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Reiten - Sinnlichkeit jenseits kleinkarierter Normen
Reiten ist eine wundervolle Möglichkeit, mit vielen sinnlichen Wesen in intensiven sinnlichen Kontakt zu treten, physisch und psychisch eng verbunden Abenteuer zu erleben, die gleichermassen mit höchstem Glück und sinnenstarken Höhepunkten wie mit geteilten Niederlagen und herben Enttäuschungen gespickt sind. Wer unter Erotik Sinnlichkeit versteht und sie nicht mit Libido und Sex verwechselt, kann zu Pferden, Hunden und vielen anderen Tieren, ja auch zu Pflanzen und Dingen eine erotische Beziehung leben. Der Hauptunterschied zu menschlichen Beziehungen liegt darin, dass die Beziehungen zu Tieren frei sind von all dem sinnenfeindlichen religiösen - vor allem christilichen Ballast, aber auch von all der bieder-kleinkariert bürgerlichen Enge, die der religiös begründeten Borniertheit höchstens in der Androhung der Folgen nachsteht: Die Biederbürger verheissen die Hölle auf Erden, die Gott-Allah-Talibänchen verschieben dies wenigstens aufs Jenseits.
Einstein zum Thema Zeit:
"Menschen, die wie wir an die Physik glauben, wissen, dass die
Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur
eine besonders hartnäckige Illusion ist."
Abschied von der 'Wahrheit'
Dass auch über hundert Jahr nach der Relativitätstheorie, nach der Erkenntnis der Doppelnatur des Lichts und nach allen unsere Wahrnehmungsergebnisse relativierenden Erkenntnissen der Quantenphysik immer noch weltweit - und nicht nur von religiösen, sondern mindestens so grob von wissenschaftlichen Fundis mit dem Zweihänder des absoluten Wahrheitsanspruchs herumgewuselt wird, ist - mild betrachtet - eine Don Quichotterie oder - etwas ätzender - ein nettes Mosaiksteinchen in der unendlich langen Beweiskette für die ebenso unendliche Blödheit des Menschen, finde ich.
Natürlich darf man sich totschlagen, weil jeder findet, nur seine Sichtweise sei richtig - wenn man Spass daran hat. Aber mir sei es unbenommen, dies als meine Definition von Blödheit zu qualifizieren. In der Wissenschaft wimmelt es inzwischen von Experimenten, die zeigen, dass der Beobachter das Beobachtungsresultat beeinflusst - aber es gibt trotzdem noch eine Mehrzahl von Wissenschaftern (zugegeben, der Unter- und Mittelbau, nicht die wirklich klugen), die sich aufplustern und den von ihnen gerade erreichten Stand des Irrtums als 'gesichertes Wissen' präsentieren und hochnäsig von 'glauben, meinen und wähnen' zu sondern trachten.
Keine Sonnenblume käme auf die doch recht gesuchte Idee, ihre Sicht der Sonne für die einzig richtige, die absolut wahre zu halten. Nicht weil sie dazu nicht intelligent genug wäre - welche Verblendung, wo der Absolutheitsanspruch ja gerade herrlich taugt als Kriterium für Dummheit!- sondern weil die nichtmenschlichen wahrnehmenden Entitäten auf unserem Planeten durch konkludentes Veralten zwar jede Menge Intelligenz, aber nicht einmal den Hauch von fundamentalistischem Absolutheitsanspruch für ihre Wahrnehmung demonstrieren. Einzige mir bekannte Ausnahme gibt es bei Haustieren, die häufig ihre natürliche Intelligenz partiell verlieren und zumindest Teile der paranoiden Wahrnehmungsverabsolutierungstendenzen ihrer Frauchen und Herrchen übernehmen.
Das, was wir so leichthin 'Wahrheit' nennen ist bei genauerem Hinsehen das Produkt eines Konsens-Prozesses, eines Einigungsverfahrens. Man verständigt sich zumindest auf eine partielle Übereinstimmung bei der Interpretation von Wahr-NEHMUNGEN. - Hélas, allein das Wort zeigt, dass es dereinst intelligentere Menschen gab (zumindest im deutschen Sprachraum :-), denen bewusst war, dass es ein 'NEHMEN' ist, ein subjektiver Akt des WahrNEHMENDEN. Dieser Konsens kann als Vertrag, als sprachliche Übereinkunft in der Benennung, als Rechtssystem, als Spielregel, als Axiom einer Wissenschaft, als künstlerische Rahmenbedingung, als Auftrag daherkommen - aber immer haftet ihm der Charakter der Vorläufigkeit, der Abänderbarkeit und vor allem auch der Freiwilligkeit an. Und hier, bei der Freiwilligkeit liegt der Hase im Pfeffer. Denn solange irgend einer ganz für sich allein - und ohne damit auf die Welt loszuschlagen - der absolut felsenfesten Überzeugung ist, dass x, lockt das keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Übel wird es (einem) ja erst, wenn einer seine Wahrnehmung grund- und hirnlos zu einer Wahrseiung umwandelt, seine felsenfeste Meinung, dass x, der Menschheit oder gleich dem Universum felsbrockenartig um die Ohren haut. Dann und erst dann ist meines Erachtens 'schonendes Anhalten' und in schweren Fällen halt in Gottes Namen 'geschlossene Abteilung' angesagt. Jemand anderem seine Wahrnehmung aufzwingen ist meines Erachtens eine der widerwärtigsten Arten der Freiheitsberaubung - und wenn die Zwängerei gelingt, ist das Resultat von einer Ödheit und Langeweile, nach Sklaverei oder noch schlimmer: nach Gehorsam miefend...
Es könnte dann allerdings sein, dass sich das von Dürrenmatt in den 'Physikern' so schelmisch angelegte Problemchen zeigt. Dass man nämlich nicht mehr so genau weiss, was nun 'draussen' und was 'drinnen' sei...
Offenheit und Toleranz
"Es ist egal, mit welchem Glauben ein Mensch offen und tolerant ist"
Das sagte weder Gandhi noch der Dalai Lama, sondern der New Yorker Event-Manager Asaf Youbiner. Und zu finden ist der Spruch in einem PKZ-Katalog, nonchalant als Begleitsatz zu eleganter Herrenmode. Diese Vermischung von Philosophie und Handel gefällt mir. Sie gibt dem Handel mehr Tiefe und holt die Philosophie aus dem Elfenbeinturm. Jetzt hoffe ich natürlich, dass die uralte Werbe-Suggestion, dass man mit dem angepriesenen Produkt auch gleich die Schönheit, die Ausstrahlung des Models oder das oft grandiose Ambiente rundherum miterwirbt, sich ausdehnt auf diesen Satz, auf die Haltung der Offenheit und Toleranz gegenüber Andersdenkenden, Andersgläubigen. Ist nicht alles Denken letztlich nur ein Meinen, ein Glauben, auch wenn es noch so wissenschaftlich herausgeputzt daherkommt? Wenn jeder, der im PKZ einkauft, mit dem Anzug diese Haltung anzöge, sie zu seiner zweiten Haut werden liesse, dann würde meine Behauptung vielleicht schneller wahr, als ich dachte: dass Achtsamkeit - hier ganz stark verstanden als das Achten des Andersseins anderer - zu einer wesentlichen Leitlinie wirtschaftlichen Handelns werden wird in absehbarer Zukunft.
Dummheit
Es gibt haufenweise delikate menschliche Eigenschaften, mit denen ich einigermassen klar komme, wenn sie mir begegnen: Machtgeilheit, Geldgier, Geiz, Selbstsucht, Eitelkeit, Gemeinheit, Täuschung, Heuchelei, Korruption, Verlogenheit, Gewalttätigkeit, Feigheit, Hinterlist, ja sogar die widerliche Lust am Quälen - für bzw. gegen all das hab ich Konzepte und Ideen, wenn es mir in die Quere kommt. Das Einzige, was mich nahezu hilflos macht, was mich immer wieder regelrecht erschüttert, ist die schiere Dummheit, die hanebüchene Blödheit, die legendären Bretter vor dem Kopf, die meist für irgendeine Sorte von Fundamentalismus stehen. Am erschütterndsten ist die Dummheit, wenn sie bei Wissenschaftern, bei Professoren auftritt, die sich für so bedeutend und schlau halten - und dabei mit Blindheit geschlagen sind, kein My über ihren winzigen Fachbereich hinausglaren und auch innerhalb ihrer Branche borniert auf veralteten, nie hinterfragten Axiomen hocken wie ausgestopfte Kröten. Und was fast noch erschütternder ist als die Existenz solcher Volldeppen am Katheder ist der unterwürfige Blick der Massen auf diese Titelhelden und das windige Schwarwenzeln der Medien, die ihnen mit Gleitcreme eingeseift hinten reinkriechen - und nicht zuletzt die Tatsache, dass sie ihre feisten Ränzen mit Steuergeldern eben dieser sie kindlich bewundernden Massen füllen und damit gar keinen Anlass sehen, irgend etwas Brauchbares zu leisten, irgend einen Beitrag zu leisten zur geistigen, psychischen oder wenigstens körperlichen Befindlichkeit derer, die sie ernähren. - Gut, wenn ich mich ganz fest bemühe, erahne ich ein klitzeklein wenig von der schenkelklopfenden rumpelstilzligen Tausendsassa-Befindlichkeit, die sich vielleicht ergibt, wenn man erkennt, dass niemand merkt, dass man dumm ist und gar nichts leistet, ja dass man für seine Dumm- und Faulheit noch bezahlt wird. Aber mich beschleicht die bange Frage: Erkennen die Dummen, dass sie dumm sind? Wäre das nicht bereits ein Beweis von berauschender Intelligenz?
Tiere töten, Menschen morden
200 Jahre nach Darwin erkenne ich endlich die entscheidende differentia specifica zwischen Mensch und Tier: Tiere töten - Menschen morden. Der Unterschied liegt in der Motivation.Hunger, Ohnmacht und Notwehr sind Motive zum Töten; Machtgier, Hass, Rache sind Motive zum Morden.
Das Murmeln des Flusses
Der Erfolgreiche hört nicht, was der Fluss ihm erzählt
Der Sieger spürt nicht die unendliche Sanftheit der Nüstern
Der Beklatschte ahnt nicht die Frucht in der winzigen Knospe
Wir brauchen Leid und Schmerz, Misserfolg und Niederlage
um wach zu werden für das Winzige,in dessen Kern das ganz Grosse sich birgt.
