Kritischer Gedanke vom 4.8.09
4.8.09/cam.
Wann und wie sollen sich Eltern, Trainer, Coaches, Offizielle, Mitkonkurrenten oder gar
Aussenstehende äussern, wenn ihres Erachtens gefährlich geritten wird im Gelände?
Wie weit geht die Freiheit des Reiters, innerhalb der Spielregeln der FEI und der nationalen Verbände zu reiten, was und wie er will? Wo ist die Grenze zwischen nötigem und nicht statthaftem Eingreifen, wenn ReiterInnen sich selbst und/oder ihr Pferd gefährden - oder zumindest nach Ansicht der Betrachter zu gefährden scheinen? Wie weit geht die Verantwortung der verschiedenen Personen im Umfeld eines Reiters? Wo ist die Grenze zwischen mutigem Wahrnehmen von Verantwortung und aufgeplusterter Einmischung? Und wo ist der Grat zwischen vornehmer, gelassener Zurückhaltung und duckmäuserischer Feigheit?
All dies sind Grundfragen, die sich in allen Lebensbereichen immer wieder stellen können. Ich möchte sie nur im konkreten, klar umrissenen Bereich des Geländereitens im CC-Sport stellen. Wir haben bei jeder Prüfung Gelegenheit, uns diese Fragen für uns selbst, aber auch für andere zu stellen und zu beantworten.
Schlechte Reiterei, aber nicht gefährlich für Pferd und Reiter
Wenn ein Pony-Mädchen völlig überfordert ist, seine Ponys nicht managen kann im Gelände und immer wieder ausscheidet, wenn weder seine Eltern noch die Trainer etwas unternehmen und das Kind weiterhin in zu hohen Kategorien reiten lassen - soll man da was sagen, schreiben? Oder soll man warten, bis sich die Sache von alleine regelt? Das Kriterium ist für mich, wie hoch ich die Wahrscheinlichkeit einschätze, dass das Kind zu Schaden kommt. Im konkreten helvetischen Fall beurteile ich die Gefahr als relativ gering. Das Pony hält, hält nochmals und scheidet aus - gefährlich sieht das bislang nicht aus, und das Pony scheint auch nicht unter der Sache zu leiden, im Gegenteil, es setzt sich ja regelmässig durch und beendet die Arbeit meist vorzeitig. Und nur wegen der paar Zuschauer, die den Kopf schütteln, braucht man auch noch nicht von einer Rufgefährdung des CC-Sports zu sprechen. Das wäre dann doch etwas zu pathetisch. Also Klappe zu, abwarten, bis die naiven Eltern irgendwann vielleicht doch merken, dass es das nicht sein kann oder bis sich vielleicht sogar das Gewissen der mit dem Kind viel Geld verdienenden Trainerin, Stallmanagerin und Ponyvermittlerin regt und sie, anstatt neue Ponys heranzukarren, das Kind zu wirklich kompetenten Fachleuten in den Unterricht schickt, den Tierchen auch ein wenig Kraftfutter gibt und die Eltern etwas kluger berät? - Ich meine ja.
Und was ist, wenn eine unathletische ReiterIn auf einem brillanten Pferd hängt, das lesen und schreiben kann und deshalb seine Mitreisende meist heil ans Ziel bringt - und dieselbe Dame dann auf einem zweiten Pferd daher kommt, das etwas mehr Können erfordert? Einfach abwarten, bis sich das 'von selbst' erledigt? Was ist generell zu Thema Fitness der Reiter zu sagen? Muss man schweigend hinnehmen, wenn junge, strotzgesunde Reiter nicht einmal ihre zwei Pferdchen reiten können im Training, weil sie müde sind nach dem ersten? Oder wenn verwöhnte Kids meinen, sie könnten mit ein- bis zweimal reiten pro Woche an Championaten teilnehmen? Ist das nur ein Problem des mangelnden Selektionsdrucks, dass wir einfach verzweifelt allen hinterher rennen und sie motivieren müssen, mitzumachen, auch wenn sie entweder physisch, psychisch oder reittechnisch nicht auf dem nötigen Stand sind? - Hier sind meines Erachtens Eltern, Trainer, Coaches - die direkt Involvierten und Erziehungsberechtigten in der Verantwortung, aber nicht die Aussenstehenden, auch wenn sie über Fachkompetenz verfügen. Selbstverständlich darf man sich darüber ärgern, man darf darüber debattieren, man kann versuchsweise solche Leute zu motivieren versuchen, an ihren Mängeln zu arbeiten - aber hindern kann und soll man diese ReiterInnen nicht. Der Anspruch auf Freiheit - auch die Freiheit, schlecht zu reiten, unfit zu sein, in zu hohen Prüfungen zu starten etc. - ist hier für mich klar vorrangig vor der Verantwortung von Offiziellen und Aussenstehenden.
Gefährliches Reiten?
