Über die Notwendigkeit von Kritik

10.9.08/cam. Ausbildung auf allen Stufen und ihre permanente kritische Überprüfung sind nirgends so wichtig wie bei gefährlichen Sportarten. Die Unfallzahlen belegen es deutlich: harmlos sind die Reiterei generell und die CC-Reiterei speziell nicht. Deshalb - so meine These - muss die Ausbildung im CC-Sport auf allen Ebenen strenger sein und auch schärfer überprüft werden. Und sowohl all die bemühten, netten und ehrenamtlichen CC-Verantwortlichen in den Verbänden wie die CC-Veranstalter und selbstverständlich auch die Sportausübenden selbst müssen sich mehr und schärfere Kritik gefallen lassen als ihre Kollegen von harmloseren Sportarten. Es geht keineswegs um Selbstprofilierung, sondern einerseits um Risikomanagement und Unfallprävention und andererseits um das Überleben dieser wunderschönen Sportart, die meines Erachtens immer noch zu Recht den Titel 'Krone der Reiterei' trägt.

Risikomanagement
Jede Tätigkeit ist mit Risiken verbunden - Leben ist bekanntlich lebensgefährlich. Aber auch mit Risiken kann man differenziert umgehen - wir tun das die ganze Zeit mit grösster Selbstverständlichkeit. So weiss jedermann um die Gefahren auf der Strasse und dass sich das Risiko eines Unfalls nie völlig ausschliessen lässt. Aber wir lernen mit ihm umzugehen, achtsam zu sein, unsere Bewegungen zu Fuss oder mit Fahrzeugen laufend dem Umfeld, der jeweiligen Situation anzupassen, diejenigen Risiken auszuschalten oder wenigstens zu minimieren, auf die wir Einfluss haben und wachsam zu sein, zu versuchen, das Verhalten der anderen Strassenverkehrsteilnehmer zu antizipieren, intuitiv und rational auf Veränderungen zu reagieren, unsere Erfahrungen zu speichern und auf neue Situationen zu adaptieren. Genau das meine ich mit 'Risikomanagement'. Im CC-Sport scheint mir das Risikomanagement besonders wichtig zu sein, da die Anzahl und das Gewicht der Risikofaktoren, auf die wir keinen oder wenig Einfluss haben, bereits bedeutend ist. Ein Beispiel für einen nicht beeinflussbaren Risikofaktor ist der Zusammenbruch oder gar der Tod des Pferdes mitten auf der Geländestrecke aufgrund eines Herzversagens oder eines Aortarisses, wie er in den letzten Jahren ab und zu vorkam und auch Schweizer CC-Reiter betraf (Okeechobee, Joyful Charmer). Auch auf das Stolpern eines Pferdes nach einem völlig korrekt gebauten Sprung auf bestem Geläuf haben wir nur sehr beschränkt Einfluss - und es kann fatale Folgen haben, wie das Beispiel des Top-Reiters Pepo Puch zeigt. Auch die Wetterbedingungen am Wettkampftag gehören zu den Risikofaktoren, die unsere Handlungsfreiheit einschränken. Natürlich kann man als Reiter jederzeit zurückziehen - aber wer durch die halbe Welt zu einem Championat reist, kommt in einen nachvollziehbaren Konflikt mit der Verantwortung, die er seiner Nation, seinem Verband, seinen Sponsoren gegenüber wahrnehmen möchte. Es bleibt aber eine grosse Anzahl von Risikofaktoren, auf die wir als irgendwo im CC-Sport Involvierte Einfluss nehmen können. Die aus meiner Sicht wichtigsten sind:
- die permanente Ausbildung des CC-Reiters und ihre Überprüfung
- die Auswahl und die permanente Aus- und Weiterbildung des CC-Pferdes
- die Topographie, Linienführung, Geläufpräparation der Geländestrecke
- der Geländehindernisbau
- die Organisation (z.B. Start-Intervalle, die gefährliches Kreuzen ausschliessen; Zeitpläne, die vermeiden helfen, dass Pferde kalt oder wieder erkaltet an den Start gehen etc.)
- motivierende und sportfördernde Reglemente