Der Spaziergang
Sie stand bei der Haustür und angelte sich die beiden Hundeleinen. Einer intuitiven Eingebung folgend strich sie mit ihren feingliedrigen Fingern über die weisse, makellose, aber auch etwas langweilige weisse Fläche der Tür, bevor sie den kühl blitzenden Metallknauf drehte und die Tür schwungvoll aufzog. Emel und Maex sausten ins Freie und tobten herum, hechteten sich gegenseitig an, kugelten über die Wiese und rannten dann los Richtung Fluss. Mit einem Schmunzeln folgte sie ihren übermütigen Biestern. Sie fühlte sich gut, gesund, abenteuerlustig, stark, aufnahmebereit und tatendurstig, neugierig auf die Welt und auf das, was sie selbst in dieser ihrer Welt anrichten konnte. Sie fiel in lockeren Laufschritt und versuchte im Laufen ihre wilde Haarmähne einigermassen zu bändigen. Die Hunde waren schon im Fluss, planschten herum, schreckten Enten auf, die gerade noch mit dem Putz ihres Gefieders beschäftigt waren. Aufgeregt beschnupperten die beiden einen frisch von Bibern benagten Baum, begrüssten mit freudigem Gebell über den Fluss hinweg einen bekannten weissen Riesenhund, der 'Fuchur' aus der 'Unendlichen Geschichte' glich, und hetzten gleich wieder in riesigen Sätzen über die Lichtung, verfolgten zum tausendsten Mal eine der vielen Krähen, die sich – müde lächelnd über die bodengebundenen Vaganten – erst im letzten Augenblick kurz in die Luft erhob, um sich ein paar Meter entfernt wieder völlig unbeeindruckt der Würmersuche zu widmen. - Sie rannte immer noch dem Fluss entlang, doch nicht mehr ganz so leicht und locker. Ihre Haut war gerötet, Schweiss tropfte von ihrer Stirn, lief als kühles Rinnsal in ihren Ausschnitt. Die gazellenartigen Bewegungen ihrer Beine waren etwas schwerfälliger geworden. Auch die beiden Hunde trotteten jetzt folgsam neben ihr her. Die überschüssige Energie war verpufft. Es folgte der Aufstieg auf den bewaldeten Hügel. Mit einem hörbar scharfen Ausatmen fiel sie in Schritt und konzentrierte sich auf den Weg, der immer schmaler und steiler wurde. Wiederholt musste sie sich an Ästen und Steinen hochziehen. Manchmal fand nur ein Teil ihres weichen Schuhs Platz auf einem Felsvorsprung und ihre Wadenmuskeln begannen zu schmerzen. Mehr als einmal schienen die Hunde zu erwägen, ob sie ihr wirklich folgen sollten. Nach einigen Stellen, bei denen das Gelände neben dem Weg bedrohlich steil abfiel, flachte der Weg ab, der Baumbestand wurde lichter und gab einen beeindruckenden Ausblick auf die umliegenden Gehöfte, Weiher und Hügel frei. Begierig sog sie die kühle Luft ein. Wohlige Ruhe durchströmte sie. Wie in Trance setzte sie sich auf einen Baumstrunk und nahm die im Abendlicht so lieblich wirkende Landschaft in sich auf. Für einen Augenblick schien die Zeit stehen zu bleiben, dann wurde sie sanft von einer kaltfeuchten Hundenase gestupft und erwachte aus ihrer Versunkenheit. Sie suchte in ihrem Hüfttäschchen nach dem Schokoriegel und genoss ihn Bissen um Bissen – beim letzten Stück wurde sie allerdings weich, als beide Hunde sie mit schräg gehaltenen Köpfen und treuherzigen Blicken anschauten. Gestärkt machten sich die drei auf den Rückweg. Doch kurz bevor sie die Raststelle verliess, drehte sie sich noch einmal um. Ein Anflug von Wehmut streifte sie und die völlig grundlose Ahnung, sie sehe diese Landschaft zum letzten Mal. Die steilen Passagen waren abwärts fast noch delikater zu bewältigen als aufwärts. Das Abfedern des Gewichts auf den teils kleinen Vorsprüngen und dem rutschigen Terrain ging gehörig in die Knie. Auch die Hunde waren gefordert und fussten vorsichtig auf. Endlich wurde der Weg wieder breiter und sie wollte den Schritt beschleunigen, spürte aber eine bleierne Schwere im ganzen Körper, die auch in ihr Herz und ihren Geist eindrang. Statt schneller wurde sie immer langsamer und eine Sekunde lang glaubte sie, Emel habe ein paar graue Haare um ihre schwarze Schnauze bekommen. Sie versuchte, sich auszulachen: Das war nur der Abendtau, der in den letzten Sonnenstrahlen so hell glänzte. Aber Maex hinkte leicht, das war keine Einbildung. Sie bückte sich zu ihm hinunter - wie schwer ihr das fiel? - und untersuchte seine Pfoten. Nichts, keine Verletzung, kein Fremdkörper zwischen den Zehen - aber die Pfoten rochen etwas alt. Sie schaute Maex ins Gesicht. 'Um Gottes Willen, war der Spaziergang so anstrengend gewesen?' dachte sie, richtete sich mühsam auf und schleppte sich ermattend Richtung Haus, das im letzten Abendlicht stand. Die letzten Meter waren eine Qual und sie war froh, als sie die Tür erreichte, dieselbe Tür, durch die sie vor nicht allzu langer Zeit herausgekommen war mit den quirligen Hunden, die nun müde hechelnd neben ihr lagen. Aber die Tür sah von aussen völlig anders aus als von innen. Hätte sie nicht gewusst, dass es dieselbe Tür war, sie hätte es nicht geglaubt. Langsam und etwas ungelenk fuhr sie mit den Fingern über das verwitterte Holz mit den ausgewaschenen Jahrringen. Sie war erstaunt, wie ähnlich verwelkt ihre Hände aussahen. Sie roch an dem alten Holz, schloss die Augen und überliess sich den Bildern, die vor ihrem inneren Auge auftauchten. Und plötzlich wusste sie, dass die Ahnung auf dem Gipfel sie nicht getrogen hatte. Aber die Wehmut war weg. Sie freute sich auf die Wärme, die Ruhe, die Stille jenseits dieser Tür. Nur eines war ihr nicht klar. War sie herausgetreten und jetzt im Begriff, wieder einzutreten? Oder umgekehrt? Oder beides? Führte nicht jede Türe über eine Schwelle in etwas hinein, aber auch aus etwas heraus, was man mit dem Überschreiten der Schwelle hinter sich liess? - Sie lächelte, liess es gut sein und öffnete die Tür, liess sie offen stehen. Vielleicht wollten die Hunde ja noch draussen bleiben bis es ganz dunkel war?
Kraut oder Unkraut?
Hand auf's Herz: Würden Sie als extraterrestrisches Wesen, das den blauen Planeten unter die Lupe nimmt, die Menschen zum Kraut oder zum Unkraut zählen?
Mediterrane Sinnlichkeit
Mediterrane Sinnlichkeit im Jetzt verwechselt der Germane gern mit Dummheit. Er weiss nicht, wie lebensklug das Sinnliche sein kann. Umgekehrt verwechselt der Mediterraner die geistigen Höhenflüge des Germanen gern mit Langeweile. Er weiss nicht, wie sinnlich auch geistiges Fliegen sein kann.
Sinn und Zweck
Sinn und Zweck sind keine Synonyme
Der Unterschied ist mehr als marginal:
Den Zweck verfolgen wir ganz ungestüme
am Boden, vor der Nase, trivial
- er ist auch meist aus festem Material.
Den Sinn hingegen, suchst du ihn im Leben,
so musst du deinen Kopf nach oben heben.
Er lässt sich nicht leicht fassen mit der Hand,
noch ganz begreifen nur mit dem Verstand.
Der Sinn gibt seinen Sinn nur preis dem Herzen
und - aus der Sicht des Egos - nur mit Schmerzen.
Lust und Last der Lust.
Die Last: Lust lässt sich nicht erzwingen, nicht verordnen, weder sich selbst noch andern. Die Lust: Lust lässt sich nicht verbieten, weder sich selbst noch andern. Sie lässt sich höchstens vergällen durch kleinkarierte Tugendbolde, die dem Lustgeniesser das Fegefeuer verheissen. Wer daran glaubt, ist allerdings selbst schuld.
Gedankenstrich
Ich bin oft auf dem Strich anzutreffen. Auf dem Gedanken-Strich. Dann lasse ich mich mit jeder Blitzidee, mit jedem Denk-Anstoss ein - ohne das anstössig zu finden. Im Gegenteil, ich fände es sogar belobigenswert, wenn grösste Promiskuität herrschen würde im Feudenhaus der Gedanken, wenn sich möglichst jeder mit jeder, jede mit jedem einliesse, auch mit solchen aus ganz entlegenen Gebieten, mit Fremden, mit Andersfarbigen, mit Mischlingen, Hybriden, so richtig Multikulti ohne Berührungsängste, ohne fundamentalistische A-priori-Ablehnung, ohne Vorurteile, ja mit Gedanken, die gar keine mehr sind, zumindest nicht im engeren Sinne von 'vernünftigen', rationalen Überlegungen. Ich empfehle herzlichstens, sich abenteuerlustigstens mit Wahrnehmungen einzulassen, die nicht den (Um-?)Weg über die (linke) Hirnhemisphäre genommen haben, die aus dem Herzen, dem Bauch und - jaja ihr tugendhaft verlogenen Frömmler - auch aus dem untersten Chakra entspringen. Die Puritaner und zugewachsenen Nönnlein, die Mönchlein mit dem Knopf drin sollen sich doch mal mit der Lehre von Kundalini, der zusammengerollten Schlange befassen, die im Sexualchakra schlummert und - einmal aufgeweckt - sich durch die Chakren hinauf entrollt bis sie schliesslich aus dem Scheitel-Chakra austritt. Ihr lieben sinnlichkeitsverteufelnden pseudoreligiösen faden Anstands-Bolzen: die Schlange kommt schon bis zum edlen Köpfchen, aber mit der Lebensenergie von ganz tief unten. - Tja, auch das wäre einen kleinen Ausflug auf den Gedanken-Strich wert... Es grüsst ein bekennender Gedankenstrichjunge.
Paradies Ahoi!
Wenn auf Matratzen Ratzen Katzen kratzen
wenn während Stunden Hunden Kunden munden
wenn sich an Schwabenknaben Raben laben
und wenn in Kriegen Ziegenfliegen siegen
dann – ist das Paradies wohl nah.
'Black-Poem' in memoriam Georgii Kreisleri
Wenn Max im Schnee die Raben jagt,
der Vater seine Knaben plagt,
die Mütter mit dem Nachwuchs keifen,
die Metzger ihre Messer schleifen,
dann liegt die Einsicht nah zum Greifen.
Wenn irgendwo ein Talibänchen
sich rüstet bis zum letzten Zähnchen
mit fetten, feinen Handgranätchen
für ein gekonntes Attentätchen,
wenn tief in hübschen Katakömbchen
ein Schläuling bastelt geile Bömbchen,
wenn Folterknechtlein gehn zur Schröpfung
und Henkerlein zur nächsten Köpfung,
- dann wird die Einsicht zur Erchlöpfung:
'Wir sind die Krone dieser Schöpfung!'
Laus & Maus


Erika, die Laus
wohnt auf Paul, der Maus
und lebt in Saus und Braus.

Doch eines Tags, oh Graus,
fand Kater Fratz heraus
- denn er war kein Banaus -
dass Laus auf Maus im Haus.
Er sagt sich: "Find heraus,
die Feinstruktur des Baus,
verrammle jeden Aus-
weg der Maus, und saus
zum letzten Loch, und schaus
dir ganz gut an, und traus
dir zu! Sie kommt heraus,
dann pack sie und zerzaus
das Fell ihr, such die Laus
mach alle Haare kraus,
treib ihr die Flausen aus,
dann gönn dir diesen Schmaus!"

Fratz macht ne kleine Paus'.
Die Laus weiss etwas Schlau's
und Paul, die Maus, hält raus
die Feder eines Pfaus
zu Fratzens Nas hinaus.
Der kommt erst gar nicht draus,
sieht nur ein Aug, ein blau's
und nimmt schockiert reissaus.
Welch Jubel, eiderdaus!
Hier ist das Märchen aus.
Das Krokodil

Das Krokodil
das grünlich-gelbe
schwamm nur zum Spiel
einst auf der Elbe
stromauf mit Stil
So sah man viel
denn Start und Ziel
war stets dasselbe.
