-Pong
Schweizers Offenheit
Lebens-Versicherung
Hundsgemein
Pfotentrüller für Rhodesien
Dein Freund und Helfer
Einer ist mehr als genug
Die Kunst, cool zu sein
Zuchtziele
Der weltweite Jack Russell Zuchtverband hat seine
Zuchtziele für's nächste Jahrtausend formuliert. Es mag euch so wenig erstaunen
wie mich, dass es sich dabei um nichts anderes handelt als um eine detaillierte
Beschreibung des Exterieurs und der Eigenschaften - von mir. Ziel ist ein
ausstrahlungsstarkes, athletisches Modell, mittelgross, mit sicherer Spürnase,
angeborener Jagd-Technik, mutig im Eindringen und konsequent im Ausräumen
gegnerischer Bauten. Dazu gehört heldenhafte Gesinnung, der Wille, Weib und
Welpen vor Widerwärtigkeiten aller Art zu beschützen und die Fähigkeit, miese
Exemplare der Gattung homo sapiens frühzeitig zu riechen und auszuschalten.
Besonders freute mich, dass auch die bei mir stark ausgeprägte Gabe der
Diskretion beim Lenken aller Sorten von Motorfahrzeugen explizit erwähnt wird.
Es wurde als wichtig erkannt, den eh schon in vielem benachteiligten Menschen
die Illusion zu lassen, sie hätten das Steuer in der Hand und damit die Chose
im Griff – wo sie doch regelmässig völlig aufgeschmissen sind ohne uns.
Speziell Selmine mit ihren komischen Nasengläsern gerät jeweils regelrecht in
Aufregung in ihrem fahrenden Pferdestall und wischt alle Scheiben wild
gestikulierend von innen und aussen, bis ich tröstlich-beruhigend den rechten
Aussenspiegel für sie übernehme. Sie pflegt dann zwar immer noch Anselm anzuherrschen,
der mich verzweifelt an sich presst, worauf sie mit verkniffenen Augen – was
auch nicht viel hilft - nach rechts schielt, bis ich mich wieder in die
gewohnte Front-Position begebe, wo ich den totalen Überblick habe. Und man kann
darauf gehen, wenn ich einmal – aus unverständlichen Gründen - nicht dabei bin,
fehlt nachher irgendeine Positionsleuchte oder sie verändert die Skyline
dörflicher Zentren durch unzimperliche Umgestaltung vorspringender
Scheunendächer. – Wie gesagt, solche und andere Serviceleistungen gehören eben
auch zum kundenorientierten Profil des modernen Jack Russell-Terriers.
Was ich fragen wollte: Wie steht's
eigentlich bei euch? Gibt's da auch so etwas wie ein Zuchtziel? Es muss ja
nicht gleich so blond, weisshäutig und blauäugig sein wie beim unseeligen
Rassenhygieniker Schickelgruber, aber die gröbsten Schnitzer könnte man schon
rauszuzüchten versuchen, z.B. Tierquälerei, Macht- und Raffgier, Geiz und die
ewige Niedermetzlerei innerhalb eurer Gattung. Ihr bildet euch weiss was ein
auf eure Mikrochips und Mond-Raketlis – aber so 'Parterriges' kriegt ihr nicht
in den Griff. Wahrscheinlich fehlen euch die Methoden. Bei uns kriegt einer
schlicht keine Fortpflanzungs-Lizenz, wenn er zu weit vom Zuchtziel entfernt
ist. Bei euch scheint das eher umgekehrt zu sein. Das schliesse ich zumindest
messerscharf aus der Tatsache, dass die heute alles dominierenden
McDonald-Fresser (nichts gegen Hamburger, für die hab' ich ein Flair!) vor
nicht allzulanger Zeit aus der Kopulierung abgehauener Krimineller entstand.
Der meistverdienende – und damit in eurem lachhaften Wertsystem automatisch
höchstgeehrte und begehrteste Mann ist ein dummer TV-August, dicht gefolgt von
seinem Autor – beide natürlich aus Cola-Land. Und die bedeutendste Geschichte,
mit der diese Landdieb-Epigonen die Welt während Monaten in Atem hielten,
drehte sich um die alles entscheidende Gretchenfrage, ob und wieweit der Mann
auf dem höchsten Stuhl von selbigem aus welche Zigarre wie weit in welche
Öffnung steckte, und womit, wie lange und wie freiwillig die also Bestückte
oder Gesteckte dem Weltmacht-Topstuhl-Inhaber Gegenrecht lutschte. Probleme
habt ihr...
Dass sich gleichzeitig im
Ketchup-Land der unbegrenzten Möglichkeiten die bescheidene Anzahl von gerade
77 Todesurteilen ex post als ungerechtfertigt erwies und – Gegensätze ziehen
sich an und aus – einer seit 35 Jahren am Freiheit-und-Abenteuer-Glimmstengel
saugenden Dame 51 Millionen (Landeswährung) Schadenersatz zugesprochen wurden,
da sie ja dannzumal, als sie mit der erstaunlicherweise erst heute zum
Lungenkrebslein mutierten Gewohnheit begann, als Minderjährige nicht wissen
konnte, dass das langfristige Inhalieren des Cowboy-Dufts ihrem Körper eine
spezielle Form von Freiheit, nämlich die völlige Befreiung von demselben infolge
Exitus, bescheren könnte – schliesslich stand es damals noch nicht auf der
Packung. Und als es dann von Gesetzes wegen auf jeder Hülle und in jeder
Werbung platziert wurde, war sie schon rettungslos in den Fängen der Sucht oder
vielleicht des Lesens nicht kundig, die Ärmste. Da seht ihr, wohin ihr kommt
ohne Zuchtziel. Mit den 51 Milliönchen wird sich die vom fortschrittlichsten
aller Rechtssysteme geschützte charakterstarke Intelligenz-Bestie noch munter
fortpflanzen können, bevor sie in die ewigen Jagdgründe abberufen wird.
Wer bei uns den Zuchtanforderungen
nicht genügt, darf zwar munter weiterjagen, aber es wird darauf geschaut, dass
er sich nicht noch ins Unermessliche multipliziert. Bei euch kann einer gar
nicht soviele Weiblein vergewaltigen und niederstechen, dass ihr auf die Idee
kämt, ihm die missliebigen Kügelchen abzubinden. Und wer sich durch Killereien
an die Macht hievt, muss nicht etwa damit rechnen, entthront – ja nicht einmal
geächtet zu werden. Im Gegenteil, die Welt hofiert, säuselt, ultima-tümmelt und
verhändelet, quatscht auf allen Kanälen und in allen Blättern bis zum nächsten
Gemetzel – ach, wer hätte denn das gedacht, scheint doch ein ganz böses
Kerlchen zu sein, das gar nicht von alleine dahin-Serbeln will? Gottlob gibt's
das Kino, natürlich auch aus Vorbild-Land, wenigstens dort gewinnen regelmässig
die Guten, und die Liebenden lieben sich. Und dank den Klugen im Land kann man
mit 120 noch so straffe Haut haben wie mit 30. Halleluja!
Nun ja, nicht dass mich eure
zuchtlose Ziellosigkeit allzusehr besorgte – es gibt eh zu viele von euch, und
damit zu wenig Platz für Tiere. Also knallt euch nur fröhlich weiter ab – ich
befürchte nur, dass am Schluss nicht die Richtigen übrigbleiben...
Sauber-Tierland Schweiz
Früher haben die Japaner
Schweizerprodukte imitiert, kopiert, verbessert und billiger auf den Markt
zurück geschmissen. Jetzt sind sie einen Schritt weiter. Die schlauen
Schlitzaugen haben sich tief in die Seele des durchschnittlichen Schweizer
Saubermanns und Beamtenmuffels hineingedacht und dort auf blankpoliertem
Untergrund dessen geheimste Wünsche entdeckt, in Technik umgesetzt und uns nun
wieder beschert in Form des 'Lama-Totschi' - oder wie die kotlosen
Bedürfnis-Eier immer heissen. Ein Aufatmen geht durch die miefigen Amtsstuben:
endlich haben wir das ideale Tier, das sich so herrlich in die schweizerische
Gesetzgebung einfügt, das auf ganz zart-unauffällige Weise den gordischen
Knoten 'Schweizer Landwirtschaft' ein für allemal auflösen wird. Denn all die
'Rama-Flutschis' brunzen nicht, machen weder Fladen noch Bollen noch Bölleli,
keine Blutflecken auf unseren schönen Strassen, durchbeissen weder Kabel an
unseren geliebten Blechkarrossen, quaken nicht in lauen Sommernächten, bimmeln
nicht nachtruhestörend mit Treicheln – sie piepsen höchstens ganz schnuckelig
im Bedürfnisfall. Sie geben auch keine überflüssige Milch, aus der die
al(b)p-traumatischen Butterberge und der uns löchernde Käse hersubventioniert
wird, kein wahnsinniges Fleisch, keine Salmonellen, Lysterien und was der
Hysterien in der Historie mehr waren. Sie verstinken weder unsere Dieselluft,
noch versauen sie unsere Chemie-Abwässer und erfüllen trotzdem die ja
offensichtlich nicht auszurottenden emotionalen Bedürfnisse all der
Häschi-Päschi-Griten und Beschützerkomplex-Daddys: sie wollen gefüttert,
spaziert, schlafen- und trockengelegt werden, alles virtuell und sauber
natürlich, und sie haben – wenn überhaupt – rein aidsfreien Cybersex.
Ach – Japan sei Dank! – so leben
wir also bald in der besten der möglichen Welten? Lasst uns die
'Drama-Futschis' subventionieren, nein, direkt abgeben an alle reaktionären
Tierhalter (mit Annahmepflicht!), lasst uns sie bedürfnisorientiert
perfektionieren, auf dss jedem genau das Geräusch aus dem Kunst-Ei
entgegenquakt, -blökt, -grunzt, -wiehert, das seiner Seele frommt.
Was es bringt? – Ja, seht ihr's
nicht, das gewaltige Sparpotential, in einer Zeit bundeshaushälterischer
Schieflage? Hunderte von Agrarbeamten, die heute noch Formulare erfinden, um
den Bio- und anderen Rest-Farmern das Bauern zu vergällen, werden noch
überflüssiger, als sie es jetzt schon sind. Die astronomischen Direktzahlungen
an unsere bald orange-gewandeten, sich wie ihre Kollegen hauptamtlich auf ihre
Spaten stützenden Landschaftsgärtner könnten auf die vergleichsweise
lächerlichen 'Hamas-Knutschi'-Gestehungskosten reduziert werden. Vielleicht
könnten wir die Dinger – warum hat Hayek die eigentlich nicht erfunden? – gar
in Lizenz herstellen in einem der vielen stillgelegten Rüstungs- oder
Industriebetriebe? Tausende von Paragraphen können dereinst ersatzlos
gestrichen werden. Kluge Bestimmungen wie die, dass Reitbetriebe mit diesen
klappernden 1-PS-Maschinen natürlich zu ihresgleichen in die Industriezone
gehören. Oder die Regel, dass die Beine dieser grauslichen Pferdebiester nur
über einer Jauchegrube abgespritzt werden dürfen. All die weisen Gebote fallen,
mangels Objekten, dahin und mit ihnen die ganze Kaste der sie bislang
ausgetüftelt habenden Apparatschiks. Die Frage, wo diese um den Job Gekommenen
unterkommen sollen, wenn sie nicht umkommen wollen, überlasse ich den
Out-Placement-Unternehmen, die hierzulande zu den wenigen wachsenden Branchen
zählen.
Und all dies Glück dank den
'Schlama-Sprutzis', unter denen es sicher auch virtuelle Superpferdchen gibt,
die auf Knopfdruck springen wie Calvaro, piaffieren wie Ramar, rennen wie
Feliciano und in Bäche stürzen wie Hunter – ohne auch nur ein Luftmolekül zu
verpesten, mit einem kitzekleinen, sicher bald solargespiesenen Batterielein.
Gut, zuerst müssen wir alles, was
da noch kreucht und fleucht auf möglichst elegante Art und Weise loswerden,
eine Übergangs- bzw. Endlösung finden. Sicher lassen sich nicht aus allen
missliebigen Haasen Erzbischöfe im Ausland machen, aber wir könnten doch die
ganze wabernde Brut mit etwas Gift-Test-Hilfe aus der Chemie zartleise
aussterben lassen. Eine saubere und rentable Schweiz sollte uns das wert sein,
oder?
Von Affen, Sauen und Hornochsen
Die Doofen sind immer die andern,
die von Höngg, die Österreicher, die Friesen, die Blondinen oder ‚on the road‘
die Aargauer (wobei, zugegeben, im letzteren Fall...). Aber da ist immer noch
ein Restrisiko dabei, das harmloseste Witzchen geht daneben, wenn sich das
Gegenüber just als Höngger entpuppt – und das Geschäft geht bachab. Um gefahrlos
dem Lieblingsspiel der Projektion schlechter Eigenschaften nach aussen zu
frönen, bedient sich der Mensch hemmungslos der Tiere – die setzen sich nicht
zur Wehr bei sprachlicher Verunglimpfung, und ihre selbsternannte Lobby, die
fanatischen Tierschützer, sind meist mit weniger subtilen Aktivitäten wie
Hasenstall-Aufbrechen beschäftigt. Ihr kennt das Repertoire – und benutzt es
wahrscheinlich frohgemut: von der dummen Kuh (bzw. je nach Kulturkreis dem
dummen Affen oder Kamel) über die dreckige Sau bis zum feigen Hund. Die
Zweibeiner sind sich – wie sonst selten – derart einig in der Zuordnung dieser
zärtlichen Charaktermerkmale, dass es reicht, jemanden als Büffel, Hornochse,
Hai oder Schlange zu bezeichnen, um ihn zu beleidigen. Man muss die dem Tier angeklebte
Eigenschaft nicht einmal nennen, so klar ist es, dass der Büffel ein Rüpel, die
Schlange falsch ist. Ich erspar mir -und euch- den ganzen Grzimek (nimmt mich
wunder, ob die beim Kavallo den richtig schreiben können – die andern
CH-Rössli-Blättli könnten’s garantiert nicht. Na, sonst nehmt den alten Brehm!)
Mir reicht der Hund, um zu zeigen,
wo selbiger begraben ist. „Hündisch“ nennt ihr die Feigen, die A...kriecher,
die Heuchler mit der braunen Zunge! Die Feigheit kam erst mit dem Menschen auf.
Seit Adam und Eva lügt und betrügt er um irgendwelcher Vorteile willen, hofiert
den Mächtigen, streckt die eine Hand entgegen, um mit der andern zu meucheln.
Falsch ist nur der Mensch. Der Hund dagegen ist treu und teamfähig, ein guter
Freund, bereit, alles zu riskieren für seinen Partner. Feige? Dass ich nicht
lache. Ich bin zwar nur 30cm hoch – aber an unsern Stall ran kommt weder
Dobermann noch Dogge. So hoch ist keine Kehle, dass ich sie nicht im Sprung
erreichte!
Ihr Zweibeiner dagegen: was ich da
dauernd an Gekrieche und Geknickse, an Hintenrum und Finkenstrich sehe – so
„hündisch“ ist kein Hund. Es reicht, dass ein vermeintlicher VIP
herumstolziert, irgend so ein aufgeblasener Typ, der meint, aufgrund seiner
Titel, seiner Macht über andere, seines prallen Geldsäckels bedeutender zu sein
als die andern, und schon wird hofiert, gedienert, gekrochen. Man könnte ja in
den Dunst seiner Gunst gelangen...
Oder das Gerangel um die Zuwendung
der Medien-Fritzen. Was sich so ein TV-Journi, ja nur schon ein kleiner
AP-Fotograf, für Schnoddrig- und
Überheblichkeiten leisten kann (dem würd’ ich cool ans Hosenbein pinkeln!) –
und männiglich duckt sich, smilet verquält, reicht dem Würstchen noch
Würstchen...
Oder die Verkäufer – und das seid
ihr ja fast alle – was für ein Anbiedern und Einschmeicheln, welch Balgen um
die rechte Gesässtasche des Käufers.
Oder eure Politiker: Hand-shaking
mit jedem Timbuktesen – wer weiss, wann sie zu Wählern werden – und dieses
ölige Estermann-Lächeln unter wohlgelegtem Haupthaar, diese schleimtropfenden
Worthülsen, weiches Nichts ohne Kanten...
Rösseler dagegen sind mutig, die
wagen Höhenflüge – schön wär’s. Schaut doch euer Dachverbändchen an: der Mut
reicht höchstens für krumme Seilschaften, aber nicht einmal für den Hauch einer
Unterstützung des Avencher Jahrhundert-Projekts.
Da gibt’s ja Schlächter in der
Schwyz, die immerhin schon vor Gericht standen wegen Tierquälerei, sich keinen
Dreck gebessert haben und munter drauflosquälen, nicht mal aus unbeherrschter
Wut, sondern aus reinstem Vergnügen, sichtbar für jeden, der es sehen will –
aber niemand will es sehen. Im Gegenteil, man findet sogar
Unterhosen-Fabrikanten, die ihnen Pferde zur Folter überlassen.
Und der Nationenpreis-Gigolo, der
– mit VerLaub – stockbesoffen in jede Hotelhalle pinkelt – und keiner bringt
das Bubi zurück ins Heim.
Oder der Wurg, der immer wieder
Leute findet, die ihm ein Türchen öffnen, ihm den Rücktritt vom Rücktritt
ermöglichen (bis sie selbst den Tritt in den Rücken kriegen), zurück an Mutti
Helvetias geldtröpfelnden Busen – und schon grabscht er wieder nach
Sonderrechten, Sonderbehandlung und – vor allem – Sonderzahlungen.
Es ist wie im Strafvollzug:
natürlich kann man die ärgsten Gauner aus Resozialisierungsgründen immer wieder
auf freien Fuss setzen und dann „aber, aber, mei, mei“ sagen, wenn sie wieder –
ach, diese alte Gewohnheit – ein Kehlchen durchschnitten haben. Man kann
Feigheit wunderbar mit ‚Mutter-Teresa-Haltung‘ bemänteln – oder tatsächlich an
die Veränderungsfähigkeit Krimineller, an die Wandlung vom Saulus zum Paulus
glauben. Wir Hunde wissen: ein Wolf bleibt ein Wolf bleibt ein Wolf – da helfen
alle Schafspelze nichts. Aber Zweibeiner haben keine Nase, sie lassen sich
blenden von Titeln, Rängen, Mammon. Wir schnuppern – und wissen ein für
allemal, ob einer ein Hundefreund ist. Wenn nicht, wird er angepinkelt,
gebissen oder links liegengelassen. Wir glauben nicht an die Pille, die aus
Sadisten Sunnyboys macht. Glaubt denn wirklich jemand im Ernst, der alte Tümpel
werde noch zum Schnuckiputzer? Da ist im besten Fall auf Altersmilde dank
Arterienverkalkung zu hoffen. Oder die naive Illusion, die missgünstigen
Parterre-Akrobaten würden plötzlich zu einem Team sich liebevoll-wohlwollend
helfender Spätzlis zusammenwachsen? – Das ist so blauäugig wie der Versuch, uns
Jack Russells zu braven ‚Sitz-Platz-Bleib-Schoss-Pudelis‘ zu machen oder – noch
schlimmer - uns das Gekläff abzustellen...
Von Beethoven bis Max
Ich versteh’s wirklich nicht.
Viele Menschen tun alles, damit sie berühmt werden – was auch immer das heissen
mag. Ich glaube, das ist, wenn alle andern auf der Strasse, in den öffentlichen
Toiletten, Restaurants und Läden zu tuscheln oder gar zu kreischen beginnen:
„Schau, die Dings!“ oder „Ist das nicht der Bums?“. Und wenn sie’s dann endlich
geschafft haben – meist unter Opferung von viel Zeit, Geld (eigenem und
fremdem), Ehepartnern (eigenen und fremden) und dem letzten Quentchen Moral (so
je vorhanden) – dann tun sie alles, damit man sie eben doch nicht erkennt im
Pissoir (da hab ich noch Verständnis: wenn sich so ein Blödmann dreht und sagt:
„Sind Sie nicht der Beni vom Fernsehen?“ pinkelt er einem womöglich auf die
Pfoten; das habt ihr davon, dass ihr das so kompliziert macht).
180-Grad-Wendung auf der
Hinterhand, neues Ziel: inkognito! Da werden in tiefster Nacht dunkelste
Sonnenbrillen montiert, alle Sorten Kragen hochgeschlagen, Limousinenfenster
geschwärzt, teure Bodyguards angeheuert, komplizierte Alarmanlagen installiert
und Paparazzis verhauen. Reichlich komisch find‘ ich das.
Klar, bei uns gibt es auch
Berühmtheiten wie Fernsehhund Lassie, Filmhund Beethoven oder natürlich mein
Namensvetter, der Migroshund Max. Aber da ihr Menschen keinen guten Riecher
habt, erkennt ihr auch den ‚Partner mit der kalten Schnauze‘ nicht. Im Gegenteil,
die Kids schreien bei jedem schlappen Bernhardiner „Log Bappi, de Beethoven!“ –
Herr Papa, der den Kinderstreifen natürlich nicht gesehen hat, freut sich über
die hohe Bildung seiner Nachkommenschaft, schaut sich nach einer Büste oder
einem Denkmal um und beginnt etwas von „Seid umschlungen, Millionen...“ zu
quasseln, was die treue Gattin wieder als gestöhnte Raffgier missversteht; dann
pfeift oder dröhnt er gar „Tatata-Taa, Tatata-Taa“, was jeder Banause unschwer
auch schriftlich sofort als Anfang der Fünften erkennt, die Kinder meinen, der
dusselige Papi wolle den Bernhardiner mit diesem Dadada-Gesinge heranlocken und
schreien „Aber doch nicht so, Bappi!“ – dieser wiederum glaubt, er sei in der
falschen Tonart und wundert sich noch mehr über die hohe Musikalität seiner
Goofen...und so endlos weiter mit den Missverständnissen, nur weil ihr nichts
riecht!
Von wegen Riechen: die
Schmierlappen haben es wenigstens begriffen, dass ohne uns Hunde nichts geht.
In der Drogenfahndung sind wir hochgeehrte Mitarbeiter. Auch die Rösser haben
eine weltweite Renaissance als Bullen-Schlepper hinter sich, wie man in diesem
Heft früher bis zur Überdosis aufgetischt kriegte. Wer’s noch nicht ganz
geschnallt hat, ist der Steuervogt. Stellt Euch vor, der würde uns zum
Schnüffeln einsetzen. All die ominösen beleglosen Schwarzhändel würden
auffliegen, da kämen gewaschene und weniger saubere Milliönchen zum Vorschein,
bei ganz Grossen wie dem PS müsste halt eine ganze Jack Russell-Bande
eingesetzt werden: jeder auf eine Spur! Hei, das würde Spass machen, von Mühlen
nach Jordanien, dann über Dubai bis nach Korea und zurück – durch Wolken von
Wohlgerüchen bis zum stinkigen Ziel. Doch lassen wir das, sonst kracht noch der
ganze Handschlag-Pferdehandel zusammen – und mit ihm manch feine
‚Unterstützung‘. Ich glaube auch nicht, dass die vertrockneten Steuer-Heinis
uns managen könnten. Die hätten ja ständig Herzkrisen und allergische
Ausschläge, wenn sie uns nicht wie Bundesordner ins Regal quetschen könnten.
Wir müssten wie Radiergummis und Büroklammern still und wohlgeordnet
griffbereit liegen. Mit verkniffenen Lippen würden sie sich Handschuhe
überziehen, um uns auf die Spur zu setzen. Wir würden schmählich missbraucht,
um diesen Apparatschiks ihre wahrscheinlich einzige Lust zu verschaffen: einen
grossen Fisch an die Angel zu kriegen – und wenigstens ein paar dürre
Zeitungszeilen lang aus dem Algenbrei der uniformen Beamtenmasse
herauszutreten. „Dank den hartnäckigen Nachforschungen des
Gemeindesteuerbeamten X...“ – das ist doch der Stoff, aus dem die Träume der
Bedeutungslosen sind. Nein, da verzicht‘ ich sogar auf den Kamelduft in Dubai.
Ich bin ja eh‘ berühmt genug; schliesslich hörte ich munkeln, ich triebe die
Kavallo-Auflage in die Höhe - na ja, der PS und die Steuerbeamten werden ihn
jetzt eher abbestellen...
Bei uns Hunden ist das ganz
verschieden. Für uns Jack Russells ist die eigentliche Arbeit – also Füchse
jagen – gleichermassen Lieblingsspiel. Dazu gehören überdurchschnittliche
Fähigkeiten im Buddeln von Löchern, im Einsteigen und Durchsuchen von Höhlen
und Bauten, aber auch im Festhalten der Beute (wer es wagt, uns einen Knochen
oder sonst was aus dem Maul zu zerren, kann mit dem letztgenannten Talent
unliebsame Bekanntschaft machen). Dann gibt's natürlich auch dekadentere Hunde
wie die Schäfer, all die 'Kommissar Rexe', 'Partner mit der kalten Schnauze'
und wie sie alle heissen, die sich den Bullen verschrieben haben und am
liebsten geschminkt vor der Kamera herumschnüffeln. Oder die ganz Doofen, die
mit hechelnder Zunge ständig Stecken, Steine, Ballis und was weiss ich für
Herrchen apportieren, na ja, ich weiss nicht.
Bei den Menschen ist das viel
einfacher. Da haben alle das selbe Lieblingsspiel, das sie von früh bis spät
spielen. Es heisst: 'Wer isch gschuld?' und braucht nicht einmal Mitspieler.
Die meisten Menschen spielen es auch allein im stillen Kämmerlein – gegen die
ganze Welt. Da ich von der Hunde-Universität Dublin den Auftrag erhielt,
zuhanden der Hundheit eine umfassende Untersuchung über das merkwürdige
Sozialverhalten der etwas unterentwickelten Tierart 'Homo sapiens sapiens' zu
verfassen, kann ich hier bereits mit ersten, höchst erstaunlichen Erkenntnissen
aufwarten. Untersuchungen haben gezeigt, dass es der 'Homo Helveticus' (eine
Kreuzung zwischen einem alles besser wissenden Lehrer und dem klassischen
Schmierlappen) in diesem 'Wer isch gschuld'-Spiel zu auch international
bestaunter Meisterschaft gebracht hat. Obwohl der geneigte Leser dieses
Gekläffs das Spiel also höchstwahrscheinlich nicht nur kennt, sondern selbst
virtuos spielt, fasse ich die Spielregeln kurz zusammen.
1. Schuld
sind – zwingend – immer die andern.
2. Idealerweise
kann die Schuld einer Gruppe, Partei, Sekte, Nation oder gar Rasse zugeordnet
werden.
3. Schlägt
die Suche nach Schuldigen - in seltenen Fällen – fehl, behilft sich der
Suchende mit der Projektion der Schuld auf entferntere, abstraktere Gebilde wie
Petrus (Wetter!), Ozon-Loch, Schicksal, Gott und Teufel (wobei gerade letzterer
wenn immer möglich personifiziert wird).
4. Es gehört
zu den Paradoxien des Spiels, dass die meisten es nicht als solches erkennen –
deshalb fehlt in der Regel auch die spielerische Leichtigkeit.
5. Einige
durchschauen und missbrauchen das Spiel – bzw. die Unbewusstheit der
Spielermasse – zur Promovierung ihrer (meist politischen) Absichten. Ein
Beispiel wäre das schuldzuweisende Zublochen auf eine politisch missliebige
Partei oder Gruppe von Andersdenkenden.
6. Eine
weitere Merkwürdigkeit des Spiels liegt darin, dass es den ihm innewohnenden
Unterhaltungswert nur den es durch- und ihm zuschauenden Nichtspielern bietet,
wie z.B. uns Hunden.
Beispiel gefällig? Gestern lag ein
knochenartiges Ding im Haus herum, mit dem sich meine Menschin ab und zu wild
durch ihr langes Kopffell fährt, vor allem, wenn es nass ist. Mangels anderer
Betätigungsmöglichkeiten schnappte ich mir das Gebilde, trainierte meine
bleckend-weissen Zähne daran und deponierte es dann ordnungsgemäss im grossen
Sandhaufen bei meinen übrigen Fitnessgeräten. Kaum geschehen fuchtelt meine
Menschin durch die Gegend und sucht – kehlige Laute ausstossend –
offensichtlich nach ihrem Kopfpelz-Knochen, beschuldigt Anselm, den ich noch
nie mit etwas anderem als mit seinen Wurstli-Fingern durch sein kurzes
Kopf-Stoppelfeld fahren sah, und dann auch noch Frieda, die selbst mehrere
solcher Fellstriegel besitzt, um ihre roten Fäden zu ordnen. Von wegen ROT:
drei rote Köpfe, der Abend war gelaufen. Heute früh kommt Anselm mit einer
Grosspackung neuer Spezialpelzpflegeknochen – da wird ja für mich sicher auch
wieder einer abfallen, ich bin ja nicht zu faul, ihn selbst auszupacken – auf
dass das Spiel von neuem beginne...
Harmlos, was? Diente auch nur der
Einstimmung. Kürzlich war ich mit Anselm auf Turnier. Na, ihr wisst ja schon,
wenn da die Rösser endlos über diese farbigen Hölzer hüpfen und wenn eins zu
Boden fällt, sind die Menschen sauer, schimpfen oder hauen die Rösser usw.
Nein, halt, es war noch schlimmer, es hatte überhaupt keine so aufgehängten
Balken. Er hatte da seine komische Kaminfeger-Verkleidung an (Fasnachtszeit?)
und musste in der leeren Halle einfach so sinnlos im Kreis herumdrehen mit
seinem Renner, der viel lieber mit uns am Fluss herumgetollt hätte, und so ein
alter Eierkopf am Rand gab ärgerliche Grunzlaute von sich.
Aber darum geht's gar nicht, ich wollte vom Spiel erzählen, das anschliessend
in der Festwirtschaft auf Hochtouren lief. Die Ross-Menschen schimpften wie die
Rohrspatzen und verteilten die Schuld für alles und jedes grosszügig in alle
Himmelsrichtungen. Ein besonders beliebter Auffangkübel für die Anwürfe – es
ging vor allem darum, dass die Schweizer 'Im-Kreis-herum-Wurger' anscheinend
nicht mehr so erfolgreich sind wie 'in der guten alten Zeit' – waren die
sogenannten Funktionäre, also Leute, die mehr oder weniger tatenlos
herumstehen, von vergangener Glorie zehrend und die wenigstens noch in
Funk-Kontakt mit der geliebten Sportart bleiben wollen (darum FUNK-tionär). Ich
kenne das mehr vom Fussball, ein Spiel, das uns Hunden ein bisschen näher
liegt, weil wir es darin immerhin schon bis zur Zirkusreife brachten. Wenn eine
Mannschaft verliert, wird der Trainer gewechselt, das ist doch völlig klar und
verständlich, schliesslich schiesst er ja die Tore – oder eben nicht. Hilft das
nicht, wird der Manager gefeuert und dann der Präsident ausgewechselt. Nur
etwas wird sicher nicht getan: mehr trainiert. Und genau so folgerichtig wollen
auch die Schweizer Panik-an-Ort-Erzeuger vorgehen. Die wenigen, teils unter
fetten Leibern dahinsiechenden Energien werden für Gekeif und Gezänke
verschwendet. "Setzt jene ab, denn sie sind schuld an der Misere - und
dafür mich ein, und siehe, die olympischen Goldschätze werden männiglich wieder
in den Schoss fallen." Also tönt es ,wenn die Schnecken den Hasen die
Schleimspur vorwerfen.
So kurzsichtig ist kein Hund, wage
ich zu behaupten, nicht mal Odie. Ja, von wegen Garfield: in unserer
Nachbarschaft gibt's neuerdings so ein widerliches, fettes, arrogantes
Katzenbiest, das die ganze Gegend verstänkert und nachts so jämmerlich
herumjault, dass kein anständiger Hundebürger mehr ruhig schlafen kann.
Überhaupt, diese Katzen sind auch schuld, dass wir zu wenig zu jagen haben hier
– also von mir aus könnte man sie samt und sonders des Landes verweisen – oder
noch besser: aus dem Grzimek streichen, jawoll.
Leben ist lebensgefährlich...
Heute regnet's, und da ein
Edel-Jack Russell wie ich lieber bei schönem Wetter Nachbar's neues
Aprikosenbäumchen ausgräbt, finde ich Zeit, meine Studien am 'Homo Helveticus'
fortzusetzen (Sie wissen schon, mein Lehrauftrag von der Hunde-Uni Dublin, die
aus unerfindlichen Gründen dieses bedeutungslose Völklein vor dem Aussterben
noch durchleuchten will).
Ein hochauffälliges Merkmal dieser
Spezies ist die Ängstlichkeit, die teilweise groteske Auswirkungen zeitigt. Allein
schon die Tatsache, dass es Zukunft gibt, treibt ihnen den Angstschweiss auf
die Stirn, und darum versuchen sie mit letzter Verzweiflung, das Unbekannte
auszurotten, indem sie alles und jedes möglichst auf Jahrzehnte hinaus
vorausplanen, abstecken, eingrenzen, buchhalterisch extrapolieren. Indem sie
sich von jeder Reise fernhalten, bei der nur das Ziel, aber nicht jeder Schritt
auf dem Weg vorgegeben ist, heisse das Reisebüro nun UNO, EU oder IENA. Nur
wenn alles versichert, abgesichert und garantiert ist, am liebsten noch das
eigene Todesdatum gemäss durchschnittlicher Lebenserwartung berechnet ist, kann
der 'Homo Helveticus' wieder durchatmen. Visionen, Wandel, überhaupt jede Art
von Unsicherheit sind Gift für dieses engherzige Wesen – und sei es nur beim
Wetter: Schlimm ist für den Eidgenossen nicht, wenn es 'hudlet' und stürmt,
schlimm ist, wenn die Vorhersage nicht eintrifft.
Im Laufe dieses Jahrhunderts
bildete sich in dem kleinräumigen Land – das immerhin die weltweit höchste
Dichte von Gartenzäunen, Alarmanlagen und Securitas-Wächtern aufweist – ein
speziell blutleerer Zweig heraus: die Statistiker. Sie sind in Helvetien das,
was in urwüchsigeren Populationen die Propheten waren und haben wie diese die
Aufgabe, die Angst vor der unbekannten Zukunft zu dämpfen.