All diese Faktoren können wir so gestalten helfen, dass das Risiko schwerer Schädigungen für Pferd und/oder Reiter zwar nie ausgeschlossen, aber zumindest minimiert wird. Dieses Managemnt der gestaltbaren Risikofaktoren ist aber nicht möglich ohne wirkungsvolle Kritik. Zuvorderst steht dabei natürlich die Selbstkritik. Aber meist brauchen wir auch die Sichtweise eines Aussenstehenden, der auch im ganz konkreten Sinne einen anderen Standpunkt einnimmt, uns aus einem anderen Blickwinkel sieht als wir uns selbst. Der Reitlehrer kritisiert und korrigiert den Reiter, der Ausbilder kritisiert und korrigiert das Pferd, der erfahrene Geländebauer kritisiert und korrigiert den Assistenten und Neuling, der altgediente Funktionär kritisiert und korrigiert die Nachwuchs-TD's und so weiter. Meine These geht nun dahin, dass Kritik und Korrektur unterschiedlich notwendig ist und dass ihre Notwendigkeit und dementsprechend ihre Schärfe und Hartnäckigkeit in einem direkt proportionalen Verhältnis zur Gefährlichkeit einer Sportart steht.

Unterschiedlich notwendige Kritik
'Es könnte doch so nett sein in der helvetischen CC-Familie, wenn nur nicht diese leidige Kritisiererei wäre.' - "Die perfekte Veranstaltung gibt es nicht" - seufzte unlängst einer der Hauptverantwortlichen im eidgenössischen CC-Sport. Also seien wir doch nach gut-helvetischer Tradition etwas nett miteinander, klopfen uns gegenseitig auf die Schultern - und wenn dann halt doch mal was nicht so Tolles ruchbar wird, dann wischen wir es weltmännisch unter den Tisch - wie uns das unsere Bundesräte und -rätinnen ständig vorzeigen. Wenn der Lärm allzu laut wird im Volk, dann stellen wir neue Regeln auf, das kostet nicht viel Anstrengung. Verbieten ist immer leichter, als Willige auf nicht ganz harmlose Tätigkeiten vorzubereiten. Und das Schöne an all den tausend Reglementen ist: man kann sie jederzeit wieder abändern.

Solange es um Kaninchen-Ausstellungen oder um Hundeprämierungen geht, mag das angehen. Die Stürme im Wasserglas über als ungerecht empfundene Bewertungen verebben meist, ohne dass es zu schweren Schäden kommt. Vielleicht mal ein Magengeschwür, wenn der donaublaue Rammler mit den schönen Stichelhaaren wegen seiner etwas zu kurzen Löffel schon wieder nicht aufs Podest kam, aber meist kommt es nicht zu Üblerem als vielleicht einem Austritt aus dem Männerchor oder einem bösen Leserbrief in der Verbandszeitung. Auch im Dressur- und Springsport sind die Folgen vergleichsweise harmlos, wenn Inkompetente am Werk sind: saure Gesichter, Faust im Sack, vielleicht mal ein Sturz im Springen, wenn ein völlig Unbegabter den Parcours gestellt hat, ein Zusammentoss auf einem völlig überbelegten Abreiteplatz, aber übers Ganze gesehen selten Verletzungen von Pferd und Reiter, nur weil auf Veranstalterseite Pfeifen am Werk sind. Die meisten Schäden an den Pferden und an sich selbst haben die Dressur- und Springreiter selbst zu verantworten. Auch Ausbildungsmängel von Pferd und Reiter wirken sich in der Regel weniger rasch und weniger heftig aus - und immerhin wird die Grundausbildung in beiden Disziplinen mit einer Lizenzprüfung überprüft. Schlechter Stil sieht zwar auch hier scheusslich aus - aber meist bestraft er sich selbst in Form von schlechten Dressurnoten und fallenden Stangen.