Die Ratte

Eine satte Ratte
trank matt noch etwas Latte,
da stürmt herein ihr Gatte,
ein bärtiger Mulatte,
beruflich Prof. in Mathe
und sprach zu ihr: "Gestatte
dass ich Bericht erstatte:
Ich fahr mit der Fregatte
hinaus ins Meer ins glatte."
Schon kam's zur Streit-Debatte:
"Die ewig gleiche Platte!
Dein Hirn ist wohl aus Watte?
Nur zu, nur zu, begatte
die heisse Siam-Ratte
die mickrige, die platte!
Hinwiederum: beschatte
nicht mich und meine Matte!"
Er lacht und sagt: "Ich hatte
gedacht du weisst: 'Fregatte'
ist nicht ein Weib mit Pfiff;
es ist ein fettes Schiff!"

Die Schlange

Der sattgrünen Schlange
mit gelblicher Wange
war lange schon bange;
die Angst war im Schwange
vor menschlichem Klange,
dass er sie einst fange
mit stählerner Zange...
Erfüllt von dem Drange
nach höherem Range
umwand sie die Stange,
setzt alles in Gange,
auf dass sie erlange,
wonach sie so plange:
Dass sie dereinst hange,
entrückt Schlamm und Tange,
der Schwerkraft am Hange
und irdischem Zwange
am Sternhimmel prange
und hell-rund als Spange
Erleuchtung empfange.
Der Schakal

Ein Jung-Schakal
mit Muttermal,
sehr vif mental
und etwas kahl
am Hals, trug Schal
beim Abendmahl.
Mama empfahl
dem Kleinen: "Mal
mir doch einmal
Jonas im Wal!"
Papa befahl:
"Das schmeckt doch schal
und ist banal.
Begreif die Wahl
der Macht von Stahl."
"Das ist brutal
katastrophal"
meint Mama fahl.
Der Kleine stahl
durch den Kanal
sich fort ins Tal,
das medial
liegt im Ural
und heult zu Baal,
dem Gott der Früchte ohne Zahl.
Der gibt Signal
als Leucht-Fanal,
das Tal wird Saal,
und im Ritual
wird aus dem Baal
der Kelch des Gral.
Den stahl Schakal
und schlüpft letal
noch in den Wal.
Und die Moral?
Suchst du den Gral,
frag den Schakal.
Final.
Spine
Bine
Spine
bou jetz
mis Netz
vom Struuch uus
zum Buch uus
warte
im Garte
plange
fange
biss Mugge
in Rugge
Min Fade
cha schade
cha Mane
umspane
flöösst Fraue
ii Graue...
mich träit er
als Läiter
zume Gfangene
blibe Phangene
wo nachli zabled
dis dänn versabled
min gschwungne Chifer
das Ungezifer
Du mit Ziitig
ame Friitig
wotsch mit schliise,
Bäi uusriisse?
Laa diich
und miich
stäili Schabe
am Säili abe;
verschwinde
i d'Winde,
legge
im Egge
e Falsch-Spur
Du fallsch stur
druf ine
mäinsch hine
seig iich
"das Viich!"
Debii
hocki bim Wii
zwüsched Fläsche
und Täsche
spini Lasche,
nöii Masche,
bouen uus
i dim Huus,
Netz uf Voorraat!
Wër devoor staat
findt Gfale
a mine Fale:
"We findscht
mis Gschpinscht?"
Tautöpf
i de Chnöpf
ich stiig ir Gunscht
mis Netz wird Kunscht
Mir doch gliich;
wird nüd riich.
Intressier
mi für Tier,
wo phanged,
dass' langed
zum überläbe
und wiiterwäbe
Jetz chönd er sine:
Isch spine 'spine'?
Tiere
Das Tier ist etwas vom Besten, was dem Menschen passieren kann. Der Mensch ist etwas vom Übelsten, was dem Tier passieren kann.
Mutter Erde, Tiere, Pflanzen, Steine und Gewässer sind sich einig: Der einzige Schädling ist der Mensch. Wären da nicht die Kinder...
Stuten sind wie Schwestern. Nur besser.
Bäume
Bäume sind wie grosse Brüder: schon länger da, haben mehr gesehen, und wenn wir sie hartnäckig ausquetschen, erzählen sie uns haarsträubende Geschichten.
Wenn Baum und Mensch sich auf Augenhöhe begegnen wollen, wer muss sich dann eigentlich herablassen?
Tapis rouge
Die Motivation wächst, den Teppich, der die Welt bedeutet, auszurollen, wenn die Rolle wundertütengleich Überraschungen birgt

Arkansas, beaufsichtigt von Altmeister Slevi, beide geschult von Deborah Schaad, fotografiert von HONIGLEU-PICTURES, Daniela Melileo
ALLES
Alles ist Täuschung - ausser ALLES
Puzzle
Die Menschen sind alle einmalig wie ihre Fingerabdrücke - aber als Teile der Schöpfung sind sie alle miteinander verbunden und es gälte, sich zusammen zu setzen - zum universalen Puzzle.
Weltformel
Nichts ist gleich, aber alles ist verbunden
Freiheit
Die drittgrösste Freiheit ist die Freiheit von den gerade herrschenden Meinungen und Wertungen
Die zweitgrösste Freiheit ist die Freiheit von Ideologien und Absolutsetzungen
Und die grösste Freiheit ist die Freiheit vom eigenen Ich.
Freiheitskompetenz
Kaum eine Kompetenz ist so schwierig zu erlangen wie die Fähigkeit zur Freiheit
Innere Freiheit
Innere Freiheit kann man nicht geschenkt kriegen. Man muss sie sich immer wieder neu erwerben.
Bindung und Freiheit
Die Gier nach Bindung straft das Geschrei nach Freiheit Lügen.
Der Drang zu festen Bindungen zeigt das Unbehagen an der Freiheit.
Suchen
Es ist gar nicht entscheidend, ob etwas erkannt, gesagt, rezipiert wird - denn es ist immer alles da. Wer den Zugang zu irgendeiner Erkenntnis sucht, entwickelt sich, bis er ihn findet. Wer ihn nicht sucht, entwickelt sich auch nicht, wenn man ihm die Erkenntnis um die Ohren schlägt.
Ernst
Der erste Schritt auf dem Weg zur Selbstüberschätzung ist, sich ernst zu nehmen.
Italianità
Was in Deutschland eine Katastrophe wäre - z.B. Berlusconi - ist in Italien nur ein schlechter Witz.
Links und Rechts
Kapitalisten können ohne Sozialisten bestens leben - auf jeden Fall besser als mit.
Umgekehrt brauchen Sozialisten die Kapitalisten zum Überleben wie der Schmarotzer den Wirt.
Konfliktkultur
Konfliktkultur heisst, die Wertschätzung eines Gegenübers nicht vom Konsens in Sachfragen abhängig zu machen
Liebe
- Liebe sagt weder 'nie' noch 'nur'
- Liebe ist immer Grenzöffnung
- Liebe ist Hereinlassen des nocht nicht Geliebten, Hinaustreten ins Fremde, ins Andere, ins Abgelehnte, ins Angst Einflössende, ins Abstossende
- Liebe gewinnt umso mehr an Qualität, je stärker sie das Andere im Anderen einhüllt und umfängt
Der Gänsemarsch

Mutter Gans
Vater Hans
und die Basen
blasen
den Marsch.
Schnabel an Arsch
folgt voll Tugend
die Jugend.
Ich frag harsch:
"Ist der Marsch
auch ein 'Marsch'
ohne Basen,
die blasen?
Ohne stier
im Vier-
Takt,
bekackt,
stur
nur
Shit-
Schritt?"
Weicher,
reicher,
freier,
im Zweier:
'Klatschkladdatsch'
durch den Matsch;
schnäbelnd
statt säbelnd,
schnatternd
statt knatternd,
Flügelnd
statt zügelnd,
als Hörende,
betörende
Klänge,
Gesänge
von Innen -
zerrinnen.
Die Gans
namens Frans
von Stans
hört schlicht
nicht
das Gleiche,
wie die bleiche
Goose
von Wildhus.
Vers-Moral
ist banal:
Ziemlich barsch
wird der 'Marsch'
abgesetzt,
weil besetzt:
'Hans' wird 'Schang'
'Marsch' wird 'Gang'
Und wir streichen
noch ein Zeichen:
'Gans' wird 'Ganz'
'Gansgang' wird 'Ganzgang' wird 'Tanz'.
Firlefanz?
Nein, Markanz:
"Gang der Gänze"
Stolz die Schwänze
in die Höh.
Nix von "Jö".
Schwingt das Tanzbein
Lasst uns Ganz-Sein!
Der Ententraum

Mit Zaum
Auf Baum
Nippt Schaum
Vom Ufersaum
Putzt Flaum
Nimmt kaum
Wahr Raum
Schiebt Daum'
An Gaum'...
Wessen Traum?
Der potente
Traum der Ente?
Oder eher
vielmehr
der
vom Daumendreher?
ICH
Für viele Kommunikationsteilnehmer könnte man die Sprache reduzieren auf die Vokabel 'ICH'. Ihr 'Denken' oder vielleicht bescheidener: ihre 'Wahrnehmungsverarbeitung', sofern es denn diese immer noch etwas hochtrabende Bezeichnung verdient, reduziert sich in den überwiegenden Fällen auf:
"Ich? - Ich! - Ich!!"
Hängt man am Schluss noch "Ic..." für das Ableben an, hat man auch bereits die gesamte Biographie der meisten Hominiden erfasst. Das nach umverteilender Gerechtigkeit dürstende links getragene Herz dürfte dabei besonders erfreuen, dass diese 'Sancta Simplicitas' in allen Schichten, allen Kulturen und durch alle Jahrhunderte hindurch festzustellen ist - ja man könnte fast versucht sein, eine differentia specifica für den Menschen daraus zu basteln und das selbstbeweihräuchernde 'Animal rationale' bzw. den 'Homo sapiens' zu ersetzen durch 'Animal egocentrale' und -da Alk und andere Drögis oft den einzigen Weg darstellen, für kurze Momente den Ich-Wahn etwas zu ertränken, die Gattungsbezeichnung auf 'Homo Schnapsiens' anzuheben. Denn die Kunst des Kelterns, des
Brennens, des Hanfanbaus, der Kokain- und Heroingewinnung zählen doch nebst dem Ich-Kult zu den kulturellen Errungenschaften, die uns vom Neandertaler oder gar von den Primaten unterscheiden?
'Ich? – Ich! – Ich!!' ist auch der einzige wirklich individuelle Gedanke vieler Menschen. Die meisten Menschen denken zwar äusserlich, auf der Ebene der Zeichen, des 'signifiant', genau denselben Gedanken. Jeder denkt 'Ich? – Ich! – Ich!!' Aber auf der Ebene des Bezeichneten, des 'signifié' ist der Gedanke tatsächlich bei jedem ein anderer. Hierin liegt die crux der Sprache. Das mit Abstand wichtigste Zeichen – zumindest in der menschlichen Verbalsprache – nämlich die Zeichenfolge, mit der der Sprecher auf sich selbst verweist, also in der deutschen Sprache 'ICH' – ist gleichzeitig das polysemste. Es hat genau so viele Bedeutungen wie Benutzer. Schon dieser Umstand sollte an der Eignung der Verbalsprache für Kommunikation zweifeln lassen.