Mit erstaunlicher Sicherheit sagen
die heute computer-gestützten Human-Rechner alle möglichen unwichtigen Dinge
voraus, z.B. das Bevölkerungswachstum: sie täuschten sich nur um ein paar
vernachlässigbare Milliönchen; oder die Dauer der Rezession, die Entwicklung
des Immobilienmarktes, der Zinsen, der Arbeitslosigkeit, der Kosten im
Gesundheitswesen etc. Alles Gebiete, wo diese behornbrillten, lebensfremden
Apparatschiks meilenweit daneben schossen. Aber das blinde Vertrauen der
Helvetier in die Unfehlbarkeit dieser linearen Extrapolierer gründet tiefer als
das der Katholiken in den Papst: lieber die Illusion der Sicherheit, als das
Grauen der Unsicherheit.
Auf der positiven Seite ist zu
vermerken, dass das von angstvoller Kontrollmanie geprägte politische System
dieses Landes dazu verhalf, dass seit über hundert Jahren eigentlich nichts
mehr geschieht. Nichts Schreckliches – aber auch nichts Begeisterndes.
Geschichts- und gesichtslos laviert sich das furchtsame Völklein geschickt
durch die Wirren und Fährnisse der Zeiten. Stabilität ist alles – wer zuerst
bewegt, hat verloren. Eine schachmatte Nation, geführt von Vereinskassieren.
Hinter Gittern, Drähten, Infrarot-Fühlern, Betonmauern, Wällen und Bergen
sitzen sie, drücken die Nasen platt an der Glotze und freuen sich über das
Ungemach der Mutigen auf der Welt. Mit schaudernder Schadenfreude beobachten
sie die hohen Wellenbewegungen, das wogende Pulsieren des Vitalen, draussen,
vor den bruchsicheren Doppelpanzerglas-Bullaugen – lebendig begraben in ihrem
still vermodernden Museum.
Sie stürben in Bälde aus, kreuzten
sie nicht ab und zu – mehr unbewusst als gewollt – etwas ausländisches Blut
ein, da ein wenig 'Italianita', dort eine Prise französischer 'Elégance', ein
Häppchen deutschen Fleisses, ein Quentchen österreichischen Schmähs, englischen
Sportgeists und amerikanischer Naivität. Diese punktuellen Blut-Infusionen
zerren den 'Homo Helveticus' immer wieder weg vom Abgrund völliger Apathie und
bewahren ihn vor dem Total-Stillstand mit letalem Ausgang.
Am deutlichsten zeigt sich diese
verheissungsvolle Morgenröte in gewissen Wirtschaftskreisen, wo viele Ganz-
oder Halbausländer in Top-Positionen Weltoffenheit nicht predigen, sondern
praktizieren, wo Wandel-Kompetenz nicht Worthülse, sondern Wirklichkeit ist.
Aber auch in Reitergefilden gibt es Hoffnungsschimmer. Nach dem kleinkarierten,
natürlich föderalistisch begründeten NEIN des erstarrten Verbandes zum
Jahrhundertprojekt Avenches regte sich etwas im Heuhaufen. Es blieb nicht beim
Stammtisch-Gepolter. Eine Stiftung privater Sportmäzene hat zum Beispiel
Konzepte und Bares auf den Tisch gelegt, damit ein rechter Teich gebaut wird,
wo die Military-Fräser baden gehen können.
Aber sogar innerhalb des
verstockten Clubs tut sich etwas. Alle sechs Chefs der technischen Kommissionen
– die Spitzensportverantwortlichen der verschiedenen Disziplinen im Dachverband
– sitzen zusammen, lassen für einmal die Partikularinteressen hintanstehen,
ergreifen die Initiative und lancieren mutige Kooperationsformen, die zu einer
Beteiligung an dem grosszügigen Reiter-Mekka führen können – mit oder ohne den
festgefahrenen, veraltet strukturierten Verbandsmoloch.
Auch für uns Jack Russells eine
rosige Aussicht, dereinst in Avenches Dressurpferde zu erschrecken, Springer in
die Höhe zu kläffen, Volitge-Girls zu unorthodoxen Abgängen zu bewegen, Fahrern
die Hindernis-Kegel zu klauen, die Vet-Gates der Distänzler zu verraten und im
neuen Teich nach Eventern zu tauchen.
Nun werden die AUNS-nahen Kreise
gleich die blütenreinen Schweizerpässe der Belobigten ans Licht zerren, um
meine Theorie zu widerlegen. Keine Sorge, wir gehen einfach eine oder mehrere
Generationen zurück, bis wir die Einkreuzung ausländischen 'Vollbluts'
nachweisen können – wie bei den hochgerühmten CH's : schwedischer als Gauguin
de Lully geht's gar nicht und auch Military-Crack Mimorey ist
französisch-irisch vom Feinsten. Nicht zu vergessen meine 35 in Helvetien
gebürtigen Töchter und Söhne, die tagtäglich zum Leidwesen ihrer Schweizer
Besitzer unter Beweis stellen, wie unberechenbar irisch-eigenwillig sie sind.
Kamel-Dung und Gelassenheit...
Kamele müsste es mehr geben. Wie
stoisch und offensichtlich wenig beeindruckt diese Wüstenschiffe alle Fährnisse
und Unwägbarkeiten, aber auch Applaus und Gejohle über sich ergehen lassen.
Auch Neues und Fremdes wie der Flug nach Zürich, der Auftritt am CSI im
Scheinwerferlicht, der Lärm der dunklen Menschenmassen rundherum – nichts
bringt sie aus der Ruhe. Alles scheint ihnen gleich-gültig zu sein, gleiche
Gültigkeit zu haben. Ohne Gier, aber auch ohne Widerwillen tun sie ihr Tagwerk,
so ungewohnt es auch sein mag. Sie scheinen weder zu urteilen, noch zu
bewerten. Sie nehmen Hitze, Kälte, Hunger, Durst, Arbeit und Ruhe
gleichermassen gelassen hin. – Qualitäten, von denen andere Wesen nur träumen
können.
Und die Menschen, denen wenig so
fehlt wie Gelassenheit, gebrauchen 'Kamel' als Schimpfwort, als Metapher für
'Dummheit'. Da muss ein krasses Missverständnis vorliegen. Wer nicht ständig
entscheidet, urteilt, analysiert, bewertet, messerscharf (und meistens falsch!)
von der Vergangenheit auf die Zukunft schliesst, gilt den Menschen als dumm.
Hoch im Kurs stehen dagegen die Macher und Manager, Technokraten und
Therapiewütige, Beweger und Betrüger, Pharisäer und Fanatiker, Sanierer und
Sieg-Heil-Schreier, Diktatoren und Dickschädel – auch wenn sie unserem Planeten
ausser Chaos, Krieg und Verschmutzung bislang wenig beschert haben.
Gut, der Fortschritt – aber was
ist das denn bei genauerem Hinsehen? Ist eine Reise im Jumbo wirklich ein
grösseres Erlebnis als ein Kamelritt durch die Wüste? Und ist das
'Mehr-Schneller-Weiter-Anstrengunsloser' denn wirklich so erstrebenswert? Ist
der von einem lärmigen Riesentraktor gezogene Vierscharenpflug für den vom
Effizienz-Druck geplagten, Gehörschutz bewehrten Fahrer denn ein Mehr an
Lebensqualität gegenüber dem ehrfürchtig und bewusst mit Ochs und Holzpflug
Mutter Erde aufreissenden, Mantram singenden tibetischen Hochlandbauern?
Oder das im PC-Tele-Aids-Zeitalter
zunehmend grassierende Ersatz-Erlebnis, das Virtuelle, Anstelle-Von, das
Surrogat vom Silikon-Busen über das Tamagochi bis zum Cybersex? Sind das die
Segnungen, die uns berechtigen, verächtlich auf das Kamel-Zeitalter hinunter zu
blicken? – Ich als Jack Russell pfeife jedenfalls auf künstliche Knochen,
Computer-Jagdspiele und virtuelle Paarung im Cyberspace. Ich pfeife auch auf
Flugreisen (man lässt mich ja nicht einmal in mein Ursprungsland – die grüne
Insel! – einreisen, wo ich doch so gerne einmal die Füchse von Punchestown
gejagt hätte...). Ich rege mich schon wieder auf, anstatt – wie die Kamele –
einfach zuzuschauen, was die Menschen alles Komisches tun, ihnen auf die Pfoten
zu gucken und ihre Spiele zu durchschauen.
Eines der Witzigsten ist das
Besitz-Spiel, Vollzeitbeschäftigung für die meisten Menschen, wenn sie nicht
gerade an 'Wer isch gschuld' sind. Auch im Besitz-Spiel hat es mein
Studienobjekt, der Homo Helveticus, zu weltweit anerkannter Perfektion
gebracht. Tausende von Gesetzen, Prozessen und Alltags-Streitereien von der
Wiege bis zur Bahre drehen sich um die Gretchenfrage 'Was gehört wem?'.
Dabei geht es beileibe nicht nur
um nachvollziehbare Besitzansprüche wie Schlafplatz und Futternapf. Nein, die
Helvetier streiten um das Eigentum am Titlis und am Matterhorn! Um karge Berge
ohne Erz drin und Kühe drauf. Dafür ist es beim Streit um den Mond etwas
ruhiger geworden, seit die gute alte Sowjetunion nicht mehr die Rolle des
ausbalancierenden Gegenpols zum amerikanisch-kindlichen Allmachtsanspruch
spielt.
Zum Glück wissen die meisten Tiere
nicht um das Besitzanspruchs-Gerangel, das sich hinter ihrem Rücken abspielt.
Calvaro mampft sein Heu und fliegt weiterhin zeppelin-artig über die farbigen
Brocken, die man ihm in den Weg stellt, ob er nun dem grossen Stumpen-Willi,
dem lieben Herrn Liebherr oder der 'gumfi-schleckenden' Super-Tennis-Maus
gehört. Gehört er nicht sowieso längst allen, die ihn kennen und lieben - oder
alle gehören ihm?
Das Amüsante am Besitz-Spiel ist
nämlich, dass es nur Wirkungen entfaltet, wenn man an die Regeln glaubt und
mitspielt – und dazu lassen sich (zum grossen Ärger der Helvetier) weder Würmer
noch Vögel, Sonnenstrahlen, Jack Russells und Zigeuner überreden.
Auch die Rösser meines Anselmius
scheren sich einen Deut um die Weidezäune, die eigentlich als für jedermann
sichtbare Grenze des Besitztums gedacht sind. Der Chef der Fünferbande sieht
das – als altgedientes Vielseitigkeits-Ross – geradezu als Einladung zum Sprung
an (etwas wenig 'Fuss', wie er mir fachmännisch-kopfschüttelnd verriet), der
jüngste Schlaumeier zieht sämtliche Splinten aus den Scharnieren, öffnet fein
säuberlich das Weidetor – und steckt den Kopf genüsslich in Nachbars herrlichen
Jung-Weizen. Mein Mensch muss dann jedesmal den grimmigen, Schrotflinten
schwingenden Weizen-Besitzer zu beruhigen suchen – meist ohne Erfolg (ob das an
dem roten, entsetzlich sauer riechenden Gesöff liegt, das er ihm flaschenweise
überbringt?).
Tja, die Kamele haben es schon
etwas leichter, in der weiten, nachbar- und zaunlosen Wüste gelassen zu
bleiben. Wetten, nach ein paar Jahren im goldenen Rattenkäfig Helvetien,
geplagt von schiesswütigen Nachbarn, bei jedem Abliegen auf öffentlichem Grund
mit einer Parkbusse bedacht, beim Trinken aus öffentlichen Brunnen mit
Mengenkontingentierung bedroht, Kamel-Dung-Entsorgungs-Formulare ausfüllend und
der Doppelhöckerbesteuerung unterliegend – würde sogar den stoischen Kamelen
die Gelassenheit abhanden kommen. Gottlob durften sie wieder nach Dubai. Ihre
Fladen sind längst entfernt – und Helvetien riecht wieder, wie es immer roch:
nach giftig-frischem Zaunimprägnierungsmittel.
Agility-Worldcup
Sie kennen es bestimmt, dieses nette Spielchen für
fette Stubenhunde, Zeitvertreib für grüne Witwen, deren potente Männchen
irgendwo auf der Welt zwischen Börsen, Büros und Bordellen ihre krummen
Geschäftchen machen, und ihre dekadenten Schoss-Wohnungs-Bett-Hunzis mit
Mäntelchen. – Genug der Häme, immerhin tun sie was Aktives zwischen
gelangweiltem TV-Glotzen und lustlosem Schmatzi-Dogi-Häppchen verdrücken. Sie
wissen schon: so über's werbebeschriftete Plänklein hüpfen, durch's saubere
Zeltschläuchlein schlüpfen und – ach, wie putzig! – Wippchen rauf bis Kippchen,
und wieder Wippchen runter, Mutti ist immer dabei, besorgt, ausser Atem, alles
umrahmt von einem hysterischen Speaker, der mit gekünstelter Emphase versucht,
eine CSI-Zürich-Knockout-Massen-Euphorie zu erzeugen (der alte Adolf hätt's
gekonnt!) – und das ganze Geschrei meist mitten auf dem Concours-Platz, wo das
Spielchen dem müden Ponyreiten, den öden Quadrillen und den ewigen Fahrkorsos
den Rang abzulaufen droht.
Nein, nichts gegen das harmlose, schnuckelige
Diät-Turnen für wohlstands-geplagte Frauchen mit ihren Ersatzbaby-Hunzchen –
aber im Gegensatz zu einer richtigen irisch-englischen Fuchsjagd durch Feld und
Wald, die ganze Meute quer durch den Pfarrhausgarten, über die Friedhofsmauer,
durch Jungholz, Frucht und Saatwiese, über Wälle und Gräben, durch Bäche und
Teiche - einfach dort durch, wo der Fuchs hinsaust – dagegen ist das brave
Buchhalter-Spielchen natürlich Kindergarten. Gut, bei uns wird's natürlich
irgendwann einmal ernst – für den Fuchs, oder, wenn wir irrtümlicherweise in
eine Dachshöhle geraten, für uns. Und man wird schmutzig in diesen Höhlen,
zerkratzt von Dornen und Ästen.
Die Jagd ist wild, natürlich, echt, 1:1 – aber
natürlich weitab von 'political correctness'. Nichts von beschönigenden
Euphemismen: wenn ein Hund im Fuchsloch steckenbleibt, ist er zu fett – und
nicht 'körperumfangmässig herausgefordert'. Wer zu langsam reitet oder vor den
Hecken stehenbleibt, ist ein Schlammsack und verliert den Anschluss – da hat's
keine Touristen-Reitlehrer, die mit sanfter, cash-geölter Stimme säuseln:
"Wollen wir das noch einmal probieren oder lieber einen Durchgang suchen,
Herrr Hotzenköcherle?" – Und es braucht Platz - im geistig und
topographisch engen Helvetien sowieso ein Fremdwort – und eine mitgehende,
begeisterungsfähige Landbevölkerung, die wegen ein paar Hufabdrücken im
Salatbeet nicht gleich das Bundesgericht bemüht.
Da passt natürlich das kleine, abgegrenzte,
eingezäunte, blutleere Mini-Spielchen doch viel besser in die
Schrebergärtchen-Landschaft. Und zur Belohnung gibt's einen Gummiknochen, Mutti
drückt ihr gleich nach der Anstrengung wieder frottiertes und frisiertes Sugar-Hunzi
inniglich an die Silikon-Brust, plaziert den Helden auf's ausgefahrene
Teflon-Hüftgelenk und genehmigt einen gefriergetrockneten Kaffee mit UP-Milch
und Assugrin – Prost!
Aber eigentlich wollte ich ja vom
Weltcup erzählen. Ja, ihr werdet's kaum glauben, es soll einen Weltcup für
Agility geben, gesponsort von einer urschweizerischen Bude, Misuzuki oder so
was. Als wichtigstes und erstes wird ein Büro bestellt – und da man da Leute
mit Erfahrung braucht, wird man wohl wieder meinen Namensvetter, den Max, zum
Oberjehudi machen. Der weiss schliesslich, worauf es ankommt und wird dem
Ganzen auch gleich den richtigen Nimbus geben.
Die konstituierende Sitzung soll
in Kenia stattfinden, das zweite Mal trifft man sich auf der chinesischen
Mauer. Ja, man will gleich von Anfang an den weltumspannenden Approach
demonstrieren und die Agilitiy-Idee auch zu den grossohrigen Elefanten und den
schlitzäugigen Drachen tragen. Schliesslich schmeisst Misuzuki gleich ein paar
Milliönchen ein jährlich – die müssen ja irgendwie in Umlauf gesetzt werden.
Gut die Turnier-Veranstalter müssen ein bisschen was zahlen, wenn sie so ein
kassenfüllendes Event kriegen wollen. Man will ja nicht, dass die vielen
tausend Volontäre, die weltweit traditionsgemäss für eine Bratwurst (bzw. je
nach Kultur für einen Hamburger oder eine Schale Reis) krampfen, plötzlich Geld
riechen und das opferbereite Vereinsklima vergiften...Ich glaube, das wird eine
richtig gute Sache – vor allem, wenn das Ganze noch TV-mässig perfekt weltweit
verbraten wird, damit Misuzuki auch einen Return hat für seine Investitionen.
Mit den TV-Rechten sollte es keine Probleme geben: wenn der FEI-Max dabei ist,
geht sowieso alles schnell...Ja, dank TV, Max und Misuzuki wird Agility
dereinst so populär sein, dass sich Labour in England durchsetzt mit der
Abschaffung der grässlich-aristokratischen Fuchsjagd. Agility kann sich eben
auch der Kleinverdiener leisten, es braucht nur ein kitzekleines Viereckli, und
die Hindernissli haben alle in einem Schöpfli oder einem Anhängerli Platz – und
es ist doch so schön, wenn am Schluss alle dasselbe tun. Ich wird' mal mit Üben
beginnen. Vielleicht stellt mir Anselm ein Wippchen auf?
((Illus))
Ein Volk von Sehern
"Jä das hät müese so
cho" gehört zu den Lieblingssprüchen der Helvetier. Auch Anselm meckert
jeweils sowas, wenn ich mal mit ebenmässig braunem Teint und herrlich frischem
Wildschweinkotduft von einem kleinen Jagdabenteuer zurückkehre. Aber was
soll's, die Menschen haben eben keine Ahnung von Ästhetik, und schon gar keine
von Wohlgerüchen. Will man ihnen Glauben schenken, so muss es sich bei den
Eidgenossen um ein Volk von Sehern und Propheten handeln. Ich habe dem immer
wieder erstaunlichen Völklein auf den Zahn gefühlt und – wen wundert's – bei
dieser Alles-Voraus-Wisserei allerlei Unstimmigkeiten entdeckt.
Merkwürdigerweise kommen diese
Sprüche immer erst 'ex post', also im Nachhinein, und bleiben damit blinde
Behauptungen. Wo bleibt da die Kunst, nach
dem Ereignis zu krakeelen, man hätte es vorausgesehen? Dieses reichlich lächerliche,
leicht durchschaubare Geprahle wird nicht etwa nur in der Festwirtschaft und am
Stammtisch zelebriert, sondern auch in den Medien, ja sogar in (pseudo-)
wissenschaftlichen Büchern.
Börsenheinis, Polit- und
Öko-Fritzen, aber auch publicity-geile Astrologinnen analysieren im Nachhinein
der Welten Lauf und beweisen stringent, dass sie alles ganz klar vorausgesehen
hätten.
Komisch, dass sich niemand
wundert, weshalb die teuren Einsichten nicht vor dem Ereignis publik gemacht
wurden? Vielleicht hätte ja das Schlimmste abgewendet werden können?
Im Reiterstübli und an der
Cüpli-Bar klingen die fachkompetenten Hinterher-Voraussagen besonders
engagiert, wenn ewas schief lief. Man sah es kommen, dass es den Ramärli
verklöpft, bei all dem privaten Druck. Genauso zielsicher hat man aber auch
seinen Schweizermeister-Titel vorausgesehen, weil – wer denn sonst?
Dass Calvaro in der Driefachen
patzerte, wusste man seit Wochen "der ist doch platt und ausgeleiert, bei
all dem, was der schon musste...". Gewinnt er den nächsten CSI, sah man's
auch voraus "mit seiner Erfahrung – und überhaupt, ist ja keine Kunst, mit
dem Überflieger...". Vom Börsen-Crash über den Fall der Mauer bis zum
Ableben der Lady 'D' – alles wussten unsere Helden zuvor, behielten es aber
diskret für sich bis 'après coup'.
Wir Hunde sind neugierig,
schnuppern, buddeln und jagen, immer auf der Suche nach Abenteuern. Wir lassen
uns überraschen von den Ereignissen, freuen uns auf Unerwartetes – ein
Vergnügen, das unseren Möchtegern-Vorauswissern völlig entgeht. Liegt's etwa
daran, dass wir selbstsicher genug sind, um auch mit Nicht-Berechenbarem, mit
Unsicherheiten leben zu können, ja dies gerade als das Salz des Lebens, als
echte Herausforderung betrachten? Dass wir gar nicht alles vorauswissen möchten
– im Gegenteil! Wie fad, öd, aber auch schrecklich wäre so ein Leben, wo den
Akteuren tatsächlich alles und jedes wie ein Fliessband-Programm zum voraus
bekannt wäre. Wo läge da noch Spannung, Abenteuer, Hoffnung und Lebensfreude?
Aber die Helvetier sind ein
speziell unsicheres Häuflein. Die haben Mühe, mit den Unwägbarkeiten des
Schicksals umzugehen. Alles muss möglichst geplant, geordnet, nach allen Seiten
abgesichert verlaufen. Lieber sicher und langweilig, als überraschend und
abenteuerlich. Und noch viel mehr Mühe bekunden sie mit dem Eingeständnis, dass
sich das Leben ständig dieser Planung und Absicherung entzieht. So kommt es zum
Selbstbetrug, zum Sich-Einlullen in die Gewissheit, dass man ja alles immer
schon wusste.
Wer jetzt allerdings glaubt, der
Helvetier bleibe von Schicksalsschlägen verschont, täuscht sich gewaltig. Er
kann nur schlechter damit umgehen als andere Wesen, weil er verzweifelt die
Illusion aufrechtzuerhalten versucht, dass ihn nichts überrasche. Dass er dabei
eines der schönsten Geschenke des Lebens verlustig geht, des Staunens,
Sich-Wunderns, scheint ihn wenig zu kümmern. So bleibt ein nach aussen
überheblich-besserwisserisches, nach innen ängstlich-unsicheres Wesen, weder
begeisterungsfähig noch demütig, mehr tot als lebendig. Dass mit dieser
Mentalität auch nichts gewagt wird, weder in der Politik, noch in der
Wirtschaft, noch im Sport, verwundert nicht. Die ganze Energie dieser
Alpensöhne geht in die Abschottung vom Lebensfluss, in das verzweifelte
Festklammern am Bestehenden, bisher Ergatterten.
Herrliches Beispiel für diese
Haltung geben die schweizerischen Vereine und Verbände. Alles Neue,
Zukunftsweisende, Mutige ist verdächtig. "Mer si guet gfahre die letschte
hundert Jahr ohni das" ist das wahrscheinlich häufigste Argument im
'Rössli', 'Sternen' oder in der 'Krone', um ein innovatives Projekt
abzuschmettern. Das Geld – in Helvetien an sich reichlich vorhanden – bleibt
meist in der behäbigen, wenig effizienten Administration stecken.
Wird – auf priviate Initiative –
doch einmal etwas gewagt, äugen die Stockfische, die bewegungslosen
Mikado-Spieler, die ewig winterschlafenden Kröten, die feist auf dem Errafften
hockenden Gnome, die stiernackigen Glöckner und ausgemergelten Geizhälse, die
engstirnigen Schrebergärtner und kleinkarierten Fremdenhasser. Sie blinzeln und
warten begierig auf Anzeichen des Misslingens aller mutigen Vorhaben. Und wehe,
ein Unternehmen kommt zu Fall, dann öffnen sich die Butt-Mäuler, dann haben
sie's immer schon gewusst, dann wird genüsslich kommentiert.
Vielleicht das einzige wahre
Amusement dieser Hinterwäldler. Jeder Chips fressende TV-Glotzer hätte dann
besser Fussball gespielt, kluger 'gemanaged' und stärker geritten als all die
bespuckten Gladiatoren. Und gelingt etwas, wird die Leistung herbgemindert und
mit düsteren Prophezeiungen das baldige Ende des Erfolgs heraufbeschworen. Es
kann und darf nicht sein, dass sich Einzelne aus der grauen Masse herausheben –
und wenn, dann sollen sie teuer dafür bezahlen. Nivellierung à tout prix ist der
geheime Wunsch dahinter. Es soll keinem besser gehen, mehr gelingen als der
boulevardesken Mehrheit. Individualistische Farbtupfer sind den Grauen ein
Grauen.
Doch keine Bange. Das Schicksal
lässt sich immer wieder etwas einfallen, um die Verstockten aus ihrer satten
Lethargie herauszuschütteln, sie zurück in den mit Untiefen durchsetzten Strom
des Lebens zu werfen. Krankheiten, Unfälle, Katastrophen, Rezessionen und
politische Wirrnisse sind beliebte Hilfsmittel, um die illusionäre Sicherheit
wieder in abenteuerliche Unsicherheit zu verwandeln.
Sorry, ich rieche einen Elch (was,
mitten in Helvetien?) – ich muss auf die Jagd!
Meister des Humors
Es gibt nichts Gesünderes als ein
bisschen Entrüstung. Das regt den Kreislauf an, aktiviert irgendwelche Hormone,
Drüsen und führt zu den begehrten Adrenalin-Schüben. Zu diesem Glück der
Entrüstung habe ich mit meinem vorletzten Gemotze einer sicherlich sonst netten
Dame verholfen, die mich in geharnischten Worten wissen liess, dass mein
"konfuses Geschreibsel" über den Agility-Worldcup
erläuterungsbedürftig sei. Da ich sowieso drauf und dran war, die Mühe des Homo
sapiens sapiens mit dem Humor auf die Rolle zu schieben, passt mir das
aufgebrachte Leserbrieflein wunderbar in mein 'Motz-Programm'.
Wer schon einmal versucht hat,
einer ostentativ und in kürzesten Abständen auf die Uhr glarenden, genervten
Person einen Witz zu erklären, ahnt, wie schwierig das Unterfangen ist.
Vergleichbar dem hoffnungslosen Versuch, einem unmusikalischen Zöllner Mozart
näher zu bringen. Man braucht ja nicht gleich das absolute Musikgehör zu haben,
um etwas von der Tiefe und Faszination echter Musik mitzukriegen - aber einer
minimen Bereitschaft, zuzuhören, sich auf Klangwelten einzulassen, bedarf es
schon. Sogar einem Gehörlosen kann man über die Vibration von
Schlaginstrumenten einen beschränkten Eindruck von Musik vermitteln, ja
vielleicht auch über rationale Erkenntnishilfen: wenn ein Chor, ein Orchester,
eine Band so und so zusammengesetzt ist, die Musiker in dieser oder jener Art
gekleidet sind und sich so oder so bewegen, wenn das Ganze in diesem oder jenem
Raum stattfindet, so lassen sich Schlüsse ziehen auf die Art der gespielten
Musik.
Natürlich ersetzt dies nie das
sinnliche und emotionale Erlebnis von Musik. Die Beispiele zeigen nur, dass
auch bei schlechtesten Voraussetzungen der totalen Verständnislosigkeit etwas
entgegengesetzt werden kann.
Ganz ähnlich verhält es sich mit
dem Humor. Sicher bringen die Menschen unterschiedlich viel Talent und Neigung
für Humor mit – so wie sie unterschiedlich musikalisch sind. Aber ein recht
grosser Teil dessen, was Humor ausmacht, ist lern- und verstehbar. Die
wichtigste Voraussetzung für echten Humor ist die Selbstironie. Über sich
selbst, sein So-Sein, seine Taten, Untaten und Tatenlosigkeit lachen zu können
– das ist der eigentliche Schlüssel zum Humor, bedingt aber eine gehörige
Portion individueller Reife und Grösse:
Umgekehrt ist damit Selbstironie
immer auch ein gutes Beurteilungskriterium für Grösse: Wenn einer der weltbesten
Reiter wie Mark Todd in Interviews und Büchern haufenweise Geschichten erzählt,
in denen er eben gerade nicht der grosse Held ist, wo er in peinlichen
Situationen vom Pferd fällt und alles lacht über ihn, dann zeugt dies von
Grösse, von Über-der-Sache-Stehen. Wer fähig ist, sich selbst wie von aussen
schmunzelnd zu beobachten, hat die entscheidende Distanz gefunden.
Viele können nur über andere
lachen – meistens schadenfreudig – nehmen sich selbst aber todernst. Hier
scheiden sich Spreu und Weizen, hier verläuft die Grenze zwischen dreckigem
Grölen und echtem Humor. Übertreibungen, Zerrbilder, Persiflagen dienen
letztlich der Selbsterkenntnis. Warum hat der fette Garfield weltweit so
enormen Erfolg? – Weil sich die Leser irgendwo in dem Zerrspiegel erkennen,
weil sie – bewusst oder unbewusst – spüren, dass in jedem von uns auch eine
Prise von dem Garfieldschen, fett-faul-zynischen Egoismus schlummert. Oder auch
nicht. Wahrscheinlich erkennen die meisten in Garfield nur den verhassten
Nachbarn, den Chef – oder schlimmer: den Partner. Es ist eben ungemein viel
leichter, auf andere zu zeigen, die Wesen der näheren oder ferneren Umgebung zu
verhöhnen, als sich der harten Tatsache zu stellen, dass alles, restlos alles,
was uns 'draussen' aufregt, auch in uns steckt. Vielleicht schlummernd,
unbewusst, verdrängt, aber mit Bestimmtheit vorhanden. Na ja, reichlich
humorlos, diese hundephilosophische Abhandlung über Humor. Aber ohne diese
Grundlagen kommen wir nie an den Kern des Humors ran. Das echte Schmunzeln basiert
auf der vergnüglichen Beobachtung der eigenen Mangelhaftigkeit – und auf der
kopfschüttelnden Bewunderung für das Schicksal, das unser Leben immer wieder
mit genau den Akteuren, dem Bühnenbild möbliert, das zu unserem
momentanen Entwicklungsstand passt und uns in die Rolle desjenigen
Stücks hineingeraten lässt, die für unseren Lernprozess gerade akut richtig und
wichtig ist.
Wenn wir Jack Russell nicht über
unsere Schwererziehbarkeit, unseren überbordenden Jagdtrieb und den
megalomanischen Grössenwahn, der uns jede Dogge angreifen lässt, lachen können,
dürfen wir uns auch nicht über unseren in Helvetien so deutlich sichtbaren
Schatten, nämlich bieder-angepasstes Normverhalten, lustig machen. Bei jedem
Buchhalter-Witz wissen wir insgeheim, dass uns ein kitzekleinwenig mehr
Disziplin, Seriosität und Sitzleder wohl anstünden.
Wir können das Pferd auch noch am
Schwanz aufzäumen und die grössten Feinde des Humors unter die Lupe nehmen. Den
ersten Platz nimmt unbestritten der Fanatismus ein. Der Fanatiker hat sowenig
Distanz zu den von ihm fanatisch verfolgten Zielen wie zu sich selbst. Sein
Blick verengt sich: alle, die nicht so denken und handeln wie er, sind nicht
nur im Unrecht, sondern eigentlich zu eliminieren. Hier liegt der grosse
Unterschied zum Engagierten, der zwar mit Herz, Hand und Kopf bei der Sache
ist, aber eine Distanz bewahrt, die Kritik am eigenen Tun nicht ausschliesst.
Wundert sich noch irgendwer über die Humorlosigkeit der meisten Politiker? Wer
den Fanatiker trifft, muss mit allem rechnen – ausser mit Humor. Falls es euch
noch nicht aufgefallen ist, sind bei mir gewisse Ansätze von Jagd-Fanatismus
festzustellen, und der Leserbrief, der die irische Fuchsjagd in Bausch und
Bogen verdammen würde, wäre wahrscheinlich der Prüfstein für meine Toleranz.
Und so ging's wohl auch der Agility-Dame, die in ihrer Betroffenheit nicht mehr
merkte, dass der Agility-Worldcup nur eine Metapher, eine Allegorie war: man
meint den Sack und schlägt den Esel. Die Spitze richtete sich gegen den
'richtigen' Weltcup und seine Exponenten. Der Seitenhieb gegen das süsse
Agility-Spielchen war nur ein Nebenschauplatz. Aber eben: wenn man sich
persönlich angegriffen fühlt, gefriert das Lachen leicht ein. Dabei gibt es
niemanden, der uns öfter Grund zum Lachen gibt, als wir selbst! Wir sind ja die
einzigen, die immer dabei sind, wenn wir von Ungeschicklich- zu Peinlichkeit
stolpern. Wir sind auch die einzigen, die bei jedem Zaunpfahlswink des
Schicksals wirklich wissen (könnten!), was gemeint ist. Wer sich angewöhnt,
sich selbst als Comic-Figur, als Slapstick-Star der eigenen Lebenskomödie, als
Chaplin des Alltags, als 'Dick und Doof' in Personalunion zu sehen, der kommt
aus dem Schmunzeln gar nicht mehr heraus. Wer dann noch die Grösse hat, andere
mitlachen zu lassen, der kann sich schon bald das Prädikat 'wertvoll' ans
Revers heften.
Übrigens, meine Gemahlin hat
wieder einmal einen Viererwurf ins Körbchen gelegt. Glücklicherweise sehen alle
mir ähnlich. Ein dämlicher Besucher
hat diese ausgesucht hübschen Russell-Babys als 'Meerschweinchen' bezeichnet.
Können Sie sich vorstellen, wie ich dem die Waden zerfetzte – ich habe jetzt
noch Menschenfleisch zwischen den Zähnen. Nein, also irgendwo hört's einfach
auf, oder???
Schaut, was ich habe...