Keine Kompromisse beim Geländekurs
Nicht so im Kernstück des CC-Sports, im Geländeritt. Hier lässt sich ein sehr direkter Kausalzusammenhang zwischen Stümperei auf Veranstalter- und Reiterseite und sehr ernsten Schädigungen an Pferd und Reiter herstellen. Es beginnt mit der Qualität des Geläufs. In den immer technischeren - d.h. auch scharfe Wendungen und zentimetergenaues Anreiten verlangenden - Geländekursen, die aber nach wie vor in hohen Tempi zu absolvieren sind, muss das ganze Geläuf gut bis sehr gut sein. Der Crossbauer, der TD und der Jurypräsident tragen hier eine gar nicht hoch genug einzuschätzende Verantwortung. CC-Sport ist nicht ein aufgepepptes Fuchsjagdreiten oder die kavalleristische Form von 'Russisch Roulette' unter Uniformierten auf Staatspferden, die man einfach austauschen kann, wenn einer 'kaputt' ist. Es war nie so etwas und wird es auch nie sein, auch wenn gewisse Basisprüfungen heute noch wie Fuchsjagden aussehen und nationale Meisterschaften - oder Viersterneklassiker wie das diesjährige Burghley! - durchaus an 'Russisch Roulette' erinnern können. Es ist auch kein Sport, der nur Aristokraten und reichen Scheichen vorbehalten ist, die jeden 'Ausfall' ersetzen können ohne mit der Wimper zu zucken. Das Besondere am CC-Sport ist meines Erachtens, dass er höhere Anforderungen an alle Involvierten stellt als die meisten anderen Sportarten in- und ausserhalb der Reiterei. Und dieser hohe Anspruch richtet sich sowohl an die Reiter, ihr persönliches Umfeld, ihre Trainer und Coaches wie auch an die Veranstalter und die Verantwortlichen im Verband. Fehleinschätzungen des Reiters, falsche Angaben des Trainers, demotivierendes Verhalten der Eltern, stümperhafter Crossbau, ungepflegtes Geläuf, miese Organisation - all dies kann sehr direkt mitbeteiligt sein an schweren und schwersten Schädigungen. Im positiven Fall - und der ist in der CC-Familie häufig anzutreffen - geht diese Einstellung, nicht nur sich selbst, sondern auch die andern vor Ungemach zu schützen, so weit, dass sich über alles Konkurrenzdenken hinweg die Konkurrenten über delikate Sprünge und Wendungen, über besonders zu beachtende Bodenunebenheiten oder Lichtverhältnisse gegenseitig informieren - auch diese Art von Solidarität unter den sportlichen 'Gegnern' ist ein besonderes Merkmal des CC-Sports.

Wenn man der Beschränkung unnötiger Risiken aber eine so hohe Priorität einräumt wie ich es hier befürworte, dann ist auch scharfe Kritik legitimiert an Reitern und Veranstaltern, die offenbar andere Prioritäten haben. Wenn ich z.B. das häufig miserable Geländereiten kritisiere, das man von 'Jump Green' bis B3 in der Schweiz zu sehen kriegt und dann von der Präsidentin eines Regionalverbandes zurückgepfiffen, ja zensuriert werde, so scheint mir dies eine völlig falsch verstandene Schon-Politik zu sein. Letztlich soll gerade die scharfe Kritik ja einen pädagogischen Effekt haben. Wollen wir denn Reitlehrer, die bei jedem Quatsch, den wir zusammenreiten, 'wonderful' stöhnen (es gibt ein aktuelles Beispiel dafür in der Schweizer CC-Szene) - oder wollen wir einen, der uns mit klarer, mitunter auch scharfer Kritik weiterbringt? Schärfe ist immer dann gerechtfertigt, so meine ich, wenn Schäden für Pferd und Reiter drohen - und das ist bei idiotischem Geländereiten schnell der Fall.