Stress ist unsexy
Karrieristen auch. Überhaupt Leute, die sich furchtbar wichtig nehmen. Und wer gestresst ist, überschätzt sich, seine Bedeutung, die Wichtigkeit dessen, was er gerade tut oder tun sollte. Der Gestresste hält sich für unentbehrlich, unersetzlich - eine der naivsten Illusionen, wie alle Todesfälle täglich zeigen. Gestresste, Karrieristen, Super-busy-people sind auch deshalb unsexy, weil sie nie da sind, nie im JETZT, nie bei dem, was sie gerade tun. Sie sind sogar während des Liebesakts bereits beim nächsten Termin. Sie haken den Liebeshandel ab wie ein anderes Geschäft. Deshalb sind Gestresste und Karrieristen die idealen Kunden im horizontalen Gewerbe. Den AnbieterInnen ist es nämlich ziemlich wurst, ob der Kunde sexy ist oder nicht. Sie schätzen sogar Karrieristen, weil die meist rasch wieder gehen und in der Regel die nötigen Nötchen bei sich tragen. Nun könnte man vom Ausmass der Prostitution in unseren Breitengraden auf die Anzahl Gestresster schliessen. Demnach gäbe es relativ viele Leute hier, die unsexy sind?Gut, Leuten über 70 mag das ziemlich egal sein - und das sind ja bald die Mehrzahl. Man könnte natürlich auch sagen "Stress macht doof" - aber 'unsexy' ist in unserem materialistisch-postfreudianischen Zeitparadigma für die meisten die grössere Beleidigung.
Ja, was ich Sie eigentlich fragen wollte: Sind Sie gerade gestresst?
Mut
Der Mutige wird von innen gestützt, der Feige von aussen
Mut ist Handeln ohne Schielen nach Applaus
Mut ist erst dann mehr als Tollkühnheit, wenn er auf mehr als nur den Applaus der Feigen zielt
Mut ist die positive Seite der Aggression
Mut ist die Kraft, seinen Weg zu gehen, ohne sich von der Missbilligung oder Ignoranz der Meinungsmodezaren anfechten zu lassen.
Mut ist die Kraft, Dinge zu denken, zu sagen und zu tun, die aus Sicht der Meinungsbeherrschenden, der Diskursmächtigen daneben sind
Mut wächst aus Gelassenheit, Autonomie und Authentizität
Mut ist das, was Petrus fehlte. Die katholische Kirche gründete ihr Imperium auf einen exemplarischen Feigling
Erst wenn Liebespaare zu Freunden werden, wird ihre Beziehung tragfähig.
Freundestreue ist vielleicht das beeindruckendste Phänomen auf diesem Planeten.
Sie ist bei Tieren häufiger zu beobachten als bei Menschen. Weshalb wohl?
'Erziehung' ist ein auf eigenverantwortliche Verhaltensbeeinflussung zielender bewusster Konfrontationsprozess mit vom Erziehenden als relativ wahrscheinlich eingestuften Zusammenhängen.
Bei allem Wissen um die Zirkularität von Definitionen - dass man das einzugrenzende Wort ständig mit anderen einzugrenzenden Wörtern umkreist - kann es doch hilfreich sein, sich mit dieser Umkreiserei versuchsweise dem Mittelpunkt zu nähern und sich durch die Reibung unterschiedlicher Formulierungen etwas klarer darüber zu werden, was man selbst mit einem Wort meint und bezeichnet. Im Falle des obigen Versuchs 'Erziehung' zu definieren, können folgende erläuternden Überlegungen angestellt werden zur Begründung:
1. Ist keine Verhaltensbeeinflussung intendiert, fehlt das 'Ziehen', der 'Zug' in eine bestimmte Richtung, das 'Abzielen' auf etwas, die Zielgerichtetheit des Prozesses.
2. Wird die Verhaltensbeeinflussung erzwungen, fehlt die intendierte Eigenverantwortlichkeit auf Seiten des zu Erziehenden.
3. Kommt es nicht zu einer bewussten, aktiv herbeigeführten Konfrontation mit den vom Erziehenden postulierten Zusammenhängen, handelt es sich um Deskription, die durchaus eine erzieherische Wirkung haben kann; es fehlt aber das Moment der erzieherischen Intention und die Einleitung bzw. Begleitung des Prozesses durch den Erziehenden. Freiwillige Verhaltensänderung aufgrund von Deskription - das heisst den zugänglichen Wahrnehmungsverarbeitungsresultaten anderer - kann man als 'Selbsterziehung' oder 'Lernen', aber nicht als 'Erziehung' bezeichnen. Erziehung erfordert minimal zwei voneinander äusserlich getrennte, d.h. in verschiedenen Körpern inkarnierte Entitäten.
4. Werden die Zusammenhänge, mit denen der zu Erziehende vom Erzieher konfrontiert wird, nicht als 'relativ wahrscheinlich', sondern als 'zwingend', 'absolut richtig', 'gültig' vorgestellt, sinkt die Eigenverantwortlichkeit des zu Erziehenden gegen Null. Es handelt sich nicht mehr um Erziehung, sondern um Indoktrination, ideologische Vergewaltigung, Missbrauch der Position des Erziehenden. In dieser fundamentalistischen Haltung von vermeintlich 'Erziehenden' liegt meines Erachtens ein viel grösserer und folgenschwererer Missbrauch als in der gerade so modischen Aufplusterung der 'sexuellen Übergriffe', die jegliche hilfreiche Zuwendung, jede liebevolle Beziehung zwischen Erziehendem und zu Erziehenden abwürgt und erstickt. Die Fokussierung auf das rein äusserliche Geschehen und die einseitige Kausalbetrachtung (Aussen als causa für Innen) passt zum - allerdings auslaufenden - Zeitparadigma des Materialismus und wird meines Erachtens abgelöst werden von einer vermehrten Ausbalancierung der Bedeutung geistig-seelischer und äusserlich-körperlicher Missbräuche in der Erziehung
5. Die Haltung des Erziehenden aufgrund meines Definitionsversuchs von Erziehung liesse sich in der Grundaussage konkretisieren, in die er jeden Erziehungsprozess dem zu Erziehenden gegenüber einkleiden könnte:
Wenn du XY lernen willst, solltest du meines Erachtens folgende Zusammenhänge beachten
Mit dem Konditionalsatz wird jeder Erziehungsprozess immer wieder an die Eigenverantwortlichkeit des zu Erziehenden geknüpft. Will er XY gar nicht lernen, kann er wiederum mit Zusammenhängen konfrontiert werden, die sich aus der Weigerung ergeben können - auch diese selbstverständlich mit der Allerheilsformel 'Meines Erachtens' relativiert.
Sein und Zeit
Quantität ist Haben, Qualität ist Sein. 'Chronos', der quantitative Aspekt von Zeit, gehört so gesehen zum Bereich des Habens. Man hat Zeit. Aber wenn man ist, wird der quantitative Aspekt der Zeit, ihr Ablaufen, ihre Prozessualität ausgeblendet. Sein ist Zeitqualität (im Altgriechischen gab es ein Wort dafür: kairos). Wenn wir 'sind', sind wir dies nicht im quantifizierbaren, messbaren Ablauf von Zeit, sondern im Jetzt, in der Gegenwart, in der reinen Präsenz. Dekadenz und Depressivität unserer Kultur haben meines Erachtens viel damit zu tun, dass es an Balance zwischen Haben und Sein mangelt bzw. dass 'Sein' ebenfalls quantitativ verstanden wird ("Ich bin Chef über X-tausend Y..."). Dies hat schon Heidegger in seinem bahnbrechenden Werk 'Sein und Zeit' nicht begriffen, indem er 'Sein' prozessual verstand - und damit der existenzialistisch-pessimistisch-depressiven Vorstellung des 'Seins zum Tode hin' Bahn brach. Er und seine quantitativ existierenden Mit-Existenzialisten machten auch einen entsprechend glücklichen Eindruck. Ich bin mir nicht sicher, ob er damit nicht sogar den nachhaltigeren Blödsinn erzählt habe als mit seinen nazibraun angekränkelten Sprüchen, die von der Geschichte längst weggespült sind.
Der Wochen-Tipp geht dahin, dass ich Ihnen empfehle, Ihre ganz persönliche Balance zwischen Sein und Haben, zwischen Quantität und Qualität in Ihrem Leben immer wieder neu und bewusst herzustellen und zu pflegen. Nicht so simpel rezeptartig wie die ganze Entschleunigungs-Welle in den vielen 'Lebensratgebern', die sich ja längst zu einer eigenen literarischen Gattung entwickelt haben, frei nach dem Motto:
"Was Betty Bossi für die Küche
sind wir für geistige Gerüche";
eher etwas individueller, differenzierter, ausgewogener. Es geht nicht darum, Quantität und Haben völlig auszublenden oder gar zu verteufeln. Seien Sie nur weiterhin effizient und nutzen Sie die ablaufende Zeit dazu, Ihr Haben so zu gestalten, dass Raum entsteht für's Sein. Instrumentalisieren Sie die Quantität zugunsten der Qualität. Aber lassen Sie sich vor lauter Arbeit am Instrument der Quantität die Momente des Seins nicht versauen. 'Momente' ist natürlich falsch, da es bereits wieder etwas Quantitatives, nämlich einen 'kurzen Augenblick' suggeriert. Gerade darin liegt aber das Geheimnis der Zeitqualität, dass sie sich dem quantitativen Aspekt völlig entzieht. Wenn Sie sich an die stärksten Glücksmomente Ihres Lebens erinnern: Verging da Zeit während des Glücks? Oder stellten Sie erst im Nachhinein fest, dass offenbar Zeit vergangen war, Zeit, die in keinem Verhältnis zur Intensität des Erlebten stand? Ich bin überzeugt, dass alle diese Disproportion zwischen dem qualitativen Erleben und dem quantitativen Messen eines Zeitabschnitts kennen. Genau darum geht es. Diese Seins-Zustände, diese Jetzt-Erlebnisse sind aber nicht einfach Zufälle, die uns irgendwann überspülen. Wir können sehr viel dafür tun, dass sie sich häufen. Grob erzwingen lassen sie sich allerdings so wenig wie das Einschlafen. Aber wenn Sie sich darauf einlassen und mit der Zeit immer geschickter werden darin, nicht nur Jetzt-Erlebnisse, sondern auch die Balance zwischen Haben und Sein herzustellen, könnte sich eine Wirkung einstellen vergleichbar derjenigen, die in der Ovomaltine-Werbung witzig versprochen wurde, nur umgekehrt: "Sie leben nicht länger, aber besser"
Geiz und Angst
Geiz und Angst sind eng verwandt: Enge des Herzens ist das gemeinsame Symptom
Hass
Hass verbreitet sich schneller als ein Lauffeuer. Die Ansteckbarkeit ist indirekt proportional mit dem Entwicklungsstand einer Entität.
Wer eine Fähigkeit bei sich entdeckt, entwickelt und trainiert, nimmt sie auch leichter und differenzierter wahr bei andern.
?
Man sollte Quantifizierbarkeit nicht mit Wissenschaftlichkeit verwechseln.
Nur weil sich Liebe, Freude, Begeisterung, Sich-Hingezogen-Fühlen, Vitalität, Charisma, Ausstrahlung und viele wichtige Dinge mehr nicht in Zahlen ausdrücken lassen, sollen sie wissenschaftlicher Annäherung und damit auch wissenschaftlicher Bedeutung entzogen sein?
Das Paradoxon der Distanz
Der Weg zur Selbstironie, aber auch der zu Glück und Erleuchtung, führt über die Gewinnung von Distanz, um sie - einmal gewonnen - ganz aufzugeben.