Kennen Sie den H.R.H.? Nicht? Macht
auch nichts. Sie können genausogut den M.S.M. oder den P.F.Z. nehmen. Sie sind
sich alle sehr ähnlich. Es ist nicht einmal zwingend, dass sie zwei Vornamen
vorzeigen, aber es passt zum Persönlichkeitsprofil. Allen gemeinsam ist aber
das HABEN zum ZEIGEN. Und damit unterscheiden sie sich vom berühmten 'Otto
Normalverbraucher', der das, was er hat, auch braucht, verbraucht oder
zumindest benützt. Der R.B.S. –Typus dagegen hat seine Habe nicht zum benützen,
weil niemand gleichzeitig zehn Yachten oder zwanzig Ferraris fahren, in
dreissig Häusern wohnen oder auf vierzig Pferden reiten kann. Weil niemand
sechzig Gemälde in seine Stube hängen oder sich siebzig Geliebten widmen kann.
Da sich diese Menschen – in aller Regel Männer – mit inneren Werten nicht genügend
ausgestattet fühlen oder beim Versuch, diese zu demonstrieren, zu wenig
Anerkennung ernten, sammeln sie äussere Werte, Materielles. Handelt es sich
dabei um Frauen und/oder Pferde, so steht verständlicherweise der äussere
Aspekt im Vordergrund. Es geht dann nicht um Beziehungen, Harmonie oder gar
Tiefe, sondern um äussere Schönheit (Vorzeigbarkeit), Geldwert, Abstammung,
Leistung etc. Und wissen Sie was? Es funktioniert. Zumindest solange genügend
Mitspieler vorhanden sind, die dem H.G.W. die langersehnte Aufmerksamkeit und
Bewunderung schenken.
Typischerweise besteht ein krasses
monetäres Gefälle zwischen einem P.S.P. und seinen Bewunderern. Und so ist
allen gedient: gibt es schönere Verträge, als die, bei denen beide Parteien
glauben, auf der besseren Seite zu stehen? Der Anerkennungs-Hungrige lässt sich
Dank und Applaus etwas kosten. Doch was schert ihn das Geld, davon hat er ja genug. Und der
Anerkennung-Spendende und Geld-Bedürftige? Was kostet ein bisschen
Bauchgepinsel, ein gut gemachter, bewundernder Blick oder ein rührseliges
Dankesgestammel, wenn sich dafür der Napf, der Stall, der Beutel wieder füllt?
Alle sind zufrieden – und der Schweizer Pferdesport, ja überhaupt der Sport,
wäre ärmer ohne diese Typen.
Stellen Sie sich vor, den Jim
Knaller hätt' es nie gegeben mit seinem Jahrhundert-Crack 'Pfund-Boy', der mit
wechselnden Top-Piloten so manchen Dollar zusammensprang! Und auch der eingangs
erwähnte H.R.H. kann sich durchaus noch zu einem Lieferanten des Segens für den
Sport durchmausern. So what? – Aus der Sicht eines einfachen Jack Russells, der
schon aus reiner Freude am Buddeln alles und jedes ausgraben zu müssen glaubt,
möchte ich ja nur den Finger auf das Unechte, Falsche, Gekünstelte bei diesem
häufig gespielten Theaterstück legen. Nichts gegen einen veritablen Sponsor,
der in den Sport investiert und einen ganz klaren, möglichst bezifferbaren
'Return' sucht. Nichts gegen einen echten, edlen Mäzen, dessen Unterstützung
ihren Grund in der Freude an der Sache oder an einem einzelnen Sportler hat.
Meist halten sich solche Gönner persönlich bescheiden zurück. Und auch nichts
gegen den Co-Owner, der sich – meist mit beschränkten Mitteln – in eine
Pferd-Reiter-Beziehung einbringt, weil er teilhaben will an Freud und Leid,
weil er engagiert mitfiebern und mithelfen will beim Werdegang eines Paares.
Nein, an den Pranger stellen will
ich diese naiv-eingebildeten Angeber, die ständig und grossgekotzt mit ihrer
Habe prahlen, die mit ihrer Auftrumpferei jedermann dermassen abstossen, dass
sie schlussendlich nicht einmal mehr ihr Ziel der allseitigen Anerkennung
erreichen – trotz investierter Millionen. Nur die direkten Profiteure bleiben
bei der Stange – und auch die winken ab, sobald der Aufschneider um die Ecke
verschwindet, was ihn tragischerweise meist nur noch immer tiefer in die
illusionäre Rolle des 'Schaut-was-ich-habe'-Demonstrators tauchen lässt. Er
klammert sich daran, weil es hat doch bislang ganz leidlich funktioniert. Er
verwechselt die Käuflichkeit der Welt mit der Käuflichkeit des Glücks, mit der
tiefen Befriedigung, die aus jeder harmonischen Beziehung erwächst. Aber der
Aufbau einer solchen braucht Zeit, Jahre des Zusammenseins.
Jeder – um mal bei den Pferden zu
bleiben – der sein Pferd über Jahre auch pflegt, füttert, ausreitet, mit ihm
auch Niederlagen, Rückschläge, Verletzungen durchsteht und ihm ein würdiges
Alter gönnt, kennt diese beglückende Vertrautheit. Der K.S.E. hat in der Regel
die Geduld nicht, glaubt, die Zeit dafür nicht zu haben, wechselt ständig
Pferde, Piloten, Tierärzte und Ställe in der blinden Hast nach dem schnellen
Glück. Er will gar nicht erkennen, dass er sich die Anerkennung nur gekauft hat
– oder nicht einmal das, er hat sie geleast, gemietet – und echt war sie
sowieso nie. Ausser er wäre ehrlich. Wenn einer dazu steht, dass er es
geniesst, von jedermann auf dem Turnierplatz respektvoll gegrüsst zu werden,
weil alle hoffen, vielleicht auch einmal in seine Gunst zu kommen – o.k. Dann
hat er ein Lusterlebnis, das z.B. manche Dressurrichter die harte und meist schlecht
bis gar nicht honorierte Arbeit im heissen Häuschen vergessen lässt: diese
säuselnde Höflichkeit aller Weissbehosten, stets bange der nächsten
(Hin-)richtung entgegenfiebernd.
Für einmal handelt es sich hier
–zur Beruhigung aller AUNS-Mitglieder unter den Kavallo-Lesern- nicht um ein
speziell helvetisches Phänomen, sondern um einen typischen Auswuchs unseres
materiell-dekadenten Zeitalters: man mische amerikanische Naivität mit
deutschem Grössenwahn, ziehe etwas französische Blasiertheit und italienische
Eitelkeit darunter, stabilisiere das Ganze mit gutschweizerischem
Kosten-Nutzen-Bewusstsein und schmecke mit einer Prise österreichischer
Titelsucht ab – fertig ist der O.M.O., ein trendiges euro-kompatibles Produkt.
Und falls Sie ihn live kennenlernen möchten – kein Problem. Sie finden ihn in
allen Ausführungen an Cüpli-Bars landauf landab. Der Unsportliche mit der
grossen Klappe inmitten einer Gruppe lederhäutiger Blondinen, bleicher
Apparatschiks und Möchtegern-Reitern. Zur Sicherheit: er trägt diese
unpassenden, aber garantiert teuren Hosen, die gerade von einem fiesen Russell
als Baumstamm-Ersatz benützt werden, weil alle Mäxe wissen: wenn's einer nicht
schnallt, dann der H.R.H.
((Illus))
Brautschau
Kennen Sie das aufgeräumte,
fröhlich-hektische Getue von Frauen, die sich für eine Shopping-Tour
bereitmachen? Und das unentschlossene Hin und Her, nach Luft schnappend
zwischen Brillanten und Diamanten im Juwelierladen, das Flackern in den Augen,
wenn dann – endlich! – die Wahl getroffen ist. Und Sekunden später die
schweisstreibenden Anfechtungen, ob's wohl doch der andere oder gar jener dort
gewesen wäre. Es kann sich auch um Ballkleider, Brillen, Schuhe oder auch nur
T-Shirts handeln (je nach Alter und sozialem Umfeld...), der Zustand freudiger Erregtheit
– abgeschmeckt mit einer guten Prise Wahl-Qual - bleibt sich gleich.
Genauso war mein Mensch Anselm am
letzten Wochenende – bei einem Mann höchst verdächtig und auch bei Autokäufen
unüblich: bei Autos weiss auch der Unbedarfteste meist Monate bis Jahre zuvor,
was er eigentlich möchte. Ins Zittern bringt ihn da höchstens die Erbschaft,
der Lottogewinn oder was immer ihm ermöglicht, das längst Ausgewählte auch
tatsächlich zu erstehen.
Wie ein Jüngling auf Brautschau
fieberte er dem Weekend entgegen, wobei 'Jüngling' zugegebenermassen eine etwas
euphemistische Bezeichnung für meinen zerknitterten Oldy ist, und 'Brautschau'
ein Begriff aus alten Zeiten oder zumindest sehr fernen Kulturen, aber trotzdem
– ich finde kein besseres Bild, diesen Eu-Stress, diese freudig-verwirrte
Aufgeregtheit zu beschreiben. Und heute weiss ich auch wieso. Ich roch es:
Pferdekauf!
Da keine lustfeindliche Religion
im Wege steht, darf der Pferd suchende Mensch all seine Wünsche und Vorlieben
ungeschminkt vorbringen. Unverblümt wird da von feingliedrigen Beinen, starken
Gelenken, knackigen Po's, schönen Hals-Ansätzen, breiter Brust und grossen
Augen mit treuem oder kämpferischem Blick geschwärmt. Da werden
Charaktereigenschaften wie Mut oder Vorsicht (am liebsten beides!), Gehorsam
und Selbständigkeit (je nach Situation abrufbar!) gelobt, Coolness,
Losgelassenheit, aber gleichzeitig Schwung und Ausstrahlung, alles verbunden
mit Takt(-gefühl) gesucht. Dass kein Pferd dieser Welt all diesen Ansprüchen
genügen kann, leuchtet zwar jedem vernünftigen Menschen ein – aber wer
behauptet denn, Freier seien vernünftig. Da wird der ganze Schatten des
Suchenden – also alles, was dem Kaufwilligen selbst an Eigenschaften
körperlicher und seelischer Art gebricht - ins gewünschte Tier hineinprojiziert.
Darum ist es auch so witzig, dem Seelen-Striptease beizuwohnen, den der
Kauflustige nichts ahnend vorführt. Dabei deckt er nicht nur seine
reiterlichen, sondern meist auch all seine physischen und psychischen Mängel
schonungslos auf. Sucht der Mensch hingegen einen zweibeinigen Partner, wird
das wahrhaft Ersehnte in der Regel mit gesellschaftlich akzeptierten,
vernünftig klingenden 'Pelzchen' verbrämt – oder schlicht mit astreinster
Emotion, mit purster Liebe begründet. Etwas fies, wie Jack Russell nun mal sein
können, möchte ich in solchen Fällen jeweils gern die Frage stellen, ob die
Liebe tatsächlich auch so untrübbar bliebe, falls die Angebetete sich plötzlich
als Angehörige einer fernen Rasse, der ach so bedingungslos Verehrte sich bei
näherem Hinsehen als verarmter Landadliger entpuppen würde – ob dann da nicht
doch plötzlich ein Fünkchen 'ratio', eine Prise Berechnung sich in die hehren
Liebesgefühle einschliche...?
Auch bei der Pferdewahl kann die
Verwechslung eines einzigen Buchstabens in Sekundenschnelle bewundernde
Zuwendung in verächtliches Schulterzucken umschlagen lassen: z.B. wenn sich der
I-R-länder als I-N-länder erweist, der Trakehner doch 'nur' ein Russe ist; wenn
die Erscheinung nicht hält, was das Abstammungspapier verspricht – oder
umgekehrt: wenn sich beim vermeintlichen Blüter bis in die vierte Generation
rauf partout kein 'xx' finden lässt.
Nach Tausenden von Kilometern,
vollgekritzelten Notizblocks, viel grässlichem Autobahn-Junk-Food und langsam
einsetzender geistiger Verwirrung mit verschwimmenden Bildern von Sprüngen,
Trabverstärkungen und Schulterwinkeln, von Schimmeln, Füchsen, Braunen, Rappen,
Schecken, von Doppelponys, Vollblutkatzen, grossrahmigen, grobknochigen Huntern
bis zu 'schwerblütigen' Elefanten ist für viele ein derartiger Übersättigungs-
und Erschöpfungsgrad erreicht, dass keine Entscheidung mehr möglich ist. Über
einen dieser geplagten Unentschlossenen, den A.P. aus Y., der seit Jahren durch
die Welt kurvt, hunderte von Pferden probiert und gefilmt hat, kursiert sogar
die Geschichte von 'Steinzeit-Ötzi', der scheint's in einem Labor wieder zum
Leben erweckt werden konnte und als erstes fragte: "Sucht der P. immer
noch ein Pferd?" Die Antwort ist natürlich 'JA' – er wird sein Leben lang
suchen nach dem Pferd der Pferde, das alle Ansprüche erfüllt und deshalb
zwingend gar nicht existieren kann, da sich die Anforderungen zutiefst
widersprechen. 'Der Weg ist das Ziel' wird er sich sagen – und auf dem Weg ist
er im wörtlichsten Sinne: meistens auf der Autobahn. Man könnte natürlich
diesen weisen Satz auch anders interpretieren und das unvollkommene, aber
existierende Pferd erwerben und über den Weg der täglichen Arbeit zu
vervollkommnen suchen, immer im Bewusstsein, dass wir uns mitentwickeln müssen
und dass letzte Vollkommenheit uns auf dem Robinson-Spielplatz 'Erdball'
versagt bleibt.
Hat sich der Suchende wider
Erwarten zu einem Kauf entschlossen, kommt die grosse Stunde der Tierärzte. Von
der Biege- und Brettprobe über das immer erfolgreiche 'Schlauchverschlucken',
das uns auf dem vertrauten Bildschirm mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit besorgniserregende Kehlkopf-Rötungen zeigt und wenigstens
den obligaten Hauch eines Schleimchens zu Tage fördert bis zu wahrhaften
Röntgen-Orgien und dem trendigen Rücken-Drücken (reagiert das Pferd, ist er
offensichtlich druckempfindlich sprich leidend sprich kaputt, reagiert er
nicht, ist er steif-blockiert sprich leidend sprich kaputt – eine todsichere
Sache). Tatsache ist, dass so mancher potentielle Crack im TÜV steckenbleibt –
nicht weil die Pferde oder die Moral der Händler schlechter, sondern weil die
technischen Möglichkeiten der Tierärzte besser geworden sind. Und weil es der
Natur der Helvetier entspricht, sich gegen alles und jedes abzusichern. Am
Schluss kaufen sie das offensichtlich weniger versprechende Pferd, das
sämtliche Vet-Tests bestand – und lassen den Crack mit seinem
Kehlkopf-Schleimchen stehen, fahren nach Hause und packen ein frisch erkältetes
Tier aus, das bereits mehr Schleimchen hat als der ferne Crack. Da hilft nicht
einmal die Juristerei mit allen – beim Pferdehandel eigentliche eher unüblichen
– Verträgen, die alle Eventualitäten des Eigentumsübergangs und alle
Haftungsfragen regeln. Auch der sicherheits-gierigste Eidgenosse muss halt
dieses missliebige 'Rest-Risiko' eingehen, so gern er sich der grässlichen
Einsicht verschliesst, dass Leben ganz grundsätzlich lebensgefährlich ist...
Übrigens, Anselm ist fündig geworden. Die Odyssee von der Insel bis ins
heimische Alpenland, durch sämtliche internationalen Formularberge und an der
so heissgeliebten Spezies 'Zöllner' vorbei gibt eine Story für sich!
Mein Kampf II
Die grösste Sensation seit den Hitler-Tagebüchern –
die uns dann ja leider wie STERN-Sch(n)uppen von den Augen fielen – ist der
zweite Band des Jahrhundertwerks 'Mein Kampf'. Floss der erste Band noch direkt
aus der Feder des österreichischen Flachmalers Adolf Schickelgruber, derweil er
am für ihn wohl sinnigsten Ort weilte, nämlich im Gefängnis, stammt der
langersehnte zweite Teil von einem dynamischen Don Quijote der Neuzeit, dem
nord-fälischen Vielreiter Dirk Dachhuber aus Nasingen. Das Epos ist getragen
von einer Fülle atemberaubender Protest-Geschichten: in schier unglaublichen
Lagen wagte es der Autor immer wieder heldenhaft, den Turniergewaltigen den
Fehdehandschuh vor die Füsse zu werfen, sie mit der männlich knöchelhart auf
den Jurywagen geknallten Hunderternote (wiewohl letztere ihn magenkrämpfig
reute) aus ihrem gemütlichen 'eins null, zwei null, drei drei, vier
vier'-Gebrabbel und vom Féchy wegzurütteln. Immer wieder wusste Dirk für
Gotteslohn und Rebensaft arbeitende Juroren an ländlichsten Veranstaltungen an
ihre ernste Pflicht zu gemahnen, die sie erschrockenen Gesichts – den Bowler
zurechtrückend und sich nervös räuspernd – dann auch wahrnahmen. Aber der Tag
war im Eimer, die fröhliche Beschaulichkeit des harmlosen Turnierchens wich dem
Bierernst sieg-geld-ruhm-schwangeren Spitzensport-Ambientes, wo Punkte, Stangen
und Sekunden Auswirkungen in sechsstelliger Dollar-Höhe haben können.
Beeindruckend an der Psychologie des Nasinger Einzelkämpfers ist die absolute
Konsequenz, mit der die am höchsten eingestuften Werte verfolgt werden. Und
zuoberst in der Wertskala steht ganz eindeutig: Sieg, Sieg, Sieg, egal wie, wo,
mit welchen Mitteln: der ranglistenkundige, preisgeld-gekrönte Erfolg allein
zählt und rechtfertigt – nein: befiehlt jegliche Tricks, Übervorteilungen,
Schamlosigkeiten und natürlich jede Menge Proteste. Wo auch immer Dirk
Dachhuber auftaucht, jeder nord-fälische Vereinsveranstalter sieht seinem
Kommen mit Bangen entgegen. Am ungeschorensten kommen die Duckmäuser davon, die
allfällige Dressurrichter bereits im Vorfeld anweisen, den Dirk gewinnen zu
lassen. Bei den Stangen im Parcourswald ist dies schon schwieriger, da kann
höchstens mit der Zeit etwas geschummelt werden. Hat er, der
Alt-Internationale, nämlich den unlizenzierten Vereins- und Freizeitreitern
sämtliche Früchtekörbe, Gutscheine, Pokale und Geldpreise weggeschnappt, gibt's
zumindest keinen Protest – im Gegenteil, ein speicheltriefendes, kuvert-geiles
Lächeln, ein serviler Bückling, alle gewonnenen Decken, Schabracken und
Halftern zusammengerafft – und weg ist der Dachhuber. Wer denkt , der mehrfache
nord-fälische Landesmeister bleibe nach seinen Siegen noch für ein Glas in der
Festwirtschaft oder stosse mit Kollegen auf seinen Erfolg an, unterschätzt
seine ererbt-sparsame Natur. Alles auf die hohe Kante – man weiss schliesslich
nie, wann der Alte endlich die paar Milliönchen rausrückt, die dem
Einzelkindchen zustehen. Gut, zur Entschuldigung sei gesagt: wie will mit
'Kollegen' anstossen, wer keine hat. Und hier liegt wahrscheinlich des Pudels
Kern, der Hund begraben bzw. – mir sympathischer: der Hase im Pfeffer. Wer nie
Anerkennung und Zuwendung erlebt – einfach so, für sein Dasein und Sosein –
probiert's mit Leistung. Klappt dies einigermassen, wird Leistung zur Sucht,
die – wie jede Droge – nie ganz befriedigt, denn die durch Leistung erreichte
Zuwendung ist kurzlebig und entspringt nie tiefer Emotion: heute gefeiert,
morgen vergessen – so mancher Spitzensportler kann ein Lied davon singen. Bei
Wirtschaftskapitänen heisst der Slogan leicht abgeändert: heute gefeiert,
morgen gefeuert – oder 'freigestellt', wie der beschönigende Ausdruck lautet.
Aus dieser Sicht ist der Dachhuber ein bemitleidenswertes Wrack, eine ethische
Ruine – beständig im Kampf gegen das überall lauernde Böse.
Er findet es überall: bei Konkurrenten in Beruf und
Sport, bei Angestellten (die er sich nicht scheut, vor den Richter zu zerren und
vom Hof zu jagen), bei Kunden, die sehr schnell zu Niemehr-Kunden werden, bei
Richtern, Funktionären – es gibt kaum jemanden oder etwas, das nicht
potentielle Gefahr darstellt für unseren Gladiatoren des Alltags. Nur in einer
Richtung sucht er nie; dort wo die Lösung verborgen wäre -–und sie liegt, wie
immer, ganz nah: bei sich selbst. Vielleicht kommt er mal noch drauf in alten
Tagen – bis dann hagelt es weiter Proteste in Nord-Falen. Und sein Buch wird
zum Bestseller, schlummert doch in fast jedem von uns ein kleiner Don Quijote,
ein Kämpfer a se – und der Dachhuber ist beileibe nicht der einzige, der lieber
im Aussen kämpft statt im Innen.
Bleibt noch eine hübsche
Reminiszenz nachzutragen vom letzten Protest Dachhubers an einer kleinen
Veranstaltung auf dem Lande. Dr. Uli Weissfluss, der Inbegriff eines
Gentlemans, ein Horseman und Aristokrat im besten Sinne, ein beherrschter,
wohlgesinnter Edelmann, der eigentlich nie die Fassung verliert, sass bei
brütender Hitze auf der Jury und musste sich den hanebüchenen Unsinn Dachhubers
anhören. In seiner unendlichen Geduld und Liebenswürdigkeit hielt er die
Prüfung an und ging der Rüge Dachhubers nach, kam aber – wie zu erwarten – zu
einer Lösung, die nicht im Sinne des kämpferischen Nasingers war. Als letzterer
immer wieder anrannte, auf seiner einäugigen Sicht beharrte und die Jury
unablässig mit seinem Geplärr belästigte, lupfte es dem königlichen Doktor den
Hut. Er wurde ziemlich laut und ebenso deutlich und verwies Dachhuber des
Feldes. Ich weiss aus höchstpersönlicher Erfahrung, was es braucht, bis der
edle Uli bös wird, habe ich doch dereinst seiner Gattin ans Bein gepinkelt,
worauf er nur milde feststellte 'ich sei halt auch kein einfacher' – wie wenn
ein Jack Russell je einfach sein wollte!
Na ja, Ähnlichkeiten mit lebenden
Personen hierzulande sind selbstverständlich vom Autor nicht beabsichtigt – und
jetzt muss ich dringend raus: mich erwartet ein schwerer Kampf: da stellt doch
wieder so eine lästige Dogge meiner Gattin nach. Mein Protest wird schärfstens
ausfallen.
Bleibt nur zu hoffen, dass der
gute alte Kavallo in Nord-Falen nicht gelesen wird. Wenn der Dachhuber dieses
Gemotze in die Pfoten kriegt, bleibt's nicht beim Protest, dann kann Oskar der
Fünfte den Laden dicht machen. 'E Troppo' – wird er seiner Chefredaktorin sagen
und sie 'freistellen' – und ich, der motzende Max, werde mich mit einer
Schadenersatzklage von siebzig Tonnen Hundefutter am Hals zeitlebens abrackern
und durchhungern müssen... wobei, kann man überhaupt für Rufschädigung belangt
werden, wenn selbiger erwiesenermassen schon vor der journalistischen Freveltat
miserabel war? Komm Oskar, Flucht nach vorn, wir machen einen Vorabdruck von
'Mein Kampf II' – in appetitanregenden Protest-Häppchen über's Jahr verteilt
(statt der ewigen rührseligen Gutenachtgeschichten vom Fjord...). So, habe ich
irgendjemanden ausgelassen?
Turbo-Max
Seit ich diese neuen Würstchen von
Schwuppi fresse – oder sind sie von Prahl, Bünzo, Trauric, Motzinger, Käs-Zar?
– also einfach diese komischen Miniwürstchen, die mir Anselm vor jedem Rennen
ins Futter mixt – seither lasse ich die Konkurrenz regelrecht stehen. Ich war
ja schon immer gefährlich schnell, wenn's was zu jagen gab – aber jetzt bin ich
mindestens eine Klasse besser als all die kurzbeinigen, schwindsüchtigen,
fettleibigen, mit Dackeln gekreuzten 'Jack Rackels'...Gut, es hat meistens auch
ein paar respektable Sprinter drunter, aber spätestens nach halber Strecke,
wenn ich erst richtig den Turbo starte, hängt denen die Zunge raus. Sicher ist
es auch das Training.
Mein Mensch jagt ja ständig seine
Rösser durch die Prärie, am liebsten volle Hacke bergauf – fragt mich nicht
wieso: ab und zu schreit schon irgendein wütender Bauer oder Förster hinterher,
vor allem, wenn er denen noch über 'rumstehende Siloballen, Jauchefässer,
frisch geschlagenes Holz oder Znüni-Körbe springt. Aber der knattert auch wie
ein Gepickter die Wiesen rauf, wenn weit und breit weder ein Sprung noch eine
Menschenseele auszumachen sind. Jedenfalls fetze ich da voll mit, und wenn man
bedenkt, dass ich immer wieder mal einer querlaufenden Hasen- oder
Wildschwein-Spur folgen und den Raser nachher wieder einholen muss, so könnt
Ihr Euch jetzt langsam ein Bild von meiner Kondition und meinem strukturierten
Luxuskörper machen.
Von wegen Wildschweinen: das ist
im Fall nicht irgend eine faule Metapher aus Asterix und Obelix (dieser Ideefix
ist ja eh' ein trantütiges Schosshunzelchen!), sondern knallharte Realität: die
Karin von unserem Stall knallte gestern gegen etwas Hartes, das sich bei
näherem Hinsehen als zur Unzeit die Strasse überquerender Keiler entpuppte. Das
Resultat waren ein paar herrlich duftende Wildschweinborsten nebst einigen
Dellen an ihrem fahrenden Hundehäuschen. Der Keiler habe sich nur geschüttelt
und sei wutschnaubend seiner Familie nachgehetzt. Anscheinend macht uns die
Karin das Jagdrevier streitig. Aber da mach' ich Protest (ich frag' den
Dachhuber, wie man das genau macht!): so anstrengungslos motorisiert jagen ist
regelwidrig, leistungsverändernd und widernatürlich, jawoll,– und drüberhinaus
versaut so ein stinkender Benzinmotor uns die dufte Witterung.
Womit wir wieder bei den
anscheinend 'leistungsbeeinflussenden' Würstchen sind, die mir der Anselm
zufüttert – ihr solltet erst mal sehen, was der seinen Rössern alles
reinstopft! Lauter scheussliches Zeug: Karotten, Äpfel, Leinsamen,
Sonnenblumenkerne, Öl (aber nicht das schwarze, das er in den Lastwagen
schüttet, ich glaube, er klaut es der Selmine aus der Küche!), Salz (auch
geklaut!) und so kleine Stink-Würfeli (da salbadert er jeweils von der 'totalen
Vitamin- und Mineralstoff-Bombe') – und als Folge davon müssen die 'giggerigen'
Biester zweimal täglich geritten werden und drehen zwischenzeitlich noch ihre
kindischen Runden auf der Weide – ja, die jagen einfach dem Zaun entlang ohne
dass auch nur eine Katze zu sehen wäre, im besten Fall erwischen sie sich
gegenseitig, was dann aber wieder den Anselm zu Zeter-Mordio-Geschrei
verleitet. Aber wahrscheinlich frisst der auch so Stink-Würfeli und tigert
darum so ruhelos herum.
Heute hat er sogar – welch
Weltwunder - sein Lastwägeli geschrubbt, mit demselben doof-verklärten Blick,
den man bei Kleinst-Schnudergoofen an der 'Chilbi' sieht, wenn sie auf dem
weissen Elefanten sitzen – oder ein paar Jahre später auf der 'Auto-Tütschi'.
Er platzt beinahe vor Stolz, wenn er all' seine umhätschelten Hafermotoren
reinstellen und durch die Gegend tuckern kann. Ich sitz' natürlich vorne in der
Mitte und passe auf, dass er mit den Halbgängen klar kommt – schliesslich ist
er ja beim ersten Versuch sang- und klanglos durch die Fahrprüfung gerasselt
(Selmine schaffte es locker auf Anhieb – bittere Pille für unser
Macho-Männchen!).
Aber zurück zu den
Turbo-Würstchen: es ist ja jetzt ein Riesengeschrei, die Dinger seien verbotene
Leistungssteigerer, die solcherart 'getunten' Profi-Fräser zu sperren und die
Fütterer in den Knast zu stecken. Ich versteh' ja die ohnmächtige Wut der
Krummbeinigen, die mir hasserfüllt hinterhertorkeln, wenn ich speedy an ihnen
vorbeiziehe - aber die Würstchen allein sind es nicht, die kann jeder Doofmann
im Laden kaufen. Da können die lang Blutproben machen: ich bin eben mental
stark. Ich lasse die hechelnde Bande auf dem Rennplatz gleich von Anfang an
spüren, wer der Star des Umzugs ist – was meint Ihr, wie DAS
leistungsverändernd wirkt! Ein überstarkes Ego diagnostiziert auch Newmarket
nicht. Ich mach ja diese Rennerei nur zum Spass, aber wenn Ihr Euch mal in die
hineinversetzt, die das tagtäglich tun, als Lebensin- und unterhalt. Da
braucht's ein aufgeputschtes Ego! Und wenn sich diese Gladiatörchen mit
Würstchen gefährden – 'Bis dass der Tod entscheidet', wie ein origineller
Kollege die Konkurrenz-Situation auf dem modernen Sportplatz beschrieb – so ist
das doch nichts Neues, sondern nichts als typisch Mensch (oder zumindest
typisch Mann).
Und wie ist es denn mit dem
anderen grossen Kriegsschauplatz, der Wirtschaft? Wie wär's da mit
Doping-Kontrollen? Glaubt Ihr, all die Fusiönchen-Macher, Lobbyisten,
Top-Manager, Headhunters, Aufräumer und Turn-arounders kämen ohne
'leistungssteigernde Zuschüsschen' aus. Also mein Anselm ist bereits ohne
seinen Morgenkaffee nur eine halbe Nummer!
Und immer dieser
dämlich-sozialistische Traum von der Gleichheit. Dann schliesst mal als erstes
die Schwarzen von allen Leichtathletik-Wettbewerben aus, die haben von Geburt
aus die besseren bodys! Ungleichheit, Protest! Und dann das Geschrei nach
Fairness: das ist ein schöner Wunschtraum, der sich doch hienieden höchstens
vorleben und lehren – aber nie verwirklichen lässt. Wie soll denn ein junger
Mensch, der überall nur das Recht und die Macht des Stärkeren, Potenteren,
Reicheren kennenlernt, plötzlich fair sein im Sport. Wir klopfen dem Netten,
Fairen zwar wohlwollend auf die Schulter – aber der frenetische Beifall gilt
dem Sieger, dem Rücksichtslosen (der eben nicht
zurückschaut!).
Wir leben in einer
materialistischen Zeit, also gilt nur das messbare Ergebnis, und nicht die von
innerer Grösse zeugende Haltung des Fairen. Ein edler Schweizer Reitersmann hat
vor Jahrzehnten – als Equipenreiter im olympischen Cross unterwegs - einem
gestürzten Mitreiter das Pferd eingefangen und zurückgebracht, damit dieser
seinen Ritt fortsetzen konnte. Er selbst verlor dabei soviel Zeit, dass seine
eigene Plazierung im Eimer war. Das sind echte Heldentaten, die sich weder
messen noch vorschreiben lassen. In unseren Annalen stehen aber nur die Sieger.
Und jetzt noch zum faulen Argument
des greisen Olympiers von der Samen-Ranch, der nur 'gesundheitsschädigende
Leistungsveränderungspraktiken' verbieten will. Wer sagt denn, Gesundheit sei
das höchste Gut und ihr zuliebe müssten alle Risiken ausgeschaltet werden? Da
könnten wir ja gleich alle im Körbchen bleiben. Wir wollen doch was erleben,
wir wollen ja Risiken eingehen, fast
alle Sportarten basieren auf der Freude am Risiko – ja,ja ich weiss, Golf gilt
auch als Sport, aber auch da kann Dir mal so ein Flitze-Ball oder ein von
Stümperhand geschwungener Schläger um die Ohren sausen. Und nun stellt euch
dieses Definitionsdebakel vor: das dauert hundert Jahre, bis sich alle
Subkommissionen einig sind, was denn in Gottes Namen 'gesundheitsschädigend'
sein soll und was nicht. Vom ersten Atemzug an – oder nach anderen Theorien ab
25 – geht's doch nur noch kontinuierlich bergab mit der Gesundheit bis zum einzig
sicheren im Leben jedes Lebewesens: dem Tod. Leben ist nun mal
lebensgefährlich.
Ich hätte da meinen ganz
persönlichen Beitrag: im höchsten Masse gesundheits- und nervenschädigend sind
alle Hundefeinde und gewisse Zöllner, Beamte, Tierversüchler, Chemiefritzen,
Autoraser und vor allem KATZEN. Die müsste man also schon rein präventiv samt
und sonders auf die schwarze Liste setzen.
Aber eben, bis es soweit ist, jage
ich die Katzen und pinkle den unfreundlichen Zöllnern & Co. weiterhin mit
grösstem Vergnügen in den Hosenaufschlag..
W.E.G. - BEREITER
(Heiteres Rätselraten: finde die mindestens 6 Lesarten/Bedeutungen
dieses Titels...)
So sehr ich mich winde und
rumdruckse – ich komme nicht umhin, für einmal aus der Rolle zu fallen. Es geht
mir zwar diametral gegen meine Motz-Natur, aber ich muss schweren Herzens
LOBEN! Das ist schon fast so komisch, als wenn der alt-internationale Querkopf
'Hü' einmal im Leben zugeben würde, in irgendeiner hippologischen Sache NICHT
RECHT gehabt zu haben, der neue Vielseitigkeits-Star BvG in hellgrün mal pink
daherritte, die Altmeister Teich und Stahl zu zart-flötenden Schnuckiputzern
mutierten, die Verbands-Oberjehudis sich modern-dynamisch-innovativ-flexibel
zeigten, der Dachhuber statt Proteste Sektgläser herumreichte oder der seichte
Sepp einen neuen, ja sogar intelligenten Witz erzählte – kurz, alles Dinge, die
kein Mensch je erwartet, die sich aber dennoch so alle drei Sonnenfinsternisse
einmal ereignen können.