Die 'Try-and-Error - Methode' und ihre Grenzen
Vieles lernen wir mit der Ausprobier- oder eben 'Try-and-Error'-Methode. Als Kinder lernten wir so laufen, als Erwachsene vielleicht die Handhabung des Computers. Für das Erlernen des richtigen Verhaltens im Strassenverkehr ist die Methode hingegen weniger geeignet, schlicht deshalb, weil es nach einem fatalen 'error' kein weiteres 'try' mehr gibt. Mal ausprobieren, wie es sich anfühlt unter einem Lastwagenrad gehört in der Regel nicht zu den mehrfach machbaren Erfahrungen. Ähnlich ist es beim CC-Geländeritt. Bei einem Stopp vor einem Hindernis doch noch zudrücken, stechen und hauen, das Pferd aus dem Sand springen lassen, anhängen, überschlagen und drunterliegen - auch dies eine Erfahrung, die man vielleicht nur ein einziges Mal machen kann. Genau deshalb ist scharfe Kritik, unterstützt von klarer Reglementierung legitim. In diesem Fall ist dies auch erfolgt. Seit Springen aus dem Stand mit 20 Punkten bestraft wird, ist die Tendenz zumindest rückläufig. Die Beurteilung stellt allerdings hohe Ansprüche an den Hindernisrichter.

Wir gefährden immer auch das Pferd
Im Unterschied zu anderen als gefährlich geltenden Sportarten wie Deltafliegen oder Extrembergsteigen haben wir als CC-Reiter eine zusätzliche Verantwortung für unser Pferd. Deltaflieger und Bergsteiger fallen selten auf eine Schar Kindergärtner, die sie dann mit ins Elend reissen. Wir aber setzen unsere Pferde schon bei gutem Reiten über schöne Kurse einem erhöhten Verletzungs-Risiko aus. Wir haben also alles daran zu setzen, dieses Risiko weder durch inkompetentes Reiten noch durch schlechten Geländebau und miese Böden unnötigerweise zu erhöhen. Hier ist scharfe, ja schärfste Kritik am Platz, wenn es darum geht, Ausbildungsmängel zu brandmarken oder Crossbauer und Veranstalter an ihre Verantwortung zu erinnern. Es geht bei dieser Kritik nicht um persönliche Befindlichkeiten, überhaupt nicht um Personen, sondern um die Sache: pferdefreundliche Geländestrecken auf gutem Boden - und Reiter, die ihre Pferde bei der Aufgabe nicht behindern, sondern unterstützen. Es geht also auch nicht in erster Linie um internationalen Spitzensport und die möglichen Wege dorthin, sondern ganz prioritär um die Pferde, die einen Anspruch darauf haben, ihre Leistungen in einem zumutbaren Kontext zu erbringen.