Programmierungen ändern
Halten Sie es einmal zumindest eine Woche lang für möglich, dass Sie mit Ihren Gedanken Ihre Wirklichkeit beeinflussen können. Es ist allerdings etwas mehr Anstrengung nötig, als oberflächliches 'Positives Denken' oder simple 'Bestellungen beim Universum' abgeben. Denn in den tieferen Schichten unseres Bewusstseins sind Überzeugungen und Wertungen eingeritzt, die man erst mal an die Licht heraufholen muss, wenn wir sie mit unseren aktuellen Gedanken ändern wollen. Aber die Mühe lohnt sich - und die Ausdauer auch. Denn es gilt, neue Prägungen zu schaffen, unsere neuen Gedanken in die Sedimentschichten zu ritzen - oder, moderner ausgedrückt: es reicht nicht, eine neue E-Mail zu schreiben, wir müssen in vielen Bereichen die Software umprogrammieren, die Links ändern, die Formatvorlagen ändern und vieles mehr. Und wählen Sie zuerst ein paar kleinere Dinge, die Sie ändern möchten - und wenn Sie erste Erfolgserlebnisse haben, wagen Sie sich an die grossen Themen Ihres aktuellen Lebens.
Angenommen: Alles, was uns passiert, ist sinnvoll und uns gemäss
Nehmen wir einmal an, der obige Satz sei nicht nur 'angenommen' im Sinne von 'vermutet', sondern 'angenommen' im Sinne von akzeptiert, was ergäbe sich daraus? Könnte es sein, dass sich viele Ungereimtheiten schlagartig klärten? Wieso gewinnt DER im Lotto und wir nicht? Wieso kann DIE (fr)essen, was sie will und bleibt gertenschlank? Wieso wird just bei UNS eingebrochen? Wieso gerate ich immer wieder an SOLCHE Männer/Frauen? Warum werde immer ICH reingelegt? - Oder dicker: Wieso habe ausgerechnet ICH diese Krankheit? Wieso hat MEIN Kind einen Unfall? Warum muss ausgerechnet MIR ein naher Mensch so früh wegsterben? - Ist denn dies sinnvoll, mir gemäss?
Könnte es sein, dass die obige Spielregel hilft, Antworten auf solche und ähnliche Fragen zu finden - nur schon weil sie hilft, überhaupt nach funktionalen Antworten zu suchen. Denn wer vorschnell mit 'Zufall', 'Schicksal' oder spezifischeren Schuldprojektionen operiert, bleibt stecken wie in einer Sackgasse. Wer nach Sinn und Gemässheit seines Schicksals forscht, muss vielleicht lange suchen, aber er wird früher oder später fündig - behaupte ich.
Probieren Sie's aus - wenigstens eine Woche, lieber aber ein ganzes Jahr lang. Lassen Sie sich bei der Sucherei helfen von Leuten, die Sie lieben. Wer den Mut hat, fragt auch Leute, die er eher als Kritiker oder Gegner einstuft; oder gut geschulte Profis. Und zur Aufhellung der Stimmung: Man darf sich durchaus auch fragen: Warum habe ausgerechnet ICH immer wieder so viel Glück? Wieso fällt mir so viel zu - ohne dass ich es mir sauer 'verdient' habe? Wieso treffe ich immer wieder auf so liebenswerte Menschen, auf so beglückende Musik, so hinreissende Bilder, so beflügelnde Sätze wie 'Alles, was uns passiert, ist sinnvoll und uns gemäss'?
"Du sollst mehr lachen!"
Eine Zeitlang war das richtig im Trend in der Werbung, dieser irgendwo zwischen Feldweibel, Gott-im-Dornbusch und Tante-Frieda-Ernährung oszillierende Imperativ-Stil. "Mutter, gib deinem Kinde Honig" - war so ein Spruch, den ich zur sofortigen Umsetzung den Daheimgebliebenen anheim legte. Aber auch "Sie sollten mehr Joghurt essen" war ein Imperativ, dem ich nur allzugerne Folge leistete, vor allem wenn es 'Das im Glas' war. Ganz scharf war der Ton der Käse-Union dereinst, als von Plakatwänden der Befehl Big-Brother-artig erscholl: "Du gehst jetzt in den nächsten Käseladen und sagst: "300 Gramm Greyerzer bitte" - siehst du, es geht ja!"
In diesem Sinn und Geiste sage ich euch nun von der wabernden Monitor-Scheibe aus: "Du sollst mehr lachen!" Ich wäre kein echter Schweizer, wenn hinter dem Polizistentonfall nicht auch noch der ewig besserwisserische Lehrer steckte. Und so sage ich euch auch noch, worüber denn am besten gelacht werden sollte: über euch selbst natürlich, denn immerhin seid ihr die Einzigen, die ihrimmer dabei seid, wenn ihr Mist baut. Aber das ist ja geschenkt, das weiss jeder, deshalb gehe ich - Pädagoge, der ich zu sein vorgebe - noch etwas tiefer in die Details und spezifiziere: Lacht doch ganz speziell über den Fundamentalismus in euch, über all die Dinge, die ihr für undiskutabel haltet, für absolut richtig oder absolut falsch, einfach dort, wo ihr nicht mehr mit euch reden lasst, wo es nur eine einzige Lösung, eine einzige Antwort gibt: eure. Was, das geht nicht? Weil ihr gar nirgends Fundis seid? Oder weil uns eben genau dort das Lachen vergeht, wo's Ernst wird, wo es um die Grundwerte, die Basis, das Fundament geht - eben, Fundi kommt von Fundament. - Na gut, dann lacht doch über andere Fundis, so als Einstieg fällt das leichter. Aber nicht vergessen: Es gibt namhafte Leute, z.B. mich haha, die dem kruden Welterklärungsmodell anhängen, die Aussenwelt spiegle die Innenwelt. So gesehen wären dann die Fundis, über die wir lachen, ja was denn: wir selbst? Das ist ja zum Lachen!
Wie auch immer: Hier eine kleine, simple Einstiegs-Story aus dem World-Wide Witz-Web:
Ich ging eines Tages eine Brücke entlang und sah einen Mann am Rande stehen, der gerade hinunterspringen wollte. Also rannte ich zu ihm und sagte "Halt! Tun Sie es nicht!" - "Warum sollte ich nicht?" sagte er. "Nun, es gibt so Vieles, für das es sich zu leben lohnt." Er: "Was denn?" Ich: "Nun ... sind Sie religiös oder atheistisch?" Er: "religiös."
"Ich auch! Sind sie ein Christ oder Buddhist?"
"Christ."
"Ich auch! Sind sie Katholik oder Protestant?"
"Protestant" Ich sagte
"Ich auch! Sind Sie episkopalisch oder baptistisch?"
"Baptistisch!"
"Mensch! Ich auch! Gehören Sie zur baptistischen Kirche Gottes oder der baptistischen Kirche des Herrn?"
"Baptistische Kirche Gottes!"
"Ich auch! Sind sie in der ursprünglichen baptistischen Kirche Gottes oder der reformierten baptistischen Kirche Gottes?"
"Reformierte baptistische Kirche Gotttes!"
"Ich auch! Gehören Sie zur reformieren baptistischen Kirche Gottes der Reformation von 1879 oder der reformierten baptistischen Kirche Gottes der Reformation von 1915?"
"Reformierte baptistische Kirche Gottes der Reformation von 1915!"
Ich sagte "Stirb ketzerischer Abschaum!" und stieß ihn hinunter.
"Lerne Schiessen, und triff Freunde"
So steht es weiss auf braun über der Tür des Braunauer Schützenhauses, das nebst dem Wappen auch noch mit einem nach Erstklässlermanier gemalten zivilgekleideten Jüngling in Ruhn-Strellung mit dem Sturmgewehr geschmückt ist. Wir Schweizer allgemein und die thurgauische Landbevölkerung speziell werden einfach unterschätzt. Auch und gerade in unserer revolutionären prostpostmodernen Gefährlichkeit. Wir gelten als harmlos, bieder, basisdemokratisch, eigenbrötlerisch und etwas besserwisserisch-pharisäerhaft.
Insgeheim oder auch laut am Stammtisch tun wir kund, froh zu sein, dass wir nicht sind wie die andern, wie beispielsweise die grauslichen Terroristen, Islamisten, Revolutionisten in den Löchern und Kisten allüberall im bösen Ausland. - Und jetzt dieses Coming-out in Braunau! Ob der Dorfname doch irgendwie abfärbt auf die Gesinnung? Denkt man hier braun - au-ch und gerade die Schützen? Auf jeden Fall scheint mir der Satz, der nicht in einem geheimen Weblog anonym kurz aufschimmert, sondern mit schönen Buchstaben eingeritzt auf dem Stirnbalken der Eingangstüre des schmuck und allein auf grüner Weide thronenden Schützenhäuschens prangt, weltweit einmalig zu sein. Gut vorstellbar, dass terroristische oder auch ganz gewöhnliche militärische Ausbilder ihre 'Azubi' mit ätzendem Pathos anraunzen "Lerne schiessen und triff Feinde!". Denn das ist ja normalerweise der Witz der Schiesserei - ausser man tue es aus sportlichen Ambitionen, zum reinen Vergnügen oder als Freudsche Ersatzhandlung. Aber dass man mit der erworbenen Treffsicherheit die FREUNDE treffen und umpusten soll, das ist ja schon etwas dick. Vielleicht verbirgt sich dahinter die bei Jägern häufige für Nichteingeweihte leicht pervers anmutende Einstellung, dass man vorgibt, dieselben Wesen zu lieben, die man umlegt?
Aber hier am Braunauer Schützenhaus ist es der Befehlston, der die Nackenhaare sträubt. Man ist versucht, den Tonfall und den grimmigen Gesichtsausdruck des Schützenmeisters zu imaginieren, wie er den gwundrigen Dorf-Knäblein befiehlt: "Lerne Schiessen, und triff Freunde!" - man beachte auch die Grossschreibung, die der Schiesserei noch mehr Gewicht gibt, und das Komma vor dem und, mit dem das Nacheinander betont wird: "Zuerst lernst du anständig dein Handwerk als Schütze - und dann knöpfst du dir eine Freunde vor, einen nach dem andern." Hier liegt ja doch wieder eine gutschweizerische Tugend hinter dem teuflisch anmutenden Befehl, ein Schuss L ehrerhaftigkeit , ja fast ein pädagogischer Eifer liegt in dem Hinweis, dass man zuerst sein Handwerk beherrschen soll, bevor man sich aufs Schlachtfeld begibt und über Kimme und Korn - oder moderner mit dem Zielfernrohr - die Freunde trifft.
Auf jeden Fall hüte ich mich, allzu schnell Freundschaften zu knüpfen hier in Braunau. Hier scheinen Feinde länger zu überleben. Das erklärt vielleicht auch, warum die Bauern fast alle miteinander verkracht sind - Krach hilft, dass es nie zum Krachschuss zwischen Freunden kommt.
Meinungsäusserungsfreiheit
Ein geeigneter Gradmesser für das Mass von Demokratie in einer Gemeinschaft sind die kommunikativen Strukturen, insbesondere die Medienfreiheit und -vielfalt. Diese lässt sich durchaus auch anwenden auf Gemeinschaften wie Familien, WG's, Unternehmen, Vereine und Verbände.
