Man kann auch von einem verunglückten Training etwas lernen...

 

Kritische Gedanken zum Indoor-CC-Training in Avenches vom 23./24.1.2010

ergänzt 25.1.10/cam.

Wenn etwas schiefgeht, sollte man immer zuerst bei sich suchen. Bei einem verunglückten Training sollte man sich also fragen:
- Waren wir schlecht vorbereitet?
- Haben wir uns in einer zu hohen Kategorie angemeldet?
- Waren wir unkonzentriert?
- Waren unsere Pferde nicht fit, nicht gesund, fürchterlich untalentiert oder schlicht nicht für diesen Sport geeignet?

Wenn man alle diese Fragen auch nach kritischer Selbstprüfung und nach Rücksprache mit kritischen Freunden verneinen kann, bleibt immer noch die Frage, ob man vielleicht falsche Erwartungen hatte. Und da bin ich bei uns im konkreten Fall tatsächlich fündig geworden. Denn wir stellten an das besuchte Training einfach dieselben Erwartungen, die wir an Trainings stellen, die wir seit Jahren bei unseren Spring- und Dressurtrainern absolvieren und die wir an uns selbst stellen, wenn wir Trainings leiten über feste Hindernisse. Diese Erwartungen könnte man in etwa folgt zusammenfassen:

a) Das oberste Ziel ist Motivation der Pferde und Reiter. Sie sollen glücklich, strahlend, stolz auf das Geleistete sein am Schluss der Lektion.

b) Jedes Paar sollte seinem Ausbildungsstand und seinen Wünschen gemäss gefordert und gefördert werden. Beide sollten nach der Lektion irgendetwas besser können als vorher und sich irgendwo ein wenig sicherer fühlen.

c) Nach der Lektion sollten Reiter und Pferd auf eine schöne Art entspannt sein, weil sie genug Gelegenheit hatten, ihrer Gehfreude und Leistungsbereitschaft Ausdruck zu verleihen

d) Ein Training über feste Sprünge sollte immer auch ein wenig etwas Abenteuerliches haben, ein Erlebnis vermitteln

e) Die Gruppe sollte den etwas schüchterneren Pferden und Reitern helfen, etwas Mut und Selbstvertrauen zu fassen

Wer Erwartungen hat, muss mit Enttäuschungen rechnen. Genau das ist uns passiert. Um nun aber doch etwas mitzunehmen für die Zukunft als Reiter und Trainer habe ich mir folgende Lehren notiert, selbstverständlich aus unserer subjektiven Sicht und ohne Allgemeingültigkeitsanspruch - ja, ich freue mich auf Teilnehmer, die ihre Lektionen ganz anders erlebt haben und dies auch zum Ausdruck bringen wollen.

Hier mal meine '15 Lehren' aus dem verunglückten Training:

1. Gruppengrösse: Gruppen von mehr als 5 Reitern sind zu gross. Das einzelne Paar hat zu lange Wartezeiten und kommt zu wenig dran insgesamt.

2. Lektionendauer: Eine Stunde ist für ein Training über feste Sprünge in der Gruppe zu kurz. Wenn keine Puffer-Zeit zwischen den Lektionen vorgesehen ist, geht jedes Überziehen der vorherigen Lektionen den Paaren der darauffolgenden Lektionen ab. Wenn dann im übelsten Fall 45 Minuten für eine 8-er Gruppe bleibt, ist der Frust programmiert.

3. Niveau-Mix: Es sollten unbedingt Niveaugruppen gebildet werden. Wenn in derselben Gruppe 3*-Pferde mit erfahrenen 3*-Piloten und völlig grüne Pferde mit Anfängern drauf reiten, kann der beste Trainer der Welt nicht beiden gerecht werden.

4. Infrastruktur: Die grösste Halle der Welt führt nicht zu freudigen Gesichtern bei Buschpferden und -Reitern, wenn sie gar nicht zum Galoppieren benützt werden darf, wenn nur ständig engste Wendungen im verkürztesten Galopp abgfragt werden..

5. Gymnastik über Fixes? Es reicht nicht, Geländesprünge für klassische versammelnde Gymnastik zu benutzen und das dann als 'Indoor-CC-Training' zu verkaufen und mit der Suggestion von 'Cross-Training' die winterdepressiven CC-Reiter aus der ganzen Schweiz anzulocken. Der einzige Unterschied zu ganz normaler Winterhallengymnastik, wie sie jeder Reitverein anbietet, war der fragwürdige Aufbau der Lektionen und die Tatsache, dass die Gefahr etwas grösser ist, wenn man ultrakurze Distanzen über feste Hindernisse verlangt. Redoublierende und die Sprünge unterlaufende Pferde, die aus dem Schritt und untertourigem Trab über Fixes springen müssen, tun sich einfach eher weh und fallen eher auf die Schnauze als bei fallenden Stangen.