Also los, Max, sag's schon: Die
Military-Schweizermeisterschaft in Frauenfeld war gut. Ein M zwar nur - seit
Jahren eine Lächerlichkeit: ein nationales Championat wird auf
sozial-freundlichem Einsteiger-Level ausgetragen, damit Kreti und Pleti
mitmachen kann, dabei gibt es massenhaft Mini-Schweizermeisterschaften auf
Vereins- und Verbands-Niveau, ja sogar Vereins-Europameisterschaften der
ländlichen Art. Das Gemeinsame daran ist: nicht ein einziges all dieser
Championätchen ist eine veritable Vollmilitary. Aber dafür kann der
Veranstalter nix – das war Befehl!
Die Frauenfelder machten das Beste
draus: ein saftiges, technisches, vom strukturellen Aufbau her anspruchsvolles
M auf ideal präpariertem Boden, der zum flüssigen Galoppieren einlud wie
nirgends sonst in der Schweiz. Ans (Reiter-)Hirn appellierend auch die
Linienführung, die Abfolge der Sprünge, die Verteilung der Schwierigkeiten –
und zu allem Elend auch noch gut organisiert und locker-sympathisch
durchgeführt, ideales Wetter und erfrischend neue Sieger. Also nichts zu
motzen? Gut, wenn man kleinlich ist, könnte man den Ostschweizerischen Knorz
Vogel-Sprung dorthin ziehen, wo
einige Meisterträume endeten: in den Dreck. Die Distanzen waren vielleicht
nicht gerade freundlich, der logo-gelbe Bananen-Stamm für Pferde-Ästheten eher
'Pfui' und das schmale Aussprung-Vögeli-V für Leute mit Spirig'scher
Entenfuss-Haltung leicht bedrohlich. Und dass die grauhaarig bis glatzköpfigen
Melonen-Oldys in den Kabäuschen ganz wild auf jung-dynamische Wertung-C-Dressur
waren, nachdem dieselben Noten-Jongleure vor Jahresfrist noch die
einschläferndste Vorführung prämierten. Aber das sind 'peanuts' – die
Veranstaltung war gut. Und wenn ich könnte, würde ich den Frauenfeldern die
nächste Meisterschaft gleich wieder unter die Weste jubeln, allerdings auf
S-Level und mit Einbezug der wunderschönen Rennbahn.
Etwas zerknittert sahen die Herren
aus, denen die vornehm-heikle Aufgabe obliegt, die richtigen Paare nach Rom zu
senden. Es sind nämlich – eine bemerkenswerte Nouveauté im helvetischen Busch –
auch knapp vor dem grossen Weltreiter-Fest immer noch mehr Kandidaten als
Plätze da! Aber eben, einige der Longlistianer machten an der SM einen
'Tolggen' ins Reinheft. Der 'Fröhliche Hansli' sagte zuerst einmal 'Oooo', als
er das 'O' des im Welschland anscheinend weniger beliebten Ostschweizer
Verbandsgumps (wie heisst der Slogan schon wieder: 'Der Basisraserei
verpflichtet'?) hüpfen sollte, überwand dann aber den blau-gelben Röschtigraben
problemlos. Der normalerweise spielerisch und blitzgeschwinde über so
technisches Karsumpel turnende Turbo des sympathischen Elgger Zwerglis bot
selbigen Orts auch eine eher klebrige Vorstellung, der 3*-jahresbeste Flitzer
kurvte seiner kurvenreichen Schönheit ebenda am 'O' vorbei und weigerte sich
standhaft, so Kurzprüfungs-Kurzfutter auch nur anzurühren, und weitere
Probables sausten an einem gut-schweizerisches Astgäbelchen vorbei. - Jetzt
soll da einer gerecht und
erfolgversprechend selektionieren können! Wenn man nur ein bisschen jonglieren,
rochieren, abtauschen und neu mixen könnte! Schicken wir den 'gwehrigen' Iren,
steht uns der wieder auf allen Sprüngen ab – und wer weiss, ob die italienische
Bauweise das aushält. Senden wir den irren Mimi, so 'ramärlet' der
wahrscheinlich wieder im Viereck herum und wir müssen mit der grossen Klappe
seines Piloten leben. Ist der 'Hansli' dabei, macht er womöglich sein
Nickerchen im Wasser (andere vielleicht davor!), Turbo-Choby läuft gar
unbremsbar eine Runde zuviel auf der Rennbahn, die Basler Minimalisten-Stute
wird uns wieder am Nerv sägen, weil sie nur haargenau so hoch springt, wie sie
muss; Flörli Semper-Gump wird seine Mutti bestimmt ab und zu in Balance-Nöte
bringen, und wehe, wenn die schöne Blondine nicht rechtzeitig ihren
Adrenalinschub kriegt...seufz. Der einzige bereits seit Monaten sicher Gesetzte
ist der Pin-Sammler, Chauffeur und Nationaltrainer 'at his own' mit dem
Schweiss-Tüechli.
Zum Trost sei angefügt, dass es
die Selek-Toren in den anderen Disziplinen auch nicht viel einfacher haben,
Tore zu schiessen (oder zu schliessen). Schickt der schicke Fer die
alt-gekochte Dressur-Garde, so will der eine schon gar nicht ins Viereck, der
andere benimmt sich blöd drin, der dritte hat einen Schwächeanfall und der
vierte betreibt ein visibel anstrengendes Handwerk, was insgesamt auch nicht
gerade zum 'prix d'élégance' führt.
Die Springer haben wenigstens
keine grossen Auswahlsorgen. Die können nur hoffen, dass beim weissen Elefanten
alle Gestänge und Kabel halten, Dulfi-Topi vielleicht beim langen Transport
noch zu einer Gazelle mutiert, Pozy-Langbein seine ach so zarten Füsschen nie
anhaut, Tinky in jeder Lebenslage Hau-Ruck die Flösslein hebt und dem
Zukunftskönig die Flucht aus Ellikon gelingt...und wer weiss, vielleicht nimmt
der schwere Martin ja noch die leichte Martina mit, Lizenzpferde sollten sich
finden in Rom, oder?
Schattenseiten des Rampenlichts
Baden im Applaus der Menge, eine
Ehrenrunde allein mit gezogenem Hut im Blitzlichtgewitter, dann - noch atemlos
– Interviews: "Wie fühlt man sich als frischgebackener
Was-auch-immer-Meister?" – "Sie haben die Konkurrenz regelrecht
deklassiert. Wie war das möglich?" – "Wie haben Sie sich auf diese
Meisterschaft vorbereitet?" – "Was sind Ihre nächsten Ziele?"
Das nicht ganz gelingende Bemühen, bescheiden zu bleiben, den unverhohlen
durchschimmernden Stolz zu verbergen, im Augenblick höchster emotionaler
Aufgewühltheit 'cool' und vernünftig zu wirken. Ja, und dann die Partys und
Feiern, der Empfang in der Heimat, die Dorfmusik, der Gemeinderat, die
Presseberichte, vielleicht sogar TV-Sekunden. Die Faust-Versuchung erfasst auch
den Ungebildeten: 'O Augenblick, verweile doch, Du bist so schön'. Und Mephisto
flüstert ins Ohr: 'Kann ich bieten – eine kleine Gegenleistung
vorausgesetzt...'. Wie leicht gewöhnt sich's doch an die mit dem Erfolg
verbundenen Annehmlichkeiten und wie gern übersieht der Schaumgeborene, sich
aus der Masse der Gewöhnlichen Reckende, die Schattenseiten des Rampenlichts.
Die Scheinwerfer lassen sich nicht mehr ausknipsen, die Öffentlichkeit
interessiert sich auch für das Privatleben der Stars. Die graue Masse will die
im eigenen Leben fehlenden Farben auf die Bühne projizieren, das prickelnde
Gefühl der Spannung, die erotischen Abenteuer, Gefahren, Reichtum – alles
wenigstens als Surrogat erleben, in risikoloser Ersatzform geniessen. Und wer
eignet sich besser für diese Projektion als die 'personnes publiques', die
Sport-, Musik- und Leinwand-Stars, die letzten Prinzessinnen und Könige, die
Grossen an den Schalthebeln der Macht in Politik und Wirtschaft. Die Medien,
getrieben vom Zwang der Einschaltquoten und Reichweiten, sind nur zu gerne
bereit, diese 'Kundenwünsche' zu befriedigen. Die Paparazzis, spätestens seit
dem Tod der volksnahen Prinzessin zu absoluten Bösewichten gestempelt,
entsprechen dieser Kundenorientierung – Lieblingswort aller
Marketing-Spezialisten – in Reinkultur und spiegeln damit die Wertskala unserer
Zeit, wo intime Fotos eines schönen Stars nun wirklich mehr zählen als das
tibetanische Totenbuch oder eine Fuge von Bach. Was sich verkauft, ist gut –
eigentlich eine ziemlich unkomplizierte Philosophie. Möchten Sie versuchen,
Bach's 'Musikalisches Opfer' zu verkaufen?
Der Star hat zwar gekriegt, was er
anstrebte: Berühmtheit, Reichtum, Erfolg – und damit meistens auch Macht. Umso
härter trifft ihn die Ohnmacht beim Schutz seines Privatlebens, beim Verdecken
all der Bereiche, die seines Erachtens die Öffentlichkeit nichts angehen. Ja
bereits das erhöhte Interesse, das zum Teil gewöhnlichsten Verrichtungen des
Alltags entgegengebracht wird, kann ihn verwirren und erbosen. Er wird verfolgt
beim Einkaufen und Kaffeetrinken, seine Kleidung, seine Frisur und natürlich
vor allem seine Bekanntschaften, Liebschaften und Beziehungskisten werden zum
öffentlichen Gegenstand. Er kann – bewusst oder unbewusst – durch die
Vorbild-Wirkung seines Verhaltens Trends und Moden auslösen, die weit über das
rein Äusserliche hinausgehen, man denke nur an die Selbstmord-Welle, die
Goethes Werther in Deutschland auslöste oder an die verstärkte Zuwendung der
westlichen Welt zu östlichem Denken aufgrund des Indien-Trips der Beatles.
Doch zurück zu helvetischen
Dimensionen. Wenn ein Stadtrat eine Heckenschere klaut, so interessiert sich
die Öffentlichkeit verständlicherweise mehr für dieses Vergehen als wenn's Mr.
Unbekannt war. Wenn ein mehrfacher Landesmeister und Alt-Internationaler sich
lächerlich oder gar unfair benimmt, muss er zwangsläufig auch damit rechnen,
auf die Schippe genommen zu werden. Man kann's auch umdrehen und eine Karikatur
als Kompliment ansehen: nur wer berühmt ist, wird karikiert. Kaum ist ein neuer
Staatspräsident gewählt, zeichnen die Karikaturisten nächtelang dessen
Konterfei, bis es – locker hingeworfen – sitzt, die Übertreibungen zum
Schmunzeln anregen, den Gemeinten aber noch erkennen lassen. Nun verfügen aber
längst nicht alle 'öffentlichen Figuren' über das nötige Mass an Selbstironie,
um mit Privatsphärenverletzungen, Karikaturen, Glossen und Zerrbildern ihrer
selbst fertig zu werden und setzen sich mit verschiedensten Mitteln zur Wehr.
Präventiv mit Bodyguards, hochgeschlagenen Mantelkragen, Sonnenbrillen und
getönten Autoscheiben, reaktiv mit Bedrohen oder gar Verprügeln von lästigen
Medienschaffenden oder – nach verlorener Schlacht – mit Ehrverletzungsklagen
und Gegendarstellungen. Dass sich letzteres meist als gigantisches Eigentor
entpuppt, sollte eigentlich nicht verwundern. Nicht einmal die nach jedem
rettenden Strohhalm greifenden Clinton-Anwälte verfallen auf die abstruse Idee,
die weltweit wuchernden, zum Teil höchst anstössigen Karikaturen zu den
Sex-Eskapaden ihres Klienten rechtlich verfolgen zu wollen. Und mit den
Gegendarstellungen ist es – auch in durchaus berechtigten Fällen – auch so eine
Sache. Das Wiederaufwärmen des als ehrenrührig Empfundenen erreicht nie
dieselbe Zielgruppe wie das Original, im schlimmsten Fall wird der Kreis der
Rezipienten dadurch noch viel grösser und zur Schadenfreude mischt sich noch
Spott über die Betroffenheit und Humorlosigkeit des Angeschossenen.
Ich vergesse nie das Gemotze im
hiesigen Busch-Kader, als der Grand-Seigneur des Military-Sports, wie immer im
Entenjäger-Kostüm mit frisch gezwirbeltem Schnauz bei grösster Hitze auf einem
Turnierplatz als TD die Konkurrenten, die barfuss, in kurzen Hosen und
Unterleibchen auf der Geländestrecke herumflanierten, polternd zur Räson rief und
auf ihre Vorbild-Funktion aufmerksam machte. "Ihr seid hier nicht
irgendwer, sondern Kader-Reiter im Rampenlicht, und habt gefälligst anständig
gekleidet zu sein." Mit Hochgenuss lehnte er ein paar Stunden später den
Antrag auf Sommer-Tenue für das Springen ab. Es beginnt eben schon sehr früh
und ganz im Kleinen, das mit der 'personne publique' – die ominöse
'Öffentlichkeit' kann ja auch nur die Gemeinde, der Club oder sogar die Familie
sein.
Ja, soll man denn jegliche
Gemeinheiten, die einem per Medien an den Kopf geworfen werden, über sich
ergehen lassen? Bestätigt man nicht durch Schweigen die Wahrheit der Vorwürfe?
Das Beste – aber auch das Anstrengendste – ist die Entkräftung jeglicher
Anwürfe durch Vorleben des Gegenteils. Die halbnackten Busch-Piloten sah man
jedenfalls bei der nächsten Begegnung mit dem eitlen Entenjäger betont
krawattiert mit würdigem Schuhwerk. Für Bill – wie auch für anderen Lastern
frönende Springreiter – würde dies eine langfristige Zeit der Abstinenz
bedeuten, für Protestler vermehrte Zurückhaltung beim Einreichen derselben, für
Egozentriker ein Überdenken der Wertskala – und letzteres ist tatsächlich schon
ziemlich anspruchsvoll. Aber es ist auch genau das, was eine gute Karikatur
oder Glosse will, ja sogar generell das Ziel guten Humors: durch das Vorhalten
des
(Zerr-)Spiegels lächelnde Selbsterkenntnis befördern und festgefahrene
Wertmuster ins Wanken bringen.
Etwas trocken diesmal, ich weiss,
aber nachdem ich in den letzten paar Motzereien sämtliche Protestler (es haben
sich übrigens gleich mehrere in der Persiflage erkannt!) und die ganzen
WM-Kader samt Offiziellen veräppelte, musste ich jetzt mal etwas zur Beruhigung
meiner Anwälte tun. Überhaupt, auch wenn ich in ein Hunde-Gefängnis käme – was
ist die Schweiz schon anderes mit ihren Zäunen und Gärtlis, Pärklis und
Spielplätzlis, samt und sonders mit Hundeverbotstafeln und Roby-Dog-Kästchen
verziert – und den Frass krieg' ich auch jetzt schon im Blechnapf...
((Illus))
Eifersucht
Die maximale Maxime meiner Maxine
ist: "Ich, ich, ich – zuerst und vor allem und ausschliesslich!" Dies
bezieht sich beileibe nicht nur auf den Futternapf, sondern vor allem auf die
Zuwendung. Hält sich irgendjemand – insbesondere natürlich Anselm oder Selmine
– nicht an diese Grundregel, ist die Stimmung im Eimer: Knurren,
Zähnefletschen, beleidigter Rückzug, längerfristiges Schmollen.
Anselm hat ja zwei Hände, mit denen er sowohl Maxine wie mich karessieren kann,
wenn er es ein bisschen geschickt einrichtet mit den Büchern und Papieren, in denen
er ewig herumschmökert. Sind es nicht gerade diese farbigen Dinger, die er
hastig immer weiter über unsere Köpfe hinweg entfaltet, nervös mit dem Finger
auf ihnen herumkurvt, belämmert durch seine bescheuerte Halb-Brille glart und
der Selmine Städtenamen und Strassennummern diktiert (dass die bis heute nicht RIECHEN, wo's lang geht – eine echte
Behinderung!); wenn's also nur ein Wälzer ist, kann er den ja auf den Knien
balancieren. Doch bereits die Frage, mit welchem Finger welcher Hand er die
Seiten umblättert, kann über Sein oder Nicht-Sein – zumindest des abendlichen
Kachelofen-Friedens – entscheiden. Liegt Maxine rechts von Anselm, hebt dieser
kurz seine Hand von ihrem feisten Wanst behufs erwähnten Umblätterns oder gar,
um etwas auf irgendeinen seiner tausend
Zettel zu kritzeln, ist es schon geschehen: Knurr, Fletsch etc. – die ganze
Palette. Diese Trübung des Haussegens kann nur mit folgender strategischer
Weitsicht-Planung umgangen werden: Selmine muss noch 'rechtser' von Maxine
sitzen und die Anselm'sche Streichelei während des Blätterns bzw. Kritzelns
kurzfristig und nahtlos übernehmen. Was bereits stringent beweist, wie
kompliziert und eifersüchtig die Weiber sind.
Richtig schlimm wurde es aber
erst, als der Step-Hans kam – Ihr wisst schon, der im Unterleibchen mit den
offenen Schuhen (auch bei meterhohem Schnee und klirrender Kälte), der ist eben
nicht so ein Weichei, und er pinkelt auch am liebsten im lauschigen Mischwald –
also für den Step-Hans bin ich jederzeit zu irgendwelchen Schandtaten bereit
und als er da mit seiner Strahlefrau daherkam (welcher Anselm wiederum die
Wünsche von den blauen Augen abliest, wobei ich nie ganz sicher bin, ob er ihr wirklich und nur in die Augen schaut...)
und mich aufforderte, seine rezente Russell-Dame zu beglücken, konnte ich
natürlich schwerlich ablehnen. Maxine wurde rücksichtsvoll in die hinteren
Gemächer verstaut, derweil ich meinen Verpflichtungen nachkam. In einer knappen
halben Stunde war 'game over' – und neun Wochen später gab's vier kleine Mäxe mehr.
– Aber die Maxine macht seither ein Riesengeschrei, sobald wir in den
Dunstkreis irgendwelcher Hundeweiber kommen – seien sie noch so alt, riesig
oder fett. Q.e.d.
Jetzt habe ich das Phänomen
Eifersucht mal ein bisschen näher unter die Lupe genommen und mit Erstaunen
festgestellt, dass sich fast alle Übel dieser Welt letztlich auf die Eifersucht
zurückführen lassen – allerdings auch fast alle Errungenschaf-ten. Oder glaubt
denn irgendjemand, beim Wettlauf um die Eroberung des Mondes, bei der Befreiung
von Kuweit oder bei der ganzen Piepshow rund um Sexy-Bill sei es je um
sachliche oder gar ethisch wertvolle Ziele gegangen? Beim Ringen um die
Weltherrschaft, um Macht, Einfluss, Besitz und Wissen – das Motiv heisst immer
Eifersucht. Mehr haben, mehr sein als der andere – und damit die Spiesse
umdrehen: die eigene Eifersucht loszuwerden und gegen die des anderen
einzutauschen. Und damit platzt auch die illusionäre Seifenblase, Eifersucht
sei ein vorwiegend weibliches Phänomen. Der Unterschied liegt nur bei den
auslösenden Faktoren: bei den etwas einfacher strukturierten Tysons,
Terminators und Milosevics ist es plumpe physische Kraft, Waffengewalt und
darauf beruhende Macht; bei den raffinierteren Evas, Cleopatras und Evitas ist
es eher intrigantes, auf Einzelpersonen fokussiertes Ränkespiel.
Ein Schwächezeichen ist die
Eifersucht, die – wie der Volksmund weiss – 'mit Eifer sucht, was Leiden
schafft', allemal. Sie beruht auf Unsicherheit, mangelndem Selbstwertgefühl und
daraus folgender Anerkennungs-Sucht. Dabei gälte es bloss, genauer hinzusehen.
Das mit Eifersucht bedachte Wesen – oder Unternehmen, der Staat, die Nation,
Rasse oder was auch immer – weist bei näherer Betrachtung immer ausgleichende
Mängel auf. Und wenn sich selbige nicht bereits bei der Status-Quo-Analyse
zeigen, so spätestens bei der Beobachtung über einen längeren Zeitraum. Das
Schicksal lässt sich auf die Dauer nichts Inkorporiertes entgehen. Jeder und
jede hat ein Lernprogramm, keiner ist lebenslänglich nur 'Hans im Glück'.
Und neben dem beruhigenden Gefühl,
die das Erkennen dieser ausbalancierenden Kraft des Schicksals vermittelt,
beschert uns das beharrliche Hinschauen noch eine viel bedeutendere Einsicht.
Alle Eifersucht auslösenden Faktoren können vom eifersüchtigen Wesen in sich selbst
gefunden und entwickelt werden. Vielleicht nicht bis zu einem 1:1
vergleichbaren Niveau, aber in der Grundsubstanz. Wer diesen –
zugegebenermassen etwas beschwerlichen - Weg wählt, wird die Eifersucht los wie
das heranwachsende Kind die Windeln. Alles, was bis anhin Neid und Missgunst
erregte, wird zum Motor der Eigenentwicklung, zur Motivation, die erstickend
engen Bewusstseins-Grenzen zu erweitern, das gut verpflockte Ich-Zäunchen etwas
lockerer zu stecken, jederzeit bereit, noch ein bisschen mehr vom Welt-Kuchen
zu integrieren. Dass die abgeschotteten Helvetier da vielleicht ein Quentchen
mehr Mühe haben als andere, liegt auf der Hand – aber wie gesagt: kein Grund
zur Eifersucht...
HALALI
Es wäre eigentlich Jagdzeit –
aber, hélas – im biederen Helvetien ist das ein Fremdwort. Zumindest ist das,
was vom Bedeutungsumfang des Terms 'JAGD' hierzulande übrigbleibt,
spärlich-marginal-sauwenig. Jagd braucht Platz – und genau das hat's nicht
hier. Es bräuchte aber auch Platz in den Köpfen, und auch da ist's fürchterlich
eng. Eigentlich verständlich: die Schweizer in den Städten sehen bis zum
nächsten Häuserblock, das einzige, was sich bewegt, ist das Tram (und auch das
ziemlich stockend); die auf dem Land sehen mit knapper Not bis zum verhassten
Nachbarn, im besten Fall zum nächsten Berghügel, der den Horizont einengt, das
einzige, was sich bewegt, ist die Pendeluhr der Urgrossmutter, und auch die nur
immer hin und her. Wer will da erwarten, dass irgendeiner weiter denkt als bis
zur eigenen Nasenspitze. Wenn sich ein Schweizer von A nach B begibt, hat er
das gefälligst gesetzes- und gesellschaftskonform auf den haargenau
vorgetrampelten Wegen zu tun: auf dem Trottoir bis zum mit Ketten markierten
Fussgängerstreifen, rüber, entlang der Kette auf dem anderen Trottoir weiter.
Dieses Bild gilt symbolisch für jede Bewegung eines Helvetiers, auch für die
(seltenen) geistigen. Das Grässlichste an dieser Beobachtung ist, dass es nicht
etwa nur die Alten, Verknöcherten sind, die so dahinvegetieren, sondern dass
auch massenweise Jugendliche vom Erstarrungs- und Konformitäts-Virus infiziert
sind. Entsprechend missmutig und missgünstig glaren sie in die trübe
Herbstlandschaft und reagieren mit verächtlichem Unbehagen auf
Fröhlichkeitsausbrüche von Ausländern. 'Nimmt mich Wunder, was die zu lachen haben.' Eben. Vergeht
ihnen auch früher oder später. Eine australische Frohnatur macht sich in
unserem Kaff einen Spass draus, all die abgelöschten Miesmacher herzerfrischend
anzustrahlen und zu grüssen – mit dem grandiosen Erfolg, dass an den von saurem
'Ostschweizer' müffelnden Stammtischen bereits gemunkelt wird, sie sei 'wohl
nicht ganz hundert'. Natürlich kann man all den Touristen, Fremdarbeitern und
Nestbeschmutzern ganz klaren AUNS-Wein einschenken: "Haut doch ab, wenn es
Euch nicht passt hier!" Früher hiess es noch "Moskau einfach für
solches Gesindel". Aber darum geht es mir gar nicht. Ich wage bloss, die
heikle Frage nach dem lebenswerten Leben zu stellen. Die hohe Selbstmordrate
Helvetiens spricht ja auch nicht gerade für das Wohlbefinden der Bewohner
dieses hübschen Fleckens Erde. Noch delikater: die Frage nach dem meist
geschundenen Polit-Wort, der Freiheit. Die Freiheit des Schweizers besteht doch
vor allem darin, dasselbe Produkt zum selben Preis im Migros oder im COOP zu
erwerben – und auch das gilt nur für die Städter. Wer auf dem Land nicht im
'Landi' bzw. im VOLG einkauft, ist ein Verräter, wird geschnitten, wird
möglicherweise sogar aus dem Turnverein, Männerchor oder sonst einem Club
geekelt. Der winzige Freiraum, den der Staat dem Einzelnen lässt, wird von der
verfilzten, kleinkarierten Vereinsmentalität zubetoniert. Ein Land, in dem die
geringste Abweichung von der Norm zur Ächtung führt. Drum wehe dem Begabten,
wehe dem Herausragenden oder gar dem Exzentriker: wenn der
behäbig-lethargisch-zähflüssige Eidgenosse einmal
schnell ist, dann beim gnadenlosen Absägen von allem und jedem, das über die
unverrückbare Norm hinauswächst – in welche Richtung auch immer. Wehe dem
Politiker, der sich nur schon akzentfrei – oder gar stolperfrei und klug –
auszudrücken weiss. 'Das ischt keiner von uns' murrt das Fussballvolk. Zu
Recht, gottlob, schliesslich bräuchte ja ein guter Politiker gerade Qualitäten,
die dem einfachen Mann abgehen. In der Wirtschaft, wo der Arm des nivellierenden
Biedermanns nicht immer hinreicht, wartet er mit Hochgenuss auf den Fall, den
Sturz oder wenigstens das Straucheln dessen, der es wagt, sich aus dem Brei der
Normalität herauszurecken. Wahrscheinlich zählt die Befriedigung über das
Scheitern des andern zu den ganz wenigen Lustgefühlen des Helvetiers. Aber hier
liegt auch die Chance: die lustlosen Gesellen sterben langsam, aber sicher aus.
Wenn wir die nun folgende Zeit der totalen Vergreisung Helvetiens überleben,
gibt's irgendwann nur noch junge Mischlinge. Es ist wie beim CH-Pferd: völlig
wurst, was wir einkreuzen, es kann nur aufwärts gehen. Und allzuviel Nachwuchs
braucht's ja gar nicht in dem übervollen Rattenkäfig. Wer weiss, vielleicht ist
in fünfzig Jahren auch Jagen möglich in der Schweiz, mit Mischlings-Bauern, die
mitreiten, statt auf die Jagdreiter zu schiessen, mit Frauen, die frohgemut
heisse Getränke bereiten, statt verhärmt die immer wieder auf ihr Kunst-Räsli
fallenden Herbstblätter zusammenzurechen, in Plastic-Säcke zu wurgen und mit Abfallmarke
an die Strasse zu stellen (political uncorrect, ich weiss: selbstverständlich
könnten es auch mitjagende Frauen und
getränke-servierende Männer sein).Na
ja, vorläufig gehören solche Visionen ins Land der Träume. Realität sind die
lächerlichen Vereins-Fuchsjägdchen, die sich von einem biederen Ausrittchen
höchstens im Alkoholkonsum unterscheiden. Realität sind die
Vereins-Generalversammlung-en, wo alle gegen alle Trumpf ist – und Realität ist
die muffig-nivellierende CH-Mentalität, auch gegenüber pferdesportlichen
Helden. Wenn ein grandioser Weltmeister in der zweitgrössten Schweizer
Tageszeitung mit der Headline 'Pfiffe statt Musik' gefeiert wird, illustriert
das doch bestens, wie ein Volk mit Grössen umgeht. Es wäre zu billig, nur mit
dem Finger auf die Presse zu zeigen: die Medien widerspiegeln nur die
Volksmentalität. Wir verdienen anscheinend zur Zeit nichts Besseres...
Ein Hoch der Heiligen Vereins-Kuh
Meine Mäxin hat mir ins Gewissen
geredet: ich sollte wenigstens versuchen, zerknirscht dreinzublicken und nicht
noch hämisch zu ginsen, wenn die arme Frau Redaktöörin sich mit
kündigungs-drohenden, wutentbrannten, rechtschaffenen Vereinspräsidenten
herumschlagen müsse – nur weil Mäxchen letzthin mit dem falschen Vereinsbein
aufgestanden sei...Okay, okay, ich geb's ja zu, es gibt tatsächlich Vereine mit
hehren Absichten, und vor allem erfüllen sie eine eminent wichtige soziale
Funktion in Helvetien: sie rechtfertigen, ja sanktionieren den Ausgang, das
Wochenende, ja gar Ferien ohne den längst als langweilig empfundenen
Ehepartner. Was für ein herrlich sauberes Alibi ist doch der Treff mit
Gleichgesinnten, seien es nun Briefmarkensammler, Latin-Dancers oder
Hobby-Köche. Man stelle sich vor, man müsste unter der Haustür begründen, warum
man gerade heute gerade mit jenem oder jener gerade dorthin zu gehen
beabsichtigt und gerade dies oder jenes zu tun gedenke. Wie geradezu genial
einfach ist daneben das Jahresprogramm des Vereins, das ja ziemlich zwingend
vorschreibt – idealerweise immer am selben Wochentag – sich behufs gemeinsamen
Tuns um x Uhr nach y zu begeben. Da tönt es sogar für viele Zuhausebleibende
noch bauchpinselnd glaubhaft, wenn der Ausgehwillige irgendetwas von 'Ich würde
heute ja viel lieber mit Dir..' faselt, um dann freudestrahlend davonzubrausen.
Unsere heuchlerische, wenigstens zum Schein dem prüden Protestantismus
verpflichtete Gesellschaftsmoral schreit geradezu nach Vereinen. Und dann
gibt's da ja auch ganz praktische Erwägungen: wie könnten die einzelnen
Muttchen in unserem Agility-Clübchen denn die teuren Stängeli, Ständerli,
Schläuchli und Treppli kaufen, aufbewahren und unterhalten, wenn sie nicht ein
Vereinskässeli hätten? – Na ja, stimmt eben auch wieder nicht. Die Damen
könnten durchaus eine andere Gesellschaftsform wählen, eine ehrlichere,
kommerzielle, wo niemand eine ideelle Grundhaltung erwartet. Wenn ein paar
Bauern sich zu einer Landmaschinen-Genossenschaft zusammenschliessen, so kommt
niemand – schon gar nicht die Beteiligten – auf die abstruse Idee, sie täten
das aus purer Nächstenliebe oder sonstigen ethisch wertvollen Gründen. Sie
tun's aus rationalen, finanziellen Erwägungen bzw. aus purer Not, weil so ein
Mähdrescher ein Heidengeld kostet und sich die Anschaffung schlicht nicht lohnt
für die paar lumpigen Hektärli – einmal im Jahr! Aber die sind wenigstens
ehrlich und fluchen, wenn's dann endlich mal nicht schifft im Juli und alle
gleichzeitig drauflosdreschen wollen. Nicht so die Vereinsfritzen, die tun
immer so sektiererisch, wie wenn sie zu hehrsten Zwecken und mit Gottes
ausdrücklicher Beihilfe Kaninchen züchten (mmh – lecker!), Tuba- Blasen oder
Turnier-Jassen würden. Gut, die steuerliche Begünstigung reizt, aber das ist
noch lange kein Grund, auch intern so scheinheilig zu tun. Da lob ich mir den
Mister IENA, der macht keinen Verein auf, sondern eine währschafte AG. Der
behauptet auch nicht, er hätte 'intensiv mit der Basis diskutiert' (wie die
Exponenten aus der Ostschweiz, die damit ihr Nein zu IENA begründeten, ohne
auch nur ein einziges Vereinsmitglied gefragt zu haben: oder ist ein bisschen
Gehirnwäsche mit den Rayonchefs schon genug Demokratie?), nein, der entscheidet
ganz allein – vorläufig noch (gottlob geraten die 30% SVP-Beteiligung auch im
übelsten Fall nicht zur Sperrminorität), darum geht's noch in rasantem Tempo
vorwärts mit dem Jahrhundertwerk, auch ohne die AUNS-artigen Hinterwäldler aus
dem Ostschweizer Club, die in gut appenzellischer Manier mal zu allem Nein
sagen. Es könnte ja 'emänd' in Arbeit, schlimmer: Verantwortung, noch
schlimmer: Geldbeiträge ausarten. Das lässt man doch mal hübsch die andern
riskieren, sollte es wider Erwarten doch etwas auch für die Mostindier
Profitables geben, kann man alleweil noch auf den fahrenden Zug aufspringen.
Und überhaupt, die Chance, dass der ölige Poldi-Regional im fernen Avenches
unten ein Kürsli veranstaltet, ist winzig, wo er doch kaum des Französischen
mächtig ist. Versteht Ihr jetzt, warum mir dieses Gemeinschaftssinn-Getue so
zuwider ist: die sollen doch zu ihrer engen Egozentrik stehen. Die Frage ist nur,
was solche Gärtli-Hüter in einem nationalen Verband verloren haben. Und noch
mehr frägt sich, was die Basis-Heiris zum Sport, insbesondere zum
Leistungssport, zu sagen haben. Soll sich doch der Poldi um das kümmern, was er
versteht: um das Ostschweizer Gelb im Unterschied zum Zentralschweizer Gelb, um
die neue Standarte zur Jahrtausendwende und was der bedeutenden Dinge mehr
sind. Aber wenn ein selbstherrlicher Spaliersteher höchstenorts die Beschickung
der Weltreiterspiele sabotieren will – notabene ohne die x-tausend
Freizeitreiter, die er zu vertreten vorgibt, je um ihre Meinung gefragt zu
haben -, dann drängt sich doch die längst fällige Trennung von Basis und
Leistungssport einmal mehr auf. Revierabgrenzung mag nicht unbedingt zum
hundertjährigen Frieden führen, aber doch wenigstens zu einem soliden
Waffenstillstand. Bis dann wird weitergemotzt, wenn die Basis ins Sport-Gärtli
pinkelt. Merkwürdigerweise ist das Umgekehrte meines Wissens noch nie
vorgekommen. Oder gab's schon je einen Leistungssportler, der sich lautstark
gegen die neue Ostschweizer-Krawatte gewehrt hätte?