Suchtkontrollsucht
Er war Nichtraucher, Antialkoholiker, Vegetarier, betrieb massvoll Sport, arbeitete massvoll, war in allem, was er tat, dachte, fühlte beherrscht - nur ein einziges klitzekleines Leck war da: Er liess dem Gedanken, besser zu sein als die andern, dem Gefühl der Verachtung für die weniger Disziplinierten so viel Raum, dass durch dieses Löchlein in der perfekten Suchtkontrolle das Gift der Überheblichkeit eindringen und den Kontrollsucht-Krebs auslösen konnte, der so rasch Metastasen bildete, dass alles, was einst gelassen und liebevoll an ihm gewesen war, vom Krebsgeschwür überwuchert wurde - mit letalem Ausgang. Auf dem Totenschein stand: Er erlag der Suchtkontrollsucht. Die von ihm zeitlebens Gemassregelten liessen Fünfe grad sein und feierten an seinem Leichenmahl bis in die frühen Morgenstunden...
Der eigenen Schuldprojektion auf die Schliche kommen
"Da geht's ja zu wie in einer Juden-Schule!" - "Kommst ja daher wie ein Tschingg am Sonntag" - "Bist du auch so ein angekränkelter Stink-Ami?" - "Der Couchepin ist aufgeblasen wie ein Franzos'!" - "Wieder ein typischer Fall von eidgenössischer Biederkeit" - "Die dumme Kuh!" - "Äff mich nicht ständig nach!" - "So eine Drecksau!" - "Der Kerl ist gierig wie ein Raubtier!" - "Ein richtig fauler Hund" - "Du trampelst da rum wie ein Elefant im Porzellanladen!"
Die Liste könnte beliebig verlängert werden und zeigt nur mal die Spitze des Eisbergs dessen, was ich 'Schuldprojektion' nenne. Nämlich nur gerade mal die deutlichsten Fälle, wo wir in der Sprache Unangenehmes nach aussen projizieren, d.h. von uns weg schieben und anderen Wesen anhängen. Zugegeben, das Spiel macht auch Spass, denn wer ist schon gern für irgendetwas selbst verantwortlich, das als negativ oder zumindest nicht gerade Image fördernd angesehen wird. Ein geradezu herziges Beispiel für kollektive Projektion ist das Kondom, das in einer superverklemmten Kultur wie der (nach-)christlichen zwar überall benutzt, aber eben doch immer noch mit dem Ruch des Unguten behaftet ist, da der Vatikan nach wie vor jegliche Verhütung mit dem Verlust des Fensterplatzes im Himmel sanktioniert. Man schiebt also mit der Bezeichnung des Gummis die 'Schuld' dafür, dass es das Ding überhaupt gibt, einfach ins Nachbarland. In der Schweiz heisst das Kondom im Volksmund deshalb 'Pariser' - und wissen Sie, wie ein Pariser, also ein in Paris lebender Franzose, den 'Pariser' nennt? 'Capote anglaise'! Die Engländer spielen den Ball im Buchstabenspiel wieder über den Kanal zurück und sagen 'French letter'. - Ein weiteres hübsches Beispiel freundnachbarlicher Zuweisung von als unerfreulich Eingestuftem ist die im deutschen Sprachraum übliche Wendung "sich französisch verabschieden", d.h. abhauen ohne sich beim Gastgeber zu bedanken bzw. allen die Pfötlis zu schütteln.
Aber nun geht's ja darum, uns selbst auf die Schliche zu kommen: Versuchen Sie doch einmal eine Woche lang auf die eigene Sprache - noch besser: auf die Gedanken - zu achten. Ich habe mich z.B. ertappt dabei, Grobheit in den Balkan abzuschieben, als ich über einen sehr rüde vorgehenden Typen frotzelte: "Der hat den Charme eines serbischen Kanoniers!" Viel Vergnügen bei der Jagd - und sagen Sie nicht, Sie würden sowas nie tun, sonst werfe ich Ihnen typisch helvetische Selbstgerechtigkeit vor...
Die Mitte zwischen aufreizend langsam und eklig gehetzt
Versuch mal während einer Woche, an jedem Tag in mindestens 7 Bereichen ein 'Balance-Erlebnis' zu haben, die Balance zu finden zwischen trantütig und atemlos, lahmärschig und gestresst, zwischen 'tire-au-cu' und rasendem Zugpferd. Und vergiss dabei nicht, über dich zu lachen. Der Einstieg geht natürlich am leichtesten über die andern. Jeder kennt Leute, die irgendwas sooo langsam machen, dass man ihnen am liebsten eins in den Hintern treten würde - und auch das Gegenstück dazu ist wohlbekannt: die Typen, bei denen alles so lärmig, hastig ist, denen auch ständig was aus den Händen fällt, weil sie so fahrig und gestresst sind. Meist nehmen sie sich noch furchtbar wichtig, sind immer schon am nächsten Ort, können nicht zuhören usw. - Aber das ist nur der Einstieg. Nachher wird das Spieglein gedreht und wir kucken uns selbst zu. Am Anfang reicht's, wenn wir ganz banale Alltags-Tätigkeiten anschauen. Wie stehen wir auf? Wie geht's im Bad zu? Wie lahm oder stressig in der Küche? Brauchen wir Stunden, bis wir auf Touren kommen? Oder fliegt gleich schon alles kreuz und quer herum, kaum sind wir auf den Füssen? Für mich ist der erste Test, ob ich es schaffe, den mit Kaffeepulver gehäuften Löffel ohne ein Krümchen zu verlieren vom goldenen Chicco d'Oro-Sack (product placement...) bis zum 'Tschingge-Chäntli' (nochmals, aber politically uncorrect) in den Metallfilter zu befördern. Wenn das gelingt, war das bereits die erste Balance - denn zu langsam zu sein ist nicht so die wirklich grosse Gefahr bei mir.
Geh mal von der Annahme aus, Kommunikation sei grundsätzlich mit allem möglich, was du wahrnimmst.
Wir kennen das doch alle, wenn wir mit Schrauben sprechen, die nicht ins Holz wollen, mit Autos, die nicht so tun, wie sie sollten, mit Nähmaschinen, die nicht auf Touren kommen, Computern, die spinnen - meist sind es Momente, wo wir eher knurrig-verärgert sind und dem Ding sagen, es solle doch gefälligst...
Und es sind weiss Gott nicht nur abgehobene Eso-Hürschis, die solche Dialoge führen, sondern währschafte Holzfäller, nüchterne Automechaniker, coole Informatiker, fleissige Näherinnen usw.
Wir kennen es aber auch vom eher nonverbalen Kontakt mit Dingen, Pflanzen, Tieren. Wenn der Geigenbauer mit dem Holz kommuniziert, das er bearbeitet, der Künstler mit dem Bild, dem Stein, dem leeren Blatt, der Musiker mit dem Instrument ins Zwiegespräch tritt. Eigentlich müssen wir den Begriff der Kommunikation nur genug weit fassen, dann ist alles Tun Zwiegespräch, Auseinandersetzung und Zusammenfinden von Wahrnehmendem und Wahrgenommenem. Und wenn Kommunikation mit allem möglich ist, kann man sie auch verbessern. Lernen, üben, trainieren, sich ausbilden wäre so gesehen nichts anderes als Verbesserung der Kommunikation. Mir geht es aber weniger um Begriffs-Spiele als um die innere Haltung: Wenn wir alles Wahrgenommene als kommunikationsfähig anschauen, besteht die Chance, dass wir achtsamer damit umspringen. Ob wir dem Kommunikationspartner - sei es nun ein Mensch, ein Tier, eine Pflanze oder ein Ding - im philosophischen und psychologischen Sinne Entitäts-Charakter zusprechen, ihm ein Bewusstsein zugestehen, ist für Theorie-Fritzen wie mich zwar wichtig. In der Praxis reicht es vollauf, den Dialog mit allem, was wir wahrnehmen, als einen echten Dialog zu führen, also nicht nur als Selbstgespräch, sondern insofern echt, als wir auch eine Antwort erwarten und zur Kenntnis nehmen. Das Holz muss ja nicht Sprechblasen bilden wie im Comic-Strip, es reicht doch, wenn es durch sein Verhalten antwortet. Es kann sich sträuben, splittern, brechen - oder weich bearbeiten lassen. - Viel Vergnügen beim Kommunizieren! Die eine oder der andere wird vielleicht so viel Spass haben, dass er/sie glatt die Einwegberieselung per Glotzkiste etwas reduziert. Wobei man durchaus auch mit einem TV-Gerät in Dialog treten könnte. Meist schlafen die davor Sitzenden aber ein, bevor sie zur Antwort anheben könnten... Dialog braucht eben etwas mehr Energie und Wachheit als passives Beträufeltwerden.
Verlieb dich gemeinsam in etwas Drittes!
Dieses Dritte kann ein Wesen, eine Tätigkeit, ein Ziel - irgendeine Wahrnehmung sein, von der beide begeistert sind. Diese gemeinsame Liebe minimal zweier Wesen für etwas Drittes hat eine andere Qualität als die Liebe zweier Wesen direkt füreinander. Witzigerweise ist die Liebe von Zweien füreinander grundsätzlich unterschiedlicher als die Liebe von Zweien oder mehreren für ein Drittes. Schaut man genauer hin, ist es völlig einleuchtend: denn die Liebe von A für B ist - solange sie noch keine bedingungslose ist, und das ist sie nur schon deshalb nicht, weil sie auswählt, sich auf ein bestimmtes Wesen richtet - eine anders gefärbte Zuwendung als die Liebe von B für A. Im Fokus ist ja einmal das Wesen A, das andere Mal das Wesen B. Also ist auch die auf das je andere Wesen gerichtete Liebe eine andere. Natürlich kann da auch eine grosse Gemeinsamkeit sein nur schon in der Tatsache des Liebens, des Sich- Öffnens, im Zurückweichen des Rational-Berechnenden, aber es bleibt doch auch eine grosse Differenz, da sich die Liebe von A und B auf ein völlig anderes Objekt, ein anderes Du richten.
Anders ist es bei der gemeinsamen Liebe von A und B für C. Hier kann ein höherer Grad von Gemeinsamkeit, von Überlappung der beiden Zuwendungsqualitäten erreicht werden, weil das Liebesobjekt dasselbe ist. Kriterium für das Mass der Gemeinsamkeit ist das Ausmass von Begründungen und Bedingungen. Je mehr A erklärt, dass er C liebe, weil x oder nur wenn y und B dagegen hält, dass sie C eben gerade liebe, weil nicht-x oder speziell dann, wenn nicht-y, desto stärker entfernen sich die beiden Liebensqualitäten wieder voneinander, desto geringer der verbindende Effekt. Wem das zu algebraisch klingt, der ersetze doch munter mal A und B mit dem eigenen Namen und dem eines wichtigen Partners, C durch 'Kind', 'Hund', 'Pferd', 'Tennisspielen', 'Bergsteigen', 'Musizieren', 'Reisen', x (z.B. wenn C = Hund) durch 'klein' und y durch 'schönes Wetter' - und schon wird auf dem Buchstabensalat eine ganz alltägliche Situation: Ein Paar liebt Hunde und möchte einen haben, der eine Partner stellt aber zur Bedingung, dass er klein zu sein habe und will nur bei schönem Wetter spazieren, für den anderen Partner ist es gerade eine Bedingung, dass der Hund gross ist und er beschäftigt sich lieber mit dem Hund bei Hundswetter. Die zweite Bedingung (y) wäre kompatibel, ja ergänzte sich ideal, aber die erste führt - je nachdem wie stur beide auf ihrer Vorstellung von 'klein' und 'gross' beharren - dazu, dass es gar nicht zum Erwerb eines Hundes kommt. Daraus lässt sich ein Muster, eine Struktur ablesen, die sich m.E. überall finden lässt: Es sind die 'weils und wenns', die Begründungen und Bedingungen, die 'liebes-bremsend' wirken. Eine allererste Causa, ein 'Liebes-Grund' ist natürlich das Liebesobjekt, das ja Resultat einer Selektion, einer Auswahl ist. Wir sind es nur nicht gewohnt, dies auch mit einer Kausalverknüpfung auszudrücken: "Ich liebe dich, weil du DU bist - und eben nicht eine andere/ein anderer." - Wie delikat und liebesbremsend nur schon diese Aussage sein kann, merken wir, wenn wir sie konditional/temporal weiterspinnen: "Ich liebe dich, wenn und solange du DU bist." Hier wird jegliche Veränderung blockiert. Das DU darf sich nicht entwickeln, muss genau dasjenige DU bleiben, in das sich A ursprünglich verliebte. Wenn man nun noch mit Einstein und mit den Konstruktivisten das Modell der Relativität und Subjektivität jeglicher Wahrnehmungsdeutung teilt, dann wird es noch delikater, weil ja bereits das DU, das A in B wahrnimmt, nur beschränkt übereinstimmen muss mit dem ICH, das B in sich sieht, also mit der Selbstwahrnehmung von B. Hier haben wir also bereits ein Auseinanderklaffen in der Wahrnehmung des Liebesobjetks B ohne die Zeitachse mit der ganzen möglichen Veränderung und Entwicklung hinzu zu nehmen.