Beispiele: Die Strecken der SM Elite 08 und der B-Prüfungen in Oberhallau
Die Kritik am kritischen Journalismus hat sich ja aktuell entzündet an der Berichterstattung über die SM 08, aber in der nördlichen Ecke der Schweiz auch am letztjährigen Report zu den B-Prüfungen in Oberhallau. In beiden Fällen war ein Kernpunkt des Anstosses die Formulierung, es sei 'teilweise altmodisch gebaut' worden im Gelände. Die Oberhallauer waren zuerst stinkesauer und wollten - wie 2005 die Werdenberger oder früher schon einmal die Frauenfelder - "nie mehr etwas machen". Man hatte sich Mühe gegeben, viel Zeit investiert und für Gotteslohn gekrampft - und dann dieser Undank. Hier möchte ich unmissverständlich klar machen, dass dies als Ausrede für untaugliche Arbeit nie und nirgends reicht. Wenn wir etwas tun, haben wir es verantwortungsbewusst und bestmöglich zu tun, ob wir dafür Geld kriegen oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle. Aber es gibt durchaus Unterschiede der erforderten Kompetenz. Wie oben erwähnt hat Inkompetenz nicht überall gleich fatale Folgen. Aber die Wahl der Strecke, die Linienführung und der Geländehindernisbau lassen meines Erachtens keine Stümperei zu. Die wichtigste Funktion unserer Verbandsverantwortlichen wäre, dafür zu sorgen, dass in der ganzen Schweiz keine lausigen Geländestrecken mehr gebaut werden können. Das würde bedeuten, den einzigen international anerkannten Crossbauer, den wir in der Schweiz haben, auch entsprechend als Supervisor und Ausbilder einzusetzen - über persönliche Differenzen hinweg. Wenn dann aber der Disziplinleiter persönlich als Veranstalter auftritt und seinen Bruder eine Geländestrecke aufbauen lässt mit einer Linienführung und auf einem Geläuf, das auch mithilfe des Chefs Technik der Disziplin in keiner Weise modernen internationalen Sicherheitsanforderungen genügt, dann gibt das einen Eindruck, wie weit wir vom Ziel entfernt sind und wie dringend nötig scharfe und hartnäckige Kritik ist. Nochmals: die Personen sind doch alle liebenswürdig und nett. Ich schätze Philipp Clavel und Hans Klemm beide sehr - aber ich kritisere den Geländebau trotzdem, weil ich das Wohl der Pferde und Reiter höher gewichte als 'Friede-Freude-Eierkuchen'. Die Schweiz ist zu klein, um so hochqualifizierte Crossbauer wie Peter Hasenböhler links liegen zu lassen. Auch dieser Meister ist ja nicht vom Himmel gefallen, sondern hat sich jahrelang auf allen grossen Plätzen der Welt weitergebildet und inzwischen bei mehreren Championaten gebaut. Man muss sich ja nicht heiss lieben, um von jemandem zu lernen. Aber wenn einer einen so beeindruckenden Leistungsausweis hat wie Peter, dann sollte man nicht zu eitel sein, von ihm zu lernen. Wieso ist an der WM in Aachen kein einziges Pferd schlecht gelandet oder gestürzt im Wasser? Und wieso gab es am CC Arville in Belgien am Wasser fast durchwegs schlechte Bilder und viele Stürze, teils mit ernsthaften Verletzungen? Wieso gab es soviele Stürze am Pilz-Sprung in Burghley am vergangenen Wochenende (für starke Nerven gibt es Bilder unter diesem Link) - Fragen Sie ihn, er ist neuerdings auch per Mail erreichbar: peterhasenboehler@yahoo.com oder per Tel: 079 311 17 03.

In Oberhallau hat die Kritik - die klugerweise auch über einen von den Teilnehmern auszufüllenden Fragebogen einging - durchaus gefruchtet. Vorbei die Zeiten, wo die Anfänger über rotweisse Baulatten ohne Fuss stolperten - alle Hindernisse waren dieses Jahr ausnehmend pferdefreundlich gebaut. Wenn bis zum nächsten Jahr auch die Linienführung noch so gewählt wird, dass nicht mehr mitten im Hang scharf gewendet werden muss, und das Abreiten für die Dressur nicht mehr ausschliesslich am Steilhang stattfindet, dann nähern wir uns immer mehr dem durch das empfohlene Risikomanagement angestrebten Sicherheitsstandard moderner CC's. Bei der scharfen Kritik an der diesjährigen SM Elite ist zu hoffen, dass sie zumindest mithilft, eine Wiederholung im kommenden Jahr auf demselben tiefen Qualitätsstandard zu vermeiden. Die entsprechenden Kompetenzen wie Infrastrukturen sind ja in der Schweiz durchaus vorhanden - man müsste sie nur nützen.

Die Kritik an der Richterei und der Organisation der SM 08 ist im Vergleich zur Kritik an der Geländestrecke marginal. Da geht es nicht um schwere Verletzungen oder gar ums Leben. Das heisst nicht, dass nicht dringender Handlungsbedarf bestünde und die Ausbildung stark verbessert, intensiviert werden und ein Supervisions-System eingeführt werden sollte zur Qualitätskontrolle der Dressurrichterei. Ich werde in einem separaten Artikel auf das Thema Dressurrichten eingehen und Interviews mit Schweizer CC-Richtern führen.