Halbgötter-Boten
Was wären wir ohne sie, die uns
täglich, bei Bedarf auch nächtlich und stündlich, die lebensnotwendigen 'Infos'
vermitteln. Vom Haifischfang in Shanghai über bornierte Hornochsen in Borneo
bis zum Rocky-Klo in Tokio – all das also, was unserem Dasein den eigentlichen
Sinn gibt – liefern uns diese nächstenliebenden Menschenfreunde, diese
selbstlosen Heilsboten, frei Haus, meist unaufgefordert, einfach so, weil es ihre
Mission ist, weil sie vom tiefen Glauben beseelt sind, damit die Welt zu
verbessern. Und wenn man um sich schaut und all das, was sie uns mit ihrem
weltumspannenden Mitteilungsdrang so bescheren, auf seine Heilswirkung
abklopft, kann man tatsächlich nur ehrerbietig staunen. Alle Menschen haben –
Info-sei-Dank – Verständnis füreinander, sind einander wohlgesinnt, tolerieren
und akzeptieren auch noch so Andersfarbiges und –artiges. Fremdenfeindlichkeit,
Rassenhass, Tierquälerei, Krieg – verstaubte Vokabeln aus längst vergangenen
Zeiten. Liebe, Harmonie und Miteinander, Verständnis und Solidarität verbindet
die Welt – alles dank dem aufopfernden Einsatz der modernen Halbgötter-Boten.
Und wisst Ihr, was das Schönste ist? Sie lassen uns nie allein mit all der
Fülle von Facts. Zuerst einmal wählen sie für uns aus, denn sie wissen, was uns
frommt. Aus Hunderten von Mitteilungen scheiden sie sorgsam und
aschenbrödel-gleich 'die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen', nur
dass mit dem 'Töpfchen' der Papierkorb gemeint, mit dem 'Kröpfchen' hingegen
unser Schluckvermögen angesprochen ist, denn die sakrosankte Hauptregel im
Infogeschäft heisst 'only bad news are good news'.
Nicht genug mit der Selektion, die
Infos werden auch noch mundgerecht aufbereitet. Je nach Zielpublikum etwas
einfacher, emotionaler – damit's auch der Sepp jede Woche auf einen Blick
'checkt' -, mit ganz kurzen Sätzlis oder Bildlis für den modernen Typus des
konzentrations-unfähigen, häppchenweise aufnehmenden Knapp-Alphabeten, oder etwas
intellektueller, mit klug klingenden Fremdwörtern, anspruchsvollen
Querverweisen und Metaphern angereichert für die aussterbende Gattung der
Bildungsbürger.
Doch jetzt zum Wichtigsten: in
einer kundenorientierten Zeit, wo dem Endverbraucher alles 'leicht gemacht'
werden soll, vom (Kilos-)Abnehmen über das (Embryo-)Aufnehmen bis zum
(Hühner-)Ausnehmen – light products and services sind trendy! – wird uns von
den modernen Merkurs auch die Deutung ihrer Heilsbotschaften leicht gemacht.
Einfühlsam und wissend um unsere Sorgen und Nöte liefern sie uns zu jeder
vorselektionier-ten und präparierten Info auch gleich die pfannenfertige
Bewertung mit. Die oft nicht einmal als Meinung gekennzeich-nete Kommentierung
der Facts ist eigentlich der grosse, heils-bringende Kundennutzen. Die meist
über ein beeindruckendes Fachwissen verfügenden Infotainers lassen uns bei der
in Zeiten des Wertezerfalls schwierigen Einordnung der Ereignisse in gut und
böse nicht allein in unserer Hilflosigkeit. Nein, die selbsternannten Priester
der Neuzeit weisen uns den Weg durch den Info-Dschungel zum Licht, das uns
gefälligst aufzugehen hat beim Aufnehmen ihrer weisheits-durchtränkten
Orakel-Deutungen. Woher die das alles wissen und können, fragt ihr, erschauernd
ob solch erleuchteten Tuns? Fragte ich mich auch schon, ganz heimlich. Der
Schulsack kanns wohl kaum sein, wo der Hauptharst der Zunft aus
abenteuerlustigen Bürolisten, vorzeitigen Schulabgängern, pensionierten
Sportlern und werkmüden Handwerkern besteht. Auch an der Motivation, der
eigentlichen Berufung, kann's schwerlich liegen, enden doch die meisten erst
als Berichterstatter, nachdem sie sich – meist erfolglos – in dem Bereich
versuchten, über den sie dann schreiben. Okay, die tausendfache – oder bei
bescheideneren Erzeugnissen wenigstens hundertfache – Multiplikation des
eigenen Gekritzels, das ist schon ein Lustmoment, ein Kick, der manchen das
beileibe nicht leichte Los auf sich nehmen lässt. Nicht mal Mäxchen ist vor
solchen Genüssen gefeit: die eitle Vorstellung, dass da so ein gestandener,
grossgekotzter Medien-Mogul diese Zeilen läse und sich so richtig ärgerte –
herrlich, zugegeben, wenn auch eher illusionär.
Und doch, bei allem Hohn, man
stelle sich mal kurz eine Welt ohne Paparazzis, ohne Sterne- und Börsendeuter,
verkachelte Wetterpropheten, Explosions- und Fusionsreporter und – nicht zu
vergessen – ohne die legendenumflorten Helden der Branche, die
Kriegsberichterstatter, vor. Ist es überhaupt auszudenken, wie
hinterwäldlerisch unsolidarisch wir wären, hätten wir nicht das tägliche
Häppchen Mord und Totschlag, sex and crime. Medien-sei-Dank eilten wir doch
gleich nach Sarajewo, nach Tschetschenien, Bosnien, Kroatien, in den Kosovo,
als wir erfuhren, wie schlecht es denen geht. Und auch unsere Kids: gab es je
aufgeklärtere, friedlichere Kinderleins? Gut, ab und zu legt halt ein erboster
Sechsjähriger einen Dreijährigen um, weil er dessen Spielzeug haben möchte –
'Haben' ist nun mal trendiger als 'Sein' – aber wir wollen nicht gleich aus
jeder Mücke ein Elefäntchen machen.
Was dieser schreibende
Nestbeschmutzer, dieser motzende Max mit seinem Gekläff gegen die eigene
Branche will, fragt ihr euch. Ich sag's lieber, bevor ihr mir wieder die arme
Frau Redaktöörin löchert. Ermunterung zur Skepsis, zu einer gesunden,
kritischen Haltung allem gegenüber, speziell dem, was so ins Häuslein flattert
und flimmert. Im besseren Fall machen die Journis dasselbe: sie hinterfragen
kritisch, recherchieren, leuchten aus, decken Unrat, Filz und Seilschaften auf,
versteckte Zusammenhänge, geheime Geldflüsse, Macht-Netze, Intrigen ohne Ende.
Und plötzlich wird klar, warum ein bedeutungsloser Verlagsleiter seinem
früheren Intimus, einem Spitzensportfunktionär, den er benachfolgen wollte,
Dreck nach und Steine in den Weg schmeisst.
Im allerbesten Fall wühlen die
'Watergate-ler' sogar ohne vorgefasste Meinung und ohne Angst vor den
Konsequenzen, der Wahrheit verpflichtet. Aber bei der ständigen Jagd nach
Abonnenten und Einschaltquoten kann diese tapfere Haltung geradewegs in den
Untergang führen. Als die ganze Autobranche der grössten politischen
Tageszeitung Helvetiens mit Inserate-Boykott drohten, kam der auto-kritische
Ton im redaktionellen Teil plötzlich abhanden. Hoffen wir, dass unser Blättchen
den Verlust des zum Busenfreund wechselnden Ostregion-Oberjehudis verkraftet,
nachdem man es wagte, in Sachen IENA anderer Meinung zu sein. Der Grat ist
schmal zwischen Gebrauch und Missbrauch von Macht. Es gilt, ein Gespür dafür zu
entwickeln. Also: Witterung aufnehmen, Papier nimmt alles an, sogar mein
Gebell!
Weihnachten: Max mag's mal malzig
Nach fast einem Jahr Gekläff und
Gemotze, das laut Bundespolizei Hunderte von Schweizern in den Rhein oder
schwerst depressiv ins Burghölzli trieb, will sich Mäxchen mal adventlich
zurücklehnen, Selmine ein paar Weihnachts-Guetzli vom Tisch klauen und über die
obligaten Päckli am oder unter dem Baum sinnieren. Das Jahresende mit den Fest-
und Fresstagen eignet sich doch besonders gut dazu, innezuhalten und über Sinn
und Unsinn unseres Treibens nachzudenken, gipfelnd in der Trilogie 'Rückblick –
Ausblick – Vorsätze'.
War's ein gutes Jahr? Nach welchen
Kriterien denn, bitte schön? Und schon sind wir mitten im dicksten
philosophischen Dickicht, wo sich Wertvorstellungen wirr durcheinander ranken.
Für den Menschenkenner-Gourmet reicht diese eine Frage, um eine recht klare
Vorstellung zumindest von den obersten Positionen des Wertsystems seines
Gegenübers zu kriegen. Selbstverständlich gilt es, die gröbsten
Oberflächlichkeiten wegzuwischen und die Frage nicht unbedingt im Lift zwischen
dem 1.Stock und dem Ausgang, sondern eher bei Candlelight und einem guten Glas
zu stellen.
Was ist geblieben von all den
Hoffnungen, Plänen und Vorsätzen des letzten Jahres? Was ist an Unerwartetem
passiert? Wie ging ich damit um?
Ich hab' die Fragen rundum
gestellt und will heute mit euch ein wenig in den Antworten wühlen. Da ist
zuerst mein Freund Fritz: er nahm sich wenig vor, mehr Verdienen, weniger
Ausgeben, gute Absicherung gegen alle Widerwärtigkeiten, Ferien wie immer
bewährten Orts, keine Bussen, keine Schulden. Nicht ganz unerwarteterweise
starb Tante Frieda; er ging korrekt damit um, Teilnahme an der Beerdigung,
Beileidsschreiben an die alleinstehende Tochter der Verstorbenen, angemessenen
Betrag einbezahlt auf das angegebene Spendenkonto, erledigt. Er hielt auch Mass
– wie vorgenommen – mit Essen, Trinken und Jassen. Sogar bei seiner
Leidenschaft, der Philatelie, hielt er sich zurück und erwarb nur wenige
Erstausgaben, meist sogar im Tausch gegen Postzeichen, die er im Doppel besass.
Unter 'erfreulich' lief bei ihm im vergehenden Jahr noch die – natürlich
geplante und erwartete – Auszahlung einer ersten Tranche seiner
Lebensversicherung. Das Geld wird aber vorläufig auf die hohe Kante gelegt, man
weiss ja nie...Im grossen und ganzen ist Fritz mit sich und dem Jahr zufrieden.
Schön, oder?
Da wäre vielleicht noch Kurt zu
erwähnen, ein kämpferischer Klein-Unternehmer. Auch er nahm sich vor, mehr Geld
zu verdienen und wollte hart daran arbeiten. Vor allem wollte er seinen
schärfsten Konkurrenten ausbooten, übertrumpfen oder noch lieber völlig vom
Markt verdrängen. Aber dazu kam es heuer nicht. Er war permanent im 'clinch'
und führte zeitenweise drei Gerichtsprozesse nebeneinander. Gegen seinen
Nachbarn, der ihm widerwärtigerweise eine hässliche Beton-Mauer vor die Nase
baute, gegen die Gemeinde, die von ihm und seiner Kunststoff-Fabrik masslose
Beiträge an die Kläranlage einforderte und gegen die regionale Zeitung wegen
Rufschädigung. Am liebsten würde er jetzt noch die Gerichte einklagen, die ihn
dreimal verlieren liessen. Auf jeden Fall zieht er die Ungerechtigkeiten
weiter, notfalls bis nach Brüssel. Der streitbare Mann ist messerscharf in
seinen Analysen. Für alles und jedes Ungemach – auch in der Weltpolitik – kann
er den Schuldigen bezeichnen. Am besten aber weiss er, wer für sein
persönliches Unglück verantwortlich ist: wie aus der Pistole geschossen kommen
die Namen über den Plastik-Tisch geflogen. Merkwürdigerweise ist sein eigener
nicht dabei...
Als kleinen Kontrast dazu vielleicht
Marie-Madeleine. Sie verlor ihren Job als Direktionssekretärin wegen
Restrukturierungs-massnahmen, ihr Pferd wegen Kolik und lag selbst
längerfristig darnieder mit einer Bandscheibengeschichte. Die
leiden-schaftliche Reiterin und Wintersportlerin muss notgedrungen kürzer
treten. Als wäre das nicht genug, starb vor kurzem noch ihre Mutter. Ihr
bettlägeriger Vater ist auf Pflege angewiesen. Marie-Madeleine wirkt friedlich,
ausgeglichen, ja sie strahlt sogar Zuversicht aus und hat dafür auch eine erstaunliche
Erklärung: sie sei früher oft sehr ungeduldig, gestresst und über-ehrgeizig
gewesen. Die Ereignisse dieses Jahres gäben ihr nun Gelegenheit, zu mehr Geduld
und innerer Ruhe zu kommen. Sie hätte auch immer Abscheu gehabt vor der
Vorstellung, alte Menschen pflegen zu müssen. Jetzt – mit der Pflege ihres
Vaters – erkenne sie die schönen Seiten auch dieser Tätigkeit. Trotz
hartnäckiger Nachfrage ist ihr kein Hadern und keine Schuldzuweisung zu
entlocken. Sie übernimmt mit einer bewundernswerten Gelassenheit die
Verantwortung für alles, was ihr zustösst. Wenn Hunde Hüte trügen, zöge ich
meinen. Irgendwie erinnert sie mich an die Sonntagsschulgeschichte von Hiob,
der auch bei sämtlichen Schreckensnachrichten sein stereotypes 'okay' murmelte.
Ich selbst bin zugegebenermassen
noch nicht so weit. Ich kämpfe nach wie vor gegen Leinenzwang und Maulkörbe.
Und ich pinkle auch weiterhin mit grösstem Vergnügen irgend-welchen
aufgeblasenen Königspudeln an die coiffierten Krausen. Oder beisse die
Grossgekotzten in die Waden, die auf dem Rücken anderer mit geliehener Macht
jonglieren, seien es mickrige Zöllner, schleimige Verbands-Hansdämpfe oder schmutzige Medienmogule. Natürlich könnte man das
Ganze auch bleiben lassen. In der Regel holt das Schicksal auch ohne unser Dazutun
die Miesen ein. Früher oder später. Meistens später. Und da ist es doch in
höchstem Masse verlockend, etwas nachzuhelfen. Ich versprech's Euch ja, mit
neunzig mach' ich das nicht mehr (oder nur noch ein ganz klein bisschen...).
Schliesslich muss man mit Reaktionen rechnen, die nicht immer vergnüglich sind.
Tritt man in ein allzu grosses Fettnäpfchen, kippt man selbst auf dem
glitschigen Untergrund aus der Balance. Und ab und zu entpuppt sich so ein
Angepinkelter als rasende Bestie, die ihr sorgsam zusammen-geklebtes
Filz-Häuschen mit Ingrimm verteidigt. Doch – allen Raufereien zum Trotz – nehme
ich mir nicht zu viel Zeit zum Wunden lecken. Auf geht's zu neuen Taten. Volle
Kraft voraus und mit viel Schwung in den Schnee gehechtet. Mal schauen, was da Erbauendes
am Tannenbaum baumelt für mich. Den Braten habe ich zumindest schon gerochen.
Wollt Ihr noch was Beschauliches für die Neujahrs-Startbox? Okay, ich hab' da
mal ein super Gebet gehört, das gut als Leitlinie taugt: 'Herr, gib mir Mut und
Kraft, das zu ändern, was ich ändern soll, gib mir Geduld und Demut, das
anzunehmen, was unabänderlich ist und gib mir Weisheit und Einsicht, das eine
vom andern zu unterscheiden.' Nur: das mit dem Unterscheiden klappt eben nicht
immer...
Spiel und Deal
Selmine hat das Apportieren entdeckt, und da sie sich
so kindlich freut, mache ich mit – und gute Miene zum harmlosen Spielchen. Am
liebsten wirft sie einen Schneeball, und da sie keine militärische Ausbildung
im Dienst für's Vaterland genoss ('Laufmündung folgt Blickrichtung'), ist es
auch für einen vifen Top-Profi wie mich kaum voraussehbar, wohin sie das weiche
Ding zu steuern gedenkt, ja es fragt sich, ob sie überhaupt irgend ein Ziel
anvisiert, noch schlimmer: ob überhaupt irgendein Bezug zwischen der intendierten
und der realisierten Flugkurve hergestellt werden kann: sie glart nach Osten,
macht eine etwas behindert wirkende linkische Armbewegung in ihrer plumpen
Snöber-Jacke, die eine Wurfparabel in der oberen Winkelgruppe Richtung Norden
erahnen lässt, worauf das Pfluderding hinterhältig und überraschend für alle
(auch für sie!) fünf Meter Westsüdwest in den Tiefschnee plumpst. Stürze ich
mich heldenhaft in die weissen Fluten, in denen ich logischerweise einsinke und
genötigt bin, mich halb schwimmend, halb strampelnd fortzubewegen, werde ich –
statt mit Applaus - mit Hohn und Spott überschüttet. Doch nicht genug, es wird
ein Riesentheater vollführt, wenn ich das nach nichts riechende, konsistenzlose
Flockenkonglomerat, das sich beim geräuschlosen Aufprall spurlos und ohne
weiteres Dazutun in seine Herkunftsmaterie zerlegt, nicht postwendend und
nullkommaplötzlich zu Muttelis Fusseli legen kann (wobei mich das zart-elegante
Gehgerät Selmines in diesen Quadratlatschen doch eher an eine Oerliker
Mehrzweckhalle gemahnt).
Und wenn ich den blöden Schneeball noch fände – womit
und wie sollte ich ihn den apportieren, bitte schön? Wohl einleuchtend, dass
diese flauschige Software in meiner Gebiss-Hardware im Nu zu Brei wird – im
besten Fall tropft noch etwas H2 0 von den Lefzen, schliesslich herrschen in
meinem Killermäulchen tropische Temperaturen.
Aber eben, ich lasse sie ja
gewähren, man steht da cool drüber und denkt sich sein Teilchen: das
Apportierspielchen – zumindest in dieser fiesen Schneeballvariante – zeugt von
einer gehörigen Portion Schadenfreude seitens des Zweibeiners (also Selmines!),
bringt er/sie doch den Apportierenden (also mich!!) um den eh schon schäbigen
Lohn für seine akrobatisch-athletischen Bemühungen. Wenn man seinen edlen
Freund und Helfer sinnlos durch die Gegend hetzt, sollte er wenigstens die
Chance haben, zu einem bescheidenen Erfolgserlebnis zu kommen. Versagt man ihm
dies, so kann man unschwer und zu Recht auf die charakterliche Fragwürdigkeit
der vielen Zweibeiner schliessen, die solches und ähnlich Läppisches von ihren
treu ergebenen Vierbeinern fordern. Man schaue nur mal, was der Anselm ständig
mit seinen Rössern treibt: was da sinn-, ziel- und zwecklos im Kreis
herumkutschiert wird; mal schnell, mal langsam; mal schief, mal scheps, mal
schräg ochst er in der öden, fuchs- und hasenlosen Manege herum (o.k. einmal in
der Woche trainiert er bei einem Fuchs, und bei gewissen Gelegenheiten reitet
ein Fisch mit oder schaut ein Has' zu, einmal war er sogar bei Bärs und mal bei
Wolfs - aber in diesen Fällen lässt er mich garantiert nicht von der Leine...).
Und dann lässt er sie ständig über diese farbigen Hölzer hechten, die ich immer
wieder neu markieren muss. Und wenn wir draussen rumfetzen, sucht er sich nicht
etwa den kürzesten und schnellsten Weg oder folgt einer herrlichen Wild-Spur –
im Gegenteil, da werden laufend Schlaufen und Schlenker eingebaut, um über
stinkige Siloballen, reizlose Holzstösse und fischarme Bäche zu hüpfen. Und
wenn die braven Hü's all die unnötigen Anstrengungen bewältigt haben, ohne auch
nur ein einziges Wildschwein aufgescheucht zu haben (ich habe vor kurzem eine
ganze Familie dieser plumpen Borstentiere durchs Unterholz gejagt, hei, war das
ein Grunzen, Quietschen und Keuchen, 7 Tonnen 'sanglier' auf der Flucht vor
vier Kilo 'chien'!), dann hat der Anselm seinen Sonntags-Smile drauf und bildet
sich ein, er hätte sie ausgebildet, er hätte sie er-zogen, weil sie so schön
zogen.
Dabei ist der springende Punkt,
der sie zum Springen bringt, eine schlichte Milchbüechli-Rechnung. Im
Unterschied zu den Zweibeinern verstehe ich ja, was seine Rösser abends im
Stall beim genüsslichen Heumampfen so diskutieren. Meist ist es der alte
Dunkelbraune, der den jüngeren aufgeregten Buben gemächlich kauend seine
Weisheiten bekannt gibt: "Eigentlich ist er o.k., ich hatte meiner Lebtag
gut zu fressen, viel Weidegang, konnte mich ausreichend austoben, hatte immer
Artgenossen um mich und sah aller Herren Länder auf unseren Reisen. Natürlich
verlangte er immer wieder komische Dinge von uns – weißt Du noch, Schreckbube,
als er uns mitten durch diese Schweineherden trieb? Grässlich, nur schon dieser
dümmliche Duft und das würdelose Gekreisch – aber unmöglich ist es nie, was er
will, höchstens etwas sinnlos. Also spielt das Spielchen mit, gebt ihm auch bei
unnatürlichen Aufgaben das Gefühl, dass ihr's gern macht. Z.B. wenn er euch im
vollen Galopp gegen einen Tisch mit Karotten, Äpfeln und anderen leckeren
Naschereien steuert, euch aber nicht etwa anhalten und fressen lässt: springt
drüber – und er freut sich wie ein Kind. Die überhüpften Rüben findet ihr mit
grösster Wahrscheinlichkeit selbigen Tags in der Abendration; die klaut er
nämlich manchmal nach gehabter Schlacht. Auch Du, junges Langbein, wenn Deine
Selmine Dich - womöglich noch bergab - gegen einen fürchterlichen Graben oder
einen Teich steuert, brauchst Du nicht etwa rechtzeitig anzuhalten, um euch
beide zu retten, nein, spring rüber oder rein – sie braucht das."
So tönt's jeweils bei
Sonnenuntergang, derweil ich die aus der Futterkrippe geschubsten
Delikatesskörner nasche, vor allem beim jungen englischen Milchgesicht hat's
haufenweise, weil der so ungestüm mit seiner langen Nase drin rumfuhrwerkt.
Doch der taube Anselm versteht's nicht (wenn man denkt, dass der arme Kerl auch
nichts riecht!) und ereifert sich in der Festwirtschaft, quatscht irgendetwas
von 'natürlichen, artgerechten Aufgaben für Pferd und Hund'. Dabei würde ich
für sein Strahlen (und einen guten Knochen...) sogar mit einem Hasen einen Jass
klopfen, die Rösser würden sich ins Bett oder in eine Limousine legen (einer
macht doch so Zeugs?), wenn sie ihrem Ernährer damit eine Freude machen können.
Na ja, 'de Mäntsch isch komisch' – Hauptsache, wir haben den Durchblick...
Entschieden für die Entscheidung
Eine Hasenfährte führt nach links,
eine frische Fuchsspur nach rechts. In Sekundenbruchteilen muss ich mich
entscheiden, welcher ich folgen soll. Beim Hasen sind die Erfolgschancen
grösser, beim Fuchs die Herausforderung – beides kann schiefgehen. Die Chancen,
überhaupt etwas zu erreichen, sinken rapide, je länger ich zaudere – also nix
wie los, dem Fuchs hinterher. Da brüllt schon Anselm durch den morgendlichen
Wald mit seiner Opern-Röhre: "Maaaaxxx! Fuuuusss!" – und bringt mich
in ein weiteres Dilemma: gehorchen, gelobt werden, 'Guti' kriegen, oder
weitersausen, dem Jagdtrieb folgen, der eigentlichen Bestimmung eines Jack
Russells? Ich entscheide mich zeitverzugslos für Letzteres. Resultat: Pleite!
Der Fuchs ist über alle Berge. Bei einer asphaltierten Strasse verliere ich die
Spur. Was nun? Von hinten möglichst unauffällig zurück zu Anselm, der
wutschnaubend in alle Himmelsrichtungen pfeift und schreit. So tun, als ob
überhaupt nichts gewesen wäre, in munterem Trab links an Anselm vorbei, der auf
Mimo-Schreckbube herumfuchtelt, ständig Handschuhe auszieht, durch die Finger
pfeift, Handschuhe wieder anzieht – ein richtiger 'Gfröörli'! Er schimpft noch
irgendetwas, ich setze meine überzeugendste Unschuldsmiene auf und tue so, als
gälte das Gezeter der ganzen Welt, nur nicht mir. Und schon beruhigt er sich
hörbar, plappert mit seinem Reittier, das sich wieder mal misstrauisch
schnaubend an längsliegenden Holzstössen stösst – lägen sie nämlich quer zur
Reitrichtung, würde er sie mit grösstem Vergnügen hüpfen...
Hätte ich anders entscheiden
sollen? Den Hasen verfolgen oder gar brav bei Anselm's 'Fuss' bleiben sollen
(der übrigens rund einen Meter erhöht in einem Steigbügel steckt)? Der Hase
wäre mir vielleicht genauso entwischt – und hätte ich auf
'Schnuckiputzer-Hunzeli' gemacht: ich hätte nichts erlebt. Also wieso sich so
schwertun mit der Entscheiderei? Hauptsache, man tut was, erlebt was, lernt
was. Wer immer nur zuhause in seinen vier sicheren Wänden hockt, hat ja seinen
Enkeln nichts zu erzählen am Kaminfeuer. Natürlich ärgert man sich manchmal,
wenn man sieht – oder zu sehen glaubt – dass just das, gegen das man sich
entschieden hat, das man also ungetan liess, zu Erfolg, zu mehr Erfolg geführt
hätte. Aber erstens ist das meistens eine recht hypothetische Sache, und zweitens
stellt sich an diesem Punkt die Gretchenfrage, wozu wir denn überhaupt auf
dieser Welt herumrennen. Was für sogenannte Werte denn eigentlich Pate stehen
bei unseren Entscheidungen. Für den postmodernen spätkapitalistischen
Konsum-Freak eine leicht zu beantwortende Frage – höchstens die Reihenfolge der
angestrebten Luxusgüter könnte ihm Kopfzerbrechen bereiten: Geld, Autos, Häuser
mit Swimmingpool, Frauen und Tiere als Statussymbole, Macht, zum Beispiel über
Sklaven – sorry, das nennt man heute Untergebene, falsch: Angestellte, nein:
Mitarbeiter (endlich!), bzw. die Frauen wollen (in der Regel) Männer, weniger
zum Vorzeigen als zum Plündern, und damit wären wir wieder beim Geld und der
circulus vitiosus beginnt von Neuem. Na und? Das sind doch wenigstens pragmatische,
klar fassbare Ziele. Natürlich reicht's nicht für alle gleichzeitig, aber da
kann man ja ein bisschen streiten, tricksen und kriegen. Und trotz moderner
Medizin und Hormon-Mix-Jungbrunnen sterben ab und zu ja auch ein paar
Swimmingpool-Besitzer, auf deren Hinterlassenschaft man sich dann feixend
stürzen kann. Gut, man könnte natürlich auch andere Ziele haben. Wenn man
zurückblättert, gab's ja da schon ab und zu ein Exemplar der Gattung homo
sapiens sapiens, das einen gewissen Durchblick hatte. Nur, diese Formulierungen
klingen in unseren heutigen Ohren so fremd, schwer nachvollziehbar, fast
kitschig: 'In Resonanz sein', 'Harmonie', 'Die Mitte finden', 'Nächstenliebe' -
oder noch verrückter: 'Eins-Sein mit allem, was ist'. Gute Nacht, ICH, der wilde,
motzende Max, eins mit Nachbars
Katze. Um Himmels Willen, wo bleiben denn da die Unterschiede, das wird ja ein
Einheitsbrei, wo kommen denn meine Eigenschaften hin? Ich spüre mich ja gar
nicht mehr, wenn ich zu allem 'Ja und Amen' sage. Ich will doch Spuren
hinterlassen, unverwechsel-bar bleiben, in die Geschichte eingehen. In tausend
Jahren soll man sich an mich, den einzigen, braun-weissen Jack Russell, der
Kolumnen schrieb, erinnern! Nützt mir dann zwar auch nicht mehr viel, wenn ich
längst vermodert bin – oder meine Leiche gar zu Katzenfutter verwurstet wurde.
Aber heute das Gefühl haben, dass ich unsterblich bin, dass ich wenigstens in
der Erinnerung der Epigonen überdauere, das ist doch toll. Und dafür lohnt es
sich doch, zu kämpfen, zu jagen, zu kriegen. Oder etwa nicht? Es reicht ja,
wenn ich dereinst altershalber meinen Körper loslassen muss, wenn ich in die
ewigen Jagdgründe eingehe (diese Indianer haben eben noch eine echt gute
Vorstellung vom Jenseits gehabt; wenn ich könnte, liesse ich mich zu einem
Apatschen klonen!). Aber zu Lebzeiten das herrliche Ego abzubauen, ja gar
aufzugeben, nur um 'Eins' zu sein mit allem was ist, na, das ist dann schon ein
bisschen viel verlangt. Dann doch lieber Swimmingpool und so (geheizt bitte!).
Das andere spar' ich mir für eine spätere Inkarnation... Sorry, Nachbars Katze
wagt es, aufreizend langsam vor dem Stall herum zu paradieren! Der wird' ich
zeigen, wer hier der Boss ist. Mit der bin ich noch lange nicht eins! Im besten
Fall eins zu null, und zwar für mich!
Ich warte nie
Ich wüsste nicht warum und worauf. Wenn etwas nicht
kommt, gehe ich es holen – oder beschäftige mich anderweitig. Wenn ich all
diese Pudelchen nur schon rieche, geschweige denn sehe, wie sie dümmlich und
hilflos auf Frauchen warten, oder diese dekadenten Familien-Flauschtierchen,
die blonden Labradörchen, die so harmlos-devot neben dem Swimmingpool vor sich
hin warten, oder die sich so unheimlich wichtig nehmenden deutschen Lammhüter,
bei denen Warten und Wachen zur todernsten Pflichtübung gerät – nein, wir
nicht. Nichts gegen Menschen, die taugen durchaus als Unterlage beim
Autofahren. Ja, ich kann diese Karren einfach besser steuern, wenn ich auf
Anselms Knien sitze. Und als Fastfood-Lieferanten, wenn ich ausnahmsweise vom
Jagdglück im Stich gelassen werde. Es ist ja auch nicht mehr wie früher, meinem
Urgrossvater sollen die Hasen noch ins gähn-offene Maul gehoppelt sein. Da
nehm' ich durchaus mal mit irgend so Napoleon, Augustus oder wie die alle
heissen, Vorlieb. Am besten schmeckt natürlich das nach mir benannte 'Max' –
obwohl die aus unerfindlichen Gründen irgendeine schlappohrige Trantüte auf die
Packung kleisterten. Wahrscheinlich war mein Bild zu teuer – seufz – es ist gar
nicht immer einfach, ein Star zu sein. Sorry, ihr wartet ja immer noch
erwartungsvoll auf meine von hoher Warte geäusserten Wahrnehmungen zum Warten.
Also, nichts gegen Menschen, hab' ich gesagt, aber auf die warten? Nein, wo
kämen wir da hin? Nirgends. Angebunden vor dem Supermarkt, wo Frauchen der
hemmungslosen Konsumwut frönt? Völlig belämmert in die Gegend kucken, bis
Herrchen seine neueste Hobbybastelsäge-schleifhobelfräse ergattert hat? Wenn er
nur gleichzeitig auch Pflaster kaufen würde – nein, besser ganze Watterollen,
Schienen, Gipspulver! Und ein paar Liter Merfen. Der ist ja sowas von
ungeschickt. Dabei hat das noch gar nichts mit Handwerk zu tun, was der tut.
Vor kurzem musste er Schneeketten demontieren, ja, das ist kein Druckfehler,
de-montieren – weil montiert wurden sie noch zuhause vom Profi, mit links
natürlich. Aber dann, irgendwo auf dem grandiosen, im besten Fall
anderthalbspurigen Swiss Highway parkt er seine Riesenkiste mit den ganzen
Hoppehü's drin auf der pflotschig-schneereichen Notspur, also just dort, wo man
die Ketten eigentlich noch brauchte, drapiert sich in ganzer Länge auf den
Matsch und zerrt verzweifelt an den Dingern rum, bis er nass-schwarz prustend
und sämtliche Heiligen beschwörend unverrichteter Dinge wieder hervorkriecht.
Irgendein Profi-Chauffeur erledigt dann das Ganze mit zwei Handgriffen in drei
Sekunden, nicht aus Nächstenliebe, sondern weil wir ihm den Weg versperren.
Aber nicht mal da hab' ich gewartet. Im Gegenteil, ich hab' mich schief gelacht
in der Kabine und sein angemampftes Sandwich seiner ureigensten Bestimmung – nämlich
mir - zugeführt. Und ich konnte endlich eine alte Rechnung begleichen.
Normalerweise legt er sich bei nasser Witterung irgendein Tuch auf seine
Höschen, bevor er mich einsteigen lässt, und schaut mich so naserümpfend an,
speziell wenn ich kurz vorher noch auf dem Miststock zum Rechten sah; aber
diesmal war's umgekehrt. Ich sah mir jede Pfote einzeln entsetzt an, die ich
wohl oder übel auf seine pflotschnassen Beinkleider setzen musste, um wie
gewohnt das Steuer zu übernehmen. Ich imitierte dabei gekonnt den
angeekelt-hysterischen Blick, den Selmine mir entgegenwirft, wenn sie auf
Schickimicki getrimmt ist – so mit schwarzem Mini-Jupe und diesem
enganliegenden Zeugs an den Beinen, das so lustige Bahnen wirft, wenn man nur
ganz leicht daran kratzt. Irgendwie muss ich mit dieser Show völlig angekommen
sein, jedenfalls entledigte sich Anselm sämtlicher Klamotten und schuf mir
anständigerweise wieder eine trockene Unterlage.