Der simple Zusatz zum Wochen-Tipp wäre also: Falls es dir gelingt mit dem gemeinsamen Verlieben in etwas Drittes, versucht euch zurückzuhalten mit 'weils' und 'wenns'; die Chancen auf glückliche Momente - so behaupte ich fröhlich - steigen exponentiell.
Wechsle vorübergehend eine Anschauung oder eine Gewohnheit
Am besten eine, die du schon lange hast und für die du keine rechte Begründung hast. Irgend ein Mosaiksteinchen aus deinem Leben. Würde dich ein Ausserirdischer fragen, warum du das tust oder diese Ansicht hast, käme dir spontan der Satz über die Lippen: "Das war schon immer so."
Bei mir ist es z.B. das Streicheln von Tieren. Seit ich als kleiner Junge mit 'Hüüslischnägge' spielte, ist dieser Automatismus da: Sobald ich in Armdistanz zu einem Tier komme, streichle ich es, und zwar nicht nur Hunde, Katzen, Pferde und Kühe, sondern alles, was da kreucht und fleucht und es zulässt, auch Frösche, Salamander, Blindschleichen, Schweine, Hühner, Stiere und Elefanten. Einzig bei Spinnen war ich immer etwas zurückhaltend, bis ich Steffi kennenlernte, die die Achtbeiner fasziniert auf ihren Händen und Armen rumkrabbeln liess und mir die Augen öffnete dafür, dass man sich auch bei den Insekten nicht auf 'herzige' Marienkäferli und prächtige Sommervögel beschränken muss.
Erst viel später merkte ich, dass das Nicht-streicheln-Dürfen mit ein Grund war, warum es mir im Zoo nur beschränkt gefiel, obwohl ich da so viele Tiere antraf. Bestimmt kamen noch andere Gründe hinzu, z.B. dass kaum ein Zoo-Tier artgemäss gehalten werden kann, dass viele entsprechend traurig blickten und Ticks hatten wie Rilkes Panther ("Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe, und hinter tausend Stäben keine Welt."). Schon damals störte mich intuitiv die Überheblichkeit des Menschen, der Tiere fängt, einsperrt und ausstellt - grundlos, einfach, weil er es kann mit seinen Waffen, seiner kalten Rationalität, seiner Technik, seiner Eitelkeit und Lieblosigkeit.
Das Bedürfnis, Tiere zu streicheln war also auch ein Symptom für die Abwendung von den Menschen, wo alles mit komplizierten Verboten und Regeln gespickt war; sogar so etwas, was ich als naiver Knirps nur für liebevollen Ausdruck meiner Zuwendung hielt.
Diese Gewohnheit, diesen Automatismus des Tiere-Streichelns galt es nun also aufzugeben. Ich forderte dies von mir zumindest vorübergehend und lernte dabei, dass Tiere gar nicht immer ungefragt gestreichelt werden wollen, dass sich bei ihnen genau wie bei uns individuell verschieden die Phasen unterschiedlichen Nähe-Bedürfnisses abwechseln, dass es aber auch generell 'verschmustere' und 'coolere' Wesen gibt. Vor allem aber kam ich endlich auf die Idee, andere Formen des Kontakts auszuprobieren als den des Streichelns und der körperlichen Berührung. Mit Erstaunen stellte ich schon als Bub fest, dass Tiere nicht nur unsere Körpersprache auf recht weite Distanz, sondern auch unsere Ausstrahlung wahrnehmen und deuten können. Unterdessen konnte ich ein paar Jährchen Erfahrungen sammeln mit verschiedensten Tieren und ich bin immer noch fasziniert über die reiche Palette von Kommunikationsmöglichkeiten. Wenn ich mich nicht bewusst zurückhalte, so streichle ich nach wie vor spontan jedes Tier, ausser es melde mir auf einem anderen Kommunikationskanal, dass es dies zur Zeit gerade nicht wünsche, aber ich habe dank der Hinterfragung dieser Gewohnheit, dank der Entdeckung der dahinter liegenden Anschauungen und der zeitweiligen bewussten Änderung einen gewaltigen Reichtum gewonnen.
Die Kunst des Trauerns
Trauer, Melancholie, Abschiedsstimmung, Sonnenuntergang, Wegzug, Trennung, Hintersichlassen - möchten wir denn all das missen? Wir wissen doch intuitiv, dass Fröhlichkeit, Ausgelassenheit, Willkommensstimmung, Sonnenaufgang, Ankommen, Vereinigung, Vorfreude nur erlebbar sind auf dem Boden all der eingangs skizzierten Antonyme. Anstatt all diese Stimmungen, Gefühlslagen, Wahrnehmungen in 'gut' und 'schlecht' einzuteilen, in 'anstrebenswert' und 'unbedingt zu vermeiden', könnten wir doch versuchsweise mit allem einverstanden sein, alles zulassen, uns allem öffnen - immer auf der Suche nach der Balance, nach unserer Balance, die sich ändert mit der Übung, genau so wie wenn wir auf einem Dach, einem Seil, einem Geländer, einem Baum das Balancieren üben. Und wie immer, wenn man etwas übt, kann es zur Kunst werden. Kunst kommt von Können. Wer mit seinen Wahrnehmungen umgehen kann, wer nichts zu verdrängen braucht, sondern alles anschauen kann, sich allem öffnen, mit dem Wahrgenommenen üben kann, der wird zum Künstler des Lebens, seines Lebens, denn es nimmt ja jeder etwas anderes wahr. Archaische Kulturen wussten das und schufen als Übungshilfe Rituale. Für den Umgang mit schwierigeren Wahrnehmungen eine herrliche Hilfe, wie Steigeisen auf dem Gletscher, wie ein Seilgeländer über einem tosenden Bach: der Abgrund, die Schlucht verliert den Schrecken und gewinnt den Kitzel des Abenteuers.
"Killing the Ego"
Nun hab ich mich aber während einiger Wochen sehr kurz gehalten, so kurz, dass der Tipp gar nicht mehr in die Sichtbarkeit trat. In der Zeit haben sich natürlich einige angestaut. Den am grauslichsten klingenden zuerst: "Killing the Ego" klingt zwar etwas netter, weil es englisch daherkommt, aber zu gut deutsch heisst es: "Bring dich um!" - und das ist definitiv kein netter Tipp, oder? Gemeint ist nicht, den Körper zur Strecke zu bringen, indem man sich eine Kugel in den Kopf schiesst, sondern etwas viel Anspruchsvolleres, Langwierigeres: nämlich denjenigen Teil unserer Identitätswahrnehmung abzubauen bis zum letztlich völligen Verschwinden, den wir als unser profilierendes Ich bezeichnen. Es ist das, was wir in der Jugend mühevoll aufbauten, bei dem uns unser Körper, aber auch die Eltern, Lehrer, Freunde, Partner, ja die ganze Gesellschaft so ungemein behilflich waren. Wir finden uns vor als Menschen mit einem Geschlecht - bereits eine Zuordnung, gegen die man sich zur Wehr setzen kann: Mowgli wohnte unter den Wölfen, fühlte sich als Wolf, dann gibt es Tausende von Menschen, die das Geschlecht wechseln wollen, die sich teilweise auch auf der Körperebene umbauen lassen, so gut es geht. Dann kriegten wir alle einen Name, der uns mehr oder minder identifiziert. Und dann begannen wir mehr und mehr selbst an unserem Profil zu basteln. Dagegen ist nichts zu sagen, ein fettes, profiliertes Ego ist Voraussetzung für dessen Abbau. Schade nur, wenn der gar nie stattfindet. Wobei: der Abbau findet auf jeden Fall statt, einfach freiwillig oder unfreiwillig. Alter, Gedächtnisschwund, Demenz, genereller Verfall all dessen, was einst 'die Persönlichkeit' ausmachte, bis zum Tod. Mein These geht nun dahin, dass es viel spannender, abenteuerlicher, aber auch glückbringender ist, wenn man den Prozess nicht einfach passiv erduldet, sondern aktiv und autonom in Gang setzt und immer weiter treibt - bis zum einverständlichen Sterben.
Wahr-Nehmung und Witt-Gen-Stein
Immer wenn wir etwas wahrnehmen, neigen wir dazu, es für absolut wahr zu nehmen, für allgemeingültig zu erklären. Blitzgeschwind wird aus der subjektiven Wahrnehmung eine 'Tatsache' und wir erklären im Brustton der Überzeugung, was wir wahrgenommen hätten, sei der Fall. Kaum kommt ein anderer Wahr-Nehmer und behauptet, nicht das, was wir, sondern das, was er wahrgenommen habe, sei der Fall, haben wir einen Streit-Fall, aus dem oft ein Rechts-Fall, ja sogar ein Kriegs-Fall werden kann, jedenfalls etwas Phallisches. Wenn wir immer noch nicht lachend die Subjektivität unserer Wahr-Nehmung - und die des andern - erkennen, fallen wir plump plumpsend in die Falle, die sogenannte Fundi-Falle, die immer dann 'der Fall' ist, wenn zwei Humorlose ihre Wahrnehmungen verabsolutieren. Die drei roten Falle-Fähnchen sind also: "Es isch eso!" - "U nid angersch!" - "Da verträgi de gar ke Gspass!" Haben wir uns diesbezüglich durchschaut, können wir uns alle Nachrichten über Fundamentalisten, Terroristen, Ideologen, Fanatiker sparen und stattdessen immer wieder das Spieglein zu Rate ziehen, uns in unser Konterfei vertiefen und fragen: "Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der grösste Fundi im ganzen Land?" - Falls die Antwort des Spiegels nicht zu unserer Zufriedenheit ausfallen und es der Fall sein sollte, dass wir das Spieglein an die nächstbeste Wand schmettern: Spiegelfirmen freuen sich. Überhaupt: einer freut sich immer.
Und nur dass das klar ist: Meine Wahrnehmung bezüglich dieses Themas ist natürlich absolut wahr und allgemeingültig. Es ist der Fall! "Es isch eso!" Und es ist mir todernst mit dieser Fundi-Falle, in der sich das ganze Abendland tummelt - äh, ich suche gerade die Ränder, um mich daraus zu befreien. Wie ging das schon wieder? - Humor wäre angesagt? - Tatsächlich? - Absolut! - Hu-Mor, mein Lieber!- Who? More (about that next time)...
