Kritische Gedanken zu Regeln und Selektionskriterien

23.4.09/cam. Wer Macht ausübt im Sport sollte sich sehr genau überlegen, was für Regeln und Selektionsbedingungen er aufstellt. Sie sollten für den Reiter - und für ihm Nacheifende - motivierend sein, aber auch verhindern, dass Inkompetente sich an zu grossen Prüfungen in allzu grosse Gefahr begeben. Ein nationaler Verband muss dabei meines Erachtens gute Gründe haben, die Regeln und Selektionsbedingungen des internationalen Verbandes zu verschärfen. Die Regeln und deren Begründung sollten klar und rechtzeitig kommuniziert werden. Wenn dann aber gut begründete und plausible Regeln nach bestem Wissen und Gewissen aufgestellt wurden, dann sollten sie auch konsequent durchgezogen, und nicht aus lauter Gier, an einem grossen Ereignis das Rad zu schlagen, wieder korrumpiert werden.

Bilden Sie sich selbst eine Meinung, ob die durch unsere Verbandsmächtigen zusätzlich zu den FEI-Qualifikationen gestellten Anforderungen für die Weltreiterspiele in Kentucky (HIER) diesen oben erwähnten Kriterien genügen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Chance, gemäss FEI-Kriterien dort teilzunehmen, Sie machen eine Jahresplanung und erfahren im April, was für zusätzliche Anforderungen Sie erfüllen müssen. Und dies in einem Land mit einer sehr, sehr schmalen Spitze. Sie müssen zweimal an einem der seltenen CCI*** in den ersten 10%, an der EM 09 in Fontainebleau in den ersten 15% oder in einem der noch viel selteneren CCI**** in den ersten 25% klassiert sein. Zählen Sie die wenigen Profireiter weltweit auf, die eine reelle Chance haben, diese Kriterien zu erfüllen.

Wir hatten diese Situationen schon mehrfach in der Schweiz: Verbandsobere, die willkürlich Bedingungen aufstellen, von denen sie wissen, dass niemand sie erfüllen wird. Wäre es da nicht mutiger, klar zu kommunizieren: "Wir gehen nicht!", aus irgendwelchen, z.B. finanziellen Gründen? Bei der Beschickung der Olympischen Spiele von Los Angeles im Jahre 1984 war dies der Fall - und der legendäre damalige TK-Chef Roland Perret finanzierte die Reise von Europameister Hansueli Schmutz und Oran aus der eigenen Tasche, was dieser mit dem Sieg in der Dressur und dem 11. Schlussrang verdankte.

Wir hatten auch schon unlängst das Gegenteil, dass zwar Bedingungen für eine Championatsteilnahme festgelegt wurden wie z.B. die Teilnahme an bestimmten Trainings oder Qualifikationsprüfungen, deren Nichterfüllung dann aber geflissentlich übersehen wurde - nur damit man doch noch mit einer Mannschaft oder wenigstens Einzelreitern teilnehmen konnte. Beides ist meines Erachtens nach Möglichkeit zu vermeiden. Die einfachste Lösung scheint mir die Übernahme der FEI-Bedingungen zu sein, bzw.die Adaptierung der nationalen Regeln an die internationalen Regeln. Eine Abweichung davon sollte zumindest gut begründet werden können.