Nein, diese Warterei versteh ich
nicht. Vor kurzem sah Anselms Karre etwas runzlig aufgerauht aus – er maunzte
irgendwas von 'unschuldig' und 'wurde gerammt', aber das half auch nichts, die
Blechkarrosse musste zur Kur und wir zum Bahnhof. Das hättet ihr sehen sollen.
Anselm benahm sich wie ein Pfahlbauer. Zuerst rüttelte er wütend an der Tür zum
Billettschalter, dabei standen die Öffnungszeiten in riesengrossen Lettern
drauf: pro Tag ein paar wenige Minuten, und auch das nur an Werktagen ohne
Sams-, Sonn- und allgemeine Feiertage (und das sind einige, wenn man
demokratisch-tolerant sämtliche existierenden Religionen berücksichtigt!).
Häja, im Zeitalter der Privatisierung und Effizienzsteigerung ist der
Bahnhofvorstand wahrscheinlich noch Croupier in der nahen Spielhölle oder
Stör-Metzger oder er führt nebenamtlich einen Erotik-Shop oder sonst was
Ländliches. Also, da war nix, weil die drei Minuten Öffnungszeit waren
tatsächlich schon um. Aber – der Kluge reist im Zuge – es hat ja einen
Billet-Automaten. Nach hektischem Suchen wurde selbiger auch entdeckt vom
ÖV-Greenhorn – aber leider nicht begriffen. Ein munterer Rentner mit dem
Neunuhrpass erbarmte sich seiner und erläuterte das geniale Konstrukt in
nervenaufreibender Langsamkeit. Jedenfalls wurde bald klar: nur eine
beschränkte Auswahl von Destinationen ist möglich – ausser man kennt alle
Postleitzahlen der Schweiz auswendig, aber das wird nur von
einbürgerungswilligen Ausländern verlangt – und Münz oder Zwanzigernoten sind
vonnöten – sonst macht der Kasten keinen Wank. Es erübrigt sich zu sagen, dass
unterdessen der Zug längst von dannen war, der Anselm tobte, mangels Kiosk in
die nächste Beiz steuerte, sich dort eine Zwanzigernote tauschte, die er dann
gleich wieder in literweise Kaffee verwandelte – mir ist schleierhaft, warum
nervige Leute auch noch dauernd dieses braune Gesöff in sich hineinkippen – mit
einer weiteren Zwanzigernote dann tatsächlich ein richtiges, gültiges
Bahnbillett erstand, um dann zähneknirschend in der bissigen Kälte auf den
nächsten Zug, der es mit dem Stundentakt nicht so genau nahm, zu warten. Nicht
mal im Wartsaal, der rund um die Uhr geschlossen ist, wegen Vandalenakten (was
nichts mit Nackten in Sandalen zu tun hat, sondern mit Schändern, die beim
Warten die Sitze oder Wände bemalen, schlimmer: besprayen; und die ihre
Kaugummis nicht in den dafür vorgesehenen Behältnissen entsorgen, sondern
womöglich ganz fies unter die Tischkante kleben, die mit dem Sackmesser ein
Herz oder die Initialen der Angebeteten in die Tischplatte ritzen, also kurz:
Gesindel). Und darum muss man solche den immerhin noch staatlichen Bahnen
gehörende Räume schützen, indem man sie schliesst, völlig, dreivierteltags und
ganznachts, da bleiben sie sauber und erhalten. Wie die Schweiz auch. Wo kämen
wir da hin, wenn jeder Dahergelaufene sich in unseren Wartsälen wärmen könnte,
nur um dann womöglich seine Initialen auf unsere Tischplatten zu ritzen? Fehlte
noch.
Ja, unser Anselm, der sonst jede
Sekunde nutzt, der noch auf dem Klo an einem Vierzeiler feilt, der zwischen
Vorspeise und Hauptgang die Serviette vollkritzelt und im Stau Mozart-Arien
übt, dieser rastlose Chaot wartet, mit dem genau gleich idiotischen,
'Möchte-gern-aktiven-aber-zur-Passivität-verurteilten' Ausdruck, der alle
Wartenden auszeichnet, der das Warten als solches erst erkennbar macht. Weil
auch in einer klassischen Warteschlange, vor einer Kasse, einer Seilbahn oder
dem Zirkuseingang, gibt es die einen und die andern. Die einen, die sich
unterhalten, amüsieren, über irgendetwas nachdenken oder still vor sich hin
schmunzeln – und die andern, die sich und ihr 'Zeitbudget' für unheimlich
wichtig halten, die unverhohlen vorwurfsvoll in die Runde stieren, nach
Schuldigen lechzend, die sie für die leidige Warterei in die Pfanne hauen
könnten. Wer innerlich reich ist, wartet nie – er wartet höchstens seine
Jagdausrüstung. Aber stell dir vor – nichts ist unmöglich, wart's ab - Du bist
Abwart, oder Du Tor wirst Torwart – da kannst Du ja beileibe vom Leben nicht
viel mehr erwarten – als Warten.
Show-Dancing
O ödeste Langeweile – Dressurtag!
Da sehen wieder alle aus wie Pinguine, ziehen eine Schnute, hetzen verkrampft
und stieren Blicks aneinander vorbei – im besten Fall quäken sie sich einen
verquälten Gruss zu, knorzen missmutig ihre Vorwärtstiere rückwärts. Trainer,
Ehe- und andere Männer, fettleibige Walküren mit grüngelben Stimmen keifen
durch die Gegend, weil ihre aufgedonnerte Elevin oder der feistwanstige
Reitersack den vierbeinigen 'Weltknall' im Wert eines mittleren
Einfamilienhauses wieder auf 10 Zentimeter nach Q in den verwurgten Schritt
runtermurkste – anstatt haargenau bei Q!
Und die Sieglinde vergiesst Krokodilstränen, weil ihr Gang-Moloch 'Donnermeyer'
sich zwar mit einer satten 9 aus der Ecke auf die Diagonale stürzte und ebense
toll am anderen Ende ankam, dazwischen aber – leider, leider – bei X aufgrund
des unanständig aufgewühlten Edelsandes einen Taktfehler beging, was wiederum
Sieglinden zutiefst aufwühlte, sodass sie auch gleich noch beim nächsten Halt
patzerte: ihr köstlicher Hafermotor zuckte doch tatsächlich mit der linken
Unterlippe, weil sich eine flugs gelandete Fliege in seinen Flaumbart verflog:
10 Jahre Training und 10 Millionen (nicht Lire!) umsonst, die Qualifikation
für's oberaarrheinlinthische Championat dahin, Karriere versaut, die einzige
Frage noch: Schuss, Gift oder Strick? Wenn man bedenkt, dass es sich bei den
diesem Freizeitvergnügen Nachgehenden in aller Regel um Freiwillige handelt –
die sich für viel Schweiss und Tränen (und noch viel mehr Märker, Gulden oder
andere harte Währungen) diesen selbstzerstörerischen Frust einhandeln – braucht
man als Hund 'ne Nachhilfstund! Gut, auch wir rennen manchmal vergeblich wie
die Gepickten hinter Katzen, Hasen oder sonstigem Kleinwild her – aber wir
haben jede Sekunde Spass an dem, was wir tun. Und wie ich aus gut
unterrichteter Quelle weiss, haben auch die meisten, die uns dabei zusehen, ihr
Vergnügen (ausser ein paar uneinsichtigen Katzenbesitzern und missgünstigen
Jagdaufsehern...) Aber Freude konnte ich bei diesen griesgrämigen
Pfefferstampfern bis anhin kaum je ausmachen; ausser hämischer Schadenfreude über
Patzer von Konkurrenten. Und der dumpfe Begleit-Tross aus schuftenden Sklaven,
aufgeblasenen Geldgebern, gelangweilten Gatten und lallenden Opas trägt auch
nicht gerade zur 'Holiday-on-Ice'-Stimmung bei. Fehlt nur noch ein Speaker, der
im Stile John Jumpers sein vermeintliches Fachwissen dahersabbert und mit
seinen unbedarften und ungefragten Werturteilen strahlendsten Deckhengsten die
Saison versaut. Woran liegt's denn wohl, dass dieser Sport so durchsetzt ist
von lederharten Hyänen, eleganzlosen Buchhaltern, kantigen Mechanikern,
grantigen Einpeitschern und ein paar wenigen, dafür umso humorloseren
Zuschauern? Gibt's da eigentlich irgendwen, der irgendwas geniesst? Ist denn
diese gnadenlose 'von-Punkt-zu-Punkt-Punkteschinderei' in diesem so unhippologisch-stur-rechtwinkligen
Vier-Eck, dieses öde Abspulen von bis zur Verblödung eingefuchsten Lektionen
überhaupt geniessbar? Warum reissen Darbietungen von Tänzern, Akrobaten und
Eiskunstläufern die Massen vom Hocker – Dressur aber höchstens fanatische Tierschützer?
Hand auf's Herz: Würden Sie einer ungepflegten, potthässlichen, unförmigen
Flamenco-Tänzerin begeistert applaudieren, nur weil sie – ohne je einen Blick
ins Publikum zu werfen – ein paar Schrittfolgen korrekt abstrampelt ohne aus
dem Takt und von der Bühne zu fallen? Und was würden Sie sagen, wenn Arnold
Koller nach seinem Rücktritt 'Wetten,dass' präsentierte, ein SVP-Nationalrat
statt Di Caprio den Titanic-Helden mimte – selbstverständlich von A bis Z mit
dem vorgegebenen Text? 'Passt nicht' oder 'Pfui' – je nach Ihrer Erziehung und
Parteizugehörigkeit. Und zu Recht. Weil das alles im besten Falle komisch wäre.
Aber sicherlich weder eine ästhetisch-mitreissende Show, kein
ausstrahlungsstarkes Bild, keine emotional packende Demonstration.
Solche Fragen stellte ich mir –
bis gestern. Da kamen der Giovanni und die Bigna, und weckten innert Stunden
die jahrtausende-alte Faszination für das Erlebnis der Harmonie von zwei Wesen
in Balance, für Eleganz, Elastizität und atemberaubenden Schwung. Fliessende Bewegungen,
unsichtbare Hilfen, Tanzen, Schweben – nur Fliegen kann schöner sein. Und das
nicht nur mit 'Urknalls' und 'Weltmüllers', sondern auch mit nervigen Blütern,
schweren CH's, Andalusiern und Quarter Horses, mit Kleinen, Grossen, Dicken,
Dünnen – alle brachten sie zum Schwingen und Tanzen. Wenn Pferde lachen könnten
– sie hätten alle gelacht. – Das war nicht etwa nur ein Traum, das war
1:1-Realität; es war auch nicht eine einmalige Sternstunde: das Erlebnis ist
durchaus wiederholbar. Nur war es fernab von Schnecken- und Hasen-Hügeln, ohne
die (vermeintlich?) grossen Namen eidgenössischer Dressurreiterei. Und es war
nur eine Stippvisite: im normalen Alltag fuhrwerkt der begnadete Giovanni mit
dem Skalpell in irgendwelchen Menschenbäuchen herum. Aber immerhin, wir wollen
nicht jammern: es gibt's also doch, die Faszination Dressur, die in diesem Fall
wohl besser 'Show-Dancing' hiesse – ganz so verrückt wäre das nicht, bei den
Angelsachsen heisst's ja auch 'Show-Jumping'!
Aber ob man dazu in Helvetien fähig
ist – der geographischen Definition der Kosten-Nutzen-Analyse, dem Land der
unbegrenzten Ersparnis-Möglichkeiten, der höchsten Abwesenheits-Konzentration
von Charme, Show und Sinnenfreudigkeit, wo auch eine hochdosierte Injektion
brasilianischen Karnevals höchstens ein paar Viagra-Schlucker partiell erwärmt,
wo Freude und Lachen Anzeichen übermässigen Drogenkonsums sind, wo stolz
aufrechter Gang die Einbürgerung verhindert, wo Tierschändung immer noch
Sachbeschädigung, die Sterblichkeit tief und die Selbstmordrate hoch ist – ob
also hierzulande die Zeit- und Ort-Qualität reicht für den Quantensprung? Das
darf mit Fug mit einem Fragezeichen versehen bleiben.
Mir fö nüüt Neus aa!
Da wird immer wieder behauptet, in
Helvetien bewege sich nichts – und wenn, dann werde die Bewegung gleich
bestraft. Gut, wenn ich an die Sammlung forstpolizeilicher Ermahnungen denke,
die mein Mensch Anselm aus unerfindlichen Gründen rund um ein schönes Porträt
von mir drapierte, das mich in voller Aktion beim Jagen eines echt schweizerischen
Wildschweins in den Waldungen des Weinlands zeigt, so liegt dieser Schluss
vielleicht nahe. Lässt man demgegenüber die vergangenen Wahlen Revue passieren,
so sind doch beeindruckende Bewegungen wahrzunehmen: vorab ein erdrutschartiges
Taumeln in die Fänge der Bauernfängerpartei.
Nur: die Ziele der rührigen Blut-
und Boden-Tellensöhne rühren etwas weniger ans bewegte Herz. Die
herbeibeschworene Bewegung ist einzig die zurück. Ad fontes! (Macht sich besser
als: 'Back to the roots!'). Zurück zu den herrlichen Zeiten, als jeder
Thurgauer noch apfelrote Backen und blondes Kraushaar hatte, als die grösste
Sorge eines Innerrhödler Vaters war, dass seine Tochter einen Ausserrhödler zu
ehelichen trachtete, als das Wort 'Jugo' noch kein Schimpf-, sondern schlicht
ein unbekanntes Fremdwort war, als Helvetien noch eine beneidete,
trutzig-reiche Oase und nicht ein belächeltes Museums-Stück war – o tempi
passati! Bewegung zurück mit dem Ziel der Erstarrung, der Einbetonierung des
Gewesenen für alle Zeiten, Re-Formierung im Sinne der Wiederherstellung
mittelalterlicher Zustände, ein einzig Volk inzüchtiger Brüder – das ist die
Vision, die mit abnehmendem IQ auf wachsende Akzeptanz stösst. Das einzig
erlaubt Moderne ist die Erfindung der akkuratesten Bewegungs-Detektoren, die
jedes Aufmucken im Keime ersticken können.
In Helvetien, der Hochburg der
Mauern, Zäune und Randsteine, wo das Hauptziel jeder Öffnung deren Schliessung
ist, wo Abschliessbarkeit Hauptkriterium jedweden Produktes ist, wo die
Lembke'sche berufs- bzw. landestypische Handbewegung die Einzelkontrolle jeder
Türe des bereits zentralverriegelten Volvo-Kombis ist – da lass Dich ruhig
nieder – vorausgesetzt, Du kannst einen lückenlosen Stammbaum bis zu den
Rütli-Schwörern vorweisen und hast Deine Gemeinde-, Kantons-, Bundes-, Wehr-,
Feuerwehr-, Mehrwert- und anderen Steuern bezahlt.
Konto-Bewegungen in diese Richtung
werden durchaus geschätzt hierzulande. Ich vergesse nie die glänzenden Augen
des ältlichen Vizedirektors einer ländlichen Bank, der nach der Kontoeröffnung
mit unverhohlener Gier – im Gegensatz zu seiner sonst höflich-zurückhaltenden
Art – seiner Vorfreude auf einen 'regen Zahlungsverkehr' Ausdruck gab. Wenn
Lust, Gier Hauptmotoren menschlichen Handelns sind, so ist es wohl fast ausschliesslich
die Geld-Gier, die in Helvetien irgendetwas bewegt. Darauf gründet denn auch
der Weltruhm der Schweiz als Land der Banken, als sicherer Hort von Geldern
jeglicher Provenienz, die in der Regel nur eine Bewegung machen – die zu uns –
um sich dann still zu vermehren. Na ja, was soll man denn machen, wenn der
Kontoeröffner sich leider leider nie mehr meldet, abgesetzt, eingekerkert,
umgekommen ist? Wer wollte denn da freiwillig irgendeine Bewegung machen? Das
liegt uns einfach nicht. Da wird zuerst gewartet und gehortet, das hat sich
bewährt.
Vor diesem Hintergrund ist auch
der Schweizerische Rösselerverband ein guteidgenössisches Ding, das nicht ganz
zufällig dasselbe Kürzel trägt wie die Erstarrten. Ein Hort für Mitglieder- und
Sponsorengelder, die grossteils in den Sumpf der aufgeblähten und ineffizienten
Administration fliessen, in die Lohntüten von Apparatschiks, die sonst
höchstens beim (hoffentlich bald überflüssigen) Zoll, in maroden
Zeughausver-waltungen und anderen staatlichen Mottenkisten Platz fänden. Wobei
das bereits wieder untertrieben ist. Sie könnten gerade so gut in der
Gemeinde-, Kantons- oder Bundesverwaltung unterschlüpfen. Hauptsache, sie
beherrschen das Mikado-Spiel: 'Wer zuerst bewegt, hat verloren.' Wichtig ist
grösstmögliche Ruhe, Stillsitzen, Aussitzen (!), Innehalten, Zeit verstreichen
lassen und jeden Störefried, der es wagt, mit irgendeinem Anliegen in diese von
Modergeruch durchschwängerten Räume zu trampeln, gleich unmissverständlich
wissen zu lassen, dass – und wie sehr – er stört. Als todsichere Mittel
empfehlen sich das völlige Ignorieren des Störers, der Hinweis auf Öffnungs-
ich meine natürlich Schliessungs-Zeiten, das Verweisen auf andere Verbands-
oder Amtsstellen, von denen man weiss, dass sie genausowenig kompetent bzw.
bereit sind, dem Ansinnen des Unruhestifters zu entsprechen, und vor allem das
Wartenlassen --- bis Gras über das Anliegen gewachsen ist.
Aber meine Empfehlungen sind
völlig überflüssig. Die Sesselhalter (Kündigung nur bei mehrfacher
Vergewaltigung von Bundesrats-Kindern möglich!) sind, wenn überhaupt irgendwo,
dann in diesen Hinhalte- und Abweistechniken hochkompetent. Und dies in
wohltuendem Gegensatz zu dieser ja schon fast lästigen Kunden- und
Leistungsorientierung in der ganzen Privatwirtschaft. Das nennt man
anti-zyklisches Verhalten, und das ist doch auch an der Börse gefragt, oder?
Sichtbar wird der Gegensatz am schönsten, wenn so ein Staatsmoloch privatisiert
wird. Wie war das doch früher bei der guten alten PTT, wenn man mal schnell
eine Ferientelefonrechnung wollte? Cesi Keiser hat's damals herrlich
persifliert. Und heute wird man von der privaten Swisscom als Kunde
gehätschelt, mit Angeboten überhäuft – und das Telefonieren ist verdächtig
billiger geworden – sic!
Nur – jetzt kommt die crux – was
macht man mit einem Verband, der ja bereits eine privatrechtliche Organisation
ist, der sich aber benimmt wie ein Staatsmonopolist? Das Monopol aufbrechen?
Das ist tatsächlich eine Lösung, die in England nach langen Querelen
verwirklicht wurde: die fette, alte, immobile British Horse Society wurde
gesprengt bzw. marginalisiert, das eigentliche Sportgeschehen liegt heute in
den Händen der einzelnen Reitsportdisziplinen mit agil und effizient geführten,
schlanken Organisationen. Weniger revolutionär – und damit helvetischer - wäre
eine 'Privatisierungs-Spritze', also die vermehrte Implementierung
privatwirtschaftlicher Grundsätze.
Eine leise Hoffnung darauf, dass
dieser Weg begangen wird, besteht mit der frisch gekürten Verbandsführung: zwei
gestandene Unternehmer, der Vize sogar mit glorioser Vergangenheit als
ausgezeichneter Manager eines Unterverbandes. Die Frage ist nur, wie schnell
die beiden mit der Kunden- und Leistungsorientierung bis an die Front
vordringen, wieviel Leichen sie sich auf diesem Weg leisten können, bevor sie
selbst erstarren oder das Handtuch werfen beim unerspriesslichen Kampf gegen
die dickköpfig-abweisend-unfreundlichen Verbandskröten mit der oberländischen
Grundhaltung: "Das hei mer no nie gmacht – u mer fö nüt Neus a!"
Erstaunlicherweise handelt es sich dabei nicht um 120-jährige SVP-SVP-Frauen
nach dem Motto: 'Im Sältebach isch sälte, es Meitschi pring u schwach', sondern
um durchaus attraktiv verpackte Mental-Greisinnen. Nun gut, geben wir den neuen
Besen eine Chance, den Stall des Augias auszumisten. Schliesslich haben auch
frisch gewählte Politiker eine hunderttägige Schonfrist, bevor sie von den
Medien zerfetzt werden. Aber dann wird erbarmungslos Bilanz gezogen und
weitergemotzt: 'O mir fö nüt Neus a!'
Jeder bilde sich was ein auf seine
Ausbildung – dabei sei diese auf den Hund gekommen. Die griesgrämigen Greise
geraten ausser sich, wissen kaum mehr ein noch aus, bilden Ausschüsse, die dann
verbale Einschüsse vornehmen. Früher war doch alles besser, als es noch
klassische Rittmeister und Kavallerieschulen gab (und man kaputtgerittene
Pferde gratis und franko in Bern umtauschen konnte) – herrlich war das. Als die
Reiterei noch zu den staatserhaltenden und dissuasiven Tätigkeiten gehörte und
nicht nur um Ruhm und Ehre oder gar um des schnöden Mammons willen betrieben
wurde. Jawolll. Also tönt's von den Stammtischen mit über 1 Promille und
Durchschnittsalter 120 (geistig). Glaubt man den grossmäuligen Jammer-Greisen,
so gibt es heute nur noch nichts-könnende Volldeppen auf – das wird zugegeben
und gleichzeitig als Anfang des Endes beschworen – immer besser gezüchteten
Pferden. Dreht man dann als jugendlicher Schnösel den Spiess um und fragt die
sich als hehre Helden des Goldenen Zeitalters wähnenden Oldies, warum sie denn
nicht selbst dafür gesorgt hätten, besseren Nachwuchs heranzuziehen, wird der
Stammtisch stiller, bis sie ihre faulen Ausreden zusammengeklaubt haben.
Natürlich finden sich für die ganze Misere schnell einmal genügend Schuldige,
die sie anprangern können – auch wenn's am Schluss nur der Krieg, die
Rezession, ein Bundesamt oder die Verweichlichung der heutigen Jugend ist.
Betrachtet man die Thematik etwas
nüchterner und statt vom Stammtisch aus der Hundehütte, so zeigen sich
haufenweise konkrete Aufgaben, die es anzupacken gilt. Da ist zuallererst die
crux mit der Durchsetzbarkeit jeglicher Ausbildungs-anforderungen in der
Reiterei. Zu Kavallerie-Zeiten konnte der Staat, die Armee ihren Berittenen die
nötige Ausbildung verordnen, aufzwingen, organisieren, kontrollieren und
durchsetzen. Ein privatrechtliches Instrument wie ein Pferdesport-Verband kann
nur die nötige Ausbildung für die von ihm kontrollierten Sportveranstaltungen
erzwingen. Und auch das nur beschränkt. Wenn man an das ganze Geschrei rund um
die Lizenzprüfungen denkt, von Vetternwirtschaft über die Mieterei von
'todsicheren' Lizenzpferden bis zu den gehässigen Reaktionen, wenn die Experten
ungeachtet des Tennis-Star-Status eines Prüflings selbigen bei mangelhaften
Leistungen wie jeden andern auch durchrasseln lassen, so sieht man, dass auch
dieses System noch löchrig genug ist, um immer wieder Unbefugte und Ungeeignete
auf die Concoursplätze zu spülen. Für die Ausbildung der Heerscharen von
unlizenzierten Reitern hat der Verband aber überhaupt keine Handhabe. Wenn man
bedenkt, dass unser Strassenverkehrsgesetz immer noch die über hundertjährige
Regel enthält, dass jeder Schulpflichtige auch ein Pferdegespann auf
öffentlichen Strassen lenken darf, wird auch der Sicherheitsaspekt augenfällig.
Da geht es schon gar nicht mehr um die Qualität des Sports, sondern schlicht
um's nackte Überleben, wenn irgend ein reicher Sack ohne die geringste
fahrerische Ausbildung sich eine Kutsche und vier Pferde kauft, einspannt und
mittags über's Bellevue prescht. Er darf – und solange er keine Fahrturniere
bestreitet, hat auch der Verband nichts zu sagen. Bei der Dressur und im
Springen mag es etwas weniger dramatisch sein und allenfalls das
Tierschutzgesetz verletzen, wenn Unbedarfte drauflospiaffieren und
Zwei-Meter-Mauern anreiten wollen, aber bei der Vielseitigkeit wird's bereits
wieder gefährlicher. Es ist ja schon etwas merkwürdig, wenn jeder Lizenzierte
(heute muss es wenigstens eine Springlizenz sein!) sich im Tempo des gehetzten
Affen auf die modernen, mit technischen Schwierigkeiten gespickten
Cross-Strecken stürzen darf, ohne auch nur eine einzige Ausbildung über feste
Sprünge genossen zu haben. Hier läge es allerdings in den Händen des Verbands,
eine Military-Lizenz zu schaffen, die eine entsprechende Ausbildung verlangt.
Aber nach dem Motto 'Es isch bis hütt o gange ohni – mer fö nüt Neus a' (kennen
wir das Sprüchli nicht schon von irgendwoher?) lässt man der Aare ihren Lauf.
Wenn der Verband seine Ausbildungsanforderungen also mangels obrigkeitlicher
Befugnisse nicht durchsetzen kann, so bleibt ihm nichts anderes übrig, als
Ausbilder und Experten auszubilden, diese zu unterstützen und auf die Piste zu
schicken, die Auszubildenden zu motivieren und permanent intensiv zu
kommunizieren. Tut er aber nicht – oder nur sehr ineffizient. Seine
PR-Abteilung zeichnete sich über Jahre vor allem durch das Einstreichen fetter
Gehälter aus, und wenn mal etwas kommuniziert wurde, dann waren es die
verlorenen Prozesse gegen sämtliche Doper, Terpentiner, Blisterer und
Coci-Teckeli-Bandagierer. Es wäre meines Erachtens eine vornehme Aufgabe der
Oberjehudis, einerseits in enger Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen die
nötigen gesetzlichen Grundlagen zu schaffen, um dem gröbsten Unfug zu Pferd
Einhalt zu gebieten. So wäre es durchaus denkbar, dass auch jeder
Freizeitreiter und –fahrer zumindest über ein Reiterbrevet verfügen müsste, um
sich überhaupt auf öffentlichen Strassen und Wegen tummeln zu dürfen. Und auf
der PR-Ebene könnte der Verband aktiv werden, in den Medien – und zwar nicht
nur in den Fachblättern - für Ausbildung werben, Zusammenhänge aufzeigen und
Know-how vermitteln. Innerhalb des lizenzierten Sportgeschehens sind Richter
und Technische Delegierte für die Einhaltung geforderter Qualitäts-Standards verantwortlich.
Nur: wer kontrolliert diese und gibt ihnen Inputs zur Weiterbildung? Auf vielen
Plätzen – bis hin zum grössten Event der Welt in Badminton – herrscht das
'Söihäfeli/Söiteckeli' – Prinzip. Crossbauer und OK-Präsident ist eh' derselbe
– und der TD ist sein bester Freund, der ihn dann umgekehrt als TD für seine
eigene Grossveranstaltung einlädt. Vielerorts ist es auch so, dass sich ein
Richter oder Funktionär nur schon deshalb auf sehr leisen Sohlen bewegt, weil
er ja nächstes Jahr wieder eingeladen werden will. Auch hier könnten nationale
und internationale Verbände Gegensteuer geben, indem prinzipiell Funktionäre
mit Kontrollfunktionen durch den Verband bestimmt würden – und nicht durch den
Organisator. Aber eben, das bräuchte ja Mut – und das ist nicht gerade die
erste Eigenschaft im Anforderungsprofil eines Verbandsfilz-Aspiranten. Ich höre
es schon rumoren im althölzigen Gebälk: 'Wir würden ja gerne, aber leider,
leider, die Kosten...' Na gut, dann lassen wir doch mal McKinsey oder andere eiskalte
Rechner drüber – und ich bin überzeugt, dass die Spürhunde
Einsparungsmöglichkeiten in freudenschreiender Höhe ausmachen würden – ganz
abgesehen davon, dass eine effiziente PR-Arbeit auch die Sponsoring-Situation
dramatisch verbessern könnte. Aber diese Art von Unternehmensberatung fürchten
unsere Apparatschiks wie der Teufel das Weihwasser, drum keine Angst: auch wenn
der gute alte McKinsey ein Pferd kaufen würde, um sich den Job zu angeln,
solche Avancen gingen bestimmt gass-ab.
Tierschutz Ahoi!
Anselm steht auf schöne Frauen,
was nicht weiter verwunderlich ist und auch gar nicht besonderer Erwähnung
bedürfte, wären da nicht maliziöse Umstände zusammengetroffen. Anselm steht
nämlich überhaupt nicht auf fanatisch-gewaltbereite Tierschützer der Sorte, die
z.B. in England die Fuchsjagd verbieten wollen (worin ich ihn natürlich
lautstark und tatkräftig unterstütze!) – was auch nicht weiter erstaunlich ist
bei einem so angefressenen Rösseler und nicht hier ausgebreitet werden müsste,
läge in diesen beiden Neigungen nicht ein kitzekleines Konfliktpotenzial
begraben. Wenn es nämlich Gott (oder der Teufel?) will, dass sich der
missliebige Tierschutz-Fanatiker in Gestalt eines seit Kindsbeinen bewunderten,
bildschön-kurvenreichen Filmstars manifestiert, dann kriegt Macho-Anselm ein
echtes Probelm. Solange dies farbenfroh ausgemalte Theorie beim Bierchen ist,
pflegt er bildungsbewusst Goethes Faust zu zitieren: 'Zwei Seelen wohnen, ach,
in meiner Brust'. Nun wollte es aber das trickreiche Schicksal, dass es knallharte
(oder - angesichts der faszinierenden Oberweite seines Gegenübers - samtweiche)
Realität wurde. Nicht irgendein namenloses Flittchen, nein, eine jedem Kenner
Hollywoods (und das sind wir ja fast alle notgedrungen!) bekannte
Film-Schönheit stand dem eifrigen Kinogänger Anselmius leibhaftig gegenüber,
zum Anfassen – nein, natürlich nicht wirklich zum Anfassen – aber live. Nur war
sie – leider, leider – nicht zum Nachspielen heisser Beach-Szenen gekommen,
sondern in ihrer Funktion als Aushängeschild der radikalsten
US-Tierschutzorganisation. Wer da noch behauptet, unser Herrgott hätte keinen
Humor und nur die alten Griechen hätten einen fröhlichen Götterhimmel gehabt,
dem fehlt schlicht der Blick für das Schmunzeln des Schicksals. Denn – um
Anselm nicht alleine schmoren zu lassen – verpasste es auch der holden Dame
eine kleine Lektion: sie verliebte sich – nein, nicht in Anselm wie im
Dreigroschen-Roman – in sein wunderschönes Pferd. Sie war fasziniert von dessen
Ausstrahlung, dessen Bewegungen und Präsenz, und das hätte eigentlich nicht
sein dürfen in einer Vereinigung, die die Überzeugung pflegt, der Mensch hätte
die Finger von Pferden zu lassen, dürfe sich schon gar nie auf diese Geschöpfe
draufsetzen und sie sich untertan machen. Nun sieht ein struppiges Steppenpferd
in Franz Webers australischem Reservat natürlich leicht anders aus als ein für
olympische Vielseitigkeit trainierter Vollblüter, und wer sich der Ästhetik
eines gut bemuskelten Sportpferdes öffnet, kann sich nicht dem Weg völlig
verschliessen, der zu dieser Art von Schönheit führt: Pflege, liebevolle
Zuwendung und Arbeit – mit und auf dem Pferd. Wer zusätzlich noch ein Gespür
für Ausstrahlung hat – eine vor allem bei Dressurrichtern oft unter
technisch-mechanisch-buchhalterischer Fachidiotie begrabene Gabe – erkennt,
dass ein gesundes, gut gehaltenes und richtig gearbeitetes Pferd freudvoll
auftritt, auftreten will, die Arbeit geniesst, sich gerne präsentiert – genauwo
wie ein menschlicher Athlet oder Künstler, wie z.B. ein Filmstar, womit der
Kreis sich schlösse. – Verdattert war er also, unser sonst reichlich
selbstsichere Anselm und wusste nicht, ob er nun versuchen sollte, mit allem
ihm zur Verfügung stehenden Charme die bewunderte Schönheit einzuseifen, seine
Tätigkeit als Reiter zu verharmlosen, sich eher als spitzen Sportler denn als
Spitzensportler zu verkaufen, oder klar und kämpferisch die Sportreiterei zu
vertreten. Er tat weder noch. Er tat etwas für ein Grossmaul höchst
Erstaunliches: er hörte zu. So eine Grosstat war es aber auch wieder nicht,
weil es nun mal für jeden Macho einfacher ist, einer Schönheit zuzuhören; weil
die allfällige Schändung des Ohrs durch die Beglückung des Auges möglicherweise
aufgewogen wird. Er liess also die attraktive Dame ihre Position entwickeln – nicht,
wie ihr das wieder meint – er liess sie ihre Haltung, ihre Meinung äussern und
begründen. Und er nahm sie ernst. Er setzte sich zu ihr hin – und dies
erleichterte es ihm, sich in sie hineinzuversetzen. Da sie ihm keine Standpauke
hielt, konnte er versuchsweise ihren Standpunkt einnehmen. Standbein ihrer
Argumentation war der Standard-Spruch aller Grünen weltein-weltaus: es sei
nicht natürlich, sich auf ein Pferd zu setzen. Gott habe diese wundervollen
Geschöpfe nicht dazu geschaffen, dass die Menschen sie über Gräben und Wälle
hetze, in rasendem Tempo durch den Sand jage, über zwei Meter hohe Mauern
drücke, Piaffen-Panik an Ort erzeuge, 160 Kilometer durch die Prärie quäle,
dies alles sei Frevel an der Schöpfung! – Eigentlich bestechend, edel, demütig,
diese Sichtweise. Nur: was bleibt dem homo sapiens ausser Salat-Essen und sich
im päpstlichen Sinne fortpflanzen, wenn er sich auf das Natürliche beschränkt?