6. Rückwärtsreiten als Allerheilmittel? Bei allem Verständnis für Kontrolle, Technik und Versammlung, so sollte man doch nicht vergessen, dass unser Sport auch etwas mit Speed, mit leichtfüssigem schnellen Galoppieren und auch mit Springen aus höherem Tempo zu tun hat. Natürlich lässt sich das draussen besser üben als in der Halle. Aber wenn man das Stechen eines Grandprix-Springens anschaut, erkennt man, dass die guten Springreiter das sehr wohl beherrschen, auch in der Halle und sogar über fallende Hindernisse. Da kann es doch nicht sein, dass CC-Reiter ein ganzes Wochendende lang nur rückwärts reiten müssen? Ich kann mich nicht erinnern, dass je eine CC-Prüfung von dem Paar gewonnen wurde, das am meisten Galoppsprünge auf der Strecke machte?

7. Pferde sind keine Roboter. Pferde sind intelligente Wesen und haben ein gutes Gedächtnis. Wenn ein Pferd mehrere Male erfolgreich mit Schwung über eine Hecke gesprungen ist, lernt es, eine flachere Springkurve zu machen und zu 'wischen'. Ein erfahrenes CC-Pferd erkennt von weitem den Typ Hindernis und verhält sich entsprechend. So gesehen ist es für mich falsch verstandener und unnötiger Kadavergehorsam, vom Pferd zu verlangen, untertourig ganz dicht an Doppelhecken heran zu kommen und auf gut 9 Meter zwei Galoppsprünge hineinzuwurgen. Diese Art von totaler Kontrolle - das Pferd als Roboter, der nichts anderes zu tun hat, als unsere Befehle haargenau auszuführen - lebte uns während vieler Jahre ein resultatmässig sehr erfolgreicher Schweizer CC-Reiter vor. Er war für mich immer Negativ-Vorbild und es galt das Motto: 'Nie so wie er! Lass dem Pferd eine grösstmögliche eigene Persönlichkeit. Lass es mitdenken und mithandeln.' Folgerichtig hatte ich Pferde, die auch wenn sie mich längst abgeworfen hatten, noch ein paar Dreisternhindernisse weiter hüpften und erst dann zurückschauten mit einer Miene: "Wollten wir das nicht zusammen machen?". Meine Trainingsphilosophie ist geblieben, schon aus Respekt dem Wesen Pferd gegenüber. Wer Maschinen will, sollte Motorradrennen fahren, das macht auch Spass. (Wobei: wenn man Formel 1 - Weltmeister Alain Prost Glauben schenkt, ist es sogar bei Maschinen nicht so ganz sicher, ob sie nicht auch ein gewisses 'Eigenleben' haben!)

8. Der kluge Aufbau macht den guten Trainer aus. Die schönsten Sprünge in einer Halle nützen nichts, wenn der Aufbau nicht stimmt, wenn viel zu schnell zu schwierige Aufgaben von grünen Pferden verlangt werden. Baby-Pferde lassen sich in einer grossen neuen Halle leicht ablenken. Wenn sie gar nicht richtig vorwärts gearbeitet werden dürfen und auf 2 Minuten Arbeit immer wieder 20 Minuten rumstehen bzw. im Schritt den andern ausweichen folgt, ist die Chance, sie auf den Job zu konzentrieren, winzig.Junge Pferde haben Mühe, in einer fremden Halle tief in die Ecken zu reiten. Wenn er einzige Sprung, denn wohl alle Teilnehmer des ganzen Wochenendes unzählige Male springen mussten, ein in die Ecke gequetschtes Baumstämmli ist, dessen Überwindung eigentlich bei allen unschön bis verwurgt aussah, scheint mir das wenig motivierend. Daneben gab es schöne Schweinsrücken, die meines Wissens überhaupt nie gesprungen wurden.

9. Refus - Gift für CC-Pferde. Das sicherste Zeichen dafür, dass der Aufbau einer CC-Lektion nicht stimmt, sind meines Erachtens Stopps und Run-outs. An diesem Wochenende gab es Hunderte davon, und zwar auf allen Stufen von B-unter-Null bis zu 3*-Paaren. Wenn die einzige flüssig zu reitende Distanz diejenige von einem breiten Hochweitsprung auf einen ganz schmalen Sprung ist und auch Babypferde gleich in dieser Reihenfolge diese Aufgabe lösen muss, sind die Run-outs programmiert und die Pferde gehen mit einem schlechten Erlebnis nach Hause.
Natürlich kann man auch hier anderer Ansicht sein. Vor Jahren gab eine arrivierte britische Badmintonreiterin Trainings in Avenches am See und freute sich über Stopps, da die Pferde so 'Gelegenheit hätten, nachzudenken' und der Reiter 'berechtigt sei, zu strafen'. Es wird wohl niemanden wundern, dass ich unter Absingen wüster Lieder das Training verliess - allerdings ohne selbst je angehalten zu haben. Aber ich konnte nicht zusehen, wie junge Paare auf diese Weise zum Halten gebracht wurden. Ein frecher Freund behauptete, man habe über meinem rauchenden Grind beim Wegreiten eine Sprechblase gesehen mit Totenköpfen, Giftflaschen und gekreuzten Knochen...