Starkult und Heldenverehrung
Spüren und denken Sie mal darüber nach, wie und wo es in Ihrem Leben Starkult oder Heldenverehrung gibt, sei es dass Sie irgendwen vergöttern, sei es, dass Sie sich vergöttern lassen durch andere. Falls ein provokativer Satz dabei hilft, sich auf die Schliche zu kommen, liefere ich gerne einen aus den Marpa-Aphorismen:
"Heldenverehrung ist bequem und macht blind - das gilt auch, wenn die Heldin Madonna heisst. Oder Christus, Mohammed, Buddha. Oder Vernunft. Oder Ego."
Nie! Nur! Immer! Absolut! Entweder-oder! Unmöglich!
Achten Sie darauf, wann, in welchem Zusammenhang und wie häufig, in was für Situationen sie eine der obigen Vokabeln benutzen. Kommen Sie sich, ihrer Einstellung zu sich und der Welt auf dem Umweg über Ihr Sprachverhalten auf die Schliche.Es sind dies nicht die einzigen, aber vielleicht die häufigst-verwendeten, die eine einseitige, verabsolutierte Wertung zum Ausdruck bringen. Wenn Sie Lust auf Krach haben, mit sich selbst oder mit andern, so sind das unverzichtbare Helfer. Die so eingeleiteten Konflikte enden allerdings rasch, entweder in Tätlichkeiten oder in Türknallen, da ein echter Dialog, ein Austausch, ein kommunikativer Prozess oder gar eine Entwicklung natürlich nicht in Gang kommt, wenn der eine beginnt mit: NIE akzeptiere ich das, NUR so gehts, IMMER so oder gar nicht, ABSOLUT falsch, was du da sagst/tust, ENTWEDER das -ODER das, eine dritte Möglichkeit oder gar etwas Zwischendurch gibt es nicht. UNMÖGLICH was du vorschlägst...
Falls Sie also nicht unbedingt auf eine feine kleine Schlägerei aus sind und auch nicht auf das Reparieren von durchgeknallten Türen, dann reduzieren Sie mit Vorteil den Einsatz obiger Wörtchen - wobei das allein natürlich noch nicht viel hilft, wenn's in Ihnen weiterbrodelt im Stil von 'NUR über meine Leiche...' Es geht schon eher um die innere Haltung als um das, was uns aus dem Mäulchen purzelt. Aber 'wes das Herz voll ist, des geht der Mund über' weiss doch der Volksmund. Und drum ist schmunzelnd-kritisches Beobachten der eigenen Sprache gar nicht so ungeeignet, um sich auf die Schliche zu kommen.
Atmen Sie bewusst tief durch
Banal, werden Sie vielleicht sagen. Aber gehen Sie raus - ok wenn Sie gerade mitten in einer stinkigen Grossstadt sind ist das vielleicht eine suboptimale Idee, aber ich liess mir sagen, es gebe auch in der grauslichsten Stadt sowas wie Pärke, Grünzonen - und atmen Sie ganz bewusst und ganz tief durch. Möglich, dass Ihnen schwindlig wird, weil Sie das schon lange nicht mehr gemacht haben. Und vielleicht wissen Sie nicht, was das soll mit 'bewusst'. Sollen Sie nun während des Atmens denken 'ich atme'? Jein, eigentlich meine ich: lassen Sie alle anderen Bewusstseinsinhalte fahren und konzentrieren Sie sich nur auf das Atmen - und sobald Sie das geschafft haben, lassen Sie auch diesen Bewusstseinsinhalt los und was bleibt? - Na ja, nichts, bzw. Atem, vielleicht Blütenduft, wenn Sie so Glück haben wie ich noch etwas Tannen-, Pferde- und Hunde-Duft. Aber das soll Sie nicht dazu verleiten, gleich wieder analytisch zu denken und die Düfte zu sortieren. Einfach atmen - und dabei auch nicht naturwissenschaftlich denken - nix da von Alveolen und all dem Zeugs. Einfach atmen - tja, gar nicht so einfach, gar nicht so banal, wie man im ersten Augenblick vielleicht denkt. Aber wir sind ja jetzt bereits beim zweiten Augenblick und denken nicht mehr, jetzt. Wir sind so im Jetzt des Atems, dass wir auch nicht 'jetzt' denken, sonst fallen wir paradoxerweise gleich wieder aus dem Jetzt heraus.
Aber ich sage Ihnen: dieses 'Nur-Atmen' kann saumässig glücklich machen - also das heisst: es macht natürlich überhaupt nichts, jedenfalls nicht im Sinne von bewirken - nix von Kausalität: WEIL Atmen DRUM glücklich - nur Analogie, Dialogie zwischen Atem und Glück. Sie können interagieren miteinander, sozusagen ins Gespräch kommen, Herr Atem und Frau Glück können sich vereinigen - ach probieren Sie's doch einfach, bevor mir die Luft ausgeht!
Sprengen Sie etwas!
Selbstverständlich können Sie im Aussen ganze Felsmassive sprengen - als alter Panzergrenadier mit Sprengbrevet weiss ich, dass das ordentlich Spass macht. Aber eigentlich dachte ich eher an Sprengungen im Innern. Die ganze Sache ist dann auch technisch weniger aufwändig. Kein Trotyl, keine Zündschnüre, Sprengkapseln, kein Absperren des Gebiets, keine Warnung in den regionalen Medien etc. - Wobei: im Innern braucht es natürlich all das Zeugs auch, sogar erstaunlich grosse Mengen an Sprengstoff - und diese feuchten Zündschnüre! Mir scheint manchmal bei meinen eigenen Sprengversuchen, das Verhältnis zwischen dem benötigten Sprengstoff und dem Resultat sei nicht ausgewogen.
Nehmen Sie doch irgend ein klitzekleines Vorurteil, eine winzige fixe Annahme. Irgend eine Ansicht, eine Wertung, die Sie seit Kindsbeinen oder jedenfalls schon lange unhinterfragt wiederholen oder - noch schöner - über die Sie überhaupt noch nie nachgedacht haben. Das muss gar nicht gleich so was Polit-Triefendes oder spektakulär Konfliktträchtiges sein wie 'Serben sind gewaltbereit' oder 'Männer sind klüger als Frauen' - Sie können ganz nah bei sich anfangen. Sprengen Sie doch mal - wenigstens für die Dauer eines Grappa Nardini oder sonst eines Ihnen lieben Getränks - den Satz: "Das kann ich nicht!"
Ganz erstaunlich, was passiert, wenn Sie das dann doch mal ausprobieren. Das, von dem Sie so felsenfest überzeugt waren, dass Sie das nicht können. Und wenn's dann schon mal klappte, könnten Sie ja einen Schritt weitergehen und etwas essen oder trinken, von dem Sie seit Jahrzehnten behaupten: "Das krieg ich nicht runter". Und weil's so überraschend war und Sie dabei gar nicht zur Magenauspumpung ins Kantonsspital eingeliefert wurden, könnten Sie noch ein winziges Hupferl machen und ein paar schnucklige Anwendungen des Ausrufs "undenkbar!" oder "nie im Leben!" in die Luft jagen. Wie wär's zum Dessert noch mit "das ist einfach so, darüber diskutier' ich nicht"?
Falls Sie das Experiment nicht nur überleben sollten, sondern sogar noch fast so etwas wie Spass daran finden, überlegen Sie sich doch mal, ob Sie mit folgender These etwas anfangen können:
"Das, was jemand als das 'Böse' bezeichnet, ist seine höchstpersönliche Sammlung an Vorurteilen und absolut gesetzten Bewertungen. Diese Sammlungen sind völlig individuell und können vom jeweiligen Eigner einzeln oder kollektiv gesprengt werden"
Meine Bewertung dieser These sprengt den Rahmen dieses Spreng-Tipps der Woche und kommt deshalb früher oder später als Denk-Aufgabe daher. Bis dann wünsche ich mal von Herzen eine heisse Spreng-Woche. Sprengen Sie mit Ihrem Pferd - so Sie eins haben - über den Rasen, den der Nachbar am ersten heissen Tag gesprengt hat - sie liefern ihm einen Grund, Sie - oder das Vorurteil, das er Ihnen gegenüber hegt - zu sprengen. Springen Sie davon - obwohl: Sprengen ist nachhaltiger als Springen (aber das ist ja nur mein Vorurteil...)
Lesen Sie Shakespeare!
Keine Zeit? - Die sollten Sie sich nehmen, bevor die Ihrige vorüber ist. Hier ein Appetithäppchen aus der Komödie 'Measure for Measure', 2. Akt, 2. Szene, Zeilen 117ff; Isabella zu Lucio:
"But man proud man
dressed in a little brief authority
most ignorant of what he's most assured
his glassy essence like an angry ape
plays such phantastic tricks before high heaven
as make the angels weep who, with our spleens
would all themselves laugh mortal."
Versuche einer Übersetzung
(von Dietrich Schwanitz in seinem Buch: Alles, was man wissen muss.):
"Doch der Mensch, der stolze Mensch,
gekleidet in ein wenig Amtsgewalt,
verkennt, was ihm am nächsten ist
(seine Spiegelseele), und wie ein wütender Affe,
spielt er solch irre Faxen vor dem hohen Himmel,
dass die Engel weinen, die mit unserer Milz
sich alle sterblich lachen würden."
Eigentlich ist Shakespeare unübersetzbar. Nur schon die ersten zwei Zeilen sind derart dicht und assoziationsreich, dass jeder Versuch, all das zu sagen, was Shakespeare auf engstem Raum sagt, entweder zu epischen Erläuterungen führt und damit den ganzen Charme verliert, oder hoffnungslos scheitert, weil der grösste Teil aussen vor bleibt. Bereits 'man' und 'Mensch' sind nicht deckungsgleich, so wenig wie 'stolz' denselben Begriffsumfang, dieselbe Nuancierung hat wie 'proud'. Dann fällt bei 'little brief' die Hälfte unter den Tisch, wenn wir mit 'ein wenig' übersetzen, denn es ist räumlich - little - und zeitlich - brief - wenig, von kurzer Dauer, was sich der Mensch da an 'authority' umhängt. Auch 'authority' ist mehr als nur 'Amtsgewalt'. All die Eitelkeit vermeintlicher geistiger Autoritäten oder von Geldsäcken, die sich Einfluss kaufen, ist mitverlacht, mit relativiert. - Dann könnte man sich stundenlang darüber unterhalten, was 'glassy essence' alles bedeuten könnte. Und dass 'spleen' zwar unter anderem auch 'Milz' heisst, daneben aber durchaus auch Koller, Rage, üble Laune, Verdriesslichkeit, Tick (so wie wir das Leihwort 'Spleen' verwenden), gäbe ebenfalls zu debattieren. Und das ist erst die Spitze des Eisbergs. Deshalb nochmals: Lesen Sie Shakespeare! Und versuchen Sie selbst, den Text zu übertragen in Ihre Sprache. Ich hab's auch gewagt:
"Doch der Mensch, der eitle Mensch
gehüllt in seine winzig-kurze Macht
verkennt, was in die Augen springt:
sein Spiegel-Wesen. Und wie ein böser Affe
spielt er so hohle Tricks vor hohem Himmel,
dass Engel weinen, die - mit unsrem Zwerchfell -
sich sterblich lachen würden"