Aber wie ist es mit der Juniorin, die seit Jahren gefährlich aussieht im Gelände, weil sie in keiner Situation wirklich Kontrolle über ihre Galoppiermaschine hat? Wenn sie unterwegs ist, halten sowohl Fachleute wie unwissende Zuschauer den Atem an und hoffen, dass nichts passiert. Und dann stürzt sie mit dem ersten Pferd. Man möchte zu den Eltern rennen, zum langjährigen Trainer, möchte ihnen sagen, dass sie das Mädchen mit dem zweiten Pferd gar nicht mehr losschicken sollten - aber wenn man weiss, dass weder Eltern noch Trainer auf einen hören, beisst man sich auf die Lippen, betet, dass es nochmals gut gehen möge - und sie stürzt zum zweiten Mal, am selben Sprung, aber diesmal bricht ein Knochen. Soll man immer noch still sein? Warten, bis 'die Natur es regelt', wie ein Zyniker mal sagte? Ich meine nein. Wenn sich fast alle einig sind, dass es wirklich gefährlich aussieht, dass keine Kontrolle vorhanden ist, sollte man sich zu Wort melden. Man kann sich ja immer täuschen und vielleicht geht es ja immer wieder gut ein ganzes CC-Leben lang? Wenn man seine Besorgnis zum Ausdruck bringt, tut man dies ja nicht mit einem Absolutheitsanspruch. Man kann ja ganz deutlich sagen "Ich finde, es sieht gefährlich aus" - Das ist nicht dasselbe wie die absolute Feststellung "Dieser Reiter reitet gefährlich".
Hier liegt allerdings die Crux für die Offiziellen. Als Privatmann habe ich letztlich keinen Einfluss, gebe ich bloss meine Ansicht kund ohne dass der Reiter oder sein Umfeld gezwungen sind, darauf zu reagieren. Bereits die britische Viersternreiterin Polly Philipps liess sich weder durch ihren schweren Sturz in Badminton noch durch die nachhaltigen Mahnungen von ihren Mitkonkurrenten und Offiziellen beeindrucken. Sie ritt in ihrem Kamikaze-Stil weiter und verunfallte schliesslich tödlich. Auch in der Schweiz verunfallte eine ältere Dame im Training tödlich mit ihrem jungen Pferd, über das sie wenig bis keine Kontrolle hatte, nachdem sie während Jahren einen 'Selbstfahrer' geritten hatte, der so routiniert und so klug war, dass es nie gefährlich wurde. Einige warnten die Dame, andere schwiegen. Ich mache mir bis heute Vorwürfe, dass ich zu den Schweigenden zählte. Auch wenn sie nicht auf mich gehört hätte, habe ich trotzdem das Gefühl, ich hätte meine Verantwortung als Reitkamerad damals nicht genügend wahrgenommen. Deshalb neige ich heute dazu, lieber einmal zu viel zu sagen als ein weiteres Mal zu wenig.
Reiter aus der Prüfung nehmen
Anders als das private Umfeld und die Aussenstehenden haben die heutigen Offiziellen mit ihren Flaggen und gelben Karten ganz konkreten und direkten Einfluss. Sie können jederzeit ein Paar aus der Prüfung nehmen. Das macht den Entscheid entsprechend delikater. Kommt dazu, dass sie sehr wenig Zeit haben für diesen Entscheid. Oft kennen sie das Paar gar nicht, es taucht auf, sie sehen es galoppieren, einen, vielleicht zwei Sprünge machen - und schon sollten sie diesen folgenschweren Entscheid fällen.
Massgebend ist für mich - und bestimmt auch für die Offiziellen - ja nicht nur die Gefährdung des Reiters, sondern vor allem auch diejenige des Pferdes und dahinter auch die des Rufs des ganzen CC-Sports. Aber gerade weil der Entscheid so delikat ist und so nachhaltige Folgen hat, sollte an die Fachkompetenz der Entscheidträger ein hoher Anspruch gestellt werden. Sowohl von Seiten der FEI und des Veranstalters wie auch vom Beauftragten selbst. Wer die Macht erhält, Reiter aus einer Prüfung zu nehmen, sollte sich ständig darum bemühen, seine Fachkompetenz zu erweitern und sich auch vor der Prüfung möglichst umfassend über die Starter und ihre Vorleistungen orientieren. Und er sollte nach dem Verhältnismässigkeitsprinzip arbeiten, also stets sich bewusst sein, auf welchem Niveau die Prüfung stattfindet, was der Reiter an Vorleistungen mit sich bringt
Verbot der Prüfungsteilnahme
Ein Eingriff von offizieller Seite kann ja auch bereits im Vorfeld einer Prüfung erfolgen, wie vor kurzem in der Schweiz geschehen. Konkret handelte es sich um die Abmeldung eines Pferdes durch die Offiziellen aus veterinärmedizinischen Gründen, allerdings ohne Rücksprache mit dem betroffenen Reiter. Hier kommen wir meines Erachtens an die juristischen Grenzen einer ethisch vielleicht durchaus gerechtfertigten Entscheidung. Denn verbandsrechtich ist klar: Wer die nötige Qualifikation für eine Prüfung hat, kann nicht von Offiziellen an der Teilnahme gehindert werden, ausser es handle sich um ein internationales Championat wie EM, WM, OS. Die Missachtung dieser Regel - und die Verwechslung der reinen Werbe-Bezeichung 'WM der jungen Pferde' mit einer offiziellen, 'richtigen' WM führte ja zu einer Auseinandersetzung, die von der startwilligen und FEI-qualifizierten Reiterin klar gewonnen wurde. In solchen Fällen sind also auch Offizielle in ihrer Macht zurück gebunden und können nur dringliche Empfehlungen abgeben, aber nicht einen Start verbieten.