10. Selbstkritik. Die Qualität eines Trainers zeigt sich unter anderem dort, wo er selbstkritisch den Aufbau ändern kann, wenn er sich nicht bewährt hat. Überhaupt ist Selbstkritik m.E. eine der wichtigsten Eigenschaften eines Trainers. Wer meint, das absolut richtige Rezept für jedes Paar zu haben, disqualifiziert sich selbst. Der weise Ali Schwarzenbach stellte einmal fest, die einzig verlässliche Regel im Militarysport sei die, dass es keine einzige verlässliche, absolute, immer stimmige Regel gebe. Genau das macht aber unseren Sport so spannend und faszinierend. Jedes junge Pferd ist wieder eine Wundertüte und ein echter Horseman lernt bis zum letzten Atemzug mit und von seinen Pferden.

11. Absolut richtige Distanzen. So gibt es auch keine 'absoluten' Distanzen zwischen den Sprüngen, die zwingend für alle Paare richtig sind. Vom Pony bis zum Pferd mit grosser Übersetzung gibt es sowohl im CC-Sport wie im Springsport gewaltige Unterschiede. Der Trainingseffekt ist gering, ja sogar kontraproduktiv, wenn der Trainer nur ständig die Einhaltung der vorgeschriebenen Anzahl Galoppsprünge lobt bzw. schimpft, wenn jemand eine Übung ausgezeichnet, harmonisch, rhythmisch, sicher, aber mit einem GS weniger absolviert und das betroffene Paar solange zur 'richtigen' Anzahl zwingt, bis es nur noch vorbeirennt.

12. Übungen für das Anti-CC-Pferd. Wenn sich die international erfolgreichen Paare mit den Übungen quälen, weil alle Distanzen sie dazu zwingen, ihren Pferden ständig im Maul zu hängen, sodass die Pferde im Laufe der Lektion immer unzufriedener und 'verwurgter' daherkommen - und umgekehrt das einzige Pferd, das alle Übungen brav und harmonisch abolviert, just kein richtiges CC-Pferd, sondern ein wenig dynamisches Basis-Springpferd mit ultrakurzem Galoppsprung ist, allerdings von einem stilistisch gut sitzenden Reiter vorgestellt, dann sollten die Alarmglocken läuten beim Trainer. Es handelte sich um ein Pferd, das die meisten Sprünge unterlief und mit dem ich nie im Leben gegen einen Graben mit Palisade scheppern möchte. Letztlich hat auch dieses Paar beim Training nichts gelernt. Dieses Paar hätte lernen müssen, endlich einmal etwas grosszügiger abzuspringen! Ein Geländetraining - ob draussen oder drinnen - darf doch die Gehfreude und das Zupacken der CC-Pferde nicht strafen und das lustlose vor sich hin 'hötterle' im viertaktigen ultraversammelten 2.50m-GS als das höchste zu erreichende Ziel hinstellen?

13. 'Durehebe'. Vielleicht ist es doch besser, die letzten Winterwochen mit Knurren und Todesverachtung auszuhalten, bei jedem Schneefall ein paar motivierende Berggalopps zu absolvieren und daneben in der Halle Dressur und Gymnastik zu büffeln, als sich die Vorfreude auf die Outdoor-Saison durch Wurg-Schrenz-Wend-Stopp-Trainings vergällen zu lassen.

14. Ausreden, die ich mir nicht gestatte. Wenn ich in Zukunft Trainings gebe, werde ich mir 'No-go-Sätze' auferlegen. Einer davon lautet: "Das müends halt chöne!" - Nein, die müssen gar nichts einfach schon können. Zumal nicht, wenn sie sich in der Babystufe einschreiben. Es liegt einzig und allein an mir als Trainer, ihnen Erfolgserlebnisse zu verschaffen.

15. Einstellungen, die ich mir nicht gestatte. Wenn ich je spüren sollte, dass bei einem Training die Freude überwiegt, all den Idioten und Nichtskönnern, all den reichen Säcken mit teuren Gäulen, all den eingebildeten Möchtegerns zu zeigen, dass sie nichts können, dass sie an die Longe oder auf den Golfplatz gehören, ja wenn meine Schadenfreude so weit geht, dass ich mich hämisch über Stürze, Refus und Run-outs freue, weil ich am Boden ja immer noch stehe, während die liegen, aus dem Wasser schnurren oder auf den Hälsen rumbambeln, dann sollte ich dringend aufhören mit diesem Job. Wer mich je so erlebt, soll mich darauf aufmerksam machen, und zwar bitte unsanft.