Kritik an der Crossreiterei in Anfängerprüfungen
Hier geht es wieder ums Überleben und nicht nur um 'nice to have'. Weitab von reinen Stilfragen, ob es denn hübscher aussehe, wenn man im Sattel sitzt oder in den Bügeln steht, geht es um pure Funktionalität, um Behinderung oder Unterstützung des Pferdes. Auch das hirnlose gegen die Sprünge scheppern oder das Heranschleichen im 'Tralop' sind nicht Geschmacksfragen, sondern wesentliche Risikofaktoren. Wenn ein Springreiter dasselbe tut, fallen die Stangen, beim CC-Reiter fallen die Pferde - und die Reiter von ihnen oft wie Fallobst. Dass nicht mehr Gravierendes passiert in den B-Prüfungen, hängt meines Erachtens mit dem Riesen-Gap zwischen den Anforderungen und dem Potenzial der Pferde zusammen. Aber wenn nichts passiert und niemand etwas sagt - und man auch weder an einer Lizenzprüfung noch an einer Stilprüfung je ein Feedback bekommt für seinen miserablen Geländereitstil, entsteht auch keine Lernmotivation. Ich kenne - übrigens durchaus nette! - B-ReiterInnen, die seit vielen Jahren in fürchterlichem Stil ausgesessen, mit dem Oberkörper pumpend, mit den Armen und der Peitsche wild gestikulierend auf unfitten Pferden, die nachgerade nach der Deichsel schreien, in den B-Prüfungen herumwurgen - und keiner sagt etwas! Da helfen auch die 'Jump Green'-Prüfungen nichts. Da gewinnt ja wieder einfach der, der am schnellsten durch den 70cm-Parcours saut. Die sind dann verständlicherweise noch stolz auf ihren Husarenritt. Kritik ist also hier wieder wie beim Crossbau nicht nur legitim, sondern dringend nötig.

Konkrete Verbesserungsvorschläge
Ziel der Kritik ist eine Verbesserung der Ausbildung, eine Überprüfung der Mindestausbildung und ein Feedback zum Ausbildungsstand in Stilprüfungen. Crossreiten müsste so intensiv zur Ausbildung der Reitlehrer gehören, dass sie ihre Schüler auf eine neu zu schaffende CC-Lizenz vorbereiten können. Die Regionalverbände sollten die besten CC-ReiterInnen im Lande anwerben für CC-Kurse. Die Einsteigerprüfungen sollten allesamt eine Stilbewertung beinhalten, die wesentliches Element der Klassierung ist. Dann sollte es reine - möglichst gut dotierte - Stilprüfungen nach dem Vorbild der Spring-Stilprüfungen geben, bei denen zusätzlich auch die Eignung und der Ausbildungsstand des Pferdes bewertet werden könnte - direkt auf Platz per Lautsprecher während des Ritts, analog den Geländepferdeprüfungen in Deutschland. Dies erfordert auch entsprechend ausgebildete Stilrichter. Hier ist der Chef Technik der Disziplinleitung gefordert, wie auch bei der Ausbildung der Crossbauer und der Einrichtung einer Supervision durch international anerkannte Topleute.

Nochmals und abschliessend: Ziel dieser Massnahmen ist nicht irgendein grosssprecherischer 'Anschluss an die Weltspitze' oder sonstige naive Phantasterei. Ziel ist ganz bescheiden, dass CC-Pferde auch in der Schweiz mit ihrem beschränkten Prüfungsangebot von anständig ausgbildeten Reitern über zumutbare Hindernisse auf angemessenem Geläuf geritten werden können. Damit verbunden ist auch ein kleiner Schritt Richtung Chancengleichheit. Wer über das nötige Kleingeld, die entsprechenden Fahrzeuge und die nötige Freizeit verfügt, geht nämlich nicht nur für internationale Prüfungen ins Ausland, sondern auch bereits für die Einsteigerprüfungen. Das finde ich schade - Schweizer Prüfungen können nämlich einen ganz eigenen Charme haben, auch und gerade mit unserer voralpinen Topographie, wenn sie kompetent und liebevoll gemacht werden.