Hopp nackt in die Wälder zurück und auf die Bäume, erste Lektion: der
Unterschied zwischen Vogel- und Johannisbeeren. Das kann's doch wohl auch nicht
sein? Ist eine Mozart-Sinfonie natürlich? Kaum, aber doch (fast) unbestritten
wertvoll. Und was für ein Wert ist eine (Isabelle)-Werth-Vorführung, ein
Pessoa-Parcours oder eine Todd-Tour durch's Terrain? Ist das nicht auch Kunst
und damit erlaubte Fort-Entwicklung vom rein Natur-Gegebenen? Die Schöne konnte
sich diesen vorsichtigen Gegenfragen Anselms auch nicht ganz entziehen,
konterte aber mit dem Argument des qualvollen Wegs zu dieser sogenannten Kunst,
der teils brutalen Ausbildungsmethoden und der rücksichtslosen
Zweckorientierung. Seit Jahrhunderten werde das Pferd missbraucht: zuerst für
Kriege, dann für die Arbeit und heute für den Sport. Das Gespräch wogte hin und
her, bis sich die beiden letzlich fanden bei Liebe und Respekt - für die Pferde
selbstverständlich. Denn auch wenn sie sich gedanklich näherkamen, näherrücken
durfte Anselm nicht! Solange der Umgang mit Pferden von Liebe und Respekt
geprägt sei – so die Einigung, ja fast das Communiqué der beiden Exponenten so
unterschiedlicher 'Parteien' – werde die konkrete Aktivität mit dem Pferd
sekundär, sei es also auch erlaubt, mit den Pferden zu spielen, sie zu reiten,
ihnen Kunststücke beizubringen. Sobald aber Eigennutz, Machtstreben, Geldgier, Imponiergehabe
des Menschen in den Vordergrund träten, Liebe und Respekt überlagerten oder gar
völlig verdrängten, sei dies anzuprangern und zu ahnden, ja laut unserem
Hollywood-Star sogar zu verbieten. Soweit die Love-Story, die gar keine war –
oder doch: die in ein Liebesbekenntnis zu den Tieren mündete. Und nun – Hand
auf's Herz – wenn wir uns selbst und alle rundherum, die da mit und auf den
edlen Vierbeinern herumfuhrwerken, auf das Primat von 'Liebe und Respekt'
prüfen, wieviele dürften wohl weitermachen? Auflösung im nächsten Heft – oder
Auflösung des Hefts, weil es gar nichts mehr zu berichten gäbe? Übrigens, wie
stünde es denn mit allen andern menschlichen Tätigkeiten? Gälte da auch das
Primat von Liebe und Respekt? Na ja, wenn ich an den Umgang Anselms mit
Zollbeamten denke, bleibt da noch einiges zu tun...
Do-Ping-Pong
Die britische Reiterwelt ist in
höchst unbritischer Aufruhr wegen des Doping-Skandals um eine
Vielseitigkeitsreiterin. Wie schon beim Tod Dianas werden Emotionen
freigesetzt, die der kontinentale Beobachter den kühl-disziplinierten
Insulanern gar nicht zugetraut hätte. Und die Gefühlsausbrüche zeigen Wirkung.
Es werden nicht nur verbale Attacken geritten, es wird auch mit Tätlichkeiten
gedroht – und die ersten Köpfe sind bereits gerollt. Und das alles wegen einem
kitzekleinen bisschen Salicyl-Säure? Die ganze Geschichte bereitet soviel
Kopfzerbrechen, dass die Beteiligten bestimmt schon die x-fache Dosis in Form
von Aspirin-Tabletten geschluckt haben. Eigentlich ist überhaupt nichts neu an
diesem Dopingfall: der Ertappte gibt sich zuerst einmal unwissend und
unschuldig. Und wenn dann die zweite Probe auch positiv ist, dann war's ein
Fremder, der durch die Maschen des laschen Sicherheitsnetzes drang. Ist auch
hier der Gegenbeweis gelungen, war's der Pferdepfleger oder der Team-Veterinär.
Und wenn sich dann gar nichts Stichhaltiges mehr findet, wird verzögert und
verschleiert – Kernkompetenzen langjähriger Verbandsheiris – bis zu guter Letzt
eine Dampf-Walze von Anwalt mit gröbstem Geschütz auffährt und mit grossem
Lamento irgendwelche Verfahrensfehler anprangert. Neu – oder zumindest
beeindruckend - ist vielleicht die durch den Fall ausgelöste Kettenreaktion:
die Briten verlieren aufgrund der Disqualifikation der Veterinärin (!) nicht nur
die WM-Medaille, sondern auch die Olympiaqualifikation und die damit
verquickten Lotteriegelder. Und da werden eben auch kühle Briten grantig. Ein
pikantes Detail noch: die verurteilte Reiterin wurde für einen ganzen
ausgewachsenen Monat gesperrt – gerade solange, wie sie nach einem
fürchterlichen Sturz in Badminton sowieso nicht reiten konnte – und hat seither
bereits wieder um ein Haar den CCI*** von Bramham gewonnen. Vor den Augen ihrer
Konkurrenten, die nach wie vor nicht wissen, was sich wirklich genau abgespielt
hat, wer dem Pferd wann wieviel Salicylsäure injizierte. Leidtragende sind der
Sport, die sauberen Sportler und vor allem die Verbandsmitglieder, mit deren
Geldern die ganze Misere berappt wird. Müssen wir für dieses Muster über den
Kanal schwimmen? Das kennen wir doch hierzulande bestens. Also wozu die
Aufregung? So sind doch die Menschen seit eh und je. Jeder kleine Goof, der
beim Schoggi-Klau erwischt wird, zeigt auf seinen Bruder und quäkt:"Ich
nöd, er au!" So wird Politik gemacht, so läuft's in der Wirtschaft – wieso
denn nicht im Sport? Wieso sollen Sportler plötzlich Verantwortungsbewusstsein
zeigen, wo dies doch gar nichts gilt in der modernen Gesellschaft.
Wertschätzung wird in unserer "Kultur" in Geld ausgedrückt, und als
einziges Surrogat gilt (geldwerte) Leistung und Macht, die in der Regel auch
mit Geld korreliert ist. Die Masse bewundert den Mächtigen, den Reichen und den
Top-Performer (der genau dank dieser Bewunderung zu Geld und Macht kommt). Oder
habt ihr schon je eine Schlagzeile gelesen, die sowas Altmodisches wie
Verantwortungsbewusstsein hochjubelt?
Im Sport ist der Druck besonders
hoch: alles spricht von Leistungsorientierung, Siege bringen Geld – in gewissen
Sportarten gigantische Mengen – Ruhm und Macht. Und auch die Funktionäre stehen
unter diesem Druck. Das Erste, was ausgewechselt wird, wenn eine Mannschaft
schlecht Fussball spielt, ist der Trainer und der Manager, und im Reitsport
noch der Tierarzt. Ist da der Griff zum verbotenen Pülverchen nicht
nachvollziehbar? Zumal wir in einer Gesellschaft gross geworden sind, wo uns
stimulierende, beruhigende und schmerzstillende Helferchen begleiten von der
Wiege bis zur Bahre. Ich sage nur, es sei erklärbar, entschuldbar ist es damit
noch lange nicht. Wer etwas Verbotenes tut, sollte dazu stehen – so lernten
wir's doch alle in der Sonntagsschule. Aber auch das ist leichter gesagt als
getan. In einer Zeit, wo der – nach wie vor - mächtigste Mann der Welt nicht
einmal zu seinen sexuellen Abenteuern steht, wo mit Diktatoren und Terroristen
gefeilscht und verhandelt wird, sollte der kleine Bürger Grösse zeigen und
mutig zu seinen Verfehlungen stehen? Wo sich doch Lügen, Ausreden,
Verzögerungs- und Verschleierungs-taktik und geschickte Prozessführung
tausendfach bewährt haben. Sollten wir den Hebel nicht viel früher ansetzen,
zum Beispiel bei der Erziehung, bei der Vermittlung von Werten und Wertsystemen
an unsere Jüngsten? Ich kenne einen Vater, der seine zerknirschte Tochter, die
ihm voller Selbstvorwürfe die selbstverschuldete Beule an dessen geliebtem Auto
zeigte, sich setzen hiess, in den Keller stieg, um eine Flasche vom Feinsten zu
entkorken. Er füllte zwei edle Kristallgläser mit dem köstli-chen Tropfen,
stiess mit seiner verdatterten Filia an und sagte: "Willkommen im Club",
worauf er ihr in epischer Breite sämtliche Verkehrssünden und Blechschäden
aufzählte, die er selbst in seiner langen Autofahrerkarriere schon verschuldet
hatte. Chapeau, lieber Ruedi!
Und noch ein Letztes. Es gibt in
unserem Rechtssystem einen weisen Grundsatz: Im Zweifel für den Angeklagten.
Auch wenn alle Indizien gegen einen mutmasslichen Täter sprechen – wie beim
legendären 'Mord in Kehrsatz' -, darf er nicht verurteilt werden, solange seine
Schuld nicht unzweifelhaft feststeht. Seien wir also vorsichtig mit dem Werfen
von Steinen... Gerade im Doping-Bereich gab es schon unwahrscheinliche
Wendungen, wie im Fall der verurteilten Traber-Besitzerin, die schliesslich
nachweisen konnte, dass die beanstandete Substanz auf ganz natürliche Weise,
nämlich über die unüblich naturbelassenen Weiden, ins Blut ihrer Rennpferde
gelangte, und die deshalb rehabilitiert werden musste. Nicht, dass ich jetzt
annähme, Aspirin wachse auf Naturwiesen (wobei sogar das nicht völlig falsch
ist: Salicylsäure findet sich in geringen Mengen im Gras!), aber ich würde mir
auch nicht anmassen, ein endgültiges Urteil über den Fall abzugeben. Es ist
nicht der erste und bestimmt auch nicht der letzte Dopingfall im Sport. Und
deshalb möchte ich Sie einladen, den Blick etwas zu öffnen und vor der eigenen
Haustür – oder drinnen! – Verantwortung zu übernehmen, den Mut zu haben,
unzeitgemässe Werte zu vermitteln und Grösse zu zeigen - wie der Ruedi.
Schweizers Offenheit
Alle jammern über die
Verschlossenheit des Schweizers – speziell am ersten August, dem nationalen
Gross-Ereignis im Jodel-Käse-Fahnenschwinger-Grossballenberg-Land. Wenn auch
behäbigste Bäuerinnen im wahrsten Sinne des Wortes 'zum Hüsli uus' sind, sich
herausputzen, um im sonntäglichen Eintrachtskostüm (die Nieder-Tracht ist für werktags)
ausser Haus zu gehen, zum Buurezmorge zu rufen und den Worten des grossen
Festredners oder des festen Grossredners zu lauschen, sei es nun, dass sie dem
Volkstribun Chrocher, dem leutseligen Jogi oder dem Pfotebuzzi Gehör
(Gehorsam?) schenken. Und jetzt ist der Satz so lang geraten, dass die, die
sich mein zuweilen in episch-bildhafter Breite daherkommendes Gebell noch nicht
gewohnt sind, sicher bereits wieder vergessen haben, wovon wir eigentlich
ausgingen: vom Gejammer über die mangelnde Offenheit des Schweizers. Fast alle
Redner nämlich, die nicht zur 'Die Schweiz den Schweizern, denn nur dann bleibt
sie unsere schöne Rütli-Röschti-Richtige-Schweiz'-Partei gehören, jammern in
allen Tonlagen – von pessimistreich-schwarzem Bass bis zu falsifikatem Falsett
– dass sich die Schweiz doch endlich öffnen müsse. Dabei kenne ich nichts
offeneres als die Schweiz: nehmen wir mal das Geld, das ja doch
unbestrittenermassen etwas höchst Zentrales ist im Leben des homo sapiens
westlicher Prägung. Für geprägte Münzen, Bares bar jeder
Herkunftsbescheinigung, Papiergeld aller Paparazzis, Bündeldickes von
Diktatoren machte Helvetien doch seit eh und je Arme und Beine auf – Äuglein
und Mündchen zu. Einverstanden, wenn's mal da war, zeigte sich Schweizersmann
von der senkrechtesten Seite; Gewehr bei Schuh. Zu wie Nagelfluh das Tor zum
Tresor – keine Angst, es verdichtet sich nicht zum Gedicht – aber abgedichtet,
das ward, wird und wird werden, solange es das Bankgeheimnis gibt, und das ist
auch gut so, jawoll. "Wir sind gut gefahren mit dem Grundsatz: 'Offen beim
Nehmen, Verschlossen beim Geben', ob es sich nun um Geld, Rechte, Vorteile oder
Vergünstigung-en handelt" sagte mir jüngst einer, der es –kraft seines
Bundesamtes– wissen muss. Nur bei den Asylanten, dem Käse und den CH-Rössern
sei es umgekehrt, da müsse man offenherzig rausgeben und möglichst nichts
reinlassen. So einfach ist Politik und Schweizer Wesensart – also weit und
breit kein Grund zu Aufregung und Gejammer. Aber auch sonst ist der Schweizer
sowas von offen. Fragen Sie mal irgendjemanden irgendwo hierzulande – zum
Beispiel am Samstag Morgen beim Posten – nach seinem Befinden. Ich verwette
meinen besten tiefstvergrabenen Knochen, er (oder eher sie – ich kläff' auf 'political correctness'!) wird euch innert Kürze
sämtliche gehabten, aktuellen und bevorstehenden Wehwehchen offen darlegen, inklusive peinlichst offener Demonstration aller Narben,
Wunden und Einstiche. Wobei sich die eingangs behauptete Kürze nur auf die
Zeitspanne vom Beginn des Gesprächs – "Grüezi Frä Hagebüechle" – bis
zum Ausbruch der Leidensgeschichte bezieht: "We's mir gaht? – Jä gsehnd
Sie nöd, ich ha ja da am Hals (Chnüü, Rugge, Buuch, Ohr, Fuess – Gewünschtes
bitte anstreichen) wieder en Iigriff gha, also ich säg Ihne...". Was nach
"Ich säg Ihne..." folgt, kann gut und gerne Stunden dauern. Aber wenn
ihr der – oder dem – also Geplagten wirklich solange zuhört, endet das
Gespräch, das zugegeben eher einem Monolog ähnelt, womöglich beim vertrauten
'Du' im Café nebenan oder – Gott sei euch gnädig – bei euch zuhause und ihr
gewinnt einen dauerhaften Freund. Im wortwörtlichen Sinne: es dauert und
haftet, aber schliesslich reden wir über Offenheit, und daran mangelts nun
wirklich nicht. Überwindet die Scheu vor frischen Nähten – wenn man sich dafür
näher kommt. Lest den grauslichen Operationsbericht – zugunsten einer operesken
Ration richtiger Gunst eines aus dem Grau des Alltags heraustretenden
Mitmönschen ((kein Druckfehler)).
Amen.
Ihr habt genug von Schweizers
Offenheit? Nun stellt euch nicht so verschlossen an: Offensein für Offenheit
führt oftmals zu Betroffenheit (Fränkische Volksweisheit, in Bayern besser
bekannt mit Schlusswort 'Besoffenheit'). Also, darauf heben wir einen, auf die
Offenheit des Schweizers, und zwar mit einem oben offenen Glas und einem
offenen Wein. Auch das gibt's nämlich hier: offene Schweizer-Weine – und das
ist gut so. Man kann sie ganz offen in jede offene Salatsauce giessen oder
notfalls mit offenkundig weniger Saurem verschneiden. Und damit hätten wir die
Schweizer Weinbauern auch noch sauer gemacht (ist der Tropfen vielleicht
deshalb so sauer, weil die oft mit sauren Grinden griesgrämig in ihren
verregneten Hängen rumstochern und auf die nächste Kaltfront warten?) – aber
Offenheit geht schliesslich über alles hierzulande, oder?
Lebens-Versicherung
Ich als irischer Hund musste ja
mühsam Deutsch lernen hier in der Schweiz. Wobei schon das wieder falsch ist.
Ich musste eigentlich drei Sprachen lernen: Schweizerdeutsch, Deutsch und
schweizerisches Hochdeutsch. Wenn ihr jetzt meint, das sei ja keine Sache, so
kennt ihr euch nicht aus. Natürlich gibt es auf den ersten Blick gewisse
Gemeinsamkeiten – aber genau darin liegt das Unglück. Da werden die selben –
oder fast die selben - Wörter benutzt, meinen aber etwas völlig anderes.
Einfaches Beispiel: wenn ein Deutscher NEIN sagt, dann meint er auch nein, dann
ist das eine ganz klare Absage, eine Negation. Nicht so der Schweizer.
Fragt einmal irgendwo in Helvetien, ob
ihr weisses, schwarzes oder sonstiges Geld deponieren dürft. Die Antwort ist
höchstwahrscheinlich: "Nänäi, das isch käs Problem!". Mit diesem
'Nänäi' meint der Schweizer aber 'Ja, selbstverständlich'. Genau so verwirrlich
ist es mit 'JA'. Fragt einen Eidgenossen, ob ihr irgendwo irgendwas ein-, auf- oder
abstellen dürft. Er wird die Stirne runzeln, die Hand zum Kinn führen und
brummeln: "Jaa, jaa, das müest men aluege..." Damit meint er nun
ziemlich klar 'Nein'. Mit der kleinen Einschränkung: 'ausser vielleicht gegen
ein saftiges Entgelt'. Noch schwieriger wird's bei Ausdrücken wie 'Schwein
gehabt'. Sagt ein Schweizer das zu einem Deutschen, wird der erstaunt
antworten: "Nein, zum Mittagessen hatte ich Huhn (oder Rind oder
Lamm)". Der Schweizer versucht dann deutlicher zu werden und fährt weiter:
"Ich habe eben saumässig Schwein gehabt, dass ich noch Schwein gehabt
habe". Spätestens hier bricht die Konversation ab oder es wird ein
Psychiater beigezogen.
Dann gibt's aber auch Dinge, die
will man in allen drei Sprachen nicht beim Namen nennen. So zum Beispiel die Versicherung
für den Todesfall, die logischerweise abgekürzt 'Todesversicherung' heissen
müsste, schliesslich kommt sie dann zum Tragen, wenn der Versicherte stirbt.
Sie heisst absurderweise 'Lebensversicherung' – wie wenn eine Versicherung das
Weiterleben garantieren könnte. Übrigens eine grauenhafte Vorstellung: die
Leute würden noch älter, vor allem die Schweizer, die sowieso schon eine
Lebenserwartung von 120 haben – und in der Regel hundert Jahre vorher schon zu
vergreisen beginnen. Das Wort 'Lebensversicherung' wird durchaus auch richtig
gebraucht, z.B. für mich, der ich meinen Anselm auch im Tiefschlaf bewache,
sodass ihm niemand nach dem Leben trachten kann. Das klappt allerdings auch
nur, wenn ich mich frei bewegen kann. So konnte ich – im Lastwagen eingeschlossen
- nicht verhindern, dass ihm auf einem Turnier seine edelsten französischen
Sättelchen geklaut wurden. Nicht auszudenken, wie ich diese miesen Fieslinge
zerfetzt hätte. Den Italienern gings noch elender: denen wurden nebst allen
Sätteln noch die nigelnagelneuen Mass-Stiefelchen sozusagen unter dem Hintern
weggeklaut. Schlauerweise hatte die Besitzerin ihre Geldbörse darin versteckt.
So ganz ohne Hund geht's eben auch nicht.
Wir waren bei der
Lebensversicherung: so nennt man in Rösselerkreisen auch ein todsicheres Pferd
– schon wieder falsch! – eben nicht ein Pferd, das einen todsicher in den Tod
führt, sondern eines, das alles daran setzt, den Todessturz des Piloten zu
vermeiden. Das gibt's wirklich. Ein Schweizer Junior, der unterdessen bereits
erfolgreich bei den Grösseren mitmischt, hatte zu Anfängerzeiten so eine kluge
Wunderstute: er konnte treiben wie ein Wilder, wenn die gute 'Symphony' fand,
das Tempo sei eher etwas zu reduzieren, so tat sie dies ganz selbständig.
Ebenso, wenn der Kleine am Zügel zerrte und die erfahrene Dame fand, man gehe
jetzt besser 'auf gross': mit einem klaren Ruck befreite sie sich vom zupfenden
Händchen und zog davon. Solche Pferde sind natürlich keine 'Böcke' – auch das
eine speziell helvetische Bezeichnung für diese edlen Vierbeiner – wobei unter
Profi-Springreitern dies nicht einmal zwingend abschätzig gemeint sein muss.
Solche Rauhbeine können durchaus bewundernd von einem 'richtig guten Bock'
sprechen – was der Deutsche missversteht und sich im besten Fall einen
Sattelbock vorstellt. Auch wenn man gemeinsam Hindernisse aufbaut und nach
'Böcken mit Löffeln' schreit, sieht man den von Entsetzen geweiteten Augen des
deutschen Freundes an, dass er sich einen Ziegenbock mit Hasen-Löffeln
vorstellt. Umgekehrt kann sich die Phantasie des Helvetiers bei einem 'Ständer
mit Auflagen' verirren. Erstaunen löst nördlich des Rheins auch die Frage aus,
ob jemand beim 'Zöpfeln' behilflich sein könnte und dazu 'Kessel, Schwumm und
Gümmeli' brauche. Das Unternehmen könnte 'im Eimer' landen, da für helvetische
Ohren 'Einflechten' leicht nach Hautkrankheit tönt und uns auch Abhalftern,
Auftrensen und Eindecken etwas fremd vorkommt. Spricht man aber nur vom Decken
– und meint damit ganz harmlos das Auflegen einer wärmenden Decke auf's Pferd –
geht beim deutschen Gegenüber ein Schmunzeln über's Gesicht und er fragt
womöglich nach der Decktaxe.
Und die Moral von der Geschicht?
Freue dich immer, wenn Kommunikation gelingt, auch einfachste. Aber freue dich
nicht zu früh. Denn die Regel ist eigentlich das Missverständnis. Du kannst
soviele Sprachen lernen, wie du willst – du ergatterst Dir damit keine
Lebensversicherung – im Gegenteil. Nicht einmal Mimik und Gestik sind sichere
Verständigungsmittel. Darum versteht der Anselm die Japaner und ich die Katzen
nicht. Wenn letztere den Schwanz hochstellen und bewegen, sind sie sauer - ich
fröhlich. Und wenn der Anselm was Witziges erzählt, zucken erstere nicht mit
den Wimpern – und sagen drei Stunden später, sie hätten sich köstlich amüsiert.
Da verstehe einer die Welt! Das einzig todsichere (!) internationale
Verständigungsmittel sind die bedruckten Scheinchen mit den Zahlen drauf. Wenn
du da die richtige Währung mit genügend Nullen auf den Tisch legst, entlockst
du sogar dem Willi oder einem Japaner ein Lächeln.
Hundsgemein
Ich bin ja auch nicht zimperlich,
aber das geht nun eindeutig zu weit. Da hat doch ein erwachsener Hund im
Vollbesitz seiner geistigen Kräfte einfach seinen Menschen sitzenlassen. Ohne
Vorwarnung und - laut Pressemitteilung – ohne, dass sich der Mensch etwas hätte
zuschulden kommen lassen. Einfach so sitzenlassen, im tiefsten Dschungel. Der
Mensch hatte den Berichten zufolge keine Chance, je wieder aus dem weglosen
Busch herauszufinden mit seinen bescheidenen Mitteln. Für jeden
durchschnittlichen Hund 'peanuts' – für einen Menschen mit seinem desolaten
Orientierungssinn, seiner bejammernswerten Nase, seiner Plumpheit im Unterholz
und dem geradezu lächerlichen Laufvermögen ein Ding der Unmöglichkeit. Der Hund
– es soll sich um eine undefinierbare Strassenmischung handeln - kam nach
wenigen Stunden gezielten Laufs munter in Wugadugu an. Der Mensch wurde Wochen
später von einer Hundestreife erschnuppert, bereits leicht angefault. Die
Spurenanalyse ergab, dass der verzweifelte Mensch über zwei Tage lang sinnlos
im Kreis herumgelaufen war bis zur totalen Erschöpfung und dann verdurstete.
Nein, man kann ja wirklich viel
ins Feld führen gegen die Menschen, aber sowas verdienen sie dann doch nicht.
Ich bin ja nicht naiv und weiss, wie viele Hunde nicht wirklich engagierte
Menscheler sind und sich Menschen nur so als Status-Symbol oder als Spielzeug
halten. Das ist zwar nicht nach meinem Geschmack, aber weiter nicht schlimm. Es
gibt ja zugegeben auch Menschen, die für nicht viel mehr zu gebrauchen sind als
zum Herzeigen. Die werden dann herausgeputzt mit viel Aufwand –
unvergleichlich, was es im Vergleich zu uns Hunden braucht, dass ein Mensch
einigermassen ansehnlich wird: nur schon diese scheusslich abgeschabte
fell-lose Haut mit all den Rötungen, Pickeln, Mitessern. Da muss mit
zentimeterdicken Schichten von Schminke (meist tierischen Ursprungs) und ganzen
Masken möglichst viel abgedeckt werden. Dann wird allenthalben mit Schmuck
nachgeholfen: heutzutage ist keine Körperstelle der bemitleidenswerten
Zweibeiner mehr vor Piercings sicher, kreuz und quer werden Nadeln mit mehr
oder weniger edlen Steinen ins Bauchfett, in die Knollennase oder sonstwo in
die Haut geschossen, die sich dann meist hässlich rötet.
Wenn zu früheren Zeiten einer
lallte, war er im tragischeren Fall behindert, im komischeren besoffen. Heute
kommt als dritte - dank Polizeistunde und Logopädie bald häufigste -
Möglichkeit ein Zungen-Piercing in Frage. Gottlob sind die Menschen – häufiger
sind es Menschinnen – an diesen Herzeige-Märkten (vergleichbar dem ländlichen
Brauch des Viehmarkts mit der Körung des 'Gemeinde-Munis') mehr oder weniger in
Tücher gehüllt, sodass sich der Abdeck- und Schmuck-Aufwand etwas reduziert.
Und wie bei den Kaninchen gibt's zum Schluss eine Schönste, die ist dann für
ein Jahr die Miss Chlapfbodenalp und repräsentiert die Region, die sie erkor.
Damit offenbart sich auch gleich das Wertsystem der Zweibeiner. Ja,ja, ich
weiss, eigentlich ein Armutszeugnis, wenn's denen nur auf solch äusserliche
Qualitäten ankommt, aber es hat durchaus seine innere Stimmigkeit.
Der mächtigste Leitmensch des
Planeten ist zur Zeit ein Schönling, für dessen Unterleibsaktivitäten sich die
Welt während Monaten mehr interessierte als für seine geistigen Höhenflüge. Und
auch im biederen Helvetien wurde neulich ein ähnliches Kasperle-Theater
aufgeführt. Der harmloseste und seriöseste aller Politmenschen, der während
Jahrzehnten senkrecht und bieder seinem Land diente und in unbescholtensten
Familienverhältnissen lebte – und eben gerade darum die Paparazzis nervte, weil
er nie eine deftige Schlagzeile hergab – wurde in eine wüste Dirnen-Story
reingeschubst. Natürlich alles erstunken und erlogen – aber die hohe Auflage
des Revolverblatts liess moralische Einwände verstummen.
Zurück zum Sitzenlassen: das ist
zu dick. Man kann über die Menschen lachen und motzen, man kann ihnen ans Bein
pinkeln und den Böseren auch einmal ins Waderl beissen. Aber Sitzenlassen,
Aussetzen – wo bleibt denn da das Mitgefühl für die arme Kreatur? Für mich ist
das nicht nur fahrlässig, sondern Absicht und gehört bestraft wie Mord. Vor
Gericht gab der Hundetäter, der keine Reue zeigte, an, der Mensch sei ihm
einfach lästig gewesen, er hätte den Ferienstreifzug durch den Dschungel
Wugadugus ohne dieses plumpe Anhängsel geniessen wollen - und ein Aufenthalt im
Menschenheim hätte sein Ferienbudget glatt gesprengt. Er dachte sich, irgendwer
würde den winselnden Menschen schon finden, mitnehmen und durchfüttern.
Hundsgemein! Todesstrafe, oder? Die weichen Richter liessen Gnade vor Recht
ergehen und verknurrten den Verantwortungslosen nur zu einem
Resozialisierungspro-gramm. Der Fehlbare muss zuerst eine Woche in Wugadugu und
dann drei Wochen in seiner Heimat-Stadt mit einem Riesenplakat auf dem Rücken herumlaufen:
'Ich habe meinen Menschen grundlos
ausgesetzt. Ich bin ein Menschenquäler'.
Na ja, hoffentlich wirkt's
wenigstens etwas abschreckend, die Menschenheime platzen eh' schon aus den
Nähten und verschlingen die ganze Hundesteuer. So ein bisschen reduzieren
sollte man die Bestände vielleicht doch. Wenn ich nur schon an die
Entsorgungsgebühren für all den Mist denke, den diese Zweibeiner produzieren.
Da reichen die paar grünen Roby-Man-Containerchen nirgends hin. Irgend so eine
deftige Kampagne 'Menschen raus - die Schweiz den Hunden' hälfe der Chrocher
mir vielleicht anteigen. Wir könnten ihn zum Dank ja als einzigen Menschen
dabehalten, dann würde er endlich Bundesrat! Aber das geht auch wieder nicht,
beim Chrocher und seinen Gesellen hiesse es 'die Schweiz den Schweizer Hunden'
– und ich würde ausgeschafft. Und dann wärt ihr schön aufgeschmissen. Wer würde
dann an meiner Stelle diese weltbewegenden Motzereien rauslassen, wereliwer,
hä?
Pfotentrüller für Rhodesien!
Der allseits beliebte und bekannte Viel-Reiter
Klaus-Heinz Pfotentrüller aus Maulingen startet ab sofort für die
nordwestsüdostafrikanische Republik Rhodesien. Über die Verwandtschaft mit
seinem Hund – und dank der In-Aussicht-Stellung eines auch für dortige
Verhältnisse erklecklichen Steuer-Beitrags - konnte er die Behörden von seiner
lupenrein rhodesischen Abkunft überzeugen. Dies ist natürlich ein schwerer
Verlust für den Schweizer Reitsport. Womit sollen sich denn all die TK- und
Equipechefs, all die Organisatoren und Veranstalter beschäftigen, wenn
Klaus-Heinz sie nicht mehr in Trab hält mit Mätzchen wegen Plätzchen, Protesten
wegen Resten, Gebrüll wegen Müll und Geschrei wegen Brei? Und wie sollen sich
naive Konkurrenten stählen für die Anfechtungen im grossen Sport, wenn sie
nicht durch die harte Schule Pfotentrüllers gehen dürfen? An einem seiner
letzten Vielseitigkeits-Turniere leistete er sich das Spässchen, der Führenden
nach der Dressur und weiteren potentiellen Siegwegschnappern klar zu machen,
dass schnelles Reiten über all diese Wurzeln schlichtwegs Tierschänderei sei.
Die um ihr einziges Tierchen Besorgte und ihre blauäugigen Kollegen beherzigten
die Ratschläge, ritten langsam und verhalfen damit Pfotentrüller, der
selbstverständlich volle Pulle ging und drei seiner schon bei Prüfungsbeginn
mehr wrackig als crackig daherkommenden Equiden in der Optimalzeit ins Ziel
wurgte, zum schönen, tortenträchtigen Sieg.
Kein Preis-Couvert zu klein, keine Vereinsprüfung zu
unwichtig, als dass der Klaus-Heinz nicht anrückte mit seiner Armada, um bei
den Kleinen abräumen zu helfen. Da könnten doch noch so viele Nachwuchsleute
etwas lernen. Die grossen Prüfungen überlässt er – grosszügig wie er nun mal
ist – den Grossen. Gut, vielleicht tut er dies auch, weil in der schwindelnden
Höhe der S- und Dreisterneprüfungen keiner auf seine Schwindel reinfällt? Oder
weil das Siegen dort nicht so leicht ist wie am Knülliker Derby oder im B für
Anfänger? Oder weil er schlicht die stets käserinden- und
portemonnaie-bewehrten Höschen – vielleicht gibt's was einzustecken unterwegs -
voll hat angesichts der mockigen Brocken? Was kümmert's, Klaus-Heinz wird uns
ohnehin nicht mehr bis ans Ende unserer Tage in Atem halten mit seinem im
wahrsten Sinne des Wortes umwerfenden Charme, wird uns keinen Stoff mehr liefern
für die unzähligen Grill-Abend-Geschichten. Rhodesien ist weit – er ist dort
der einzige Reiter, gleichzeitig der einzige Verbandsfunktionär – kein anderer
wird dort 'seinen Sport kaputt machen', kein Konkurrent wird ihn schneiden, er
wird selber alles aufstellen, abnehmen, seine eigene Dressur richten, seine
Pump-Parcours bewerten und natürlich siegen, siegen, siegen...Wahrscheinlich
der einzige Weg für ihn, glücklich zu werden. Zum ersten Mal im Leben wird er
die herrliche Einsicht tätigen, dass man für alles selbst verantwortlich ist,
was einem widerfährt im Leben, dass es rundherum gar keine Schuldigen gibt.
Und wir? Ödeste Langeweile wird
einziehen auf den ländlichen Turnierplätzen. Jedesmal wird ein anderer – oder,
viel wahrscheinlicher, eine andere gewinnen:
eine 'Kleine' bei den Kleinen, eine 'Grosse' bei den Grossen. Die Atmosphäre
wird so friedlich und fröhlich im Inland, wie sie es seit geraumer Zeit schon
im Ausland ist, wo der Klaus-Heinz nur mehr selten in kleineren Prüfungen
anzutreffen war. - Wo bleibt da der Stachel, die motivierende Wut, ihn zu
schlagen – im übertragenen Sinne selbstverständlich – und die diabolische
Schadenfreude, wenn's mal gelingt? Soll denn Sport überhaupt friedlicher
Wettstreit sein? Verhilft nicht erst übersteigerter Ehrgeiz, Konkurrentenhass
und blindes Vorwärtsstürmen zu den Parforce-Leistungen, die das
schlampig-verfettete, faul und feige im Sofa fletzende TV-Publikum sehen will?
Schneller, höher, wilder, aggressiver; Blut muss fliessen, wenn schon der
Sex-Appeal auf Sparflamme flackert bei den meist drahtig-kleinbusigen
Reiterinnen. Der CCI*** im englischen Blenheim hatte noch nie so viele
Zuschauer wie dieses Jahr. Der Zusammenhang mit den vielen Todesfällen in
englischen Vielseitigkeitsprüfungen in der laufenden Saison dürfte nicht allzu
sehr an den Haaren herbeigezogen sein.
Falls ihr je irgendwo an einen
Unfall geratet und nicht zu den benötigten Helfern gehören, leistet euch doch
den Luxus und schaut nicht auf die Unfallstelle, sondern in die Gesichter der
Umstehenden. Selten seht ihr Schau-Lust, Gier, geile Schadenfreude so
unverhohlen aus flackernden Augen leuchten, Speichel so hemmungslos fliessen
bis zum Lefzen-Triefen. Noch stärker ist dieser Ausdruck höchstens bei
Paparazzis und Boulevard-Journalisten, die den Höhepunkt über die Wonne des
Augenblicks hinauszögern können. Nach der blutigen Schau kommt das
Ausschlachten, das genüssliche Zuweisen der Schuld und selbstverständlich das
Beklagen des auflagestärkenden, lustvollen Ereignisses.
Unerwarteter Szenenwechsel:
plötzlich sehe ich den Ost-Poldi weit ab vom Säntis, wie er für IENA und den
Sport ein- und bescheiden zurücktritt. Ich sehe den Willi ohne Couvert, dafür
mit der NZZ in der Hand in die Kamera lächeln, den Spiegel-Thomasli im
schwarzen Talar dorthin steigen, wo er schon immer hingehörte: auf die Kanzel.
Unten sitzen der Piusli, der Jonny, der Blistermann und viele andere reumütige
Sünder, tun Busse und spenden die erschundenen Preisgelder! Und da: eine ganze
Runde friedlich vereinter Dressurreiter, die über falsch zusammengezählte
Punkte lachen. Daneben ein jugendlicher, nüchterner und weder bestechlich noch
beschlafbar wirkender Richter im Besitze seiner vollen Seh- und Urteilskraft!
Auf dem Festtisch liegt der
Pferde-Blick, der plötzlich etwas kostet (dafür ist neu ein ausgebildeter
Journalist auf der Lohnliste). Drinnen ein Foto vom Spring-Team ohne den Equipechef (ist er tot, krank
oder hatte der Fotograf kein Weitwinkel-Objektiv zur Hand?). Und auf der
letzten Seite gibt sich das Billig-Blatt selbst ein 'Unten-durch-Hufeisen' für
den fiesen Missbrauch dieses arroganten, oft schlecht recherchierten
Machtmittels. Spätestens in dem Moment, wo ich eine Angestellte der
SVP-Geschäftsstelle ins Telefon trällern höre: "Klar, probieren wir doch!",
wird mir klar, dass ich alles nur geträumt habe – auch Rhodesien.
Doch ich sehe viele andere Jack
Russells den selben Traum träumen, vom fernen Ridgeback bis zum frohen
SVP-Girl. Und deshalb weigere ich mich, aufzuwachen. Denn Träume Vieler können
doch auch Visionen Weniger werden? Und Visionen können – wenn man
kratzer-bürstig genug ist – bei guter Führung durch Einzelne realisiert werden.
Man müsste vielleicht ein bisschen nachhelfen?
Dein Freund und Helfer
Was wären wir ohne sie,
die sie täglich – stündlich! – wachen über uns rechte Schweizer, auf dass alles
mit rechten (nicht etwa mit linken!) Dingen zugehe. Zugegeben, manchmal gehen
sie etwas linkisch vor, aber immer im recht redlichen Bemühen, uns zu erlösen
von dem Bösen in und um uns. Vor allem in uns. Denn wer von uns – Hand auf's
Herz (so vorhanden, ich meine das Herz) – hat nicht schon gefehlt. Wer hat noch
nie die grösste Sünde begangen, die man auf eidgenössischem Boden begehen kann:
die über das enge Mass des Erlaubten hinausgehende Sondernutzung
heilig-helvetischen Bodens! Welch ein Frevel. Bereits das nicht durch klare
Kauflust begründbare Stehenbleiben vor Schaufenstern gerät leicht zur
kriminellen Handlung, geschweige denn das Sich-Hinsetzen. Wehe dem
Strassencafé-Betreiber, der nicht über die nötige Bewilligung verfügt. Noch
schlimmer ist es, wenn zwei oder drei zusammen länger als zum Vorbeieilen nötig
auf öffentlichem Grund herumschlendern oder stehen: hier könnte sich eine
Demonstration, ja, eine Revolution anbahnen – wehret den Anfängen. Die viel
alltäglichere, deswegen aber nicht minder inkriminierende Tat ist das unbefugte
Abstellen von Blechkarrossen. Und unbefugt ist fast jeder zu jeder Zeit an
jeder Ecke Helvetiens. Befugt sind fast nur die Auguren, die mit Blaulicht und
bis an die Zähne bewaffnet auf Achse sind und – behufs Aburteilung der Täter
bzw. Strafzettelausstellung – ihre schnittigen Karren natürlich auch auf
öffentlichem Boden abstellen müssen. Doch das P für Polizei meint immer auch P
für Parkieren, schliesslich tun's die dienstbeflissenen Hüter des Gesetzes im
Dienste aller.
Bereits an der Grenze stehen sie
nahtlos und stramm, auf dass kein fremder Fötzel seinen möglicherweise
kolorierten Fuss ins gelobte Land setze. Geschärften Auges, Bajonetts und
scharf geladenen Gewehrs wehren sie eindringlich den Eindringlingen und trüben
Gestalten, damit wir uns ungetrübt unserer Heimat gestalterisch erfreuen
können, uns selbstbewusst und begeistert dar- und ausstellen können – so nicht
01, so vielleicht 02, 03 oder irgendwann. So wir uns denn freuen können, denn
Freude herrscht – Ogi'schem Auf- und Ausruf zum Trotz – nur selten hierzulande.
Am ehesten noch Schadenfreude. Misslingen und Unglück anderer vermag noch dem
vergrämtesten Eidgenossen ein Lächeln in die verbitterten Züge zu zaubern.
Vielleicht auch noch ein Erfolg der Nati im Spiel der Spiele, aber das kommt
leider, leider nur gerade ein- zweimal vor pro Millennium und ist erst noch
überschattet von der dunklen Tatsache der Verknüpfung des Erfolgs mit teuer
eingekauften Dunkel-Schoggi-Füssen.
Auch unseren Beschützern ist die
Freude weitgehend abhanden gekommen. Die Genugtuung über einen Fahndungserfolg
mag ab und an in sowas wie grimmigen Stolz ausarten. Das Wissen, im Dienst am
Vaterland einen vaterlandslosen Gesellen – oder eine Gesellin
(merkwürdigerweise pochen auch die fanatischsten Feministinnen bei Kriminellen
nie auf den gleichberechtigten Gebrauch der weiblichen Form wie Mörderinnen und
Mörder, Räuberinnen und Räuber?) – also: eine Halunkin oder einen Halunken
überführt und dingfest gemacht zu haben, ist schon ein gutes Ding, ja Grund für
festliche Freude.
Aber der graue Alltag unserer
Gralshüter ist umwölkt von Widerwärtigkeiten. Schlimmer noch als der rollende
ist – wie gesagt – der ruhende Verkehr. Das ruhelose Verfolgen des am
verkehrten Orte ruhenden Verkehrs ist Gabe und Aufgabe zugleich. Mit Hingabe
und ohne je aufzugeben werden die Parksünder – nicht etwa in Pärken Sündigende,
sondern beim Immobilisieren ihrer Mobile Fehlende – aufgespürt und kriegen die
Folgen ihres verwerflichen Tuns zu spüren (oder eben ihres Nicht-Tuns wie im
Falle des Nicht-Fütterns des Parkingmeters, des Nicht-Einstellens der blauen
Scheibe oder des Nicht-Anbringens irgendwelcher Tickets oder
Sondergenehmigung-en). Wo und wie kurz die Sünder auch sündigten, der Arm des
Gesetzes ist länger als derjenige Arthurs bei Kästner. Die Erfolgsquote ist die
höchste der Welt. Kein Wald ist so dunkel, dass ein Dunkelmann die Dunkelziffer
erhöhen könnte – die hellen Helebardisten Helvetiens stellen ihn, verhelfen ihm
zur Sühne auf Heller und Pfennig.
Ja, in diesem Land, da lass Dich
ruhig nieder – sofern Du eine Niederlassungsbewilligung hast, und auch dann
bitte nur an privatem Ort nach Bezahlung sämtlicher Steuern und Abgaben. Du
darfst auch Kredit aufnehmen, überhaupt mit Geld, da sehen wir's etwas weniger
eng, das darfst Du auch überall parkieren, soviel und solang Du willst und
woher Dir beliebt. Am liebsten viel und über Deinen – ach, wie traurig –
gewaltsamen Tod hinaus. Wir legen's an für Dich, auch wenn Du Schoggi-Füsse
hast. – Auf den Hund gekommen? Aber nein. Auch Hunde-Parken ist geregelt im
Land der unbegrenzten Regulierungsmöglichkeiten. An der Leine, mit dem grünen
Säckchen in der Hand, und bitte nicht stehenbleiben, ausser vielleicht im Eigenheim.
Auf's Pferd, auf's Pferd, muss die Devise heissen – aber parken bitte im
Industriequartier...
Einer ist mehr als genug...
Allein mit Anselm – das mag
angehen, da komm' ich einigermassen klar. Okay, er ist komisch, wie das
bekanntlich alle Menschen mehr oder minder sind. Aber zwei oder noch mehr
Menschen auf's Mal – das hält kein Hund aus. Bauer schimpft, Selmine sperrt
mich ein, Anselm lässt mich wieder frei, Bauer schimpft und so weiter. Oder:
Anselm steht bei der Haustür und lockt "Komm, Mäxchen, Guti-Guti",
Selmine schreit beim Auto "Fuss", Mando winkt auf der Wiese mit
meinem Lieblings-Ball. In solchen Lagen pflege ich alle drei zu ignorieren –
ausser ich hätte schreckliche Lust auf Gutis. Oder auf Ball-Spielen mit Mando,
der über tausend Tricks verfügt – ein echter Gegner! Oder mein überentwickeltes
Pflichtgefühl rufe mich ans Steuer (Selmine darf man ja nicht unbeaufsichtigt
auf die Strasse lassen, die verirrt sich im eigenen Kaff; schlimmer ist da nur
Esther, die stundenlang im Kreis herumfährt – beide mit einer zumindest
äusserlich recht respektablen Nase: riechen denn die rein gar nichts ausser dem
Parfüm einer potentiellen Nebenbuhlerin?). Und einmal krieg' ich von beiden zu
Fressen (dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden), das nächste Mal von
keinem (dagegen ist sehr viel einzuwenden).
Weit schlimmer als mit uns Tieren
sind aber mehrere Menschen untereinander. Ein frisch verliebtes Paar ist ja
noch knapp erträglich, ausser dass sie ständig rumturteln, anstatt sich um
wirklich Wichtiges – wie z.B. um mich – zu kümmern. Aber zwei oder mehr Männer
auf's Mal – Schreck lass nach! Da wird das Maul aufgerissen und geprahlt, jeder
quatscht von sich und seinen Taten, ohne auch nur für eine Sekunde dem
Gegenüber zuzuhören, was den jeweils andern in der Atempause des einen umso
mehr beflügelt, sich durch ausufernde Darstellung seiner selbst wenigstens
Wahrnehmung, lieber aber bewundernde Anerkennung zu verschaffen.
Kein Anlass, keine Tat zu gering,
als dass die Männer sich nicht damit brüsteten, ihre überragende Bedeutung für
die Welt im Allgemeinen und ihr näheres Umfeld im Speziellen nicht mit Genuss
hervorhöben bis zur Hochnotpeinlichkeit. Es gibt auch ungeschriebene Regeln zum
Austausch von Eitelkeiten unter Männern. So pflegt man sich unter
Publizierenden aller Gattung die Ergüsse gegenseitig zuzusenden. Künstler
verschicken hemmungslos auch Programme zu Auftritten, die bereits passé sind.
Handwerker laden zur Gewerbeschau, Unternehmen zum Tag der offenen Tür – und
bei alledem geht es gar nicht primär um Inhaltliches, um Werbung für
Wissenschafts- und Kunstkonsum oder die Erhöhung des Umsatzes, sondern schlicht
darum, seiner Umwelt zu signalisieren: 'Seht doch, was für ein toller Hecht ich
bin!' Aber es ist – bei aller Lächerlichkeit – zumindest eine naiv-offene, für
jeden (ausser dem gerade Prahlenden) leicht durchschaubare Macke und damit
schon fast wieder harmlos und verzeihlich. Und da es mehr oder minder alle tun,
wird auch regelmässig am anvisierten Ziel vorbeigeschossen, nämlich besser dazustehen
als der andere, elitär, besonders, herausragend zu sein. Deshalb dreht sich die
Spirale männlicher Übertreibungen und Glorifizierung eigener Bedeutung bis ins
Unendliche fort, da hilft weder die Eroberung der Venus noch tausender ihrer
Hügel – es wird sich immer einer finden, der eine noch Fernere bestieg oder
zumindest anzupeilen sich anschickt.
Auch das Brunftgehabe der
zweibeinigen Männchen ist ziemlich einfach und eigentlich sympathisch tierisch:
sie blasen sich auf, fressen oder trainieren sich Gewicht an – keiner will ein
Wicht, alle wollen ge-wichtig sein. Verlieh in früheren Zeiten ein - zugegeben
teurer - dicker Bauch Gewicht und Halt im rauhen Wind von Wirtschaft und
Politik, sind es heute eher die imponierenden Beulen Body-Gebildeter. Nur die
leidige 'Born-in-USA'-Regel wird verhindern, dass Noldi der Terminator nicht
termingerecht Präsident der grössten – der einzig verbliebenen - Weltmacht
wird. Eigentlich schade: das weibliche Wahlvolk hätte sich bestimmt
vertrauensvoll in seine Muskelberge gekuschelt. Aber vielleicht stiehlt ihm ja
ein anderer Schauspieler die Schau und erklimmt den Thron im Land der
unbegrenzten Oberflächlichkeiten.
Zurück zum Paarungstrieb der
Zweibeiner: eigentlich sind sie wie wir Hunde, sie wollen grundsätzlich jede
begatten und haben erst noch den Vorteil, dass die Weibchen mehr als zweimal
läufig sind im Jahr (zumindest bilden sie sich das ein). Bei Alters- oder
sonstigen Ermattungserscheinungen hilft, via Gra-tisanzeiger ins Haus
geliefert, die segensreiche Chemie. Ganze Weiber-Rudel oder -Herden halten sich
allerdings nur begüterte Muftis (darum tragen sie - 'Allzeit Bereit' - nur so
am Kopf befestigte, weite Umhänge). Hierzulande findet das Paarungs-Spiel der
Adams zwar oft überlappend, aber grundsätzlich zeitlich gestaffelt nacheinander
statt. Die bei dieser Dauerläufigkeit zwangsläufig häufigen
Konkurrenz-Konflikte werden auch heute noch meist im Wildwest-Stil ausgetragen.
So klar wie bei uns eine rechte Rauferei mit dem Stärkeren als Sieger endet, so
gewinnt auch bei den Zweibeinern der schneller Schiessende, Stechende oder
Hauende. Simpel, geradlinig und erfrischend primitiv .
Ausser, und das ist fast immer der
Fall, die Weibchen, um die gekämpft wird, entschieden die Sache auf ihre Weise
hinter den Kulissen, die Männchen im Wahn ihres Heroentums weiterdreschen
lassend. Wo nämlich zwei oder drei Evas beisammen sind, knistert es von
Spannung und Raffinesse. Sie verabscheuen Geschrei und rohe Gewalt. Im
zartesten Säuselton tricksen sie sich gegenseitig aus, strategisch weitsichtig
angeln sie sich Männer als lebenslänglich Leibeigene, raffiniert lächelnd mixen
sie Nebenbuhlerinnen den Todes-Drink, ein sicheres Alibi im Handtäschchen. Sie
kennen ihre Pappenheimer, geben sich schwach, damit sich jene stark wähnen,
derweil sie mit sicherer Hand die entscheidenden Fäden ziehen.
Ihr Paarungsverhalten ist clever,
weit- und umsichtig. Nie würden sie aus reiner Gier, niedriger Paarungswut oder
auch nur aus kurzlebigem Spass eine Liaison eingehen. Spontaneität ist immer
gespielt. Instinktsicher wählen sie den Sicheren, der ihnen kurz-, mittel oder
langfristig nützt. Und je nach angestrebter Nutzungsdauer investieren sie sich
selbst, vorsichtig, bewusst, immer etwas in Reserve haltend. Wären sie für die
langweiligen Männergeschäfte wie Wirtschaft, Politik und Krieg zu gewinnen –
der Traum der Patriarchen wäre rasch ausgeträumt. Aber sie können sich nicht
zusammenraufen, schon gar nicht für so blöde Bubenspiele.
Frauenfreundschaften sind selten –
die Achillesferse der Helenas. Lieber intrigieren sie auf höchstem Niveau,
sphinxhaft lächelnd unter Schichten von Schminke und falschen Wimpern, über
Silikonbrüsten und künstlichen Hüften – alle Männer täuschend, doch keine Frau.
Und so dreht es sich weiter, das
Rad des ewigen Kampfs der Geschlechter – untereinander und gegeneinander. Ein Mensch kommt selten allein. Und wenn
wir schon bei den Sprichwörtern sind: homo homini lupus (der Mensch ist des
Menschen Wolf; sprich: grösster Feind - eigentlich eine arge Verunglimpfung
meiner wölfischen Ahnen!). Und: 'Viele Hunde sind des Hasen Tod' – mag sein,
sicher gilt: 'Viele Menschen sind des Hundes Not'.
Die Kunst, cool zu sein
Ignorieren ist herrlich! Da gibt's
doch in unserer Gegend einen blasierten Königspudel mit dem doofen Namen Oskar,
der nun wirklich meint, er hätte das Pulver erfunden. Nur weil er in einer
grossgekotzten Villa haust und hinten in Herrchens Bentley liegt. Wie wenn das
ein Verdienst wäre oder gar von Intelligenz zeugte. In jüngeren Jahren hätte
ich ihn in Stücke gerissen, heute lasse ich ihn einfach links liegen. Er
existiert gar nicht mehr für mich, Luft ohne Duft, nichts, just nothing.
Natürlich sehe ich ihn aus dem Augenwinkel am Bildrand vorbeistolpern, eine
Parfumwolke hinter sich her ziehend. Ich will ja schliesslich wissen, wie mein
Ignorieren wirkt. Es trifft ihn, da verwett' ich jeden Knochen. Für einen Macho
gibt es nichts Schlimmeres, als nicht wahrgenommen zu werden. 'Viel Feind, viel
Ehr' heisst's bekanntlich. Aber es braucht Nerven wie Stahlseile, solch einen
eitlen Geck nicht auszukläffen, ihm nicht an die Gurgel zu hechten, sondern
einfach dem Schicksal seinen Lauf zu lassen. Der läuft ja früher oder später
ins Messer. Spätestens, wenn er äusserlich nicht mehr ganz zum Teint des
aktuellen Frauchens passt. Und das könnte 'bälder' sein, als Oskarchen lieb
ist. Er neigt nämlich jetzt schon zu Fettleibigkeit und Hüftdisplasie. Wen
wundert's, bei der dekadent-überzüchteten Rasse, der faulen Rumkutschiererei
und den ewigen Fischeiern im Napf. Nein, ich meine, mir ist das ja völlig egal,
kratzt mich ja gar nicht, was der olle Oskar wann wie wo. Ist ja eigentlich die
Inkarnation der Bedeutungslosigkeit, ein fleischgewordenes Stück Nichts, nicht
lohnend, irgendwelches Aufhebens zu machen. Wo er doch überhaupt nichts
leistet, nur öd vor sich hindämmert und teuersten Food reinschletzt, sich
duschen, frisieren und parfumieren lässt, um dann so wie eine aufgedonnerte
Menschin vor sich hinzustinken. Keinen Satz, keine Lebensminute eines
vernünftigen, aktiven Klassehundes wert, der Oskar. Wenn ich den nur schon vor
dem schmiede-eisernen Tor posieren sehe, kriege ich Hautjucken. Sowas von
dämlich. Im Winter hat er sogar Schuhe an, damit seine manikürten Pfötchen
nicht etwa kalti-kalti kriegen. Wie gesagt, nicht der Rede wert,
vernachlässigbar, just to ignore. Oder könnt ihr euch den Oskar auf der Jagd
vorstellen? Der würde sogar bei der Schnecken-Hatz glatt ausgleiten auf der
Schleimspur – hähä, glatte Vorstellung, sich am Schneckenhäuschen weh-weh
machen und in seiner Plumpheit so lange liegen bleiben, bis die Schnecke
erstickte unter seinem Wanst – wahrscheinlich die einzige Möglichkeit für den
Tolpatsch, zu einem Jagderfolg zu kommen.
Was rege ich mich
eigentlich auf? Cool muss man sein, das habe ich bei Selmine gesehen, die ist
echt mega-cool. Ob die im Lotto gewinnt oder gerade hört, L.A. sei im Meer
ersoffen oder ihr Haus sei abgebrannt – die Reaktion schwankt höchstens
zwischen 'Schön - übrigens, wo ist eigentlich mein Ethymologie-Wörterbuch?' und
'Schade - übrigens, wo ist eigentlich mein Synonym-Wörterbuch?' Etwas weniger
gelassen ist sie nur in Ernährungsfragen – da kann sie zum Fundi werden. Es
gibt fast nichts, was ihr nicht auf den Magen schlägt. Da reicht das Wort
'Eiter' – und Anselm kann sich über ihren Teller hermachen. Wenn ich nur
Menschensprache bellen könnte! Aber auch hier gilt die alte Weisheit, das
nichts nur gut und nichts nur schlecht ist: dank ihrer hochselektiven
Hyper-Empfindlichkeit hat sie eine hinreissend schlanke Figur. Ich wäre ja liebend
gerne auch so ober-gelassen-tolerant-über-den-(meisten)-Dingen-schwebend wie
Selmine, die über mein oder Anselms Gemotze jeweils nur milde lächelnd den Kopf
schüttelt, aber wir zwei sterben garantiert nie an einem Magengeschwür. Wir
lassen's nämlich raus, was uns auf dem Magen liegt. Wir kläffen uns aus und
schnappen auch mal zu, wenn uns einer die Sicht nimmt, die Ein-Sicht nimmt,
dass man die ganze Hundheit lieben sollte. Das könnte noch ein paar Hundeleben
dauern bei mir. Vorläufig kann ich Oskars und ähnliche Weicheier in ihrer
Après-Bain-Duftwolke nun mal nicht riechen – und habe sie wohl gerade deshalb
dauernd vor der Nase. Wenigstens habe ich in Anselm einen Weggefährten.
Angesichts eitler, verwöhnter Jammer-Schlammsack-Softies wird er zum erklärten
Rekruten-Schinder. Ginge es nach ihm, müssten sämtliche Einwohner dieses Landes
– nein, aller Länder! – ungeachtet des Alters, Geschlechts, Bürgerrechts, der
Hautfarbe, Rasse oder Religion – in ihrem Wohnland sowas wie eine RS
absolvieren. Und lebenslänglich WK's. Auch und gerade die Asylanten. Überhaupt
die Familie der –lanten: die Figu-, Gratu-, Speku- und Simu-lanten. Natürlich
nicht nur mit Stürmligewehr und sonstigem Bubi-Kriegsspielzeug, sondern irgend
an einer Ecke des jeweiligen Landes irgendetwas Sinnvolles tun. Möglichst
schweisstreibend. Wasserleitungen bauen im Val Müstair, Lawinenverbauungen im
Schächental. Und alle die mit ärztlichem Dispens müssten die körperlich
leistungsfähigen Bürogummis und Beamten ersetzen, damit auch die vier Monate lang
– mindestens! – Wasserleitungen bauen könnten, schweisstreibend. Und auch die
blasiertesten, überschminktesten Rotz-Gören aus Zürich müssten in 20er-Schlägen
hausen, oder mal draussen bei Wind und Wetter nächtigen. Gemeinsam frieren in
der Nässe, einmal echt hungrig und durstig sein, an die körperliche
Leistungsgrenze kommen, aufeinander angewiesen sein, um die einfachsten
Probleme des Alltags zu lösen – das verbinde mehr als alle Anstrengungen
unseres gleichmässig geheizten Wohlfahrts-Staats, ja vielleicht würden auf
diesem Weg sogar echte Frauenfreundschaften möglich, meint Anselm, wenn er sich
jeweils in Fahrt redet.
Das Problem mit den zu vielen zur
Untätigkeit verdammten Alten, die in Heimen vom Morgen- zum Mittag- zum
Abendessen dahindämmern, löst er auch gleich im selben Aufwaschen. Alle noch
einigermassen Bewegbaren risse er nämlich aus ihren todlangweiligen
Vierstern-Todeszellen heraus und liesse sie den Papierkram machen in seinen
Total-RS'en, was wiederum hälfe, die faul-käsigen Fouriergehilfen an die
frische Luft zu peitschen. Und die Halblahmen und Schwindsüchtigen aus den
RS'en und WK's könnten den verbliebenen bettlägerigen Alten den wohlverdienten
Total-Service bieten, Zuhören inbegriffen, was gleichzeitig noch ein sinnvoller
Beitrag zur Lösung des Generationenkonflikts wäre – ja, Du mein Trost, wenn der
Anselm an den Drücker käme!
Wobei die Idee eigentlich gar
nicht so übel ist mit dem para-chinesischen Zwangs-Landdienst: ich rieche vor
meiner inneren Nase schon den Kampfbahn-Schlamm an Oskars weiss-geföntem
Haarkleid. Eine unvorstellbar vergnügliche Vorstellung.
Aber gnädigerweise fehlt Anselm
jegliches politische Talent und die hiesigen
Jung-Depro-Schwarz-Grau-Schnuckelis bleiben verschont von seinen rabaukigen
Plänen. Vielen Frauen bleibt Freundschaft wohl weiterhin Fremdwort. Die Oldies
werden bis zuletzt in ihren pendulebestückten Gefängniszimmern mit beschränktem
Servicepersonal zu Tode gepflegt. Die Asylanten lungern auch fortan durch die
Gassen und schmieden – ja was sollen sie denn den ganzen Tag tun? – kriminelle
Plänchen. Die bleich-wanstigen Büromanen schlurfen bis zur Frühpensionierung
durch ihre ungelüfteten Zellen, Abenteuer-Reiseprospekte auf dem farblosen
Pult. Und Oskar wird – Gott sei's geklagt - bis an sein weisses Ende an der
goldenen Leine durchs Quartier parfümotteln. Einfach ignorieren, cool
bleiben...
Hoffnung
wie Bratenduft
Auch ich will die letzten Sonnenstrahlen des ausblutenden
Jahrtausends nutzen für ein paar besinnliche Reflexionen. Weg vom schnöden
Alltagskram, von den kleinen Konflikten, Wünschen und Nöten helvetischer
Laiendarsteller, hin zu den grossen Leitlinien und Entwicklungsprognosen für
die Hunde-, Pferd- und Menschheit. Dabei werde ich mich bemühen, nicht zu sehr
in fremde Gärtlis zu pinkeln. So überlasse ich sämtliche materiellen und
quantitativen Prognosen den dafür hochkompetenten Statistikern, Hochrechnern
und Politikern. Angesichts der von minus bis plus 300% pendelnden Fehlerquote
sowieso ein Lotterie-Rummelplatz.
Nein, ich fühle mich zu Höherem berufen. Ich werde –
Achtung, jetzt kommt ein hochtrendiges Fremdwort – nach dem Paradigmawechsel fahnden, der sich doch
wohl einzustellen hat, wenn gleich alle vier Zahlen unserer Zeitrechnung auf
einen Klick wechseln. (So wie im Auto, wenn der Papi freudig leuchtend auf den
Kilometerzähler deutet: "Schaut, jetzt haben wir dann gleich 10'000km
drauf, jetzt sind es 9'999, vier mal die Neun, wenn das nicht Glück..."
Vor lauter Konzentration auf die tolle Zahlenbank und den faszinierenden 'Klick'
kommt plötzlich ein Baum mitten auf die Fahrbahn gerannt, 'Päng' statt 'Klick'
und 'Giga-Kick' – Airbag sei Dank leben alle noch. Weitere lustige Beispiele
auf Anfrage.)
Ich kann mir aber beileibe nicht vorstellen, dass der
Herrgott, das Schicksal oder wer auch immer die Stillosigkeit haben wird, die
weltweite Erwartungshaltung auf irgendwas Bedeutendes restlos zu enttäuschen.
Wobei 'weltweit' bereits eine grossmäulige Übertreibung ist. So liessen sich
sämtliche Nicht-Christen und alle pflanzlichen und tierischen Ein- bis
Viel-Zeller nie davon überzeugen, die Zeitrechnung ab Christi Geburt neu laufen
zu lassen. Für die Mehrheit aller Lebewesen auf unserem schnuckelig-blauen
Planeten ist der kommende Jahreswechsel somit völlig banal bzw. nicht einmal
ein Jahreswechsel. Denn, dessen erinnere ich mich gut, bei Fanzuns in Tarasp
wurde zu jeder unmöglichen Gelegenheit - nur nicht am 1. Jänner - mit einer
guten Flasche 'Chlöpf-Moscht' und irgendwelchen alten Schiessgeräten das
'mohammedanische Neujahr' eingeschossen.
Und doch – ich kann mir ja nicht meine eigene,
weitausholend-visionäre Geste vermiesen – eigentlich ist jeder Zeitpunkt
geeignet, innezuhalten und über 'Ist', 'War' und 'Wird' nachzudenken. Auch
wenn's nur ein runder Geburtstag der verlotternden Christenheit ist. Wobei sich
interessanterweise die materiell-formal-quantitativen Aspekte des Christentums
bestens erhalten haben. Zum Beispiel eben die Zeitrechnung, die uns in Bälde
den aufregenden Kitzel des Millennium-Bugs beschert, der sich zwar konkret in
den meisten Fällen auf die doch recht ebenerdige Besorgnis beschränkt, ob die
ältliche Posthalterin, die gewichtige Wirtin im Café von nebenan, die private
PC-Buchhaltung und – vor allem! – die Ersparniskasse
vis-à-vis es schaffen werden, gleichzeitig vier Zahlen umzustellen, statt nur
eine oder höchstens zwei wie in den letzten neunundneunzig Jahren.
Aber auch die sogenannt christlichen Feste, die immerhin
nach wie vor zu den umsatzstärksten Konsum-Orgien des Jahres führen, haben die
Zeitläufte überdauert (ich geb's ja zu: auch ich hole meine Dauer-Wurst nur
einmal im Jahr kurz vor Weihnachten in der exklusiven Wurst-Boutique - kein Witz, das gibt's!).
Auch Kirchen, Klöster und Heilige Schriften gibt's noch:
äusserlich ist alles da. Nur der Inhalt ist abhanden gekommen. Die Kirchen und
Klöster dienen dem Tourismus, dem Dorfbild und als Mehrzweckhallen-Ersatz in
den Gemeinden, die von dieser Segnung der 70er-Jahre verschont blieben. Es
wirkt aber auch durchaus image-fördernd und smart für grössere Unternehmungen,
wenn sie ihren stress-geplagten Managern ab und an ermöglicht, sich in
ehemalige Kartausen zurückzuziehen, um die nächste Übernahme zu planen. Die
Chance, dass sie sich dabei nicht übernehmen, und sich deshalb auch nicht
gleich wieder übergeben müssen, wo doch Geben allemal seeliger ist denn Nehmen,
ist in solch mönchs-geschwängerter Umgebung ungleich grösser. Darauf genehmigen
sie dann noch einen und geben einen aus.
Und die Heiligen Schriften sind – je nach Alter, Herkunft
und Zustand – sowohl für Forscher wie für Antiquitäten-Sammler nach wie vor
attraktiv. Wobei die Forscher selbstverständlich nicht etwa altmodisch den Text
auf seine Botschaft, seine Bedeutung hin untersuchen, sondern auf die Moleküle
des Pergaments. Der Sammler-Trieb hingegen ist eine exquisite Mélange aus
Eitelkeit, Besitzerstolz und Geldanlage, verbrämt mit dem edlen Vorhaben, der
Nachwelt Wichtiges zu erhalten; oder als Kürzel: Sein durch Haben.
Soviel zum 'Ist'. Aus Platzgründen muss ich auf eine
ausufernde Schilderung des 'War' verzichten und stürze mich gleich wedelnd
auf's 'Wird'. Und da steigt Hoffnung in die Nase wie sonntäglicher Bratenduft.
So sicher wie das Pendel der schweren Steh-Uhr von Anselms seeliger Grossmutter
umkehrt, wenn es am äussersten Punkt angelangt ist, genau so sicher wird das
Pendel vom äussersten Ende der Fixierung auf das Nur-Körperliche wieder
wegschwingen in Richtung Geist, weg vom reinen Materialismus zu immateriellen
Werten, weg von leeren Formen zu den Inhalten. Und genau so einseitig, wie das
jetzige Extrem ist, könnte dereinst das andere Extrem wieder werden. Aber
dazwischen kommt das Pendel am Balance-Punkt vorbei, und den gilt es zu
geniessen: da ist für eine Weltsekunde alles in Harmonie, im Gleichgewicht –
wow!
Nur - die grosse Frage ist, ob wir wirklich schon am
äussersten Punkt angelangt sind, oder ob's noch ein Jahrhündertchen – so ein
Augenzwinkern Gottes - in dieselbe Richtung geht wie bis anhin. Wenn man
bedenkt , wieviele Nostradamüsser, Uriellas und wie sie alle heissen, den
Weltuntergang prophezeiten, weil sie meinten, so gehe es nun bestimmt nicht
mehr weiter, so könnte ich mich ja da auch ein klein wenig im Datum geirrt
haben. Aber ich sage euch: ich riech' doch den Braten! Und meine Nase hat mich
bislang noch nie im Stich gelassen. Wie auch immer, wenn's nicht in diesem
Leben ist, dann halt dereinst als Max XVIII: aber ich werde dabei sein, wenn
das Pendel dreht, da verwett' ich den letzten echten Knochen des zwanzigsten
Jahrhunderts!
Gräbt und grüsst
Max von Motzau